Klasse Burschen von Josef Haslinger, 2001, S. FischerKlasse Burschen.
Essays von Josef Haslinger (2001, S. Fischer).
Besprechung von Uwe Schütte aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Hinter dem Horizont
Josef Haslingers kritische Essays "Klasse Burschen"

Felix Austria! Deutschen Intellektuellen scheint in letzter Zeit zur schönen neuen Welt der Schröder-Republik auf dem Dritten Weg in den Neoliberalismus kaum noch etwas substanziell Kritisches einzufallen. Anders in Österreich. Dort hat sich seit Mitte der achtziger Jahre eine neue Generation von Intellektuellen zu Wort gemeldet, die angesichts von Waldheim und Haider in der Tat das "bessere Österreich" symbolisieren. An erster Stelle zu erwähnen sind hier die Schriftsteller Gerhard Roth, Robert Menasse und Josef Haslinger. Genannt werden müssen aber auch Karl-Markus Gauss, der Herausgeber der Salzburger Zeitschrift Literatur & Kritik, der Philosoph Konrad Paul Liessmann und Armin Thurnher vom Wiener Stadtmagazin Falter.

Die Interventionen von Roth und Menasse betreffen vornehmlich die österreichische Tagespolitik und richten sich an ein einheimisches Publikum. Haslingers essayistische Tätigkeit hingegen überschreitet oft den austriakischen Horizont. Und sie hat eher deutsche Leser zum Adressaten. Dass diese ihn wahrnehmen, verdankt er nicht zuletzt dem enormen Erfolg seines Thrillers Opernball (1995), dem letztes Jahr der eher enttäuschende Roman Vaterspiel nachfolgte.

Klasse Burschen ist der mittlerweile vierte Essayband Haslingers. Den Beginn machte Das Elend Amerikas, wo er ein ausgewogenes Bild von Gesellschaft und Politik der Supermacht zeichnete, das sich wohltuend vom unkritischen Amerikabild vieler österreichischer Autoren abhob. Mit Politik der Gefühle (1987) lieferte Haslinger einen präzisen Kommentar zur Waldheimaffäre, der auch die historischen Verfehlungen der österreichischen Sozialdemokratie klar zur Sprache brachte, während er in Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm (1996) unter anderem Fragen wie der nach dem politischen Stellenwert populärer Kultur nachging.

Sein neuer Band Klasse Burschen versammelt Texte aus den vergangenen acht Jahren und zieht eine Summe seiner bisherigen Themen. Im Zentrum steht selbstredend das Phänomen Jörg Haider, wobei es Haslinger weniger um die Person als um die strukturellen und historischen Gründe für den Aufschwung des Rechtspopulismus in Österreich geht.

Anders als die meisten Kommentatoren sucht er dessen Ursachen nicht primär in dem nach dem Zweiten Weltkrieg installierten Proporzsystem der Sozialpartnerschaft, sondern geht noch weiter zurück. Kenntnisreich erläutert Haslinger die spezifische Situation der Ersten Republik, die 1934 in den Bürgerkrieg mündete, "der nie geheilten historischen Wunde Österreichs". Nicht nur die Verdrängung der Mitschuld am Nationalsozialismus, auch das beharrliche Schweigen über den Bürgerkrieg, so Haslinger, machte Haider möglich.

Verständlicher wird die Eigenart von Haiders Politik vor allem durch Kontrastierung mit anderen Politikern. Statt dem so voreiligen wie fehlleitenden Vergleich mit Hitler verweist Haslinger etwa auf dessen Vorläufer Karl Lueger, den antisemitischen Wiener Bürgermeister der Jahrhundertwende. Haider, das ist mediale Manipulation und politischer Opportunismus.

Wie die von ihm so virtuos beherrschten Strategien der Demagogie funktionieren, demonstriert Haslingers Analyse der Wahlkampfveranstaltung eines anderen Rechtspopulisten des 21. Jahrhunderts: George W. Bush. Der erhielt seine Stimmen nämlich nicht zuletzt von Angehörigen ethnischer Minderheiten. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, macht Haslinger deutlich, sind kein unvermeidbares Übel multikultureller Länder, sondern bewusst geschürte Ressentiments.

Erhellendes hat Haslinger auch zum Thema Europa anzumerken. Er erinnert, aus österreichischer Perspektive, an die machtpolitische Realität hinter der Europäischen Union, die herzlich wenig mit dem hehren Europagedanken zu tun hat, den deutsche Intellektuelle in der Regel schuldbewusst propagieren. Die EU ist, laut Haslinger, "in Wirklichkeit kein großer politischer oder kultureller Traum, sondern ein ökonomisches und sicherheitspolitisches Kalkül. Ein Zusammenschluss zur Wahrung oder Erlangung eigener Vorteile." Letztendlich eine Form transnationalen Nationalismus' also.

Vornehmlichste Aufgabe und wirksamste Funktion eines Intellektuellen ist es, gerade die offensichtlichen Widersprüche in Politik und Gesellschaft aufzudecken. So erinnert Haslinger etwa daran, dass derselbe Bill Clinton, der Milosevic durch die Bombardierung der serbischen Zivilbevölkerung zu stürzen versuchte, sich nach dem Amoklauf zweier Schüler in Littleton, Colorado, mit der Botschaft an die Kinder Amerikas wandte, dass Gewalt kein Weg sei, um Konflikte zu lösen.

"Mir kamen fast die Tränen", kommentiert Haslinger diesen Aufruf zum Gewaltverzicht. Den Lesern von Klasse Burschen hingegen werden bei der Lektüre nicht selten Augenblicke der Erleuchtung kommen.

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