Krähengeschwätz von Sarah Kirsch, 2004, DVA1.) - 2.)

Krähengeschwätz.
Miniaturen von Sarah Kirsch (2010, DVA).
Besprechung von Jürgen Verdofsky aus der Frankfurter Rundschau, 15.4.2010:

Remmidemmi in Tielenhemmi
Hinter Sonnenaufgang und Mondlicht, Phlox und Rosen lauert ihre pfeilsichere Lästerzunge: Sarah Kirsch lebt am Weltenrand von Tielenhemme. Dort ist jetzt Remmidemmi, denn die Lyrikerin feiert ihren 75.

Nichts Neues bei Sarah Kirsch, die Motive fliegen mit den Vögeln zu. Auch Deichschaf und Esel, Hund und Katz zeigen sich verständig. Wind und Weite, Sonnenaufgang oder Mondlicht, Phlox und Rosen geben die Kulisse für ungewisse, deutungsreiche Wechselspiele des Lebens.

Zehn Prosabändchen geht das schon, dieses Treiben im Gartenreich von Tielenhemme hinterm Eiderdeich im Dithmarscher Land. Dort gibt es weniger Zumutungen der Moderne, dafür Zeit wie Heu. Man glaubt hier alles zu kennen, auch mit den Raben ändert sich kaum noch was, aber sind ein paar Seiten gelesen, kann man sich wiederum weder dieser bunten Leichtigkeit des Seins noch dieser pfeilsicheren Lästerzunge entziehen.

Zum aufgeregten Gedränge im Literaturbetrieb, selbst zu seinen Honoraren, verhält sie sich ironisch, aber "das auszuschlagen wäre doch Sünde". Nach jeder Lesereise heißt es am Weltrand Tielenhemme: "Hier bin ich sehr sehr gern immerdar." Die Dichterin weiß, wie die Dinge im Leben stehen.

Hatte sich Sarah Kirsch in ihrer tagebuchnahen Prosa vor zwei Jahren mit "Sommerhütchen" bis zum September 2004 gezeigt und damit bedrohlich der Gegenwart angenähert, kehrt sie unter "Krähengeschwätz" in die Gründerjahre von Tielenhemme zurück. In der Zeit vom 7. März 1985 bis zum 15. Dezember 1987 werden nicht nur ein fünfzigster Geburtstag und ein zehnter Jahrestag der West-Existenz gefeiert, sondern auch die Schafweiden arrondiert und das alte Schulhaus weiter ausgebaut.

Nach zwei Jahren lebt Sarah Kirsch ungeachtet ihres Südharzer Idioms mit den Dithmarschern im Einklang, ob Bauer, Schäfer oder Viehdoktor. Die alte Bauersfrau, die ihr die Schafsweiden verpachtet, "trug einen verblichnen Parka wohl von einer ihrer Enkelinnen für den Garten vererbt mit dem lebensgroßen Porträt mit Che Guevara. Mannomann hab ich lachen gemusst!" Auch gelacht, weil Anfang der siebziger Jahre ein Poster mit Che die eigene Wohnung im Prenzlauer Berg überstrahlte. Die Erinnerung hinter der Erinnerung steht zwischen allen Zeilen. Zum Ernst des Tages gehört das erfüllte Behagen: "Das Stroh in viereckigen Tafeln wird hochgeschmissen und fällt locker und glänzend zu Boden, wird schön verteilt. Nicht vergleichbar der Genugtuung, wenn man etwa Betten bezog. Besser, viel besser."

Aber der ländliche Alltag mit Blütenpurpur, Vogelrauschen und Schafsnasen in Wind und Nebel ist nur der Fond für einen "Wallungswert" (Benn), den Sarah Kirsch für ihre Dichtung braucht. Vierzehn Gedichte aus der Sammlung "Schneewärme" sind unter die Prosa-Miniaturen "locker und glänzend" gestreut. Und schon wird alles zum Blick in eine Motiv- und Wortwerkstatt, alles bleibt zum späteren Auskosten bewahrt. "Gottes Löwin die Sonne hinter Wolken verbannt! Es ist immer noch recht kalt", heißt es im Prosa-Logbuch. Im Gedicht "Schneewärme" steht dann: "Den Winter lebte ich / Im Packeis gefangen./ Gottes Löwin die Sonne / Hinterm Erdstern verbrannt."

