Komm gehen wir von Arnold Stadler, 2007, S. Fischer1.) - 2.)

Komm, gehen wir.
Roman von Arnold Stadler (2007, S. Fischer).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 23.6.2007:

Erst Rauschzeit - und dann?
Arnold Stadlers neuer Roman "Komm, gehen wir" ehrt die unerfüllte Liebe

Einmal ist Roland sehr glücklich, und das liegt an Jim, der als erotische Offenbarung in sein Leben tritt. Aber bald schon erscheint es Roland "einfacher, einen Liebesroman zu schreiben, als zu lieben oder zu leben". Und als er diesen seinen ersten Roman - Titel: "Ungewaschene Erinnerung an die Liebe" - endlich fertig hat, sind elf Jahre vergangen. Elf Jahre, in denen Roland seine Freundin Rosemarie heiratet, sich scheiden lässt, wieder heiratet, elf Jahre, in denen er die Rolle des Vaters spielt "wie eine Zirkusnummer" und in denen er nicht aufhören kann, an Jim zu denken.

Und umgekehrt, das ist das Schöne an dem neuen Roman des Büchnerpreisträgers Arnold Stadler "Komm, gehen wir", umgekehrt hört auch Jim nicht auf, an den gemeinsamen Sommer zu denken. Capri 1978 ist ein süßliches Klischee, nicht aber die Geschichte, die dort - mit einem Blick - beginnt.

Bis zu "60 Seiten" handschriftliche Briefe wird Jim später aus Miami schicken, wohin der Sprössling italienischer Einwanderer nach ein paar zusammen verbrachten Wochen zurückfliegt. In seinen Briefen an Roland berichtet Jim von Frauengeschichten und legt gelegentlich ein Blatt aus einem Pornoheft dazu, manchmal auch ein Foto von sich, das den Niedergang seiner Schönheit (Bauch, Stiernacken...) gnadenlos dokumentiert.

Was ist Jim für eine strahlende Erscheinung, damals! Ein Hans-im-Glück auf den Spuren seiner italienischen Verwandten, 24 Jahre alt, schwarzes Haar, unglaubliche Zähne, 1,85 m groß, das erste Mal in Europa. Überall verlieben sie sich in ihn, und dass Jim "kein Verbalerotiker" ist, hat Folgen. Es ist "Rauschzeit" im Leben Jims; so nennen die Jäger die Zeit der Paarung beim Schwarzwild. Das ist es, was Stadler, der südbadische Bauernsohn, wiederum ganz emphatisch "leben" nennt, ein Schlüsselwort seines katholisch-triebhaften Universums.

Rosemarie und Roland, Studenten aus Freiburg, sind "eigentlich nur zum Braunwerden" nach Capri gekommen. Ihr Hochzeitstermin im November steht schon fest. "Und nun saßen sie mit Jim auf ihren Handtüchern vor den Faraglioni-Felsen und hatten die Zeit vergessen, so sehr lebten sie. Es war schon ihr letzter Tag auf Capri, der 24. August 1978." Jim schlagen sie vor: "Du kannst doch bei uns schlafen." Ein Paar, das sich in einen Mann verguckt: Die Konstellation ist Stadler-Lesern aus dem Roman "Ein hinreißender Schrotthändler" natürlich vertraut. Und auch diesmal ist wieder die Frau die Tüchtige - und dabei nicht unbedingt anziehend.

Es mag ein bisschen ungerecht sein gegenüber Rosemarie, wenn man die Liebesgeschichte in "Komm, gehen wir", die rasant startet als ménage à trois, dennoch als Männergeschichte, als Geschichte von Roland und Jim, begreift. Aber so ist es: Der Fokus dieses sinnlich-barmherzigen Romans liegt eindeutig auf der Liebe Rolands zu Jim. Roland: übrigens ein Anagramm zu Arnold.

