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Komm,
gehen wir.
Roman von Arnold
Stadler (2007, S. Fischer).
Besprechung von Ina
Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 23.6.2007:
Erst Rauschzeit - und dann?
Arnold Stadlers neuer Roman "Komm, gehen
wir" ehrt die unerfüllte Liebe
Bis zu "60 Seiten" handschriftliche
Briefe wird Jim später aus Miami schicken, wohin der Sprössling italienischer
Einwanderer nach ein paar zusammen verbrachten Wochen zurückfliegt. In seinen
Briefen an Roland berichtet Jim von Frauengeschichten und legt gelegentlich ein
Blatt aus einem Pornoheft dazu, manchmal auch ein Foto von sich, das den
Niedergang seiner Schönheit (Bauch, Stiernacken...) gnadenlos dokumentiert.
Was ist Jim für eine strahlende Erscheinung, damals! Ein Hans-im-Glück
auf den Spuren seiner italienischen Verwandten, 24 Jahre alt, schwarzes Haar,
unglaubliche Zähne, 1,85 m groß, das erste Mal in Europa. Überall verlieben
sie sich in ihn, und dass Jim "kein Verbalerotiker" ist, hat Folgen.
Es ist "Rauschzeit" im Leben Jims; so nennen die Jäger die Zeit der
Paarung beim Schwarzwild. Das ist es, was Stadler, der südbadische Bauernsohn,
wiederum ganz emphatisch "leben" nennt, ein Schlüsselwort seines
katholisch-triebhaften Universums.
Rosemarie und Roland, Studenten aus Freiburg, sind "eigentlich nur zum
Braunwerden" nach Capri gekommen. Ihr Hochzeitstermin im November steht
schon fest. "Und nun saßen sie mit Jim auf ihren Handtüchern vor den
Faraglioni-Felsen und hatten die Zeit vergessen, so sehr lebten sie. Es war
schon ihr letzter Tag auf Capri, der 24. August 1978." Jim schlagen sie
vor: "Du kannst doch bei uns schlafen." Ein Paar, das sich in einen
Mann verguckt: Die Konstellation ist Stadler-Lesern aus dem Roman "Ein
hinreißender Schrotthändler" natürlich vertraut. Und auch diesmal ist
wieder die Frau die Tüchtige - und dabei nicht unbedingt anziehend.
Es mag ein bisschen ungerecht sein gegenüber Rosemarie, wenn man die
Liebesgeschichte in "Komm, gehen wir", die rasant startet als ménage
à trois, dennoch als Männergeschichte, als Geschichte von Roland und Jim,
begreift. Aber so ist es: Der Fokus dieses sinnlich-barmherzigen Romans liegt
eindeutig auf der Liebe Rolands zu Jim. Roland: übrigens ein Anagramm zu
Arnold.
An Genet hat Stadler einmal die "wunderbare christliche Perversion"
gelobt. So gesehen ist es kein Zufall, dass gleich zwei Papstwahlen, samt ihren
pompösen Begleiterscheinungen, die Rauschzeit von Rosemarie, Roland und Jim
zeitlich umrahmen. Sie sind von Capri nach Rom gefahren, von wo aus dann ihre
Gesichter um die Welt gehen, "als hätte sie der weiße Rauch ergriffen,
drei Menschen, die katholisch waren, jung und glücklich und die ihr Glück auf
dem Petersplatz zeigten, als wäre es der Papst - dabei war es die Liebe."
In Rom bleiben Rosemarie und Jim dann allein zurück, weil Roland zur Beerdigung
seines Großvaters abreist; dort steht er am Grab als einziger, der weint. Später
wird Roland seinen Jim nach Himmelreich mitnehmen, so heißt sein Heimatdorf im
Schwarzwald.
Und weil Stadler ein Spieler ist, schreibt er "ins" Himmelreich fahren
anstatt "nach" Himmelreich. Jim und Roland sind also "im"
Himmelreich; aber im Himmelreich der Liebe ist Roland zu diesem Zeitpunkt längst
nicht mehr. "Forget about that" macht Jim ihm unmissverständlich
klar. Währenddessen eröffnet in Freiburg ein Dr. Himmelheber Rosemarie, dass
sie schwanger ist.
Kennzeichnend für Stadlers Erzählstil ist ein Crossover von zeitlichen Ebenen,
von Hochsprache, Jargon und Fachausdrücken, ist eine am Kalauern knapp
vorbeischrammende Kulturkritik, typisch sind auch gezielte Stilbrüche von obszöner
Heiterkeit. So wird eine nächtliche Wiese als "Darkroom" bezeichnet,
weil Jim und die lüsterne Bäuerin Hermine - auch sie ein "Naturtalent der
Liebe" - dort abtauchen am Rande einer dörflichen Feier.
Um Rosemarie, dies zur Beruhigung, brauchen wir uns nicht zu sorgen. Sie ist
klug, schön, patent und wird eine steile Karriere als Ärztin machen, trotz
(oder wegen) ihrer eher traurigen Herkunft, und als sie - dann schon in Berlin -
bei einem iranischen Kollegen einzieht, den ausgesprochen wohlgeratenen Sohn im
Schlepptau, bleibt das Verhältnis zu Roland freundschaftlich. So
freundschaftlich, wie es von Anfang an war. Zu freundschaftlich eben für die
Liebe.
Das Sorgenkind ist eher Roland, dessen Unentschiedenheitsdesaster schließlich
einem Opfergang für Jim gleichkommt. Bürgerlich gesehen ist Roland ein
Gescheiterter: das Philosophiestudium nie abgeschlossen, und auch mit dem
Geldverdienen ist es nicht weit her. In Berlin, wohin Rosemarie und er wegen
ihres Jobs gezogen sind, gibt er immerhin die Männer und die Bars nicht auf.
