Krakowiak von Ruth Fruchtman, 2013, KlakKrakowiak.
Roman von Ruth Fruchtman (
2013, KLAK Verlag).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg für die REZENSIONENwelt, X. 2013:

Ein eigenartiger Roman ist der in London geborenen jüdischen Schriftstellerin Ruth Fruchtmann mit ihrem ersten gelungen:
Die Stärke, sich in die Erinnerungen anderer Menschen einzuleben, bis jene sich verselbständigen und zu eigenen mit dem zugehörigen Eigen(er)leben werden, scheint als ihr mitgegebene auf.

Das einhergehende Draußen-Sein, die das bedeutenden Fragestellungen und die Frage nach Vereinzelung und Anbindung sind bewegende Momente des Romans.
Wozu die Suche nach den eigenen Wurzeln ebenso wie die Frage nach den Orten, die aus der Familiengeschichte gelöst (und zu Teilen gelöscht) wurden, treibende Motive sind.

Das emotionale Geschehen des Romans ist eingebettet in die Stadt K. (unschwer als Kraków-Krakau zu erkennen), woselbst über Jahrhunderte Deutsche, Juden und Polen nebeneinander her oder miteinander gelebt hatten, das Beziehungsgeflecht sich also trefflich für ein „Gefühlsalbum“ (S. 162) eignet, zumal es (auch) um in diese Stadt Wiedergekehrte mit ihrer Geschichte und ihren Geschichten geht.

„Esther gehörte nicht dazu, das versteht sie jetzt, drückt ihren Schmerz in sich hinein. Hält sich zurück, betet. Doch kein Gebet mehr könnte ihn retten. Nicht einmal die vielen Messen, die für ihn gesungen wurden. Sie hatten zu lange gewartet mit den Hilfen zum Weiterleben – alles was er gebraucht hätte, um sein erschöpftes Herz zu entlasten.

Sein durch ihre Fragen verängstigtes Herz?

Auch das war eine Anmaßung. Esthers Fragen konnten niemanden  erschüttern oder ums Leben bringen.

Nicht die Fragen, sondern die Erinnerungen?“ (S.22)

„Der Nachmittag ist kälter geworden. Noch ist nicht Dämmerung, nur das unerbittliche Nebelgrau der Nachmittage, wo die Langeweile zur Ewigkeit wird, ein ganzes Leben ausfüllt.

Dann geschieht es.

In jenem Augenblick, als sie es wahrnimmt, das Grau und das Leben in einem, hier, in dieser Straße, zerfällt die Stadt K. Plötzlich. Bricht aus einem Rahmen heraus, den sie, Esther Blu, ihr geben will. Bricht aus und fällt in sich zusammen.“ (S. 42)

„Ein Gefühlsknäuel. Die Stadt K. kann sich gegen Esthers Gefühlstaumel nicht wehren. Esther ist verurteilt, den Wegen nachzugehen, die Donata und Wanda damals gingen, auch Josephs Wege. Sie hat sich dazu verurteilt.“ (S.68)

„Wenn sie die Namen ausspricht, leben die Mädchen wieder. Einen kurzen Augenblick lang, indem Elwira sich an sie erinnert.

Hätte sie sich auch so an sie erinnert, ohne Esthers Hilfe, ohne das Gespräch, ohne die Fragen. Elwira trägt sie mit sich herum, die Namen. Hält auf diese Weise die Mädchen am Leben.“ (S.81)

Gerade das zuletzt angeführte Zitat zeigt eindringlich auf, worum es Fruchtmann geht: um das am Leben Erhalten einst zugerechneter Gefühle, das hinführende Gespräch darüber, die „historia“ im gesamten Begriffsumfang des Wortes.

So heißt es: “Gefühlshistoriker: es gibt wenige von uns, …vielleicht bin ich dabei, etwas ganz anders zu schaffen, eine Sicht auf Geschichte, die es bisher nicht gegeben hat. … Es geht mir darum, die Fäden zu sortieren. Zu welcher Zeitrechnung gehört ein bestimmtes Gefühl. Ob wir nicht  durch unsere Gefühle in andere Zeiträume eindringen, wo wir gar nicht hingehören, und die Gefühle, welche diese Ereignisse hervorrufen, doch nicht letztendlich am Platz sind. Wir verstellen uns dadurch die Gegenwart“.

Diese Worte hat der Verlag auf den Umschlag des Bandes gesetzt. Dem ist (an dieser Stelle) nicht hinzuzufügen.

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