Khipu von Wolfgang Baier, 2016, BoDKhipu.
Roman von Wolfgang Baier (2016, BoD).
Besprechung von Lothar Thiel für die LYRIKwelt.de, 8.Juni 2017:

Das Khipu: ein Symbol für den nichtinstrumentellen Nutzen kultureller Bildung
Sechzehnjährige Schüler sollen sich mit fachlichem Interesse und Lesegenuss mit den fatalen Lebenslügen des Herrn Walter Faber, eines fünfzigjährigen krebskranken Ingenieurs und Technikfreaks, auseinandersetzen und tun das sogar – gar nicht so selten. Erwachsene hingegen könnten mit der abenteuerlichen Geschichte zweier in jugendlichem Alter ums Überleben und Besserleben kämpfenden peruanischen Brüder nichts anfangen? Das könnten sie durchaus: Wolfgang Baiers knapp 150 Seiten umfassender Roman „Khipu“ vermag junge Leser jeden Alters zu berühren.

Wie die Geschichte beginnt

Die Halbwaisen Jorge Ninataype, genannt Coco, und sein Bruder Roberto gehen abends zur Schule, weil sie tagsüber arbeiten müssen, um sich und ihre Mutter, so gut es eben geht, durchzubringen. Sie arbeiten als Schuhputzer und sie tragen Damen die Einkäufe nach Hause. Der Tod der an Cholera erkrankten Mutter reißt sie jedoch für ein paar Tage aus diesem Rhythmus heraus. Als sie nach einer Woche wieder zu den Parkbänken, ihrem angestammten Arbeitsplatz, zurückkehren, haben längst andere mittellose Jungen das Revier übernommen. Der Solidarität ihrer ebenfalls bitterarmen Nachbarn sind unverrückbare Grenzen gesetzt. Da sie es mit ehrlicher Arbeit, Betteln und Abfälle-Durchchecken nicht schaffen, ihren Hunger zu stillen, fügen sie ihren Überlebenstechniken schließlich das Klauen hinzu. Doch diese Strategie endet sehr bald in einer Gefängniszelle.

Der Polizeihauptmann bezichtigt die beiden wider besseres Wissen des Drogenhandels und droht ihnen damit, sie für immer im Kerker verschwinden zu lassen, wenn sie nicht für ihn arbeiteten, natürlich ohne Außenstehenden etwas davon zu erzählen. Der korrupte Polizist hat es auf Inkaschätze abgesehen und betreibt mit Hilfe von dazu erpressten armen Jungen Grabräuberei im großen Stil. Vor allem Coco, dessen Lieblingsfach Geschichte ist, geht das gegen den Strich, doch er muss schmerzhaft begreifen, dass er keine andere Wahl hat, als zu gehorchen. Nach Monaten wenig ergiebigen Suchens stößt der Trupp auf eine weibliche Mumie und mit ihr auf Grabbeigaben voller Gold und Silber. Niemand interessiert sich dabei für ein paar miteinander verknotete Schnüre, das Khipu, außer Coco, der im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat. Von einem Amauta, einem hoch angesehenen Universalgelehrten, mit vertiefenden Erklärungen über die Inka-Kultur und speziell seinen Fund heimlich versehen, überzeugt Coco seinen eher zögerlichen Bruder Roberto, aus dem Grabräubercamp zu fliehen und den über sechstausend Meter hohen Vulkan Ampato zu besteigen, um dort den Schatz zu finden, der ihr Leben ändern soll.

Zwischen Determination und Selbstbestimmung

Wie die Geschichte ausgeht, soll an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten werden. Wobei es auf das Ende allein aber auch gar nicht ankommt. Dafür ist die Handlung selbst mit ihren überraschenden Wendungen viel zu spannend und interessant. Letzteres deshalb, weil Baier seine Protagonisten, wie schon in den früheren Lateinamerika-Romanen „Gefangen vom ‚Leuchtenden Pfad‘“ und „Reifeprüfung auf Kolumbianisch“ zwar in einem starren System sozioökonomischer und politischer Interessen und Zwänge agieren lässt, aber eben nicht als willenlose Marionetten, sondern als Individuen, die sich gerade angesichts der bedrückenden Übermacht der Verhältnisse mit der Frage nach einer selbstbestimmten Lebensgestaltung praktisch konfrontiert sehen.

