Klaras NEIN von Soazig Aaron, 2004, Friedenauer Presse1.) - 5.)

Klaras NEIN.
Tagebuch-Erzählung von Soazig Aaron (2004, Friedenauer Presse - Übertragung Grete Osterwald, mit einem Nachwort von Jorge Semprun).
Besprechung von Barbara Heber-Schärer aus der Wochenzeitung, Zürich, 15.1.2004:

Klaras NEIN
Die Unmöglichkeit zu entkommen

In ihrem überzeugenden Romandebüt hält die Französin Soazig Aaron die Erinnerung an die Schoah mit fiktiven Mitteln wach — ein Versuch, die Auswirkungen des Verbrechens zu verstehen.

Er habe seit langem, schreibt Jorge Semprun im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Soazig Aarons «Klaras NEIN», auf diesen Roman gewartet - darauf, dass die Fiktion, «kühn und bescheiden», jenes konkrete Gedächtnis an die Erfahrung der Vernichtungslager übernimmt und wach erhält, das mit dem Tod der letzten Überlebenden zu verschwinden und musealisiert zu werden droht. Kühn, weil die Fiktion sich über die aus guten Gründen bestehende Scheu hinwegsetzen muss, die Schoah zum literarischen Stoff zu machen; bescheiden, weil sie das nur wagen kann und darf, wenn sie sich an die historische Wahrscheinlichkeit hält - sofern man in diesem Zusammenhang, wo das Unwahrscheinlichste, das Unvorstellbarste Wirklichkeit war, von Wahrscheinlichkeit sprechen kann.

Soazig Aaron, Französin, Jahrgang 1949, scheint alles gelesen zu haben, was an Berichten, Untersuchungen und Reflexionen zur Schoah erschienen ist. In diesem, ihrem ersten Buch sind viele dieser Stimmen zu hören und - im Sinn Paul Celans - antwortet es ihnen. Vor allem dem bestürzenden Satz von Marguerite Duras in «Der Schmerz», in dem sie über die Rückkehr ihres Gefährten Robert Antelme aus Buchenwald berichtet: «Wenn dieses Naziverbrechen nicht auf der Kollektivebene verstanden wird, dann ist der Mensch der Konzentrationslager (...) verraten worden. (...) Die einzige Antwort, die sich auf das Naziverbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen.» Dies ganz und gar nicht im Sinne von Vergebung oder gar Gnade für die Täter, sondern um sich der Tatsache zu stellen, dass es als Menschenmögliches in der Welt ist und bleibt, so sehr wir es auch auf ein bestimmtes System, eine bestimmte Nation zu begrenzen, zu historisieren oder, in Duras' Worten, zu «regionalisieren» versuchen. Im Mittelpunkt von Soazig Aarons Buch steht das Verbrechen, und das bewahrt «Klaras NEIN» vor dem Abgleiten in hilfloses Pathos oder, schlimmer noch, in die Sentimentalisierung.

Wie Duras hat auch Aaron die Tagebuchform gewählt - allerdings kann sie als «Nachgeborene», die bewusst und erkennbar eine Fiktion schreibt, tatsächlich wählen; und sie schlägt einen distanzierteren - gelegentlich auch scheinbar leichten - Ton an. Sie lässt Angelika, die Freundin und Schwägerin Klaras, Tagebuch führen: «Sonntag, 29. Juli 1945 - Klara ist zurückgekehrt. So, da steht es, geschrieben. Ich muss es schreiben, damit es wirklicher wird und um daran zu glauben.» Doch trotz der Tagebuchform ist das Buch vielstimmig: Angelika notiert vor allem Gespräche, mit ihrem Mann, mit Freundinnen und Freunden - und mit Klara, Deutsche, Jüdin, aus Berlin nach Paris emigriert, nach drei Jahren aus Auschwitz zurückgekehrt (sie sagt Oswieczim, sie weigert sich, den Namen zu verwenden, «den die Deutschen dafür erfunden haben»), die nach und nach zu reden beginnt: Bruchstücke, Momentaufnahmen, Ausschnitte.

