Kennedys Hirn von Henning Mankell, 2006, Zsolnay1.) - 3.)

Kennedys Hirn.
Roman von Henning Mankell,
(2006)
Besprechung von Anita Pollak im Kurier, Wien, 27.1.2006:

Schwarz-weiße Platitüden

"Kennedys Hirn" ist ein Roman von Henning Mankell. Viel weist darauf hin, dass das stimmt. Das titelgebende Hirn des ermordeten US-Präsidenten ist allerdings ein falsche Fährte. Davon finden sich nur Spuren, die hie und da ein bisserl hineingestreut werden, ins Buch. Dass es ein Krimi oder gar ein Thriller sein soll, steht nirgends. Wenn Krimi-Autoren ihr Gewerbe fad wird – die Leichen am Anfang, der Mörder am Ende – dann suchen sie ein neues Revier. Mankell hat diese Reviere früher rein geografisch getrennt. In Schweden war sein Inspektor Wallander fürs handwerklich perfekte Ermittlungsgeschäft zuständig. Afrika, wo der Autor seinen zweiten Wohnsitz hat und als Theatermann zum Teil eine andere Rolle spielt, war sein bevorzugter Schauplatz fürs Gutmenschliche.

Flug-Movie

Nun kommt das alles durcheinander, weil nämlich die Hauptperson dauernd durch die Welt fliegt. In einer Art literarischem Flug-Movie lernen wir Hotels und Flugrouten kennen. Griechenland, Schweden, Australien, Spanien, Mosambik und öfter auch retour. Es waren die Stationen einer albtraumhaften Reise. Um sie her waren Menschen verschwunden oder gestorben. Wird es am Ende heißen. Ganz am Schluss meint der Autor selbst, dass sein Roman auch schon ca. 200 Seiten früher enden könnte. (Vielleicht sollte man doch das Nachwort gleich am Anfang lesen).
Weil zumindest hier etwas Ordnung herrschen soll, vorerst zurück zum Start: Von Griechenland, wo sie als Archäologien arbeitet– sie liebte das Puzzlespiel mit Keramikscherben – (diese Metapher wird noch viel strapaziert) bricht Louise Cantor in ihre Heimat Schweden auf, wo sie ihren 25-jährigen Sohn tot im Bett auffindet. Da sie nicht an einen Selbstmord glaubt, weil ihr Sohn mit einem Pyjama bekleidet war (er schlief immer nackt!) und Gewalt wittert, nimmt sie die Fährte auf. In Australien findet sie auf Anhieb ihren verschwundenen Ex-Mann und Kindesvater, in Barcelona eine Wohnung ihres Sohnes und überall dessen schöne Freundinnen.

Computerdateien und andere Spuren führen sie in heiße Mosambik und dort in eine Art Station für sterbende Aids-Kranke, womit wir beim eigentlichen Thema wären (dessentwegen Louises Sohn HIV-positiv gewesen sein muss).

Verschwörungstheorie

Dass vor allem Schwarz-Afrikaner von Weißen als lebende Versuchskaninchen missbraucht und getötet werden, steht hier als plausible Anschuldigung im fiktiven Raum. Die servierten Verschwörungstheorien – die bösen Mächte der Pharmakonzerne, ihre kriminellen Machenschaften in dunklen Kellern und weltweit etc. führen zwar nicht zum Täter bzw. zur Lösung der Pyjama-Frage, aber zu sehr vielen Platitüden "Der Tod findet sich ständig an der Seite des Menschen".

Dass gut gemeint das Gegenteil von gut ist, auch diese Platitüde trifft leider zu. Wallander sollte aus dem Ruhestand geholt werden!

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Kennedys Hirn von Henning Mankell, 2006, Zsolnay2.)

Kennedys Hirn.
Roman von Henning Mankell,
(2006)
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 27.1.2006:

Wohltätige Mörder
Erscheint jetzt: Henning Mankells Roman "Kennedys Hirn"

"Diese universelle Frage. Warum weint ein Mensch?" Das überlegt Louise Cantor auf dem Flughafen von Athen. Sie ist eigentlich frohgemut. Bald ist die Archäologin, die im Auftrag des schwedischen Staats in der Argolis auf dem Peloponnes die Grabungen leitet, wieder daheim und wird ihren Sohn Henrik treffen. Aber Henning Mankell, der Meister der Beängstigung, hat den Leser bereits mit dem ersten Worten vorgewarnt. "Die Katastrophe kam im Herbst . . ."