An Genet hat Stadler einmal die "wunderbare christliche Perversion" gelobt. So gesehen ist es kein Zufall, dass gleich zwei Papstwahlen, samt ihren pompösen Begleiterscheinungen, die Rauschzeit von Rosemarie, Roland und Jim zeitlich umrahmen. Sie sind von Capri nach Rom gefahren, von wo aus dann ihre Gesichter um die Welt gehen, "als hätte sie der weiße Rauch ergriffen, drei Menschen, die katholisch waren, jung und glücklich und die ihr Glück auf dem Petersplatz zeigten, als wäre es der Papst - dabei war es die Liebe." In Rom bleiben Rosemarie und Jim dann allein zurück, weil Roland zur Beerdigung seines Großvaters abreist; dort steht er am Grab als einziger, der weint. Später wird Roland seinen Jim nach Himmelreich mitnehmen, so heißt sein Heimatdorf im Schwarzwald.

Und weil Stadler ein Spieler ist, schreibt er "ins" Himmelreich fahren anstatt "nach" Himmelreich. Jim und Roland sind also "im" Himmelreich; aber im Himmelreich der Liebe ist Roland zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. "Forget about that" macht Jim ihm unmissverständlich klar. Währenddessen eröffnet in Freiburg ein Dr. Himmelheber Rosemarie, dass sie schwanger ist.

Kennzeichnend für Stadlers Erzählstil ist ein Crossover von zeitlichen Ebenen, von Hochsprache, Jargon und Fachausdrücken, ist eine am Kalauern knapp vorbeischrammende Kulturkritik, typisch sind auch gezielte Stilbrüche von obszöner Heiterkeit. So wird eine nächtliche Wiese als "Darkroom" bezeichnet, weil Jim und die lüsterne Bäuerin Hermine - auch sie ein "Naturtalent der Liebe" - dort abtauchen am Rande einer dörflichen Feier.

Um Rosemarie, dies zur Beruhigung, brauchen wir uns nicht zu sorgen. Sie ist klug, schön, patent und wird eine steile Karriere als Ärztin machen, trotz (oder wegen) ihrer eher traurigen Herkunft, und als sie - dann schon in Berlin - bei einem iranischen Kollegen einzieht, den ausgesprochen wohlgeratenen Sohn im Schlepptau, bleibt das Verhältnis zu Roland freundschaftlich. So freundschaftlich, wie es von Anfang an war. Zu freundschaftlich eben für die Liebe.

Das Sorgenkind ist eher Roland, dessen Unentschiedenheitsdesaster schließlich einem Opfergang für Jim gleichkommt. Bürgerlich gesehen ist Roland ein Gescheiterter: das Philosophiestudium nie abgeschlossen, und auch mit dem Geldverdienen ist es nicht weit her. In Berlin, wohin Rosemarie und er wegen ihres Jobs gezogen sind, gibt er immerhin die Männer und die Bars nicht auf. Aber der Liebesschmerz, die Erinnerung an Jim, vergeht nicht. Die Liebe bleibt ein Warten auf die Liebe. "Oder nicht?" Das fragt Stadler hin und wieder.

Elf Jahre nach Capri und zehn Tage vor dem Mauerfall fliegt Roland endlich nach Miami. Am Flughafen taucht aber nicht Jim auf, sondern dessen Bruder Joey, der auch ganz schön dick geworden ist. Jim sitze im Knast, nur ein Missverständnis, morgen sei er wieder frei, verspricht Joey, als er mit dem Besucher aus Deutschland auf das schäbige Haus der Mariniellos zusteuert. Plötzlich, als Pointe der Abwesenheit Jims, hebt ein Halleluja an: "Und mit einem Mal kippte alles in ein großes Ja um. (...) Ja war das Echo der Welt vom ersten Tag an, ausgelöst durch ein göttliches Ja oder ich liebe dich. Ja war das erste Wort Gottes, und sein Echo ging bis zum Jüngsten Tag."

Stadler, das ist bekannt, hat seine Ausbildung zum Priester abgebrochen und ist Schriftsteller geworden. Auf den Katholizismus wirft er seitdem den Pasolini-Blick: einen Blick, der die Religion mit einem sexuell aufgeladenen Opfermythos verbindet. Sein letzter großer Roman hieß "Sehnsucht" und war ein "Versuch über das erste Mal". "Komm, gehen wir" endet, überraschend, als Hommage an das himmlische Begehren, an die lebensspendende Kraft der uneingelösten Sehnsucht, auf das Warten als Glück. Das Buch ist ein Wurf, wild und sexy, tief, traurig und zugleich berauschend komisch.