In dieser ausserordentlich klug angelegten Struktur, in der ständigen Reibung zwischen dem trotz Krieg und Besatzung halbwegs normal gebliebenen Leben Angelikas und ihrer Freunde - auch dem der Nachgeborenen, dem unseren -, zwischen ihrem Wunsch nach Rückkehr zur Normalität und der Unmöglichkeit einer solchen Rückkehr für Klara - und angesichts ihrer Erfahrungen auch für die anderen, für uns -, gewinnt das Buch seinen ganz eigenen Raum und seine Kraft. In diesem Wechsel ist die Kluft, die Wunde, die Frage ständig gegenwärtig. Doch sie muss offen bleiben, nicht weil es keine Antworten auf das Warum der Lager gäbe, sondern vielleicht weil die Frage nicht mehr gestellt, in Worte gefasst werden kann. Aber das Buch macht es sich nicht einfach, es stellt die Fragen, es tastet sich vor. Klara sagt, was zu sagen ist: über das Schuldgefühl, die Schuld (wessen?), noch am Leben zu sein; über die absolute Sinnlosigkeit; über die Unzulänglichkeit der Philosophie, des Glaubens; über die des Rechts, das die Barbarei zum Gesetz erhoben hat; über die Unmöglichkeit, dem zu entkommen. Angelika widerspricht - und diese Seiten sind von einer Offenheit, die bestürzend ist, weil sie befreit, zumindest ein Stück weit.

Man hat dem Buch in Frankreich hie und da seine «Negativität» vorgeworfen, Klaras «NEIN» zu allem, sogar zu ihrer vierjährigen Tochter, die sie nicht wiedersehen, nicht zu sich nehmen will - «ich schmecke nach Tod, ich stinke nach Tod, für lange noch, vielleicht für immer» - und der man sagen soll, ihre Mutter sei in Auschwitz gestorben, damit sie nicht verlassen wird, nicht erlebt, was kein Kind unbeschadet übersteht («Wir hatten eine glückliche Kindheit. Warum nicht sie?»). Das ist das Erste, was Klara sagt: «Che ne feux pas» - ich will nicht -, mit ihrem harten deutschen Akzent. Doch ist dieses Nein des Protests, des Aufbegehrens, des Widerstands nicht die unabdingbare Voraussetzung jeder Antwort auf dieses Verbrechen wie auf alle anderen? Ist es nicht die Fähigkeit, Nein zu sagen, Nein zu denken, was den Menschen ausmacht? Es sei hier nur daran erinnert, dass Sigmund Freud in der Verneinung die Basis der menschlichen Vernunft, die «Unabhängigkeit (...) vom Zwang des Lustprinzips» gesehen hat.

Gerade in diesem Nein, weil es dem Verbrechen dieses unbedingte und konkrete Nein entgegensetzt, ist dieses Buch «positiv». Es verwehrt sich auch gegen die Flucht in den Nihilismus. Und in dem Prozess, den Klaras Freunde durchmachen, in diesem Versuch, zu verstehen und sich mit Klara zu verständigen, der - und unter welch glücklichen Umständen verschweigt das Buch nicht - ansatzweise gelingt, eröffnet es auch eine Perspektive, ohne einen Hauch von Erbaulichkeit. Das Buch endet mit dem merkwürdigen Satz: «Klara wie eine Baustelle.» Das ist, ohne die Bitterkeit irgendwie zu beschönigen, eine Einladung. In der Tat ist dieses Buch ein Geschenk, eins der wichtigsten Bücher der letzten Jahre: Man könnte sich kaum eine bessere, kundigere, warmherzigere, mutigere Begleiterin auf dieser «Baustelle» wünschen - bei dem Versuch, die Auswirkungen dieses Verbrechens zu verstehen - als Angelika mit ihren Abwehrreaktionen, ihrem Zögern, Entsetzen, und mit ihrem Mut und ihrer Nüchternheit.

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Klaras NEIN von Soazig Aaron, 2004, Friedenauer Presse2.)