Wenn also die Mama ihren erwachsenen Buben bloß auf dem Anrufbeantworter erreicht, wissen wir im Grunde, dass sie ihn nur tot wiedersehen wird. Die Erzählung macht noch ein paar Mäander - griechischer Geliebter, Tagung der Altertumsforscher -, aber dann entdeckt Louise ihr Kind. Ausgestreckt auf dem Bett - leblos.

"Wie würden wir Europäer reagieren, wenn die Welt nur wüsste, wie wir sterben, aber nichts darüber, wie wir leben?"
Henning Mankell

Die 54-Jährige stürzt in das Elend einer Mutter, die ihr Kind beerdigen muss. Mankell, der sich als Autor fast immer mit all seinem Können auf die Seite der Opfer stellt - auch wenn sie bisweilen Täter werden -, kreiert in seinem neuen Roman "Kennedys Hirn" eine moderne Pietà. Ihr legt er aber letztlich nicht nur einen toten Sohn in den Schoß, sondern einen sterbenden Kontinent: Afrika.

Die Frau ahnt zunächst nichts davon, und auch der Leser ist noch lange nicht auf diese Fährte gesetzt. Denn er und Louise werden erst auf eine falsche gelockt - gerade durch Henriks ausführliche Beschäftigung mit dem verschwundenen Gehirn des ermordeten Präsidenten. Viele Mappen hat er mit dem rätselhaften Fall gefüllt. Hilft dieses Geheimnis eben jenes um Henriks Tod zu lüften? Dass der Sohn, in dessen Körper man bei der Obduktion Schlafmittel gefunden hat, Selbstmord begangen haben soll, kann Louise Cantor nicht glauben. Nicht nur ihr Muttergefühl, sondern viele unscheinbare Indizien sprechen dagegen, einerseits. Andererseits: Der junge Mann war HIV-positiv.

Irreführung ist das große Thema des Romans von Henning Mankell. Sie ist zugleich das Stilmittel. Die typische Strategie des Kriminalromans also, die der schwedische Autor so virtuos, bestsellerträchtig und im vorliegenden Fall bisweilen zu symbollastig beherrscht. Wie die Detektiv-Urväter Sophokles ("Ödipus"), E.T.A. Hoffmann ("Das Fräulein von Scuderie") oder Gilbert K. Chesterton ("Pater Brown") ist auch Mankell vor allem ein Moralist. Spannung ja, allerdings nie als unterhaltsamer Selbstzweck. Deswegen ist die Irreführung diesmal eine sorgfältige Führung hin zu den Problemen des Schwarzen Kontinents, den der Schriftsteller als zweite Heimat liebt.

Louise beginnt ihre Forschungsarbeit am Leben ihres Sohnes zäh und geduldig (Symbol Archäologin) und qualvoll verzweifelt als Mutter. Je mehr sie auf der Fährte ihres Kindes zurückgeht, je mehr sie erfährt von ihm, umso weniger versteht sie. Selbst der versierten Expertin für Keramik ist es nicht möglich, die ständig neu entdeckten "Scherben" sinnvoll zusammenzufügen. So sammelt sie weiter Informationen und Helfer über Länder und Kontinente hinweg, stets seelisch unterstützt vom eigenen Vater Artur, Holzfäller und Bildhauer (Symbol Herz/ Kraft Schwedens). Episoden in Sydney und Apollo Bay, in Barcelona, Argolis und natürlich in Maputo reihen sich aneinander. Neben der Trauer quält zunehmend die Angst, dass Henrik in Verbrechen verwickelt ist, und eine weitere Angst. Sie ist ungreifbar, verschleiert sich mit Zufällen, sogar mit Freundlichkeit und Wohltätigkeit.

In Maputo, wo Louise Henriks Freundin Lucinda aufsucht, nähert sie sich der Angst und ihrer dunklen Quelle, aber auch der Sicherheit, dass sich der Sohn gegen die Bösartigkeit gestemmt hatte. Aids ist das Stichwort, das nichts anderes meint als das Sterben(-lassen) eines Kontinents wegen (unserer) Gleichgültigkeit und aus Habgier der Mächtigen in In- und Ausland.

