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Kirillow.
Roman von Andreas Maier (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:

Unter der Maske des Narzissmus
Andreas Maiers Roman "Kirillow" ist ein Wahnsinnsbesäufnis mit Todesfolge

Der Grundton in Andreas Maiers neuem Roman Kirillow ist ein nicht abreißendes Bramarbasieren, das verteilt wird auf getrennte, wabernde Milieus: das Milieu der Spießer, des regierenden Bürgertums und deren Sprösslingen, das Milieu der Russlanddeutschen, der Studenten und, im fließenden Übergang, das Protestmilieu der Gorleben-Kämpfer. Wenn es etwas gibt, das die meisten der so unterschiedlichen Figuren verbindet, die Maier hier zusammenführt, dann das Saufen. Äppelwoi, Whiskey, Gin, Wodka, Wein, Sekt, Bier, Grog, egal was, es wird geschlürft, vom frühen Morgen bis in die Nacht. Der Kontrollverlust ist Programm, und wen wundert es, wenn das nicht immer lustig endet.

Andreas Maier, geboren 1967 im hessischen Bad Nauheim, hat nach Wäldchestag (2000) und Klausen (2002) seinen nun dritten Roman erneut dort angesiedelt, wo er sich biographisch auskennt. Die Frankfurter Kneipen und Apfelweinstuben, die Häuser und Wohnungen im Taunus und in den Frankfurter Stadtteilen Ginnheim und Sachsenhausen, die Polizeiwachen und Studentenbuden sind keine Phantasie-Schauplätze, sondern Orte einer Heimat, die Andreas Maier als literarisches Material dient. Von ihrer Idealisierung kann so wenig die Rede sein wie bei Elfriede Jelinek oder Arnold Stadler, um zwei weitere Größen der deutschen Sprache zu nennen, die ihre Heimatrecherchen am Rande des Wahns betreiben. Maiers Literatur ist so getrieben, so obsessiv, dass die Stoßrichtung - Ernst oder Klamauk - kaum zu greifen ist. Man muss also ein bisschen Geduld aufbringen, was allerdings nicht schwer fällt, da das Geschehen etwas geradezu Rasendes hat.

Im Mittelpunkt des Romans steht ein gewisser Julian Nagel, Sohn eines Rechtsanwalts und hessischen Landtagsabgeordneten der CDU aus dem Taunus, ferner dessen Schwester Anja, die die einzige in diesem Buch sein dürfte, die sich und ihr Leben im Griff hat. Anja pflegt die alte Frau Gerber und ist befreundet mit dem Philosophiestudenten Frank Kober aus der Kellerstraße 17 in Frankfurt-Ginnheim, wo Maier den "Prolog in der Hölle" ansiedelt: Hölle des Ressentiments, der geistigen Ödnis, der deutschen Ordnungssucht, der boshaften Spießigkeit, der üblen Nachrede etcetera. "Etcetera", stets ausgeschrieben und kursiv, dient Maier als Chiffre des Geschwätzes.

Julian, Anfang zwanzig, verwöhnt, hübsch, clever, ungeduldig, gefährdet und ein Provokateur von Gnaden, darf die wunderschöne Eva seine Freundin nennen; doch stört es ihn nicht, als sie eines Tages mit dem Russen Anton Händchen haltend am Main entlang flaniert. Nein, Eifersucht kennt dieser Julian nicht; dazu müsste er ja seine Freundin überhaupt erst einmal sehen, lieben, begehren etcetera. Sagen wir es deutlich: Julian ist ein unangenehmer Narziss. Ein Möchtegernweltverbesserer, der aus seiner privilegierten sozialen Position heraus darauf verfällt, jeden brüskieren zu wollen, auch seine Eltern und deren hohe Gäste. Mit den Worten seines (zeitweiligen) Freundes Jobst gesagt: "Schaut ihn euch an, den Pathetiker! Ah, wie er dasteht, eine einzige Geste! Das hat er geübt, tagelang hat er das geübt, diese Geste, ich war selbst dabei, er hat vor dem Spiegel gestanden und das geübt."

