1.) - 3.)
Klausen.
Roman von Andreas
Maier (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Julia Schröder in der Stuttgarter
Zeitung vom 8.4.2002:
Im Strom der Spekulationen
"Klausen": das Hörensagen
bleibt Andreas Maiers Thema
Von wegen, anderswo ist alles besser. In Südtirol
zum Beispiel: von wegen heitere Menschen, intakte Gemeinschaften, unverdorbene
Gegend. "Klausen" heißt der neue Roman von Andreas Maier, und da
spielt das Buch auch, in Klausen im Eisacktal, einem Städtchen am Fluss, unter
kunsthistorisch Interessierten weltberühmt durch Dürers Stich "Das große
Glück" - gekrönt vom mittelalterlichen Kloster Säben, umzirkt vom
Gewerbegebiet samt Speckfabrik und überspannt von den kühnen Viadukten der
unermüdlich rauschenden und röhrenden Autobahn. Wer je vom Brenner kommend die
A 22 hinunterfuhr, Richtung Triest und Gardasee, kennt den Namen von
Ausfahrtschild und Mautstation. Das anmutig im Tale liegende Klausen selbst
sieht man nicht so recht, da fährt man praktisch obendrüber.
Glaubt man Andreas Maier - und wer je in Klausen oder vergleichbaren Orten sich
aufgehalten hat, ist geneigt, ihm aufs Wort zu glauben - glaubt man Andreas
Maier, macht der Klausener vor dieser Verschandelung gern die Augen zu, und der
Tourist, der im schönen Südtirol die Erholung sucht, tut es ihm gleich. Aber
wo die Augen immerzu geschlossen sind, sind Ohren und Münder um so offener. Das
unter den Teppich Gekehrte ist bald der fruchtbarste Nährboden fürs allgegenwärtige
Gerücht.
So ist das bekanntlich nicht nur in Klausen, einem Ort, dessen Name Enge und
Geschlossenheit, etwas Klaustrophobie Erzeugendes schon in sich trägt. Dass
Andreas Maier das weiß, hat er in seinem ersten, hoch gelobten und
ausgezeichneten Roman "Wäldchestag" gezeigt. Der spielte in
Nordhessen, dem Landstrich, wo Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, von Hause aus
Bescheid weiß. Seit ein paar Jahren verbringt Maier große Teile des Jahres in
Südtirol. Und wieder schreibt er über das, was er kennt. Das Gerücht und die
Gesetze seiner Verbreitung, Hörensagen, Vorurteil und die Begeisterung der
Leute für Klatsch und Tratsch, das ist Maiers großes Thema. Ging es in "Wäldchestag"
es um einen einsiedlerischen alten Mann, bei dessen Beerdigung ihm all die,
denen er sich zeitlebens mit guten Gründen entzogen hatte, mit ihren
selbstverfertigten Meinungen posthum zu Leibe rückten, steht in
"Klausen" ein jüngerer Mann im Auge des Wirbelsturms, ein Außenseiter
auch er: Josef Gasser, zurückgekehrt aus Berlin und in der alten Heimat nicht
mehr heimisch.
Um den herum entwickeln nun die wildesten Mutmaßungen
und Behauptungen eine ungeheure Dynamik, ohne dass er das Geringste dazu getan hätte.
Von Bedeutung sind dabei ein Umweltskandal und die kleine örtliche Baumafia,
ein versoffener Dichter und Künstler, die Balkanflüchtlinge auf der baufälligen
Ploderburg und der große Autobahnviadukt. Weitere Akteure, die sich vom nicht
abreißenden Strom der Spekulationen fortreißen lassen, sind Einheimische und
Zugereiste aus Deutschland und Italien - sprich, aus dem Teil Italiens südlich
der Autonomen Provinz Bozen. Ein mysteriöser nächtlicher Angriff auf einen
Discobetreiber, eine Prügelei bei Lärmmessungen der Bürgerinitiative, ein rätselhaftes
Flugblatt werden zu um- und umgewälztem Gesprächsstoff, schließlich lässt
ein Ereignis den Lärm kurz verstummen: ein Knall auf der Autobahn - vermutlich
eine Sprengstoffexplosion.
"Vermutlich" ist das Stichwort, denn nichts Genaues weiß man nicht,
niemand kann Gesichertes über all die Vorfälle beitragen. Die Vermutungen aber
verbreiten sich, von Mund zu Ohr zu Mund ausgeschmückt und aufgeblasen, mit
Windeseile. Die Aufregung ist groß, die Folgen - zum Glück - geringfügig. Am
Ende fallen, zur Enttäuschung derer, die daran ihren Anteil hatten, all die
irrsinnigen Erfindungen in sich zusammen, als hätte jemand die Luft aus einem
Ballon gelassen.
