Knietief im
Paradies.
Roman von Helga
Schütz (2004, Aufbau-Verlag).
Besprechung von Irma
Weinreich im Münchner
Merkur, 08.02.2005:
Erinnerungen wie Staub
"Knietief im Paradies": Roman über das zerbombte Dresden
"Mich haben sie nicht erwischt." In der Vorstellung der heranwachsenden Eli bleibt es ein Wunder. 21 Tote liegen unter den Trümmern ihres Hauses in der Altenzeler Straße 41 in Dresden-Süd nach der Bombennacht vom 13. Februar 1945. 21 von mehr als 35 000. In ihrem neuen Roman "Knietief im Paradies" führt die Schriftstellerin Helga Schütz (67) in die zerbombte Elbestadt der ersten Nachkriegsjahre. Der Berliner Aufbau-Verlag legt das Buch jetzt zum 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens vor.
Eli Reich, die jugendliche Heldin, die keine sein
will, schiebt als Gärtnerei-Lehrling ihre "ratternde Karre" voller
Blumen und Grünpflanzen jeden Tag kreuz und quer durch die Ruinenlandschaft.
Dekorieren, wo so vieles in Schutt und Asche liegt, nennt sich ihre
verantwortungsvolle Aufgabe. Die Alltagsnöte sorgen dafür: Das Trauma der
Bombennacht wird schnell in die nächtlichen Träume verdrängt. Kinder sind
schneller erwachsen - auch Eli.
Elternlos wächst sie beim sächsischen Großvater in der Wilder-Mann-Straße
auf. Das "Wirtschaftswunder" im Westen, wo alles viel schneller
vorangeht, wie Eli findet, darf sie in den Schulferien beim schlesischen Opa im
Westen genießen. Zu den Mitbringseln vom Ausflug über die "grüne
Grenze" gehören ihre Gummistiefel, unschätzbar für einen Lehrling beim
kommunalen Gartenamt.
Das Trauma der Bombennacht wird schnell in die nächtlichen Träume verdrängt
Der Leser kann das Mädchen auf seinen
Dekorationstouren zwischen Elbehotel, Weißem Hirsch, Parkhotelbar und Astoria,
zum Ballhaus Watzke, dem Landgericht am Münchner Platz oder auf den
Heidefriedhof begleiten. Wenn sie sich über "Trampelpfade, Trümmerberge
und Hinterhöfe" auch wie ein "perfekter Schatten" bewegt - ihrem
wachen Verstand entgeht nichts. Wo einst ihr Haus stand, wird neu gebaut. Die
Oper spielt wieder, allerdings im Theater. Großvater hat sich zum
"Verkehrsregler" qualifiziert und steht auf einer hohen weißen Tonne
auf dem Platz der Einheit. Als die Stadt eines Tages im Nebel verschwunden ist,
sorgt im Zentrum wenigstens das neue Stalin-Denkmal für Orientierung.
Für ihre Chefs ist Eli musterhaft: "Pünktlich, sauber
klassenbewusst." Aber sie täuschen sich. Als der ohnehin degradierte
Professor Nüßlein als "Verführer der Jugend" verhaftet wird, weil
er sowjetische Züchtungsmethoden im Gartenbau negiert, hält Eli weiter zu ihm.
Wenn sie jemanden in ihr Herz geschlossen hat, schreckt die Mitläuferin auf dem
Weg zum Sozialismus vor nichts zurück. Auf ihrer Karre rettet sie sogar den
16-jährigen Tobias vor verschärfter Erziehung im Jugendwerkhof in die
Freiheit.
Die Autorin vermittelt Zeitgeschichte unaufdringlich und humorvoll. Helga Schütz
wählte Dresden wiederholt zum Handlungsort ihrer Bücher. Geboren in Falkenhain
(Schlesien), kam sie 1944 in die Stadt, in der sie zehn Jahre blieb. "Der
Mensch hat Erinnerungen. Sie sammeln sich wie Staub", heißt es an einer
Stelle in dem in der Ich-Form geschriebenen Roman. Authentisches und Erdichtetes
in der Schwebe zu halten, ist eine meisterliche Passion dieser Autorin.
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