Ist es wirklich so einfach? Psychologisch gesehen, ja. Literarisch betrachtet, nein. Das Buch heißt nicht umsonst Kirillow, auf eine Romanfigur aus Dostojewskis Dämonen anspielend. Andrej Kirillow aus dem fernen Chabarowsk, erfahren wir, sei ein Bekannter von Anton Kolakow, der aus unerfindlichen Gründen - aber Gründe zählen hier nicht - zu der Frankfurter Gruppe um Julian, Anja, Eva und Frank gestoßen ist. Kirillow, der nie in Erscheinung tritt, habe ein "Traktat über den Weltzustand" geschrieben, das illustriert sei mit dem berühmten Frontispiz von Thomas Hobbes' Leviathan. Dieses Traktat wird von Jobst ins Netz gestellt, doch von Julian wieder gelöscht.

"Ich habe dieses Traktat nicht gelesen, ich kenne es nicht", sagte spitzbübisch Andreas Maier bei der Buchpräsentation in Frankfurt, und tatsächlich: Auch der Leser erfährt nicht, was darin stehen mag. Klar aber ist: Diese Kids leiden unter dem Zustand der Welt oder bilden es sich zumindest ein. Und dennoch gibt es eine andere Ebene, die über das allgemeine, oft die Peinlichkeitsgrenze passierende Gerede hinausweist: Jene merkwürdigen, des Deutschen kaum mächtigen Russen und Russlanddeutschen, die die Szenerie bevölkern - Olga, Anton, Boris und Mischa - fungieren als literarischer basso continuo, als Dostojewski-Zitat. Nicht nur der Alkoholnebel, der verzweifelte Rausch, ruft ein russisches Lebensgefühl auf, es sind auch die großen Fragen nach dem Sinn des Ganzen, ja nach Gottes Existenz. Immerhin geht es in den Dämonen unter anderem darum, wie sich der Selbstmord zum Glauben beziehungsweise zum Atheismus verhält.

Dass gerade die Gesellschaft, der Staatsleib, mit Hobbes gesprochen, der (nicht nur jugendlichen) Eitelkeit eine glänzende Projektionsfläche bietet, ist wohl eine der Maier'schen Arbeitshypothesen. Den abschließenden winterlichen Ausflug ins Wendland, nach Gorleben, zur jährlichen Demonstration gegen den Castor-Transport, bettet er ebenfalls in ein gigantisches Eitelkeitsprojekt ein; ohne zu vergessen, um was es hinter der Groteske aus Widerstandspicknick, Versöhnungsfolklore, sexuellem Exzess und leichtsinnigem Abenteuerspiel tatsächlich geht: um eine gefährliche Strahlung, vor der sogar die knüppelnden Polizisten Angst haben. (Maier kennt diese norddeutsche Szene aus eigener Anschauung, er war Stipendiat in der Gegend.) Und wieder lässt Julian den Provokateur heraushängen, indem er einen überforderten Polizisten mit der Frage konfrontiert, ob er auf Selbstmordattentäter eigentlich vorbereitet sei, das sei ja doch "die neue Mode".

Angst, Angst, Angst - der Roman hat sehr viel mit ihr zu tun, gerade weil einige Protagonisten erhebliche Talente der Coolness sind. Unter der Maske des Narzissmus brodelt es. Das verzehrende Gefühl der Angst scheint sowohl Julian als auch Frank Kober als auch Jobst in ihrem Tun und Fühlen zu bestimmen, die Männer mehr als die Frauen, die Deutschen mehr als die Russen. An der Oberfläche agiert Maier narzisstische Konkurrenzen aus, etwa zwischen Julian und Jobst, dem letztlich armselig bei seinen Freunden auflaufenden linken Aufschneider, oder zwischen Julian und Frank Kober, dessen ruhige Ausstrahlung täuscht.

Dieser Kober stielt Julian auf einer Party im Hause des Landtagsabgeordneten Nagel, auf der auch der hessische "MP" zugegen ist, die Show, indem er sich in einer eskalierenden Gesprächssituation - die Julian Nagel herbeigeführt hat - den Unterarm mit einem abgebrochenen Glasstil aufschlitzt. Es fließt jede Menge Blut, und der Verdacht steht im Raum, Kober habe sich töten wollen. Julian, von dem es heißt, er sei "sehr katholisch neuerdings", beantwortet die Kränkung gleich mehrfach, zum Beispiel auf einer Frankfurter Polizeiwache, wo er so lange herumpöbelt, bis er in eine Zelle gesperrt wird und dort die Nacht verbringt. Welch ein Triumph, als das Empfangskomitee seiner Freunde ihn am nächsten Morgen begrüßt.