Auch ein tagesbestimmender Zufall kann zum autonomen Gedicht führen. "Nachmittags brach beim Nachbarn ein Brand im Strohschuppen aus." Nur als unterwandernde Wirkung ist das Unglück von nebenan bei plötzlich aufkommenden Winden im vollendeten Gedicht "Dunkelheit" zu erkennen. "Und wenn sich die Stimmen Schwester es / Brennt der Wildgänse nachts überschneiden / Geh ich von Fenster zu Fenster höre die / Sturmgeschüttelten Bäume / Anklopfen um abgefallene Blätter." Sarah Kirsch schreibt in einer Genauigkeit des Sehens, die auf Natur beruht, wie sie der Botaniker und Lyriker Wilhelm Lehmann vorgelebt hat. Erstaunlich, dass im erkennbaren Rezeptionsverkehr der Name des Dichters aus Eckernförde, unter den "Landschaftern" einer der Großen, nie fällt.

Zu einem besonderen Blatt wird das Gedenken an den ukrainischen Dichter Wassyl Stus, der nach 13 Jahren Zwangsarbeit und Verbannung im Hungerstreik 1985 verstirbt. Sarah Kirsch gibt ihm mit Majakowski und Jessenin, Achmatowa und Zwetajewa, aber auch Edith Södergran großes Geleit, "alle haben sie zu seiner Begrüßung ein Poem von Puschkin auf ihren zuckenden Lippen gehabt und nannten Stus Herzweh."

Sarah Kirsch weiß vom Besonderen des Lebens, wenn die Vorgänger sagen wollen, sieh unser Unglück. Was nichts anderes heißt, als finde deinen Platz. Sie wird wohl selber nicht wenig staunen über ihr eigenes, ihr gelungenes Leben. Für heute aber heißt es: "Remmidemmi in Tielenhemmi", denn Sarah Kirsch feiert ihren 75. Geburtstag. Aber vielleicht steht sie auch nur und sieht dem Wetter zu. Alles spricht dafür, sie hat noch was vor, an poetischen Kräften gebricht es ihr nicht.

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Krähengeschwätz von Sarah Kirsch, 2004, DVA1.) - 2.)

Krähengeschwätz.
Miniaturen von Sarah Kirsch (2010, DVA).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in Neue Zürcher Zeitung, 20.5.2010:

Spielfrau im Moorland
«Krähengeschwätz» – Tagebuchprosa von Sarah Kirsch

Als ob da eine irgendwo in Norddeutschland einfach so daherschreibe, sich um nichts kümmere, auf keine Wirkung bedacht sei, dafür sich immer wieder still ins Fäustchen lache – so muten diese Texte auf den ersten Blick an. Und eigentlich auch auf den zweiten und dritten Blick. Denn es ist tatsächlich kein erdenschweres Schreiben, das Sarah Kirsch im ehemaligen Zwergschulhaus gelingt, sondern ein luftig-leichtes. Als sie vor vielen Jahren aus Berlin nach Schleswig-Holstein gezogen war, dachte manch einer mit gelindem Schrecken, dass so viel Landidylle der Literatur nicht unbedingt förderlich sei. Doch Sarah Kirsch, die widerspenstige Weltbürgerin, ist sich und ihrem Werk treu geblieben. Und überdies fühlt sie sich im Reich der Winde und des Wassers einfach glücklich. Immer wieder springt uns dieses Wohlbehagen aus den Prosaminiaturen der vergangenen Jahre entgegen.

Zwischen Menschen und Tieren

Haben die Bände «Regenkatze» (2007) und «Sommerhütchen» (2008) die Jahre 2003 und 2004 im Tagebuch festgehalten, so wirft uns die Autorin in ihrem Buch «Krähengeschwätz» nun ordentlich rückwärts: nämlich in die Zeit zwischen März 1985 und Dezember 1987. Sarah Kirsch (geb. 1935) wird in diesem Zeitraum fünfzig Jahre alt und publiziert 1986 einen weiteren Gedichtband, «Irrstern». Sie lebt mit ihrem Sohn Maurice alias Maurizio und dem «Compositeur», dessen Identität nicht mit Namen bezeichnet wird, zusammen. Zu diesem menschlichen Personal gesellen sich etliche Vierbeiner: ein Esel, eine Katze, dann die Schafsdamen Paula, Thekla und Toula, die fleissig «Lämmerken» zur Welt bringen. Mit diesen Tieren pflegt Sarah Kirsch beständig das Gespräch, in das sie auch die Vögel einbezieht. Ihre Verbundenheit mit Fauna und Flora entspringt indessen nicht einer franziskanischen Ausrichtung, sondern hängt mit ursprünglichen Neigungen zusammen, die sie einst auch zum Studium der Forstwissenschaft und Biologie hingeführt haben.