Die Gewalt rückt der Schwedin auf den Leib: dahinsiechende Kranke, an denen medizinische Versuche vorgenommen werden; Informanten mit aufgeschlitzter Kehle oder Kopfschuss; Ehemann Aron verschwindet und taucht nur mehr im Obduktionsbericht als Erdrosselter auf. Was bleibt ist die Hilflosigkeit. Sie zu ertragen, hilft nur eines: erzählen. Das nimmt sich Louise Cantor vor. Das tut Henning Mankell: "Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter. Was hier geschrieben steht, ist natürlich ganz und gar das Ergebnis meiner eigenen Wahl und meiner Entscheidung. Genauso, wie der Zorn mein eigener ist, der Zorn, der mich antrieb."

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Kennedys Hirn von Henning Mankell, 2006, Zsolnay3.)

Kennedys Hirn.
Roman von Henning Mankell,
(2006)
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien vom 04.02.2006:

Wohltäter und Lügner
Henning Mankells Spiel mit Verschwörungstheorien - Ein zwiespältiges Leseerlebnis

Während wir uns sicher fühlen und unseren Träumen nachhängen, passiert anderswo schon das Unglück, das unser ganzes Leben durcheinander werfen wird.

Als die Archäologin Louise Cantor packt, um von ihrem Ausgrabungsort in Griechenland heim nach Schweden zu fliegen, verliert sie, ohne es zu ahnen, ihr einziges Kind. Angekommen, findet sie Henrik tot im Bett. Louise glaubt nicht an Selbstmord, auch dann nicht, als sich herausstellt, dass Henrik Aids hatte. Um Anhaltspunkte zu haben, sucht Louise den Vater ihres Sohnes, von dem sie sich vor vielen Jahren getrennt hat. Sie vermutet, dass der Exmann ihr unbekannte Details aus dem Leben des Sohnes weiß. Sie findet Aron in Australien, und sie beginnen, sich während der gemeinsamen Suche nach den Ursachen des rätselhaften Todes einander anzunähern. Doch da verschwindet auch Aron spurlos.

Louise folgt vagen Hinweisen und landet schließlich in Mosambik. Mankell baut Afrika erwartungsgemäß als Gegenwelt auf, die gewiss arm und korrupt ist, aber irgendwie immer noch als lichtes Gegenbild zur verkommenen weißen Welt herhalten muss. Dazu passt die paranoide Idee, das Aidsvirus sei in den Labors der Weißen manipuliert worden, damit man die Bevölkerung Afrikas dezimieren kann. Nun sind Verschwörungstheorien aller Art Dreh- und Angelpunkt der meisten Thriller. Wenn man aber wie Mankell, der in Maputo lebt, den Anspruch eines ernst zu nehmenden Realismus erhebt, dann verdirbt diese Holzhammerthese doch etwas das Anliegen des ganzen Unterfangens.

Die Vorstellung, dass böse Pharmakonzerne – denen man ja allerhand zutrauen kann – mitten im Busch ohne jede Infrastruktur Menschenversuche machen, ja Menschen entführen und bei lebendigem Leib zerstückeln, kann wohl nur als krude Metapher für die Ausbeutung des Schwarzen Kontinents durch die westliche Zivilisation gemeint sein. Malawi, Tansania, Südafrika als Geheimlabors für menschliche Versuchskaninchen? Nicht nur das ist für Louise neu. Sie ist in einer Welt angekommen, von der sie absolut nichts versteht, weder die Menschen noch ihre Lebensumstände noch, was ihr Sohn hier als barmherziger Samariter in einer Station für sterbende Aidskranke gewollt und was er hier entdeckt hat.

Louise stellt fest, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt hat. Und auch Henriks obsessive Suche nach dem Gehirn des ermordeten Präsidenten Kennedy ist nicht mehr als ein Symbol: "Wir leben in einer Welt, in der es wichtiger ist, Fakten zu verschleiern als zu enthüllen ...

Bald werde ich alle diese Dokumente über Kennedy und sein verfluchtes Hirn weglegen. Aber sie sind wie ein Handbuch für die Welt der Lüge – und damit die der Wahrheit." Es geht also um das Verborgene und die politische und wirtschaftliche Macht, die ihre wahren Interessen versteckt. Insofern ist der Kampf eines Einzelnen um die Wahrheit von vornherein ein verlorener, muss aber dennoch unternommen werden. So simpel die Botschaft, so anspruchsvoll die sprachliche Präsenz, mit der Mankell die Verzweiflung und die Verlorenheit Louises schildert: ein zwiespältiges Leseerlebnis.

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