Die Phrasen und Floskeln, die zwischen sämtlichen Protagonisten (mit Ausnahme Anjas und Frau Gerbers) nur so hin- und herschießen, lassen eine Unterscheidung zwischen Schwachsinn und Scharfsinn, zwischen niedrigem Ressentiment und hohem Gefühl nicht zu. Das ist sowohl Problem als auch Methode dieser Art von Volksliteratur: Steht Andreas Maier seinen Figuren nah oder fern? Die im Roman erwähnte Website www.kirillow.de gibt es wirklich, man findet dort neben einem Link zur "Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V." und einem Ausschnitt aus Dostojewskis Dämonen einen Link zum "Gemalten Haus", einer traditionsreichen Apfelweinwirtschaft in der Schweizer Straße in Frankfurt-Sachsenhausen. Dort hat Andreas Maier den Leuten auf's Maul geschaut. Wahrscheinlich gilt: Der Stammtisch ist die ultimative Hölle und die menschlichste Form des Weltzustands zugleich.

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2.)

Kirillow.
Roman von Andreas Maier (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Nico Bleutge in Neue Zürcher Zeitung vom 20.04.2005:

Die kunstvolle Rede wider das sinnlose Gerede
Andreas Maiers paradoxer Roman «Kirillow»

Als der Schriftsteller Andreas Maier im letzten Jahr den Mindener Candide-Preis erhielt, entwarf er in seiner Dankesrede ein kleines Selbstporträt. Der Dichter als junger Mann, erzählte Maier nicht ohne Koketterie, habe sich tagein, tagaus mit Selbstmordgedanken und Spekulationen über das Nichts gequält. Nicht nur die Begriffe, auch seine Anschauungen hätten sich damals nach und nach aufgelöst, bis nur noch ein filterndes Etwas übrig geblieben sei, eine Membran für Wahrnehmungen aller Art. Maier schrieb seiner Rede aber noch eine andere Art des Sprechens ein. Es waren Sätze über Plutonium oder über den Missbrauch der Natur, und ihr Ton wollte so gar nicht passen zu jenem Versuch eines Denkens und Fühlens ohne Vorurteile, den der Autor kurz zuvor skizziert hatte. Am Ende hiess es überdeutlich: «Ich bin kein Manichäer, ich bin Christ. Was wir hier machen, täglich, stündlich, minütlich, ist Sünde, ein anderes Wort kann es dafür nicht geben. Kein Tier kann in seinem Leben so viel Schuld auf sich laden wie wir in jeder Sekunde.»

Jenseits des Gerüchts

Vielleicht wollte Andreas Maier all jene Kritiker ein wenig ärgern, die ihn nach seinen ersten beiden Büchern, «Wäldchestag» und «Klausen», etwas vorschnell in die Ecke eines Heimatautors unter philosophischen Vorzeichen gestellt hatten, jedenfalls lässt er seinen neuen Roman nun in Frankfurt spielen. Nicht mehr die Dorfbewohner der hessischen Provinz erfasst der erzählerische Blick, sondern die Besucher der Universität, nicht mehr die Enge eines Südtiroler Alpentals, sondern das städtische Milieu. Das deutet schon an, in welche Richtung Maiers Schreiben zielt: Der grosse Welterklärungswurf soll es werden, eine Theorie der gesellschaftlichen Verständigung inbegriffen. Immerhin sind die Strukturen des Sprechens in Klausen wie in Frankfurt dieselben. Hier wie dort herrscht das Gerede, ein Geflecht aus Meinungen, Erfindungen und kleinen Lügen, das so etwas wie Erkenntnis unmöglich macht. Das ist von jeher Andreas Maiers Thema gewesen, daran hat sich in «Kirillow» nichts geändert. Nur tastet er diesmal entschlossener nach einem Jenseits des Gerüchts. Wie kann man sich dem allgemeinen Gerede entziehen, lautet die grosse Frage des Romans. Sie wird zu einer Aufgabe für die Figuren - und zu einem Problem des Erzählens.