Aber der Liebesschmerz, die Erinnerung an Jim, vergeht nicht. Die Liebe bleibt
ein Warten auf die Liebe. "Oder nicht?" Das fragt Stadler hin und
wieder.
Elf Jahre nach Capri und zehn Tage vor dem Mauerfall fliegt Roland endlich nach
Miami. Am Flughafen taucht aber nicht Jim auf, sondern dessen Bruder Joey, der
auch ganz schön dick geworden ist. Jim sitze im Knast, nur ein Missverständnis,
morgen sei er wieder frei, verspricht Joey, als er mit dem Besucher aus
Deutschland auf das schäbige Haus der Mariniellos zusteuert. Plötzlich, als
Pointe der Abwesenheit Jims, hebt ein Halleluja an: "Und mit einem Mal
kippte alles in ein großes Ja um. (...) Ja war das Echo der Welt
vom ersten Tag an, ausgelöst durch ein göttliches Ja oder ich liebe
dich. Ja war das erste Wort Gottes, und sein Echo ging bis zum Jüngsten
Tag."
Stadler, das ist bekannt, hat seine Ausbildung zum Priester abgebrochen und ist
Schriftsteller geworden. Auf den Katholizismus wirft er seitdem den
Pasolini-Blick: einen Blick, der die Religion mit einem sexuell aufgeladenen
Opfermythos verbindet. Sein letzter großer Roman hieß "Sehnsucht"
und war ein "Versuch über das erste Mal". "Komm, gehen wir"
endet, überraschend, als Hommage an das himmlische Begehren, an die
lebensspendende Kraft der uneingelösten Sehnsucht, auf das Warten als Glück.
Das Buch ist ein Wurf, wild und sexy, tief, traurig und zugleich berauschend
komisch.
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2.)
Komm,
gehen wir.
Roman von Arnold
Stadler (2007, S. Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 16.10.2007:
Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung
In seinem neuen Roman "Komm wir
gehen" findet Arnold Stadler leider nur emotionslose, im Allgemeinen
verbleibende Sätze über die Leidenschaft
Zwei Männer, eine Frau: Jim und Roland und Rosemarie. Doch wer glaubt, hier gäbe es delikate Details der Dreisamkeit (oder wenigstens leidenschaftliche Wortwechsel), der irrt. Arnold Stadlers Liebesroman spart die Liebe aus zu Gunsten ihrer traurigen Schwestern: Sehnsucht und Enttäuschung.
"Eigentlich waren sie nur zum Braunwerden hierhergekommen", so beginnt Stadlers neues Werk. Rosemarie und Roland urlauben im Sommer 1978 auf Capri, in der Hoffnung, die schöne Gesichtsfarbe würde halten bis zur geplanten Hochzeit im November. Ein Paar Mitte 20, er der Denker, sie die Macherin: eine, "bei der den anderen das Wort patent einfiel". Dann begegnet ihnen am Strand der Italo-Amerikaner Jim: "Und wie jede Liebe begann auch diese mit einem Blick. Das wusste er aus Liebesfilmen."
Stets folgt ein solcher zweiter, nachdenklicher, zurücknehmender Satz auf einen solchen forsch behauptenden ersten: Roland erzählt die Geschichte seiner, ihrer Liebe, aber erzählen kann man dies kaum nennen, eher reflektieren, und tatsächlich studiert Roland ja Philosophie. Auch was die Religion, die katholische zumal, zu seinem Treiben zu sagen hat, das lässt er uns ausführlich wissen.
Kaum zufällig dauert dieser sündige Dreier genau ein Pontifikat lang: Auf dem Petersplatz in Rom sehen die Urlauber, wie weißer Rauch aufsteigt, hören klopfenden Herzens das "Habemus Papam", sehen Johannes Paul I. und "dann gingen ihre Gesichter um die Welt, wie sie schauten, als hätte der weiße Rauch sie ergriffen, drei Menschen, die katholisch waren, jung und glücklich, und die ihr Glück auf dem Petersplatz zeigten, als wäre es der Papst - dabei war es die Liebe". Die Todesnachricht von Johannes Paul I. erreicht sie daheim in Freiburg, da ist Rosemarie schwanger und kauft Jim ein Rückflugticket in die USA. Zwar ist er der Vater ihres Kindes, doch Roland wird ihr Ehemann. Das war ja so geplant. "Als wäre alles ein Rausch gewesen."
Ein Rausch, der allerdings am Leser vorbeigegangen sein muss: Selten las man so leidenschaftslose, im Allgemeinen verbleibende Sätze über die Leidenschaft, so kühle Passagen über dreierlei Lieben, die doch vorgeben, glühend zu sein. Man verzeiht diese Sätze nur, weil Stadler an anderen Stellen so doppelbödig, geistreich ist. Weil er bitterböse ist, ironisch nicht nur in seiner Abrechnung mit der Religion, sondern auch der eigenen dörflichen Heimat. Herrlich skurril sind die Bewohner im "Himmelreich", was ein Ortsname ist und Rolands Geburtsort. Roland ist, natürlich, ein Anagram von Arnold: Die Prägung durch die Kindheit auf dem Lande, auch die Prägung durch die katholische Kirche hat Stadler seinem Protagonisten mit auf den Weg gegeben, ebenso das eigene Geburtsjahr, 1954.
Und vielleicht auch die eigene, erschütternde Erkenntnis über dies älteste Thema der Welt, um das Stadler hier so behutsam herumschleicht und -schreibt, als wäre es ein Vakuum: "Das war die Liebe: das Warten auf die Liebe. Und dann die Erinnerung daran.
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