Die beiden Bücher, die Andreas Maier bisher vorgelegt hat, könnte man füglich
in der Nachfolge des Heimatromans sehen; sie brauchen die Enge, die
Abgeschlossenheit und das Randständige ihrer Spielorte, um ihre Handlung zur
Eskalation zu treiben. Aber was sie von anderen Modellen des Genres neuer
Heimatroman, etwa von Zoderer oder Mitterer, unterscheidet, ist die Tatsache,
dass die handgreifliche, exemplarische Katastrophe ausbleibt, die bei jenen
Autoren ihr kritisch-entlarvendes Licht auf Dumpfheit und latente Grausamkeit
der "Heimat" wirft.
Andreas Maier geht es um etwas anderes. Das Handeln seiner Figuren ist vor allem
kommunikatives Handeln, die Ereignisse geschehen fast ausschließlich im Reden
darüber. Maiers Interesse ist sprachkritisch, ja erkenntnistheoretisch. Die
Frage lautet: Wie basteln Menschen sich aus dem, was sie zu sehen glauben und
doch nur gehört haben, fort und fort ihre wunderbar aufregenden, bequem
konsumierbaren und am Ende sinnhaltigen Wahrheiten zusammen? Überflüssig zu
erwähnen, dass bei Maier am Ende keine Wahrheit übrig-, aber auch keine
Meinung auf der Strecke bleibt. Und dass all dies, sich steigernd ins immer
Absurdere, ein großes Lesevergnügen ist....Fortsetzung
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Leseprobe I Buchbestellung 0704 LYRIKwelt © Stuttgarter Zeitung
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2.)
Klausen.
Roman von Andreas
Maier (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 10.4.2002:
Schwierigkeiten
mit Stufe fünf
In Friedberg machen Gerüchte die Runde:
Andreas Maier sei da gewesen und habe gelesen
Im August vergangenen Jahres, so wird berichtet, habe der aus Bad Nauheim stammende Schriftsteller Andreas Maier, der mit seinem in dem Wetterauer Dorf Florstadt angesiedelten Debütroman Wäldchestag sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik einen ungeahnten Erfolg erzielt hatte, bei der Verleihung des Wetterauer Kulturpreises im Bürgerhaus Nieder-Florstadt eine kurze, wenngleich umso wirkungsvollere Rede gehalten, in der er die Aufnahme seines Buches durch die Bevölkerung der Wetterau in fünf Stufen umschrieben habe, deren erste das Erstaunen des Wetterauers über die Tatsache gewesen sei, dass ein anderer Wetterauer überhaupt schreiben könne, die letzte hingegen die Ausschöpfung des touristischen Potenzials durch Wetterauer Behörden, Kulturstiftungen, Gemeinden, Bürgermeister etcetera gewesen sei. Mit einiger Fassungslosigkeit, so behaupten die Einen, mit großer Belustigung, so die Anderen, habe Maier vor der Preisverleihung dem Auftritt der Butzbacher Jagdhornbläser vor dem Bürgerhaus in Nieder-Florstadt beigewohnt.
Nun hat Maier, dessen erster Roman aus gewundenen, häufig in indirekter Rede wieder gegebenen Sätzen, zumeist im Konjunktiv gehalten, bestand, weswegen er für Bewunderer als der legitime Nachfolger eines großen österreichischen Schriftstellers, dessen Romane auch aus gewundenen, häufig in indirekter Rede wieder gegebenen Sätzen, zumeist im Konjunktiv gehalten, bestanden, für Kritiker hingegen als Epigone eben jenes österreichischen Schriftstellers gilt, seinen zweiten Roman veröffentlicht, der nicht mehr in der Wetterau, sondern in dem kleinen Südtiroler Ort Klausen, der dem Buch auch seinen Titel gibt, spielt.
Auf Einladung der Bindernagel'schen Buchhandlung las Andreas Maier im Bibliothekszentrum Klosterbau in Friedberg in der Wetterau aus Klausen, wo aus einem Wust von Gerüchten, Verdächtigungen und Bezichtigungen, ausgesprochen auf Plätzen, in Kneipen, in Klausener Wohnstuben, plötzlich Gewalt entsteht, die möglicherweise politisch motiviert ist und unter Umständen von einem jungen Klausener namens Josef Gasser ausgeht, der gleich in der Anfangsszene ein deutsches Touristenehepaar im Unterwirt zu Feldthurns gegen deren eigentlichen Willen dazu bringt, einen sauren Kalbskopf zu essen und sich als "Ingenieur des Elektrizitätswerks am Latzfonser Kreuz" ausgibt, obwohl es am Latzfonser Kreuz zwar ein Gipfelkreuz, keinesfalls aber ein Elektrizitätswerk gibt. Vom Schustersohn Gasser wird später erzählt werden, er habe stets ein besonderes Interesse "an allem, was die italienische Wirtschaft betreffe" gehabt; Gasser habe "von Anfang an den Staat ökonomisch betrachtet".
