Kindheitsroman.
Roman von Gerhard
Henschel (2004, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 23.3.2004:
In Romika-Schuhen zur Ponderosa
Kleben am Detail: Gerhard Henschel
unternimmt eine Zeitreise in die sechziger Jahre seiner Kindheit
Keine Frage, die sechziger Jahre waren eine kuriose
Zeit. Wer sie, vorzugsweise als Kind oder Jugendlicher, miterlebt hat, weiß
sofort, wovon bei Henschels Kindheitsroman die Rede ist. Er wird sich bei
der Lektüre ein ums andere Mal erinnert fühlen an seine eigene Kindheit, als
alles plötzlich sehr ernst und schwer sein konnte, als es aber, etwa in Gestalt
der beiden verfügbaren Fernsehsender, auch probate Erheiterungsmittel gab. Es
war eine Zeit, da Werbung noch Staunen auslöste und bei weitem kein Ärgernis
war, im Gegenteil: ein Antidot, eine kleine Witzfabrik.
Und das eigene Zuhause war eben nicht nur eine Phalanx gegen den Russen, gegen
Sozis, Hippies und Gammler, sondern auch tauglich für kleinere Fluchten ins Gemütlich-Biedere
wohlfeiler Unterhaltung - ARD und ZDF waren eine Art öffentlich-rechtlicher
Therapiespender. Zwischen Dralon mit Kräuselvelours, Romikaschuhen und
Jod-S-11-Körnchen (damit bloß der Wellensittich nicht an der hundsgemeinen
Schilddrüsenvergrößerung krepierte), gestaltete sich eine
TV-Reklame-und-Serien-Welt, in der sich nolens volens der Horizont ihrer
Zuschauer spiegelte. Bonanza, Weißer Riese, Nimm-2, Kosakenkaffee, alles ist in
Afri-Cola und damit auch in den Wohnstuben.
Der nicht einmal zehnjährige Martin Schlosser saugt den ganzen Quatsch auf wie
ein Schwamm. Seine Sozialisation in frühen Jahren ist schwer fernsehgeprägt,
er ist quasi auf TV-Droge - auch wenn es hier natürlich nicht nur um die Glotze
geht; im zweiten Teil, den frühen siebziger Jahren, verlagern sich Martins
Interessen zum Fußball hin, da kann man an langen Ergebnislisten und
Spielanalysen nachlesen, wie es um seine damalige Lieblingsmannschaft bestellt
war.
Was Henschel hier unternimmt, ist eine Art Doku-Soap mit satirischem Unterton.
Bei den Schlossers ist Ordnung deutlich mehr als nur das halbe Leben,
selbstredend befinden wir uns vor irgendwelchen prekären pädagogischen
Unternehmungen à la Summerhill oder Laisser-Faire. Hier hat alles noch seinen
Sinn und Stellenwert, auch wenn sich die elterliche Erziehung - bei Licht
betrachtet - eher als ein Kuddelmuddel aus lancierten Mythen, Halbwahrheiten,
Abzählreimen und Kalendersprüchen erweist. Gezeigt wird eine pseudofeste Welt
der Moral und der Gebote.
Konsequent legt Henschel eine kindliche Sicht auf die Dinge, wohinter die kleinbürgerliche
Familie in ihren Strukturen anfänglich nur schemenhaft erkennbar ist. Klar ist:
Familie Schlosser führt irgendwo im Koblenzer Raum ein absolut
durchschnittliches kleinbürgerliches Leben. Das äußere Geschehen ist aufgrund
der im Fokus stehenden Erfahrungswelt des Jungen stark reduziert; man erfährt
zwar einiges über diverse Besuche in Jever bei Großmutter und Tante, später
auch vom Umzug der sechsköpfigen Familie von der Kleinwohnung in ein eigenes
Haus, auch von einem Austauschbesuch aus England und einer Autoreise nach
Spanien ist die Rede. Für Martin sind das aber allenfalls Randerscheinungen; er
zeichnet seine präpubertären Nöte sowie die unsägliche Enge und Spießigkeit
seines Elternhauses mit all ihren Normen und Regularien immer dann auf, wenn sie
in Erscheinung treten, sprich: jederzeit und überall. Er wird damit, ungewollt
im Grunde, zum akribischen Chronisten eines gnadenlosen Ordnungsschematismus.
Henschels Anspruch ist dabei auffallend totalisierend: Sein Held darf kein
Detail auslassen. Da freilich liegt ein wenig auch das Problem dieses Buches.
Es zeigt sich, dass Henschels multiple Belege für diese hochgradig neurotische
Zeit im Vergleich zu ähnlichen Werken (etwa zum Großen Grover-Buch
Andreas Mands) heute kaum noch komisch wirken. Eher selten schmunzelt man über
das abgelaufene Verfallsdatum früherer Bedeutungsschwere. Das mag auch daran
liegen, dass diese Epoche durch eine ganze Reihe ähnlicher romanesker Entwürfe
mittlerweile zu gut ausgeleuchtet ist. Was Henschel sehr gut aufzeigt, ist die
unhintergehbare familiäre Beschränktheit, das absolute Nichtvorhandensein von
Fantasie und Kreativität. Doch genau dieser gezeigte Mangel an Lebendigkeit
vermag einen auf Dauer fast auch ein wenig zu deprimieren.
Der Details sind es auf jeden Fall zu viele. Sosehr man darüber staunen kann,
was er aus der Epoche alles memorieren kann, wie außergewöhnlich präzise
seine Gedächtnisleistung ist, auch, wie sehr sich TV-Reklame oder Serien mit
ihren mediokren Protagonisten ins Bewusstsein einschreiben konnten, sosehr gerät
diese Detailversessenheit zur Falle. Die Aneinanderreihung der zahllosen Spots,
das Zitieren altbekannter Binsenwahrheiten - das Ganze stets in kleinen
Abschnitten vorgetragen, ansonsten aber ohne großen inhaltlichen
Gestaltungswillen versehen - geht mit radikaler Plotreduzierung einher: der
"Kindheitsroman" ist in Wahrheit gar kein Roman, sondern ein
mnemotechnisch durchgeführter Parforce-Ritt über die Rahmenbedingungen - und
nur darüber - eines jungen Lebens in den späten sechziger, frühen siebziger
Jahren; die erzählte Geschichte flackert von vorneherein prekär auf kleinster
Flamme.
Hinzu kommt, dass Henschel die Diktion des
kleinen Jungen mit all ihren grammatikalischen, syntaktischen oder stilistischen
Unzulänglichkeiten ("Bei der roten Autokiste im Kinderzimmer war das
Lenkrad ab") anscheinend bewusst eingesetzt hat, um sowohl Echtzeit als
auch Echtheit zu suggerieren. Als Häppchen, als kleine Geschichte geht das natürlich
in Ordnung; 500 Seiten Kindersprech ermüden aber auch jemanden, der
"selbst dabei war".
[...diese und weitere Besprechungen
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