1.) - 2.)
Kirillow.
Roman von Andreas
Maier (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Ina
Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:
Unter der Maske des Narzissmus
Andreas Maiers Roman "Kirillow" ist ein Wahnsinnsbesäufnis mit
Todesfolge
Angst, Angst, Angst - der Roman hat sehr viel mit
ihr zu tun, gerade weil einige Protagonisten erhebliche Talente der Coolness
sind. Unter der Maske des Narzissmus brodelt es. Das verzehrende Gefühl der
Angst scheint sowohl Julian als auch Frank Kober als auch Jobst in ihrem Tun und
Fühlen zu bestimmen, die Männer mehr als die Frauen, die Deutschen mehr als
die Russen. An der Oberfläche agiert Maier narzisstische Konkurrenzen aus, etwa
zwischen Julian und Jobst, dem letztlich armselig bei seinen Freunden
auflaufenden linken Aufschneider, oder zwischen Julian und Frank Kober, dessen
ruhige Ausstrahlung täuscht.
Dieser Kober stielt Julian auf einer Party im Hause des Landtagsabgeordneten
Nagel, auf der auch der hessische "MP" zugegen ist, die Show, indem er
sich in einer eskalierenden Gesprächssituation - die Julian Nagel herbeigeführt
hat - den Unterarm mit einem abgebrochenen Glasstil aufschlitzt. Es fließt jede
Menge Blut, und der Verdacht steht im Raum, Kober habe sich töten wollen.
Julian, von dem es heißt, er sei "sehr katholisch neuerdings",
beantwortet die Kränkung gleich mehrfach, zum Beispiel auf einer Frankfurter
Polizeiwache, wo er so lange herumpöbelt, bis er in eine Zelle gesperrt wird
und dort die Nacht verbringt. Welch ein Triumph, als das Empfangskomitee seiner
Freunde ihn am nächsten Morgen begrüßt.
Die Phrasen und Floskeln, die zwischen sämtlichen Protagonisten (mit Ausnahme Anjas und Frau Gerbers) nur so hin- und herschießen, lassen eine Unterscheidung zwischen Schwachsinn und Scharfsinn, zwischen niedrigem Ressentiment und hohem Gefühl nicht zu. Das ist sowohl Problem als auch Methode dieser Art von Volksliteratur: Steht Andreas Maier seinen Figuren nah oder fern? Die im Roman erwähnte Website www.kirillow.de gibt es wirklich, man findet dort neben einem Link zur "Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V." und einem Ausschnitt aus Dostojewskis Dämonen einen Link zum "Gemalten Haus", einer traditionsreichen Apfelweinwirtschaft in der Schweizer Straße in Frankfurt-Sachsenhausen. Dort hat Andreas Maier den Leuten auf's Maul geschaut. Wahrscheinlich gilt: Der Stammtisch ist die ultimative Hölle und die menschlichste Form des Weltzustands zugleich.
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2.)
Kirillow.
Roman von Andreas
Maier (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Nico
Bleutge in Neue
Zürcher Zeitung vom 20.04.2005:
Die kunstvolle Rede
wider das sinnlose Gerede
Andreas Maiers paradoxer Roman
«Kirillow»
Als der Schriftsteller Andreas Maier im letzten Jahr den Mindener Candide-Preis erhielt, entwarf er in seiner Dankesrede ein kleines Selbstporträt. Der Dichter als junger Mann, erzählte Maier nicht ohne Koketterie, habe sich tagein, tagaus mit Selbstmordgedanken und Spekulationen über das Nichts gequält. Nicht nur die Begriffe, auch seine Anschauungen hätten sich damals nach und nach aufgelöst, bis nur noch ein filterndes Etwas übrig geblieben sei, eine Membran für Wahrnehmungen aller Art. Maier schrieb seiner Rede aber noch eine andere Art des Sprechens ein. Es waren Sätze über Plutonium oder über den Missbrauch der Natur, und ihr Ton wollte so gar nicht passen zu jenem Versuch eines Denkens und Fühlens ohne Vorurteile, den der Autor kurz zuvor skizziert hatte. Am Ende hiess es überdeutlich: «Ich bin kein Manichäer, ich bin Christ. Was wir hier machen, täglich, stündlich, minütlich, ist Sünde, ein anderes Wort kann es dafür nicht geben. Kein Tier kann in seinem Leben so viel Schuld auf sich laden wie wir in jeder Sekunde.»
Jenseits des Gerüchts
Vielleicht wollte Andreas Maier all jene Kritiker ein wenig ärgern, die ihn nach seinen ersten beiden Büchern, «Wäldchestag» und «Klausen», etwas vorschnell in die Ecke eines Heimatautors unter philosophischen Vorzeichen gestellt hatten, jedenfalls lässt er seinen neuen Roman nun in Frankfurt spielen. Nicht mehr die Dorfbewohner der hessischen Provinz erfasst der erzählerische Blick, sondern die Besucher der Universität, nicht mehr die Enge eines Südtiroler Alpentals, sondern das städtische Milieu. Das deutet schon an, in welche Richtung Maiers Schreiben zielt: Der grosse Welterklärungswurf soll es werden, eine Theorie der gesellschaftlichen Verständigung inbegriffen. Immerhin sind die Strukturen des Sprechens in Klausen wie in Frankfurt dieselben. Hier wie dort herrscht das Gerede, ein Geflecht aus Meinungen, Erfindungen und kleinen Lügen, das so etwas wie Erkenntnis unmöglich macht. Das ist von jeher Andreas Maiers Thema gewesen, daran hat sich in «Kirillow» nichts geändert. Nur tastet er diesmal entschlossener nach einem Jenseits des Gerüchts. Wie kann man sich dem allgemeinen Gerede entziehen, lautet die grosse Frage des Romans. Sie wird zu einer Aufgabe für die Figuren - und zu einem Problem des Erzählens.