Ob der junge Mann, der sich im Unterwirt als "Ingenieur des Elektrizitätswerks am Latzfonser Kreuz" ausgegeben hat, überhaupt Gasser gewesen ist, ist auch im Nachhinein nicht eindeutig feststellbar, jedoch auch nicht wichtig, weil bei Andreas Maier das gesprochene Wort den Dingen die Bedeutung aufzwingt; was gesagt wird, wird zur öffentlichen Meinung und also wahr, wenn es nur genug Menschen gibt, die dasselbe sagen, "deshalb nehmen sich diese Nachrichten von Mund zu Mund immer großartiger aus, am Ende ähneln sie einem spektakulären Feuerwerk". So auch bei der Erstürmung der von mutmaßlich gewalttätigen Asylbewerbern bewohnten Brixener Ploderburg, deren eigentlichen Grund im Nachhinein niemand mehr genau rekonstruieren konnte, die Klausener Bevölkerung jedoch endgültig in zwei, drei, vier oder gar fünf aufgeheizte Lager spaltete. Gerüchte sagen, dass die Gemeinde Klausen mit der Ausschöpfung des touristischen Potenzials von Andreas Maiers großartigem Roman Schwierigkeiten habe.
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3.)
Klausen.
Roman von Andreas
Maier (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Berthold Knoche, Braunfels/Hessen für Amazon.de,
1.04.2007:
Damit war es geschehen. Klausen war nun ein Tatort.
Andreas Maier (*1.9.67) ist ein
deutscher Schriftsteller, der über Thomas Bernhard promoviert hat (ihr erinnert
euch sicher noch an 'Holzfällen' und 'Der Untergeher' aus einem der letzten
Blogs) und seine Romane erinnern im Stil und Ton auch sehr an eben Bernhard.
Ich hab bisher Wäldchestag, Kirillow und eben jetzt Klausen gelesen. Er nimmt
sich immer ein relativ unbedeutendes Ereignis und beleuchtet das aus allen
Seiten. Er erzählt im Stil einer Reportage oder eines Berichtes, der mündlich
erzählt wird. Später beim Textbeispiel wird es vielleicht klarer.
Klausen ist ein kleiner Ort in Südtirol, an dem eine 'Tat' begannen wird, die
eher unbedeutend ist oder zumindest nur lokale Bedeutung hat, und die im
Zusammenhang mit der durch das Eisacktal verlaufenden Brennerautobahn steht.
Maier stellt uns die gesamte lokale Prominenz vor, alles Menschen wie du und
ich, also bei Licht betrachtet alles schräge Gestalten, mit Profilneurosen,
Alkoholproblemen, ungelösten Sinnfragen, Alltagsproblemen und so weiter. Er
begleitet diese Klausener ein paar Tage lang und berichtet uns. Dies, wie bei
Maier (und auch bei Bernhard) üblich, in fast nur einem Absatz, fast ohne wörtliche
Rede, aber nicht, wie manche (Amazon)-Rezensenten geschrieben haben, komplett im
Konjunktiv, sondern nur da, wo es grammatikalisch richtig ist, in der Indirekten
Rede, beispielsweise.
Textbeispiel gewünscht? Da:
Der Unterwirt in Feldthurns konnte später niemandem mehr sagen, ob es sich bei
seinem Gast mit eindeutiger Sicherheit um Josph Gassner gehandelt hatte oder
nicht, Er erzählte, dieser junge Mann habe sich einen sauren Kalbskopf und
einen Viertel Roten bestellt, er, der Unterwirt, habe sich das deshalb gemerkt,
weil der Gast lediglich ein Glas Wein getrunken, aber den Kalbskopf überhaupt
nicht angerührt, sondern blos prüfend angestarrt habe, auf eine sehr auffällige
und absonderliche Weise, so dass er , der Wirt, gefragt habe, ob denn etwas mit
dem Kalbskopf sei. Der Mann habe diese Frage jedoch überhaupt nicht beachtet,
sondern einen Schnaps bestellt und begonnen, seinerseits nach ganz verschiedenen
Sachen zu fragen. Er wirkte dabei dem Wirt zufolge einerseits aufgeräumt,
andererseits aber seltsam interessiert. Der Unterwirt erzählte, dass er im
Feldthurner Kulturverein sei, daß er dort den Vorsitz innehabe, daß das
Schloss Feldthurn eine einzigartige Sehenswürdigkeit sei, daß Feldthurns überdies
ein Schwimmbad besitze, und er erzählte alles das allein aus dem Grund heraus,
weil der Gast beim Zuhören in immer größere Begeisterung kam.
Ja, so geht das weiter. Gut 200 Seiten, großer Spaß. Unbedingt lesen.
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Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © Amazon.de I Berthold Knoche