Über die Lebensumstände der Unterschicht wird von einem allwissenden Erzähler mit meist sehr zurückhaltender Sachlichkeit berichtet, und gerade wenn es um die tragischsten Momente geht, wie die schwere Erkrankung der Mutter von Coco und Roberto, ist sein Ton am distanziertesten:

„Seit Monaten grassierte an der Küste Perus die Cholera. Die Krankenhäuser quollen über, auf den Friedhöfen kamen sie mit den Bestattungen kaum nach. An eine Aufnahme in das einzige Krankenhaus der Stadt war gar nicht zu denken. Sie hatten weder eine Krankenversicherung noch das Geld, um sich ein Krankenbett zu ‚kaufen‘. Acht Tage später waren Coco und Roberto Waisen.“ (S. 10)

Ohne dass es dazu eines moralisch aufrüttelnden Kommentars bedürfte, versteht hier der Leser, dass sich für die Armen in dieser Gesellschaft das Leben weitgehend auf die Anstrengung reduziert, es nicht allzu früh zu verlieren.

Coco, der Held der Geschichte, ist nicht allerdings ganz so genügsam. Als Grabräuber wider Willen sieht er eines Tages die Chance, mit Hilfe eines Khipu, dessen Wert sein Aufseher nicht erkennt, einen Schatz zu finden, um dadurch sein Leben und das seines Bruders von Grund auf zu ändern. Doch als Roberto ihm vorhält, dies bedeute, mit dem Leben Lotterie zu spielen, stellt Coco klar, dass die Fortsetzung der Grabräuberei wirklich nicht weniger riskant sei. Ist also doch auch Cocos Handeln letztlich sozial determiniert?

„Roberto schwieg. Er dachte nach. Die letzten eineinhalb Jahre hatten ihr Leben von Grund auf verändert. Sie erkannten sich selbst kaum noch darin. Kam es überhaupt auf dieses Wagnis noch an? Immerhin taten sie diesen Schritt, weil sie ihn tun wollten. Das war der entscheidende Unterschied. Bisher waren sie von anderen gezwungen worden. […] ‚Roberto, wir packen das!‘ Sie umarmten einander und waren glücklich. Sie hatten ein Ziel, endlich!“ (S. 73)

Das Glück besteht für die Jungen nicht darin, sich aus den Zwängen der gesellschaftlichen Realität herausnehmen zu können. Sondern für sich Handlungsoptionen zu entdecken und zu erkennen, dass es nicht von vornherein aussichtslos ist, für ein besseres Leben zu kämpfen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Khipu: ein Symbol für den nichtinstrumentellen Nutzen kultureller Bildung

„Mit größter Vorsicht, als klebte Blattgold an den Fingern, entwirrte Coco die Schnüre. […] Roberto runzelte die Stirn und beobachtete.

‚Was soll das denn? Warum hast du das Schnurgelumpe überhaupt mitgenommen? Seit Stunden, ja genau, seit wir auf die Pritsche gestiegen sind, hast du kein Wort mehr mit mir geredet, glotzt vor dich hin, wie weggetreten. Dass der Boss heute jedem 20 Soles in die Hand gedrückt hat, juckt dich wohl gar nicht?‘“ (S. 38)

Doch Coco lässt sich vom Unverständnis seines jüngeren Bruders nicht beirren:

„‚Mann, ich glaub’s nicht! Was du Schnurgelumpe nennst, steckt voller Geschichten.‘“ (S. 39)

Und voller Geschichte! In einem Ding, das Pedro, dem Antreiber der Grabraubsklaven, und – zunächst – auch seinem Knecht Roberto aus recht entgegengesetzter Perspektive völlig wertlos scheint, wird für Coco die Kultur des untergegangenen Inkareichs wieder lebendig, für die, als er noch zur Schule gehen durfte, sein Geschichtslehrer ihn zu begeistern vermocht hatte. Doch allein mit dem Wissen, dass diese Knotengebilde als Informationsmedien dienten, worin in präkolumbianischer Zeit speziell ausgebildete Beamte die Befehle des Herrschers verschlüsselten, bevor sie dieselben in die entferntesten Regionen des Reiches trugen, kann auch Coco wenig Konkretes anfangen. Die bloße Kenntnis der Funktion seines Fundes lässt sich nicht versilbern.