Klaras NEIN.
Tagebuch-Erzählung von Soazig Aaron (2004, Friedenauer Presse - Übertragung Grete Osterwald, mit einem Nachwort von Jorge Semprun).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 3.02.2004:

Im Namen der Wolken
Soazig Aaron erfindet Fragmente der Wirklichkeit

Darf man Auschwitz erfinden? Wenn Auschwitz im Medium der Literatur gefunden werden soll, dann muss es wohl durch jene «Phantasie für die Wahrheit des Realen» (Goethe) noch einmal entstehen. Dass Auschwitz damit eine Frage der Artistik wird, ist prekär wie notwendig, soll es als ein furchtbarer Kontinent der Erfahrung im kollektiven Gedächtnis überdauern. Alles Faktische, was «Klaras NEIN» thematisiert, ist bekannt. Ist es deshalb vorstellbar? Mit seismographischer Sensibilität für psychische Vorgänge beschreibt Soazig Aaron die ersten Wochen des Aufeinandertreffens der Auschwitz-Überlebenden Klara mit ihrer alten Freundin und Schwägerin Lika in Paris. Beide sind siebenundzwanzig Jahre alt.

Sonntag, 29. Juli 1945 Klara ist zurückgekehrt. So, da steht es, geschrieben. Ich muss es schreiben, damit es wirklicher wird und um daran zu glauben. Seit drei Tagen gibt es nichts mehr, dessen ich mir sicher bin. Klara ist zurückgekehrt. Das Nein und der Name Klaras nicht mehr erhofftes Auftauchen im Hotel Lutétia, einem Auffangort für KZ-Überlebende, zwingt Lika dazu, ein Tagebuch zu beginnen. Klara ist fremd: arrogant, unkultiviert, rücksichtslos, kalt. Sie bezeichnet sich als Tote. Sie will ihr kleines Kind, das sie als Neugeborenes vor drei Jahren verlassen musste, nicht mehr sehen. Lika erfährt das Grauen von Auschwitz als Reflex von Klara. Ihre Aufzeichnungen sind Zustandsprotokolle, Fahrtenschreiber auf dem Weg in eine neu auszulotende gemeinsame Realität. Erst was auf schlechtem Papier «geschrieben steht», lässt Lika an ihre täglichen Erfahrungen «glauben». Die eigene Sprache übernimmt, was die Religion nicht mehr leistet. Sie ist es, die Halt gibt, Sinn stiften kann. Wo aber die Worte, die Namen versagen, bricht die Wirklichkeit ein. Leider ist das wunderbar ambivalente Flimmern des Originaltitels «Le non de Klara» in keine deutsche Übersetzung zu bringen. Im Französischen klingen «non» und «nom» gleich. So ist Klaras Nein auch Klaras Name. Klara Schwarz-Roth erscheint als Sarah Adler in den Aufnahmelisten des «Lutétia». Warum, erfahren wir auf der letzten Seite des Buchs. Immer wieder wird es um richtige und falsche Namen gehen. Indem Lika Klara bei ihrem alten Namen ruft und auffordert zu erzählen, versucht sie, die Freundin in die Kontinuität ihrer Biografie zurückzuholen.

Das Projekt «Normalität» nach Auschwitz beginnt. Beide werden es auf verschiedene Weise lösen. Nach sechs Wochen bleiben ein Tagebuch und ein Abschied. Klara fliegt nach Amerika, wo sie, bepackt mit all ihren teuren Kameras, für immer untertauchen möchte. Ihrem Kind solle man sagen, seine Mutter sei in Auschwitz umgekommen. Immer täuscht der Augenschein. Immer ist das falsch, was wir uns leicht vorstellen können. Die Dramaturgie des Textes führt kalkuliert in die Irre. Zielsicher steuert sie auf Szenen zu, die verkehrt werden in etwas anderes. Im Hotel Lutétia steht Lika vor einem jungen ausgemergelten Mann, der einen kleinen roten Koffer zwischen den Beinen hält. Neben ihm liegt ein Hund auf dem Boden. Aber der junge Mann ist Klara, der Hund ist ein zerknüllter Mantel. Und der kleine rote Koffer, der an ein Spielzeug erinnert, enthält einen Revolver, mit dem Klara zwei Menschen erschossen hat. Denn Klara kommt nicht direkt aus dem Konzentrationslager. Erst langsam wird sich aufklären, was zwischen Auschwitz und Paris war. Fremdheit Die absolute Einsamkeit Klaras prallt auf das enge Gefüge ihrer kultivierten, verständnisvollen Pariser Freunde: da sind der Arzt Alban, Likas Mann, und seine Eltern; die Architektin Agnes, die im Juli 1942 das Neugeborene von Klara zu sich nahm und zusammen mit ihrem Sohn stillte; Agnes' Eltern mit dem grossen Garten, die zuletzt mit Gemüse und «Rasenkartoffeln» alle über den Krieg brachten und sich um die beiden Kleinen kümmerten. In dieses grossbürgerliche Ambiente, das den Hauch von Sommerfrische und Klavieretüden nie verloren hat, dringt Klara nun ein wie Gift.