Gleich zu Beginn entrollt der Erzähler die Ansichten und kleinen Philosopheme jener Figuren, die der Leser fortan in ihren Denk- und Gefühlsbewegungen begleiten wird. Da gibt es Frank Kober, einen ehemaligen Studenten und Weltenbummler, der mit seinen nicht einmal 30 Jahren schon weise ist: «Ich finde keine ‹wahren Sätze›, ich suche sie nicht einmal. Allerdings hat Wahrheit mit Sprache überhaupt nichts zu tun. Übrigens sind alle diese Gedanken vollkommen lächerlich.» All die «Schlachten», die Kober bereits hinter sich hat, durchlebt der junge Julian Nagel mit dem ganzen Körper. Voll Bewunderung für den schweigsamen Kober gibt er sich doch am liebsten lauten Disputen und dem Alkohol hin. Trotzdem spricht er jene Überzeugungen aus, die auch für seine Schwester Anja, den Revoluzzer Jobst und einige russische Freunde bestimmend sind. Die Menschen, so Julian, hätten sich eine Rhetorik geschaffen, in der ihr grundloses Handeln geradezu logisch und wertvoll erscheine. Wenn die Welt aber nichts als ein rhetorisches Gebilde ist - wie kann da so etwas wie Sinn noch seinen Platz finden?
«Was wirst du tun? Wirst du etwas tun?», wird Julian einmal auf einer Party gefragt, ausgerechnet von einem jener Politiker, die er für die umfassende Verkehrung verantwortlich macht. Dieser Stachel sitzt tief. Der erste Versuch einer wirklichen Tat bleibt aber folgenlos. Das «Geschehen», eine provokante Selbstverletzung Kobers, wird so lange im Gerede hin und her gewendet, bis es sich aufgelöst hat. Später hält Julian ein Plädoyer für den Selbstmord als «einzig mögliche Tat» oder randaliert nachts in einem Wohnviertel, zuletzt wird die Gruppe an den Protesten gegen die Castor-Transporte im Wendland teilnehmen. Doch alle Anläufe zu einer echten Handlung verlieren ihre anfängliche Kraft. Auch wenn es für diese Einsicht der pompösen Rekurse auf Dostojewski oder Hobbes gar nicht bedurft hätte, bestimmt sie das ganze Buch: Eine Tat jenseits von Fortschritt, Zeit und Wachstum scheint nicht möglich - «die Katastrophe war elementar».
Inkonsequenz
Andreas Maier ist ein kluger Autor. Er weiss sehr gut: Ist das Gerede tatsächlich lückenlos, darf auch der Erzähler keinen Platz ausserhalb davon beanspruchen. Maiers bisherige Romane waren unlösbare Knäuel aus zahllosen Stimm- und Geräuschfäden, und der ganze Text entpuppte sich am Ende seinerseits als Rede einer Figur. Dem Anfangskapitel von «Kirillow» hat er nun ein kleines Vorspiel vorangestellt, das genau dem Muster des endlosen Murmelns folgt. Aber sein «Prolog in der Hölle» mündet in einen entschlossenen Abgesang auf diese Art des Schreibens. Andreas Maier will nun richtig erzählen. Immer noch markiert er manche Szenen als Berichte von Figuren, immer noch benutzt er recht plump die Floskel «et cetera» und wiederholt bewusst Klischees. Doch fährt er die indirekte Rede stark zurück, er entwirft eigene Charaktere und versucht sich an Naturbildern. Es gibt sogar vereinzelt Absätze in seinen Textmonolithen. Das alles versteht Maier mit seinen kurzen, klaren Sätzen geschickt auszubreiten. Auch wenn die atmosphärisch dichten Abschnitte nicht immer so recht vermittelt sind, lässt man sich als Leser von der Beschreibung mancher Frankfurter Wohnung mitsamt ihren Kakteen und verschmutzten Fenstern gerne überzeugen.
Bei dem Entwurf seines Erzählers jedoch hat sich Maier von der Sehnsucht der Figuren nach einem Ort jenseits des Geredes anstecken lassen. Dieser Erzähler blendet sich immer wieder direkt in das Textgefüge ein, manchmal in Klammern, manchmal in ganzen Absätzen. Er kommentiert, verbessert und weiss stets, was sich «tatsächlich» irgendwo ereignet hat. Kurzum: Er ist genau die moralische Instanz, die es nach der Logik der erzählten Geschichte gar nicht geben dürfte. So stolpert Andreas Maier mit seinem dritten Roman zuletzt über jene andere elementare Katastrophe, die auch seinen Figuren zum Verhängnis wird: die Inkonsequenz.
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