Krieg und Welt von Peter Waterhouse, 2006, Jung und JungKrieg und Welt.
Buch von Peter Waterhouse (2006, Jung und Jung)
Besprechung von
Michael Buselmeier in Die Zeit, 11.1.2007:

Im Singen der Welt
Peter Waterhouse hat sein alle literarischen Gattungen sprengendes Hauptwerk vorgelegt

Ein ungewöhnliches, Anstrengung bereitendes, handlungsarmes, doch auf 670 dicht bedruckten Seiten im Detail geschichtenreiches Buch. Auch ein inständig fragendes, zweifelndes, »schweigsames« Buch. Ein vielstimmiges Buch – halb (auto)biografischer Roman mit eingestreuten Gedichten, halb Essay – , das sich jeder Begrifflichkeit entzieht. Ein Marathon in 20 Kapiteln mit vielen kleinen Stolpersteinen und Illuminationen. Kurz: ein Buch eines zweisprachigen Autors, dessen Anspruch so weit geht, das Erzählen neu zu erfinden. Es ist gegen die literarische Betriebswirtschaft und die herrschende Tendenz zum konventionellen Roman abgeschottet und alles andere als »Lesefutter«, vielmehr hartes Brot, zäh, oft langatmig sich wiederholend, auch sich selbst widersprechend. Aus der Literaturgeschichte fällt mir zum Vergleich nur Novalis’ Heinrich von Ofterdingen ein.

»Ich ging aus dem Dorf und träumte vor mich hin einen Satz, oder es waren ein paar Worte oder Worte aus Worten kommend, eine halbe Melodie.« Schon mit dem ersten Satz wird ein poetischer Ton angeschlagen, der bis zum Ende fortklingt, eine tastende, assoziative Sprachbewegung, die beharrlich verwandte Motive umkreist. Man mag sich fragen, wer hier eigentlich immerzu »geht« auf Feldwegen, durch dörfliche Landschaften und »asiatischen Wald«, der Erzähler, der den vielsagenden Vornamen Heinrich trägt, oder der Text selbst, seine Worte und Sätze…

Ausgangs- und Mittelpunkt ist die Figur des Vaters des Erzählers, der lange als Offizier für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat. Immer wieder verschwand er ohne Ankündigung auf unbestimmte Zeit, vor allem in den schmutzigen Dschungelkriegen Ostasiens, und wenn er zurückkam, erzählte er nichts, brachte auch nie Geschenke mit. So wurde er für das träumerische Kind zum »Toten-Lebendigen«, kaum (be)greifbar in seinem Schweigen, allenfalls umschreibbar mit Fragegesten und frühen Naturbildern. Der nahe Fluss, hinter dem der Vater verschwand, heißt etwa »die Leuchterin«. Und »eine Pistole funkelte, oder war es der Reflex einer Libelle?« Indem der Vater »nichts sagte vom Wald, hatte der Wald alle Düfte. Alle Tiere waren da, eine unvorstellbare Menge.«

Der Erzähler schildert den Vater als »ernst, einsam, klein, streng, ein Leser, wortarm« – viel mehr ist über ihn nicht zu erfahren. Immerhin lassen sich, in Bruchstücken über das Buch verteilt, ein paar Lebensdaten zusammentragen: Geboren um 1915 in England, wo er Deutsch und Französisch studierte, ließ er sich nach 1945 in Deutschland und Österreich nieder, heiratete 1950 eine aus dem Sudetenland stammende Wienerin, operierte weiterhin in Krisengebieten für den Geheimdienst seines Landes. 1979 trennten sich die Eltern, 1999 starb der fast erblindete Vater in Klagenfurt.

Der Sohn bleibt auf Ahnungen angewiesen, auf Spekulationen über den nun endgültig verstummten Vater. Er misstraut den Begriffen der Normalwelt und horcht auf das Verborgene, die Zwischentöne, bedient sich der Kinderlogik, versucht die frühsten Eindrücke zu rekonstruieren und zu verknüpfen mit später Gehörtem und Gelesenem, sie zu übersetzen in eine ganz eigene Sprache.