Und es ist, als ob Lika in der behutsamen, zerbrechlichen Sprache ihres Tagebuchs Klärschlamm auf Sèvresporzellan reichte. Im Lager hatte Klara drei Freundinnen, eine Fotografin aus Prag, eine Krankenschwester aus Krakau und eine Jurastudentin aus Linz. Sie beschlossen, «den fünfundvierzig Sorten Wolken in den fünf Sprachen, die sie sprachen, einen Namen zu geben». Die Wolken hiessen «. . . KOHLE DECKE PHENOL WOLLE FLIEGE BAD RATTE SCHNAUZER ZAHN OFEN FLOH GESCHREI SCHÄDEL AMERIKA STACHELDRAHT.» Mit der Repetition und der Variation der Namen der Wolken lenkten sie sich von den Schlägen ab. Nach ihrer Befreiung war Klara vagabundierend, stehlend, lügend zunächst nach Prag, Krakau und Linz geflohen. Sie wollte unter den Himmeln dieser Städte stehen, um die toten Freundinnen zu begraben (die Jüngste, Todkranke, hatte Klara auf deren Flehen hin erwürgt): Ich habe den Himmel über Kraków, über Praha, über Linz betrachtet und dabei an sie gedacht. Drei Beerdigungen, die ich ganz allein gefeiert habe . . . ihr Gedenken in meinen Gedanken war ihr Sarg . . . ich bewahre ihre Namen, und ich bin ihr Grabmal . . . so ist das. Es sind die verschwiegenen Namen, mit denen die Toten in ihr leben, und es kann später in Berlin, in der alten Wohnung der ermordeten Mutter, der falsche Namen «Sarah» sein, mit dem zwei brave Nazis sie besänftigend ansprechen, der die Sicherung ihres Revolvers löst.

Vermutlich muss Likas Tagebuch vom Ende her nochmals gelesen werden. Der Text täuscht, weil sich Lika täuscht. Nach Auschwitz ist die Vernunft eine andere. Und die Wörter und Namen sind «oben» in den Pariser Strassen nicht so einfach zu entschlüsseln, wenn sie von «da unten» kommen, aus dem «Bereich des Nein und mehr». Klara möchte ihr Kind nicht mehr sehen, weil sie weiss, dass sie «vermint» ist, unberechenbar, krank. Instinkthaft spürt sie, dass seine Kindheit nicht ihre Therapie werden kann. Der Text verweigert das Eindeutige. Die Figuren bleiben im Halbschatten ihrer Unsicherheit. Soazig Aaron hat Fragmente der Wirklichkeit nach Auschwitz erfunden, aber sie hat dabei auf wunderbare Weise das Suchen nach ihrer Wahrheit miterzählt.

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Klaras NEIN von Soazig Aaron, 2004, Friedenauer Presse3.)