So spricht Sarah Kirsch in diesen Aufzeichnungen ausgiebig von ihren Tieren, konstatiert mit präzisem Blick das Keimen und Wachsen der Blumen: «Blühet Erophila verna, das Frühlingshungerblümchen an den Wegrändern zuhauf, ein Zwergenschleierkraut und Gnomenblümchen. Gehören zu meinen Lieblingsblumen. Zitternd im leisesten Windhauch.» Mit wenigen Sätzen, ja oft nur mit Partikeln gestaltet sie ein vom Leben durchpulstes Bild, beileibe keine «nature morte». Und viel Zeit wendet sie den Schafen und ihren Moorschnuckenlämmern zu. Es bleibt nicht bei den Notaten allein; die Dichterin legt auch Hand an, hilft bei der Niederkunft der jungen Tiere, schmeisst die Nachgeburt über die Zäune – den Vögeln zum Frass. Dazwischen Lektüre, Teppichknüpfen, Besuche, Gespräche mit dem «Anstaltsleiter» (dem Verleger) und einige «Missionsreisen», sprich: Lesereisen, von denen Kirsch immer wieder mit einem Seufzer der Befreiung in ihr stilles Land zurückkehrt.

Ereignislosigkeit ist das Erkennungsmerkmal dieser Prosa. Die Tage ziehen dahin, die Wolken ebenfalls, das Wasser steigt in «Matschedonien» und fällt wieder. Aus diesem meditativen Einerlei ragen nur wenige Ereignisse heraus: Heinrich Bölls Tod am 2. Juli 1985, das Unglück von Tschernobyl am 26. April 1986, Joseph Brodskys Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1987. Am politischen Horizont zeichnet sich das Ende des Sowjetimperiums ab, und in der einstigen Heimat der Dichterin, der DDR, formen sich rebellische Bewegungen. Scharf fällt Sarah Kirschs Tadel aus, mit dem sie im November 1987 den «10. Schriftverstellerkongress» eindeckt, bissig das Verdikt zu Stephan Hermlin, dessen Zivilcourage überschätzt werde und der mit seinen Texten «Schweinefutter ohne Geist und Feuer» geliefert habe.

Albernheiten

Ja, sie kann bisweilen wüten, diese Schreiberin, die nach ihren eigenen Worten einst als Kind in einem Lamm feststeckte, später streunte und in den Balg einer Tigerin geschlüpft ist. Aber zumeist überwiegen in diesen Aufzeichnungen die pure Spielfreude, die Lust an den Wörtern und ihren Kapriolen, das Tändeln mit altmodischen Wendungen, Floskeln oder fremdsprachlichen Einsprengseln, so dass man immer wieder genüsslich schmunzelt. Ab und zu kalauert sie indessen unbekümmert an den Schwellen zur Albernheit, und darüber mutiert ihr Schleswig-Holstein zu «Schliesslich-Holzbein». Das müsste nicht sein.

Manchmal aber fliesst ein Satz dieser kurzen Aufzeichnungen in die Zeile eines Gedichts hinein, das die vorangegangene Prosa-Plauderei jäh verdichtet und in Musik verwandelt. Nicht selten glaubt man in solch glücklichen Momenten Anklänge aus fernen Zeiten zu hören, als ob sich die Stimmen Goethes, Hölderlins, Storms oder der Droste, all der Geistesverwandten dieser Dichterin, noch einmal zurückgemeldet hätten. Sarah Kirschs «Krähengeschwätz» ist ein zauberhaftes Buch für die Liebhaber immaterieller Genüsse, die Aristokraten des höheren Müssiggangs, die Traumwandler und Gegenläufer und – in dieser Reihenfolge!– für alle Katzen- und Bücherfreunde.

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