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Komm gehen wir von Arnold Stadler, 2007, S. Fischer2.)

Komm, gehen wir.
Roman von Arnold Stadler (2007, S. Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 16.10.2007:

Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung
In seinem neuen Roman "Komm wir gehen" findet Arnold Stadler leider nur emotionslose, im Allgemeinen verbleibende Sätze über die Leidenschaft

Zwei Männer, eine Frau: Jim und Roland und Rosemarie. Doch wer glaubt, hier gäbe es delikate Details der Dreisamkeit (oder wenigstens leidenschaftliche Wortwechsel), der irrt. Arnold Stadlers Liebesroman spart die Liebe aus zu Gunsten ihrer traurigen Schwestern: Sehnsucht und Enttäuschung.

"Eigentlich waren sie nur zum Braunwerden hierhergekommen", so beginnt Stadlers neues Werk. Rosemarie und Roland urlauben im Sommer 1978 auf Capri, in der Hoffnung, die schöne Gesichtsfarbe würde halten bis zur geplanten Hochzeit im November. Ein Paar Mitte 20, er der Denker, sie die Macherin: eine, "bei der den anderen das Wort patent einfiel". Dann begegnet ihnen am Strand der Italo-Amerikaner Jim: "Und wie jede Liebe begann auch diese mit einem Blick. Das wusste er aus Liebesfilmen."

Stets folgt ein solcher zweiter, nachdenklicher, zurücknehmender Satz auf einen solchen forsch behauptenden ersten: Roland erzählt die Geschichte seiner, ihrer Liebe, aber erzählen kann man dies kaum nennen, eher reflektieren, und tatsächlich studiert Roland ja Philosophie. Auch was die Religion, die katholische zumal, zu seinem Treiben zu sagen hat, das lässt er uns ausführlich wissen.

Kaum zufällig dauert dieser sündige Dreier genau ein Pontifikat lang: Auf dem Petersplatz in Rom sehen die Urlauber, wie weißer Rauch aufsteigt, hören klopfenden Herzens das "Habemus Papam", sehen Johannes Paul I. und "dann gingen ihre Gesichter um die Welt, wie sie schauten, als hätte der weiße Rauch sie ergriffen, drei Menschen, die katholisch waren, jung und glücklich, und die ihr Glück auf dem Petersplatz zeigten, als wäre es der Papst - dabei war es die Liebe". Die Todesnachricht von Johannes Paul I. erreicht sie daheim in Freiburg, da ist Rosemarie schwanger und kauft Jim ein Rückflugticket in die USA. Zwar ist er der Vater ihres Kindes, doch Roland wird ihr Ehemann. Das war ja so geplant. "Als wäre alles ein Rausch gewesen."

Ein Rausch, der allerdings am Leser vorbeigegangen sein muss: Selten las man so leidenschaftslose, im Allgemeinen verbleibende Sätze über die Leidenschaft, so kühle Passagen über dreierlei Lieben, die doch vorgeben, glühend zu sein. Man verzeiht diese Sätze nur, weil Stadler an anderen Stellen so doppelbödig, geistreich ist. Weil er bitterböse ist, ironisch nicht nur in seiner Abrechnung mit der Religion, sondern auch der eigenen dörflichen Heimat. Herrlich skurril sind die Bewohner im "Himmelreich", was ein Ortsname ist und Rolands Geburtsort. Roland ist, natürlich, ein Anagram von Arnold: Die Prägung durch die Kindheit auf dem Lande, auch die Prägung durch die katholische Kirche hat Stadler seinem Protagonisten mit auf den Weg gegeben, ebenso das eigene Geburtsjahr, 1954.

Und vielleicht auch die eigene, erschütternde Erkenntnis über dies älteste Thema der Welt, um das Stadler hier so behutsam herumschleicht und -schreibt, als wäre es ein Vakuum: "Das war die Liebe: das Warten auf die Liebe. Und dann die Erinnerung daran.

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