Klaras NEIN.
Tagebuch-Erzählung von Soazig Aaron (2004, Friedenauer Presse - Übertragung Grete Osterwald, mit einem Nachwort von Jorge Semprun).
Besprechung von Ruth Spietschka in der Frankfurter Rundschau, 11.2.2004:

Das Name und das Nein
Soazig Aarons fiktives Auschwitz

Eine junge Mutter kehrt im Sommer 1945 aus Auschwitz für wenige Wochen nach Paris zurück - und weigert sich kategorisch, ihre kurz vor der Deportation geborene Tochter wiederzusehen. Man soll ihr später einmal sagen, ihre Mutter sei in Auschwitz umgekommen. Klara, eine aus Frankreich deportierte deutsche Jüdin, ist kaum wiederzuerkennen, weder äußerlich noch in ihrer Persönlichkeit: "Sie könnte ein sechszehnjähriger Knabe, eine Frau von vierzig oder wer weiß was sein"; ihre Stimme ist rau, ihr Lachen gerinnt zu einem "seltsamen Gurgeln", quasi "ein Kehlkopf, der sich erinnert"; die ehemals "sanfte Klara" erscheint gehässig, hämisch und voller "seelenruhiger Arroganz". "Klara ist zurückgekehrt, aber uns nicht zurückgegeben. Klara ist zurückgekehrt, aber nicht zu uns", notiert ihre Schwägerin und Freundin (Ange)Lika, die sich seit 1941 Solange Blanc nennt.

Mit Soazig Aarons Klaras Nein lesen wir Likas Tagebuch aus dem Sommer 1945. Obwohl durch die Form des Tagebuchs das Erinnerungs- zum Konstruktionsprinzip erhoben wird, schlägt man mit Klaras Nein nicht ein weiteres Kapitel in der endlosen Geschichte der Erinnerungsliteratur auf: Das Buch ist kein Zeugnis, sondern Fiktion. Und anders als das Pseudonym Soazig Aaron suggeriert, sollen weder die 1949 geborene französische Autorin noch ihre Familie persönliche Erfahrungen mit dem Holocaust verbinden. Das Buch beginnt, wo ein Großteil der Erinnerungsliteratur endet: mit der Rückkehr aus dem KZ.

Es geht weniger um eine Rekonstruktion dessen, was im Lager geschehen ist, als um das, was diese Ereignisse aus den Überlebenden gemacht haben. Vor allem aber öffnet sich ein Blick von außen auf die Überlebenden. Wenn Lika Klara beobachtet und notiert, was ihr auffällt, was Klara sagt und wie sie es sagt, dann stehen dahinter immer wiederkehrende Fragen: Wie lässt sich das Unsagbare und Unaussprechliche mitteilen? Wie lässt sich etwas Unvorstellbares und Unbegreifliches glauben? Lika "muss es schreiben, damit es wirklicher wird und um daran zu glauben". Und Soazig Aaron gewinnt - jenseits aktueller Authentizitätsdebatten - Überzeugungskraft durch literarische Verdichtung, ohne je platt zu werden oder in Kitsch abzurutschen.

Mutterschaft und Wahnsinn

Durch ihr Buch zieht sich ein eng geknüpftes, aber unaufdringliches Netz der Bezüge aus vielfältigen Spiegelungen, Bildern und Leitmotiven wie dem Neinsagen, dem Lachen und Weinen, Mutterschaft und Wahnsinn. Am greifbarsten wird das Netz der Bezüge in den sprechenden Namen der Figuren und der Rolle, die diese Namen in der Erzählung spielen. Manche Namen werden beschworen, andere verschwiegen. Die Protagonisten heißen Rot und Schwarz, Blanc, Legris und Leroux. Klara nannte ihre Tochter Véra: "Ich hatte gesagt, wer leben wird, wird sehen, qui vivra verra."

Zehn Tage nach Klaras Deportation ändern ihre Freunde diesen Namen zum Schutz des kleinen Mädchens, das jetzt Victoire heißt: Wer leben wird, wird siegen. Namen können Leben retten, aber auch den Tod bringen. Nachdem sich ihr Vater Ulrich Adler aus Karrieregründen von seiner jüdischen Frau hatte scheiden lassen, nahm Klara den Familiennamen ihrer Mutter an und weigerte sich fortan hartnäckig, ihn zu ändern - eine Treue, für die sie mit dem KZ bezahlt. Uli nennt sie trotzdem den kleinen Jungen, um den sie sich in den letzten Monaten in Auschwitz kümmert und dessen unerklärlicher plötzlicher Tod sie dazu bringt, Nein zu ihrer Tochter zu sagen - ein, wie sich zeigt, wohlüberlegtes Nein, das das Bild der instinkt- und gefühllosen Mutter konterkariert: Ulis "totales Nein, eines, das kein Ja zu etwas anderem ist", lässt Klara "von diesem Kind verwaist" zurück. Diese Erfahrung will sie der eigenen Tochter ersparen: "Ein Kind stirbt, wenn es verlassen wird."