Wolfgang Baier macht es seinen Protagonisten alles andere als einfach. Cocos Bewusstsein der Bedeutsamkeit des Khipu schließt die Erkenntnis seiner Bedeutung nicht ein und so lässt gerade diese Diskrepanz in dem Jungen einen festen Entschluss reifen. Er entscheidet, ohne dass sein Aufpasser Verdacht schöpfen soll, sich auf eine sehr riskante ‚Bildungsreise‘ zu begeben, die bei seinem früheren Geschichtslehrer Ortiz beginnt und auch bei Don Jaime, einem Amauta, noch nicht zu den erhofften, das heißt für eine Schatzsuche dienlichen Einsichten führt. Und doch bringen diese Konsultationen dem Jungen großen Gewinn: Mit seiner geistigen Offenheit saugt er die ihm dargebotenen Informationen über eine ihm fremde Kultur wie ein Schwamm auf. Ihm wird klar, dass dieses kulturelle Wissen und Bewusstsein einen Wert an sich darstellen und dass sich erst auf der Grundlage des so zu eigen Gemachten seine eigene Vorstellungskraft, Kreativität und Lösungsfähigkeit entfalten können und müssen. Seinen Bericht an Roberto resümiert er so:

„‚Was da drauf steht, hat der Amauta aus dem Khipu gelesen. Darüber muss ich nachdenken. Noch ist nichts verloren. Man müsse die Hinweise in einen sinnvollen Zusammenhang bringen, so hat er es mir gesagt.‘“ (S. 69)

Und natürlich brechen die Brüder schließlich auf: in die lebensfeindliche Welt eines sechstausend Meter hohen Vulkans, wo sie ihren Schatz zu finden hoffen. Und wo sich ihr Schicksal erfüllen wird.

Ein spannendes, schönes und lehrreiches Buch. Und ein Aber

Khipu ist ein vielschichtiger und ungeachtet seiner differenzierten Botschaften, von denen hier nur ein Teil beleuchtet werden konnte, im besten Sinne des Wortes unterhaltsamer Roman. Es kommen sehr unterschiedliche Charaktere in ihm vor, darunter gewissenlose Verbrecher ebenso wie hilfsbereite Menschen, die jedoch stets individuell, nie (etwa nach ihrer Schichtzugehörigkeit) schwarz-weiß gezeichnet werden. Die Handlung ist komplex und reich an überraschenden Wendepunkten. Sprachlich ist die Geschichte einerseits durch den unkomplizierten Satzbau im guten Sinne einfach gestrickt, andererseits immer wieder voller Schönheit, insbesondere bei den Schilderungen der Landschaften, die so bisweilen fast mit zu agieren scheinen.

Doch dieses schmale Buch gewährt eben auch viele sachkundige Einblicke, zum einen in die längst vergangene Kultur der Inkas, zum anderen in die europäischen Lesern fremden Lebensumstände in einem lateinamerikanischen Land und die Art, wie diese die unter ihnen ihr Auskommen suchenden Menschen formen können. Und es ist ein Hohes Lied der Offenheit und des Lernens, was gerade in der heutigen Zeit nicht hoch genug zu schätzen ist.

Khipu wurde bei „Books on Demand“, also quasi im Selbstverlag, veröffentlicht und ist das beste Beispiel dafür, dass die Unterstellung, gute Literatur fände immer einen ‚normalen‘ Verlag, während in Self-Publishing-Plattformen nur der ‚Schrott‘ seine Chance suche und finde, vollkommener Unsinn ist. Bekannt ist auch, dass Wolfgang Baier die Möglichkeiten und den Umfang der Selbstgestaltung, wie BoD sie ermöglicht, durchaus zu schätzen weiß. Dennoch ist es sehr zu bedauern, dass ein Buch wie Khipu, das auch als Schullektüre bei Lehrern und Schüler aus mehreren guten Gründen sicher viele Freunde fände, auf diese Weise nur schwer den Bekanntheits- und Wirkungsgrad erreichen dürfte, den es verdient. Aber vielleicht fällt es ja doch noch einem Verlagsmenschen in die Hände?

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Leseprobe I Buchbestellung 0617 LYRIKwelt © Lothar Thiel, www.lothar-thiel.de