Zwischen hermetischen Reflexionen, die von de Saussures Sprachtheorien ausgehen, zieht sich als existenzieller Faden das Sterben durch viele Buchseiten, am intensivsten immer dann, wenn vom Krebstod der Frau des Erzählers die Rede ist, in Andeutungen, in Fragesätzen, eine leise Bewegung, ein Frösteln oft nur in jener »orangenen Welt« der Strahlenkeller, von Leere und Traurigkeit gezeichnet. Schmerzend auch deswegen, weil die beiden Kinder nach der Mutter fragen, doch sich schon bald nicht mehr an ihre Stimme erinnern können.

Manches bleibt unverständlich, ein wiederholtes privates Murmeln. Der Text spinnt sich parataktisch fort in Reihungen, in Wortspielen; ohne Übergang wechseln Schauplätze und Sprecher. Vermutlich hat der 1956 in Berlin geborene, seit 1975 mit Unterbrechungen in Wien lebende Lyriker und Prosaist Peter Waterhouse viele Jahre lang an seinem Opus magnum gebosselt, es häufig durch Einschübe ergänzt und dabei mitunter wohl selbst ein wenig den Überblick verloren (den der Leser sowieso nie wirklich erlangt). Darauf weist auch ein an sich unbedeutendes Detail hin: So trägt der Sohn des Erzählers in den ersten Kapiteln den Namen Edward, in den späteren heißt er plötzlich Edgar.

Seit 1979 arbeitet Waterhouse, wie der Erzähler in (Krieg und Welt), als freiberuflicher Übersetzer und hat unter anderem, wie dieser, Werke von Andrea Zanzotto und Michael Hamburger ins Deutsche übertragen. Doch auch sein tastendes, nachfragendes und sich korrigierendes Schreiben von Lyrik und Prosa begreift er als eine Art Übersetzen in die eigene Sprache. Er bietet Wortvarianten an, kommentiert ausführlich Gedichte, ja er fragt seitenlang die Übungssätze von Sprachlehrbüchern ab nach Informationen über den Vater, in dessen Besitz sie sich einst befanden.

Von Anfang an, seit dem Gedichtband Menz (1984), war das zentrale Thema des Dichters Waterhouse die Sprache, deren überkommene Ordnungsprinzipien er auflöste, indem er sie über die Grenze des Inhaltlichen und erklärbar Logischen hinaustrieb. Auch in (Krieg und Welt) – die dröhnenden Titelbegriffe werden durch Klammern skrupulös infrage gestellt – zerbricht der Text in Wahrnehmungssplitter und gewinnt so an subjektiver Hermetik. Sprachanarchie und freies Assoziieren vermögen im Gedicht durchaus neue, überraschende Zusammenhänge herzustellen, in der Großform des vorliegenden Buchs verhindern sie jedoch die Entstehung eines stabilen semantischen Netzes, einer den Leser über so viele Seiten hinwegtragenden (Ziel-)Bewegung. Oft hat man den Eindruck, zu nahe an den Erscheinungen zu kleben und dadurch fast nichts mehr wahrzunehmen. Indem die einzelnen Sätze sich gleichsam spielerisch zueinander verhalten, kommt die Erzählung kaum von der Stelle, sie mäandert hier- und dorthin, verliert sich in Zweifel und Widerspruch.

Die romantische Diskontinuität ist hier poetologisches Programm. Es geht Waterhouse buchstäblich um »die andere Geschichte, die von der Poesie geschrieben wird«, um eine Repoetisierung der Welt im Geist von Novalis und Friedrich Schlegel, um universale Spielfreiheit. Ist die Poesie nicht die eigentliche Welt?, scheint der Dichter zu fragen. »Spazierengehen, im Singen der Welt sein.« Vielleicht stellt sich ja einmal, »wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein« (so Kleist im Aufsatz Über das Marionettentheater) oder wenigstens eine schöne Einfachheit, ein Zustand, in dem man ohne Skrupel und Vorbehalt umherschauen und sprechen kann. Das Tal »singt« dann, der Bach »trinkt«. »Sehen und Nicht-Sehen« wird wieder »dasselbe« sein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0207 LYRIKwelt © M.B./Die Zeit