Zurück im zerstörten Berlin trifft Klara auf ehemalige Nachbarn ihrer Mutter, die sich deren Wohnung und Besitz verschafft haben; der Mann spricht Klara schließlich gedankenlos mit dem Namen Sarah an - mit jenem zusätzlichen Vornamen, den die Nazis seit 1938 allen Jüdinnen per Verfügung verpassten, bevor sie sie im KZ zur bloßen Nummer machten; der Name Sarah löst die Sicherung von Klaras Revolver, die angesichts von Dummheit, Egoismus und Scheinheiligkeit Selbstjustiz übt. Im Titel des französischen Originals Le non de Klara klingt diese Bedeutung der Namen bereits an: le non - das Nein und le nom - der Name sind im Französischen Homonyme.

Wenn Klara und ihre Freundinnen in Auschwitz mit den Augen fotografieren und diese Bilder entwickeln, indem sie sie sich gegenseitig erzählen; wenn die Freundinnen den verschiedenen Wolkenarten eigene Namen geben und diese Namen einem Gebet gleich immer wieder aufsagen, sobald es gilt, Schläge, Schmerzen und andere Qualen auszuhalten - dann werden Phantasie und Poesie zu Mitteln des Überlebens.

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Klaras NEIN von Soazig Aaron, 2004, Friedenauer Presse4.)

Klaras NEIN.
Tagebuch-Erzählung von Soazig Aaron (2004, Friedenauer Presse - Übertragung Grete Osterwald, mit einem Nachwort von Jorge Semprun).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

Klaras Nein

Es klingt schier unmöglich: Eine 1949 geborene Autorin schreibt über Auschwitz-Erfahrungen. Soazig Aaron versucht dies in ihrer Debut-Erzählung, und sie tut es in sehr behutsamer und indirekter Weise.
Klara kehrt von Auschwitz zurück, ihre Pariser Freundin berichtet von den Gesprächen mit ihr in einer Art Tagebuch. Stockend, oft scheinbar emotionslos erzählt Klara, wie sie in Auschwitz nach und nach erst ihre Freundinnen, dann ein verstörtes Waisenkind, schließlich ihr Lachen und ihre Tränen verlor. Ihre Freundin notiert und lernt von Klara, die allmählich von dem Arzt Alban körperlich wieder aufgepäppelt wird, wie es ist, ganz unten angelangt zu sein und wiederkehren zu müssen - auf ihrem Weg von Auschwitz über Berlin nach Paris beging Klara zwei Morde. Nun verweigert Klara sich einem normalen Leben, vor allem aber, ihr Kind wiederzusehen. Paris bleibt nur eine Zwischenstation beim Verlassen Europas.
Die indirekte, knappe und lakonische Erzählweise macht die Figur Klaras überzeugend - über literarische Kritik ist "Klaras Nein" ohne Zweifel erhaben. Jorge Semprun schreibt im Vorwort von seiner Furcht, dass mit dem Tod des letzten Auschwitz-Überlebenden "die Vernichtung kein Erlebnis (mehr) sein (werde), dessen existentieller Inhalt und subjektive Eigenheit bisher durch schriftliche oder mündliche Zeugnisse übermittelt worden sind." Die kollektive Erinnerung verändere sich also, es sei denn, eine neue Generation von Autoren schaffe Werke, "kühn in der Erfindung oder der getreuen Rekonstruktion der Wahrheit; bescheiden in der peinlichen Beachtung des Wahrscheinlichen; Werke, die es wagen, sich dieser erschütternden Herausforderung zu stellen."
Diese Anmerkungen gelten uneingeschränkt für "Klaras Nein." Zu fragen bleibt, ob die Generationen, die andererseits den Begriff "Moralkeule" in Zusammenhang mit Auschwitz in den Mund nehmen, durch solche nicht-authentischen Erzählungen den Holocaust doch fiktionalisieren und damit der historischen Realität entheben.