Gleich zu Beginn entrollt der Erzähler die Ansichten und kleinen Philosopheme jener Figuren, die der Leser fortan in ihren Denk- und Gefühlsbewegungen begleiten wird. Da gibt es Frank Kober, einen ehemaligen Studenten und Weltenbummler, der mit seinen nicht einmal 30 Jahren schon weise ist: «Ich finde keine ‹wahren Sätze›, ich suche sie nicht einmal. Allerdings hat Wahrheit mit Sprache überhaupt nichts zu tun. Übrigens sind alle diese Gedanken vollkommen lächerlich.» All die «Schlachten», die Kober bereits hinter sich hat, durchlebt der junge Julian Nagel mit dem ganzen Körper. Voll Bewunderung für den schweigsamen Kober gibt er sich doch am liebsten lauten Disputen und dem Alkohol hin. Trotzdem spricht er jene Überzeugungen aus, die auch für seine Schwester Anja, den Revoluzzer Jobst und einige russische Freunde bestimmend sind. Die Menschen, so Julian, hätten sich eine Rhetorik geschaffen, in der ihr grundloses Handeln geradezu logisch und wertvoll erscheine. Wenn die Welt aber nichts als ein rhetorisches Gebilde ist - wie kann da so etwas wie Sinn noch seinen Platz finden?

«Was wirst du tun? Wirst du etwas tun?», wird Julian einmal auf einer Party gefragt, ausgerechnet von einem jener Politiker, die er für die umfassende Verkehrung verantwortlich macht. Dieser Stachel sitzt tief. Der erste Versuch einer wirklichen Tat bleibt aber folgenlos. Das «Geschehen», eine provokante Selbstverletzung Kobers, wird so lange im Gerede hin und her gewendet, bis es sich aufgelöst hat. Später hält Julian ein Plädoyer für den Selbstmord als «einzig mögliche Tat» oder randaliert nachts in einem Wohnviertel, zuletzt wird die Gruppe an den Protesten gegen die Castor-Transporte im Wendland teilnehmen. Doch alle Anläufe zu einer echten Handlung verlieren ihre anfängliche Kraft. Auch wenn es für diese Einsicht der pompösen Rekurse auf Dostojewski oder Hobbes gar nicht bedurft hätte, bestimmt sie das ganze Buch: Eine Tat jenseits von Fortschritt, Zeit und Wachstum scheint nicht möglich - «die Katastrophe war elementar».

Inkonsequenz

Andreas Maier ist ein kluger Autor. Er weiss sehr gut: Ist das Gerede tatsächlich lückenlos, darf auch der Erzähler keinen Platz ausserhalb davon beanspruchen. Maiers bisherige Romane waren unlösbare Knäuel aus zahllosen Stimm- und Geräuschfäden, und der ganze Text entpuppte sich am Ende seinerseits als Rede einer Figur. Dem Anfangskapitel von «Kirillow» hat er nun ein kleines Vorspiel vorangestellt, das genau dem Muster des endlosen Murmelns folgt. Aber sein «Prolog in der Hölle» mündet in einen entschlossenen Abgesang auf diese Art des Schreibens. Andreas Maier will nun richtig erzählen. Immer noch markiert er manche Szenen als Berichte von Figuren, immer noch benutzt er recht plump die Floskel «et cetera» und wiederholt bewusst Klischees. Doch fährt er die indirekte Rede stark zurück, er entwirft eigene Charaktere und versucht sich an Naturbildern. Es gibt sogar vereinzelt Absätze in seinen Textmonolithen. Das alles versteht Maier mit seinen kurzen, klaren Sätzen geschickt auszubreiten. Auch wenn die atmosphärisch dichten Abschnitte nicht immer so recht vermittelt sind, lässt man sich als Leser von der Beschreibung mancher Frankfurter Wohnung mitsamt ihren Kakteen und verschmutzten Fenstern gerne überzeugen.

Bei dem Entwurf seines Erzählers jedoch hat sich Maier von der Sehnsucht der Figuren nach einem Ort jenseits des Geredes anstecken lassen. Dieser Erzähler blendet sich immer wieder direkt in das Textgefüge ein, manchmal in Klammern, manchmal in ganzen Absätzen. Er kommentiert, verbessert und weiss stets, was sich «tatsächlich» irgendwo ereignet hat. Kurzum: Er ist genau die moralische Instanz, die es nach der Logik der erzählten Geschichte gar nicht geben dürfte. So stolpert Andreas Maier mit seinem dritten Roman zuletzt über jene andere elementare Katastrophe, die auch seinen Figuren zum Verhängnis wird: die Inkonsequenz.

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