Kleine Teufel von Alfred Brendel, 1999, HanserKleine Teufel.
Gedichte von Alfred Brendel (1994, Hanser)
Besprechung von Gerhard Melzer in Neue Zürcher Zeitung, 1999:

Arme und Beine brezelhaft verschränkt
«Kleine Teufel» – neue Gedichte von Alfred Brendel

Romantiker, Illusionisten, Gefühlsinnige und Schönredner haben einen schweren Stand in Alfred Brendels lyrischem Universum. Wo Geschichten am Horizont auftauchten, ätzte seinerzeit der geistesverwandte Thomas Bernhard, schiesse er sie ab. Ähnlich «schussbereit» zeigt sich auch der dichtende Pianist, doch sind es nicht Geschichten, auf die er zielt, sondern Ideale, Ideologien, Glaubenssätze und Meinungen jeglicher Provenienz. Wie Georg Christoph Lichtenberg, dem er gelegentlich seine Reverenz erweist, hegt Brendel grösste Skepsis gegenüber «ganzheitlichen» Weltanschauungen, und die «Waffen», die er gegen sie wendet, sind im wesentlichen Lichtenbergs Waffen: alle möglichen Formen geistreicher, spöttischer Verneinung und Verwerfung, in denen letztlich jenes «störende Lachen während des Jaworts» wirksam wird, das seinem zweiten Gedichtband (1997) den Titel gegeben hat.

In seiner jüngsten – dritten – Gedichtsammlung, «Kleine Teufel», verdichtet Brendel diese Skepsis in der Gestalt eines exemplarischen Kotzbrockens namens Joseph Schmölmann, dessen Kunst darin besteht, «sich öffentlich zu übergeben». Urlaub mache Schmölmann nie, heisst es, «das würfe ihn aus der Bahn / faul sein / Dinge gutheissen / friedlich verdauen wie die Kühe / wo bliebe da der gesunde Ekel», und da nichts und niemand vor seinen galligen Anwürfen sicher sein kann, spannt zuletzt sogar ein Ministerpräsident vorsorglich seinen Regenschirm auf: «Man weiss nie wo Joseph hinzielt.»

Solch rastloses Würgen am Zustand der Welt bedeutet freilich nicht, dass Brendel und seine lyrischen Stellvertreter den Dingen des Lebens nicht zugetan wären. Es sind vor allem die Sphären des Sinnlichen und Kreatürlichen, denen so etwas wie fraglose Evidenz zugestanden wird, eine lakonische «Materialität» jenseits von Ja und Nein. So assoziiert zum Beispiel ein Kapellmeister sein «unrein spielendes Orchester» mit dem Bild einer Frau, «die sich im Bade / mit schöner Selbstverständlichkeit / der Säuberung ihres Körpers [hingibt], elastisch schimmernd unter dem Wasserstrahl», indes einer, der wohl nicht ganz zufällig Wilhelm heisst, eine durchaus andere «Entwicklung» durchmacht als Goethes Romanheld: Brendels Wilhelm ist seines Menschentums müde und beschliesst, «statt dessen ein Brezel zu sein», zu nichts weiter bestimmt, als «in einem Wäschekorb zu liegen / bräunlich zu glänzen / Arme und Beine zu verschränken / und darauf zu warten / dass ihn jemand knackte».

Diese ironische Kontrafaktur des Goetheschen Bildungs- und Entwicklungsromans läuft letztlich darauf hinaus, jeden Anspruch auf menschliche Höherentwicklung und Vervollkommnung ad absurdum zu führen, als Anmassung und ideologische Verzerrung kenntlich zu machen. Die Welt, wie Brendel sie sieht, ist und bleibt unvollkommen, anfechtbar, widersprüchlich, und beikommen kann ihr nur, wer sich auf ihre Ungereimtheiten einlässt. Entsprechend stilisiert sich der Autor in seinen Gedichten immer wieder zur zwielichtigen Figur, zu einem spottsüchtigen Doppel- oder Zwitterwesen, das seine paradoxe «Identität» aus unablässiger Selbstverwerfung bezieht, aus einer Haltung, die das Nichtidentische zum Prinzip erhebt – bis hin zur äussersten Konsequenz, dass dieses Nichtidentische seinerseits fragwürdig werden kann. «Wenn es sich in die Brust wirft / das Nein / kokett wird / den Aufstand befiehlt», ist schon in Brendels Erstling «Fingerzeig» nachzulesen, «wollen wir dieses Nein nicht bejahen / ein Nein stehe gegen das andere / das genaue Nein gegen das ungenaue», und im jüngsten Band erscheint derlei unbestechliche Skepsis ins feine dialektische Gedankenspiel gefasst: «Dass es Teufel / im Grunde gar nicht gibt / hat uns kürzlich / der Leibhaftige selbst verraten.»

Solch produktivem Zweifel, der ein ewig unfertiges Weltbild hervorbringt, entsprechen Gebärden des Lachens und Verlachens, die alles Gegebene zersetzen, alles Eindeutige ins diffuse Licht der Ambivalenz rücken. Brendel, der in einem Fragebogen kundtat, dass seine Lieblingsbeschäftigung «Lachen» sei, kennt sie, die «ganze Lachskala»: «unterdrückt bis dröhnend / manchmal hämisch» sei gegebenenfalls zu lachen, es dürfe aber auch «gellend» sein «oder eher sarkastisch / jedenfalls unpassend wir verstehen uns». Nichts bleibt verschont von diesem gezielt dosierten Lachen, insbesondere nicht die Sphäre des Musik- und Kulturbetriebs, die Brendel – vermutlich, weil sie ihm bis zum Brechreiz vertraut ist – mit ausgesuchter Bosheit bedenkt. So lässt er etwa Bartolomeo Cristofori nicht das Hammer-, sondern das Jammerklavier erfinden, das den Tränenbächen empfindsamer Spieler «durch eine unterhalb der Tasten angebrachte Regenrinne» Rechnung trage. Des weiteren überrascht er den Leser mit der Entdeckung, dass «man Klaviere / nicht nur kochen / sondern auch räuchern kann» oder dass Christo neuerdings die drei Tenöre verpackt habe.

Bei aller Bereitschaft freilich, sich ans Lächerliche zu halten, erscheinen Brendels «Kleine Teufel» nachdrücklicher denn je von Ernst und Nachdenklichkeit grundiert. Bernhards Diktum, dass alles lächerlich sei, wenn man an den Tod denke, buchstabiert Brendel auf seine Weise nach, nicht lauthals, sondern zart und verhalten zwischen den Zeilen. Deutlicher wird er nur in einem Liebesgedicht, das sich zugleich als Liebeserklärung an das Schweigen und die Stille versteht, und in einem Selbstporträt, das gegen alles leichtmachende Lachen die unerträgliche Leichtigkeit der Trauer auf die Waagschale legt:

Über mich selbst gebeugt

sehe ich

unscharf

mein fremdes Gesicht

Gefäss des Zweifels

Chronik des Vergessens

Mühlstein täuschender Erinnerung

über den der Atem des Wassers

gleichgültig hinwegzieht

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