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Klaras NEIN von Soazig Aaron, 2004, Friedenauer Presse5.)

Klaras NEIN.
Tagebuch-Erzählung von Soazig Aaron (2004, Friedenauer Presse - Übertragung Grete Osterwald, mit einem Nachwort von Jorge Semprun).
Besprechung von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 7.10.2004:

Seelentod in Auschwitz
Geschwister-Scholl-Preis für Soazig Aaron

Diesmal kein Tatsachenbericht, keine wissenschaftliche Abhandlung, keine streng historische Spurensuche und auch nichts aus dem eigenen Erleben. Mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2004 des Bayerischen Verlegerverbandes und der Stadt München wird eine fiktive Geschichte ausgezeichnet. Sozusagen ein Stück Kunst, nacherfunden aus diversen Berichten realer Vorkommnisse, die die unerhörten Verwerfungen der Seele zum Thema haben.

In welcher Weise haben die Konzentrationslager die Psyche jener Menschen verändert, die der Hölle lebend entkommen sind? Darüber hat sich die gelernte Buchhändlerin Soazig Aaron, 1949 im französischen Rennes geboren und auch heute noch in der Bretagne lebend, in ihrem ersten Buch, "Klaras Nein", literarisch Gedanken gemacht.

Eine fiktive Geschichte wurde ausgezeichnet

Es ist dies die Geschichte einer Heimkehr, die keine ist. Paris im Juli 1945. Die Jüdin Klara ist nach 29 Monaten Auschwitz zurückgekehrt nach Frankreich. Aber sie meldet sich nicht bei ihren Freunden, sie verharrt in der Sammelstation, dem Hotel Lutétia - bis sie, eher zufällig, von Angelika dort entdeckt wird. Die Freundin holt Klara zu sich und ihrem Mann nach Hause. Vor allem aber heim zu Klaras kleiner Tochter. Die hatte sie vor ihrer Verhaftung noch rasch in die sichere Obhut des befreundeten Ehepaares gegeben.

Um das Leben des jüdischen Kindes zu schützen, haben Angelika und ihr Mann das Baby adoptiert. Nun versuchen sie mit aller Vorsicht, großer Rücksicht, mit Liebe und Taktgefühl, Klara langsam ins "normale" Leben zurückzuholen. Und ihr vor allem zu helfen, die Mutterschaft zu akzeptieren, das Mädchen als ihre Tochter zu empfinden, sich zuständig für sie zu fühlen.

Die Aktualität besteht auch heute

Ein schwerer Kampf, den alle Beteiligten hier zu kämpfen haben - und den sie verlieren. Denn Klara kann nicht mehr an das Leben anknüpfen, das sie vor Auschwitz lebte. Sie verweigert sich allen und allem, auch der Liebe. Überleben wird sie vielleicht nur können, indem sie die Menschen, die sie lieben und die sie einst liebte, verlässt - und in Amerika ganz allein und ganz neu als eine ganz andere von vorn anzufangen versucht.

Der innere Prozess der Klara Adler, die quälende Wandlung dieser jungen Frau werden in dem Buch durch die "Brille" der Freundin Angelika dargestellt: durch das Tagebuch, das sie während der Zeit ihres Zusammenseins mit Klara schreibt. Darin sind alle Fragen, Ungereimtheiten, Zweifel fixiert. Und darüber hinaus auch ein bisschen die Geschichte der deutschen Emigranten und der Ré´sistance in Frankreich.

Was das Buch von Soazig Aaron preiswürdig erscheinen lässt, ist auch seine Aktualität: nämlich die Tatsache, dass bis heute Menschen in den Kriegsgebieten der Welt Todesangst, Erniedrigung, Sadismus, Folter durch ihre Peiniger erleiden müssen. Eine Tortur, die die Opfer physisch wie psychisch zu anderen Menschen macht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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