Klerikale
Irrtümer.
Roman von Alan
Isler (2002, Berlin Verlag - Übertragung Steffanie Schaffer-de Vries).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein in der
Frankfurter Rundschau, 12.2.2003:
Huch, schon tot!
Der Melancholiker und
Sarkast Alan Isler bleibt sich in "Klerikale Irrtümer" treu
"Ich saß in der Rue de
Malengin, schlürfte einen Calvados und las eine englische Zeitung, die mein
Vorgänger auf dem Stuhl hatte liegen lassen, als ich zu meiner Überraschung
entdeckte, dass ich gerade gestorben war." Schon nach dem ersten Satz von
Alan Islers Roman will man es genauer wissen. Aber die Frage, wer hier spricht
und woher, wird erstmal nur vordergründig geklärt. Denn Isler beginnt seinen
Roman, der vor allem von den großen Irrtümern handelt, mit einem kleinen.
Es gibt ein Verdikt, dass der erste und der letzte Satz eines Romans über seine
Qualität entscheiden. Vielleicht liegt es daran, dass sie nur einen Nachbarn
haben und so stärker für sich stehen müssen als die anderen, vielleicht aber
auch an der Gewichtigkeit von Anfang und Ende, die sich für den Bogen des
Romans wie Brückenpfeiler gerieren müssen. Ob das Gelingen dieser Sätze nun
tatsächlich ein Hinweis auf den literarischen Gehalt des Buches ist, lassen wir
einmal dahingestellt sein, in jedem Fall aber kommt ihnen besondere Bedeutung
zu, weshalb James Joyce in Finnegans Wake beide ineinander fließen ließ,
um genau diese Betonung zu vermeiden. Alan Isler aber orientiert sich an Shakespeare,
an der Kabbala und dem Selbstverständnis des Aufklärers und hat mit modernen
Sprachkaskaden nichts im Sinn. Sein Metier ist die melancholische Farce, die jüdischen
Humor und englischen Sarkasmus verbindet und so den Teufel erfolgreich mit dem
Beelzebub austreibt.
Denn die Frage, wer dort spricht stellt sich immer wieder neu. Ganz langsam, als
handele es sich um eine Zwiebel mit goldenem Kern, entblättert Isler seinen
Helden, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt. Edmond Music ist zunächst ein
katholischer Priester und Leiter des kirchlichen Forschungsinstituts Beale Hall
im Süden Englands. Er hat jedoch seit vielen Jahrzehnten ein leidenschaftliches
Verhältnis mit seiner Haushälterin, die selbst nur vordergründig eine solche
ist und im Dunkel ihrer Kammer bei Kerzenschein Texte aus dem Lateinischen übersetzt
oder kitschige Liebesgeschichten in Bestseller verwandelt. In einem früheren
Leben allerdings war Edmond ein ungarischer Jude, der in Frankreich aufwuchs
und, nachdem seine Mutter verschleppt und sein Vater geflohen war, vor den Nazis
in einem katholischen Waisenhaus versteckt wurde. Seine Nähe zu Gott hat unter
diesem Doppelleben gelitten, und nur durch eine Liaison mit einer reichen Dame
der Gesellschaft, die ihren Besitz mit der Auflage, Edmond als lebenslangen
Leiter einzusetzen, der Kirche vermachte, konnte er sich retten. Fortan führt
er ein zufriedenes Schattendasein im ehemaligen "Music-Room", spielt
Schach mit Major Catchpole und schläft mit seiner Maud.
Nun aber taucht bei einem windigen Antiquar ein Buch auf, das angeblich von
William Shakespeare stammt, definitiv aber den Stempel der Bibliothek von Beale
Hall trägt, und mit diesem ein alter Feind und Neider, der amerikanische
Priester Fred Twombly. Das bestimmt den Ton, in dem Edmond seine Geschichte erzählt.
Es ist der Sarkasmus eines Getriebenen, der weiß, wie dieses Buch in die Hände
des Händlers kam, der Gleichmut desjenigen, der nichts mehr zu verlieren hat,
als ihn Maud im hohen Alter aus Gewissensgründen verlässt, und die Trauer
Ahasvers, des ewigen Juden.
Der in London geborene Alan Isler ist selbst ein säkularisierter Jude.
Achtzehnjährig ging er nach New York und unterrichtete dort viele Jahre
englische Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts. In einem Sabbatjahr entschied
er sich, anstatt eines akademischen Wälzers lieber einen Roman zu schreiben. Der
Prinz der Westend Avenue erschien dann aber erst sehr viel später.
Vielleicht war sein Held zu alt oder auf zu klischeehafte Weise jüdisch,
vielleicht aber auch zu melancholisch. In jedem Fall erschien er den Verlagen
nicht zeitgemäß. Dass der Roman dann doch ein Bestseller wurde, bestätigte
Isler in seiner Haltung, und er machte so weiter, wie er begonnen hatte.
Klerikale Irrtümer nun ist nach Götzens Bilder und dem
Novellenband Op. non cit. sein dritter Roman mit einem alternden,
zynischen Helden, der sich lustvoll-heimlich aus der Welt des Glaubens entfernt.
Doch die kleinen blasphemischen Späße schreibt Isler nicht allein seinem
Helden zu. Als Edmond von seinem überraschenden Tod erfährt, ruft er umgehend
bei Maud an, um sie zu beruhigen, doch diese vermutet ihn im Himmel und hält
Edith Piaf, deren "Milord" aus der Musicbox ertönt, für den Chor der
Engel. Indem Isler all diese kleinen Irrtümer sammelt und sie wie ein Fundament
unter die großen baut, unter die des Glaubens, der Religion und des Weltverständnisses,
gibt er seinem Roman eine schnippische Leichtigkeit, ohne die er in tiefer
Melancholie versunken wäre.
Denn die unvermittelte Traurigkeit, die sich in dem immerwährenden Schicksal
der Juden aller Zeiten spiegelt, durchzieht diesen Roman eines ausgewiesenen
Geschichtspessimisten und Zweiflers. "Geschichte ist leeres Geschwätz,
Unsinn, Müll, Schrott und Betrug" sagte Isler einmal - die Haltung aller
seiner Helden. Und vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Titel besser
verstehen. Clerical Errors heißt das Buch im englischen Original, was
vor allem "Schreibfehler" bedeutet und sich nur auf einer zweiten
Ebene dem Klerus zuwendet. Indem aber beide Bedeutungsebenen verkehrt werden,
wird auch hier schon der kardinale Irrtum deutlich, der sich durch das ganze
Buch zieht. Zu glauben was geschrieben steht, kann nur ein Fehler sein;
biblisch, literarisch und gesetzlich.
Damit ihm seine Figur jedoch nicht entgleitet, paart Isler die Farce mit einem
literaturhistorisch geschulten Subtext. Er erzählt die Geschichte eines jüdischen
Gelehrten und Hochstaplers, der im 18. Jahrhundert in der Umgebung lebte, sich
Pish oder Baal Schem von Ludlow nannte und dessen Schriften sich ebenfalls in
Beale Hall befinden. Damit schlägt er die Brücke zwischen Shakespeare, dessen
unbekannter Text Edmonds Schicksal besiegeln soll, der kabbalistischen
Forschung, der Hermeneutik und dem eigenen Werk, das immer auch als Text
reflektiert wird. Die Balance zwischen verschmitzten Seitenhieben und der grübelnden
Ernsthaftigkeit ist schwierig und glückt selten. Alan Isler zeigt genau darin
seine wahre Meisterschaft.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau