Khamsin von Raoul Schrott, 2002, S.Fischer1.) - 2.)

Khamsin.
Erzählung von Raoul Schrott (2002, S. Fischer).
Besprechung von Martin Luchsinger in der Frankfurter Rundschau, 6.7.2002:

Die Seele sitzt im Knochengelenk
Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Verdursten: Raoul Schrotts "Khamsin" sehnt sich nach der Vormoderne

Raoul Schrott ist ein Tausendsassa des Literaturbetriebs. In nur einem Jahrzehnt ist es ihm gelungen, sich als Herausgeber, als Lyriker, als Romanautor, als Übersetzer und als Essayist einen vielbeachteten, auch umstrittenen Namen zu machen. 1964 geboren, ist der habilitierte Literaturwissenschafler, der so ausgefallene Sprachen wie Okzitanisch und Gälisch beherrscht, ohne Zweifel ein Multitalent, das mit immer neuen Überraschungen aufzuwarten weiß. Wer hätte nach dem Gedichtzyklus Hotels (1995) noch im selben Jahr Schrotts ersten Roman Finis terrae erwartet? Verknüpft durch das Motiv des Reisens, erkunden die Gedichte den mythischen Raum von Herbergen auf 33 Etappen, während der Prosatext eine bildungsgesättigte Auseinandersetzung mit dem westlichen Forschungsdrang in Szene setzt. Ganz andere Wege verfolgte Schrott 1997 mit seiner Sammlung Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren, die für einiges Aufsehen sorgte. Ökonomisch ein voller Erfolg, geriet die Anthologie von Lyrik aus der Zeit von 2500 v. Chr. bis zum Beginn der Neuzeit ins Kreuzfeuer philologischer Kritik; kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Schrott Übertragungen aus so unterschiedlichen Sprachen wie dem Sumerischen, dem Griechischen, Lateinischen, dem Arabischen, dem Hebräischen und anderen mehr vorgenommen hat.

Interessanterweise sind diese Einwände und Bedenken bei Schrotts nächster Großtat, der im letzten Jahr edierten Neuübersetzung des 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos, weitgehend verstummt, weil er dieses Mal geschickt eine Doppelstrategie wählte und sowohl eine streng an der Ninive-Fassung orientierte Übertragung vorlegte wie auch eine eigene Nachdichtung, in der die Lücken und Kanten des Originals geglättet werden.

Überraschend vielgestaltig in der Wahl von Textsorten und Stoffen, nähren sich Schrotts zahlreiche Publikationen unverkennbar aus einer gemeinsamen Wurzel, der Sehnsucht nach der Vormoderne. In den Grazer Poetikvorlesungen hat er deutlich zum Ausdruck gebracht, wie sehr ihm die (deutschsprachige) Gegenwartsliteratur mit ihrem Hang zu Esoterik, Narzissmus und Selbstherapie auf die Nerven gehe, wie offensichtlich ihm deren Mangel an handwerklichen Fertigkeiten und Sinnlichkeit erscheine. Und Schrott scheut sich nicht, im Gespräch die Abwendung von der Moderne zu der Behauptung zuzuspitzen, der Mensch habe sich in den letzten 5000 Jahren überhaupt nicht geändert, was für die Dichtung bedeute, dass sie die immergleichen Themen "Wein, Weib und Gesang, Natur und Tod" stets von neuem zu aktualisieren habe. Wem die Überprüfung dieser traditionalistischen Position an Schrotts Grossprojekten zu aufwändig ist, sei seine neueste Veröffentlichung Khamsin empfohlen; das schmalen Bändchen versammelt zwei unterschiedliche Texte, eine Erzählung und einen Essay, die beide im Jenseits der Zivilisation angesiedelt sind, wie schon die Novelle Die Wüste Lop Nor aus dem Jahre 2000.

In der Erzählung "Khamsin" literarisiert Schrott eine Episode aus dem zweiten Weltkrieg in der nordafrikanischen Wüste: Eine Handvoll alliierter Soldaten werden von einer italienischen Übermacht unter Beschuss genommen; nach der Schlacht schlagen sich die vier überlebenden Männer Hunderte von Kilometer tage- und nächtelang durch den Sand. Was macht Schrott aus diesem Stoff? Keine banale Abenteuergeschichte, keine Legende über das heroische Überwinden von Hitze und Entbehrung . Im Mittelpunkt stehen vielmehr die psychologischen und physiologischen Folgen des Hungerns und Verdurstens , der allmählichen Verkümmerung der Sinne, des aufkeimenden Wahnsinns: "Und mit einem Male wusste er, wo die Seele war: zwischen den Gelenken, in jener Kapsel, wo sich der Knochen in seinem Scharnier rieb, und dass sie das Innere des Laufs war."

Im anschließenden Essay "Die Namen der Wüste" versammelt Schrott in lockerer Folge die unterschiedlichen Bezeichnungen der Menschheit für die Wüste, angefangen mit dem lateinischen "vastare" . Dieser lexikalische Teil ist eingebettet in eine Vielzahl kurzer Episoden aus der Entdeckungsgeschichte der Wüste. So wird vom ersten Europäer berichtet, der im sagenumwobenen Timbuktu eingedrungen ist, ein als Araber verkleideteter Franzose, dem alsbald eine konkurrierende englische Mission folgte. Weitere europäische Wüstenfüchse kommen zu Ehren, Heinrich Barth, der lange vor Lascaux und Altamira die ersten steinzeitlichen Felsbilder entdeckte, der unvermeidliche Laszlo Almasy und Schrott selbst, der bei einem laufenden Forschungsunternehmen mitgemacht hat. Kenntnisreich und fragmentarisch zugleich werden in diesem Essay etymologisches Wissen, Reiseberichte und eigene Erfahrungen unterhaltsam vereint, nicht zuletzt, wenn unüberhörbar Karl May anklingt: "Als wir schließlich zu Rudolph Kuper ins Lager kamen, seinen makellos weißen Schal wie immer um den Hals, bereitete er uns einen Empfang, der für uns nicht minder orientalisch war, vom Tanzen abgesehen; literweise Hibiskustee, Schöpfkellen voller Eintopf, Pfirsiche, und für einmal mussten wir die Teller nicht selber im Sand sauber wischen."

Unüberhörbar treten jedoch bei diesen kleinen Arbeiten auch die Schwächen von Schrotts an archetypischen Erfahrungen orientierter Schreibweise zu Tage. Ihr Mangel an Innovation ist größer und wiegt schwerer als bei den übersetzerischen Grossprojekten. Sie mag auf angenehme Weise Wissenswertes aufbereiten, enttäuscht jedoch jedes an der Moderne geschulte Formbewusstsein.

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Khamsin von Raoul Schrott, 2002, S.Fischer2.)

Khamsin.
Erzählung von Raoul Schrott (2002, S. Fischer).
Besprechung von Beatrice von Matt in der Neue Zürcher Zeitung, 23.7.2002:

Khamsin - ein Wind aus Süden
Raoul Schrotts Erzählung und Essay aus der Wüste

Zeit ihres Lebens werden sie gewusst haben, was Sterben heisst, die vier Soldaten der Long Range Desert Group. Im Jahr 2000 berichtet einer über ihren Überlebenskampf vom Februar 1941. Es ist der Essayist und Lyriker Raoul Schrott, der ihre Namen im ägyptischen Gilf Kebir entdeckt hat - just in der «Höhle der Schwimmer» jenes Grafen Almásy, der als der «englische Patient» im gleichnamigen Roman und Film vor einigen Jahren berühmt wurde. Nach einer italienischen Attacke hatten die vier alles zurücklassen müssen. Sie sahen sich ausgespuckt in den Frost der Nächte, unter das Senkblei der Sonne. 500 Kilometer gingen sie zu Fuss, ohne Nahrung.

Den einzigen Wasserkanister trugen sie zu Beginn noch gemeinsam wie eine Schmuckschatulle. Dann blieb nur der radikale Rückzug eines jeden auf sich selber. Alle kommunikative Energie galt es auszuschalten, wie Schrott, der Wüstenkenner, nahelegt. Angesichts des einen toten Punktes fallen die gewohnten Unterscheidungen in sich zusammen, die Unterscheidungen von Du und Ich, von Körper und Seele, aussen und innen, Träumen und Wachsein. Etwas wie Seele ist dann nur noch im Kniegelenk auszumachen, im schwarzen Klumpen der Zunge, in der papierdürren Lunge. Ordnung und Kultur der Differenz kann sich nur leisten, wer einigermassen sicher am Leben ist. Immerhin weist einer der Versprengten, wie er aufgefunden wird, auf die drei andern, die irgendwo liegen.

Die Grenzsituation hat die Männer in die innerste Mitte ihrer Existenz gerissen. In den vier Körpern, deren Versehrungen er genauestens schildert, verankert Raoul Schrott den anschliessenden Essay «Die Namen der Wüste». Oft schon hat sich der Autor selber der Sahara preisgegeben. Doch nicht nur als Randzone zieht sie ihn in ihren Bann, sondern auch als Wiege der Kulturen, deren Spuren er in Stein und Sand, in mancherlei Sprachen verfolgt. Davon handelt der Essay, der auf den ersten Blick bloss gedrängte Informationen bietet, kulturhistorische Kommentare zum Thema Wüste. Doch die trockenen Ausführungen leisten unversehens mehr, schwingen sich auf zum Gesang auf die Erde und ihre gewaltige Geschichte, insbesondere auf die Sahara als Ursprung der Zivilisation. Die geraffte Kunde von Tausenden von Jahren wächst sich aus zum Prosagedicht, das die Kräfte der Verwandlung zeigt - ob diese Jahrmillionen brauchen oder nach Jahrzehnten Dürre eine einzige Regennacht. Und schon blühen Schilf, Kameldorn und Kamille, saugen Libellen und Schmetterlinge an den Blüten, stösst man auf frische Spuren von Mähnenschafen, die Wasser nur über Pflanzen aufnehmen: «Zu scheu, um sie zu Gesicht zu bekommen, findet man nur ihre Skelette, paarweise nebeneinander, eines davon immer jünger: Die weiblichen Tiere leben länger; sie legen sich neben das bereits mumifizierte Männchen.»....Fortsetzung

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