Kempowski - Eine bürgerliche Biografie von Dirk Hempel, 2004, Knaus1.) - 2.)

Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biografie.
Biografie von Walter Kempowski (2004, btb, hrsg. von Dirk Hempel).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 27.04.2004:

75 Jahre? Gut dem Dinge
Morgen hat Walter Kempowski Geburtstag. Über eine bürgerliche Biografie.

Nun nähert sich auch Walter Kempowski dem Patiarchenalter. Der große Schreiber und Sammler wird am 29. April 75 Jahre alt. Chronist deutscher Bürgerlichkeit, Dokumentator von Zeitgeschichte, Lehrer und Verfasser von Schulbüchern, Förderer junger Talente - er sitzt in seinem Haus Kreienhoop in Naturm, was nördlich von Rotenburg ob der Wümme zu finden ist, auf reicher Lebensernte. Ob er derer von Herzen froh ist, lässt sich bei Kempowski nie so richtig einschätzen. Er hatte Zeit seines schriftstellerischen Lebens ein Talent dafür, den Wermutstropfen im Wein prägnant heraus zu schmecken.

Nun sagt es sich so leichthin, ein Mann habe sich allzu schnell missverstanden und unterschätzt gefühlt. In dem soeben erschienenen Taschenbuch "Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biografie" legt Dirk Hempel dar, wie die Kritik an dieses Schriftstellers Arbeitsweise und Produkten allzu oft nicht als nützliches Korrektiv, sondern mit dem Henkersbeil daher kam. Vor allem in den 70er und 80er Jahren war er für manche Halbgötter der Literaturszene einfach nicht existent: Seine zwischen 1971 und 1984 erschienene fünfbändige Familienchronik (Von "Taldellöser & Wolff" bis "Herzlich willkommen") galt den literarischen Verwertern linker Geschichtsinterpretation als Verniedlichung, seine collagierende, viele erinnerte und dokumentierte Texte verwendende Schreibtechnik als "Buchhaltertum". Es kam noch Unausgesprochenes dazu:

Kempowski war ein Einzelgänger, war ja erst lange nach dem Krieg mit dem ersten Buch aufgetreten ("Im Block", 1969), gehörte keiner Autoren-Gruppe an und war als ehemaliger Russen- und DDR-Häftling (sieben Jahre in Bautzen) für die freischwebend-progressive Linke eigentlich nur als Rechter einzuordnen. Dirk Hempel zitiert in seinem lesenswerten Buch linke Literaturkritiker, die reuevoll bekunden, dass man "damals" einen Kempowski einfach nicht gelesen habe.

Aber natürlich haben die meisten Literatur-Profis Kempowskis Qualitäten auch "damals" schnell erkannt, und die Leser rissen sich um seine Bücher, in denen das Schicksal der Rostocker Reeder-Familie Kempowski vom Kaiserreich bis in die fünfziger Jahre entfaltet wurde. Die in den Dialogen der Romanfiguren aufgehobenen Sprachklischees bekamen Kultcharakter. Man fand Postitives "Gut dem Dinge" oder "Gutmannsdörfer", lobte einen Sachverhalt mit Mutter Kempowski als "zu und zu schön" oder staunte "Wie isses nun bloß möglich!" Verfilmungen durch Eberhard Fechner mehrten auch Kempowskis Ruhm, ließen aber von der kritischen Doppelbödigkeit der Romantexte manches verloren gehen.

W eitere Romane folgten: "Hundstage" (eine Satire auf den Literaturbetrieb), "Heile Welt" (eine zauberhafte Schilderung des keineswegs nur heilen Lehrerlebens auf dem Lande) und im vergangenen Jahr das zu Herzen gehende Werk über einen sterbensnahen Mann, "Letzte Grüße". Dazu kamen die "Echolot"-Projekte, mehrbändige Dokumentationen kurzer Zeitabschnitte aus dem Zweiten Weltkrieg aus Reden, Briefen, Tagebüchern oder Verlautbarungen. Ferner Ergebnisse von Befragungen ("Haben Sie Hitler gesehen"), Kinderbücher, Fibeln und - nicht zu vergessen - Hörspiele, wobei "Moi Vaddr läbt" herausragt und den Hörspielpreis der Kriegsblinden einbrachte.

Parallel zu all dem liefen Schul- und Hochschulunterricht, kamen Symposien zustande, verwandelte sich das Lehrerhaus in Naturm in eine literarische Lehrwerkstatt und zeitweise in eine von Dutzenden von Mitarbeiten bediente Schreibfabrik. Wahrhaftig: Reiche Ernte!

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Kempowski - Eine bürgerliche Biografie von Dirk Hempel, 2004, Knaus2.)

Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biografie.
Biografie von Walter Kempowski (2004, btb, hrsg. von Dirk Hempel).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Zürcher Zeitung vom 28.04.2004:

Die Geschichte als Collage
Walter Kempowski - wieder und neu gelesen

Honorarabrechnungen können grausam sein. Als Walter Kempowski 1970 die ökonomische Bilanz seines Erstlings «Im Block» präsentiert bekam, liess sich der finanzielle Ertrag problemlos überblicken: Nicht einmal 2000 Exemplare waren über den Ladentisch gegangen, und Rowohlt-Verlagsleiter Fritz J. Raddatz musste sich herbe interne Kritik gefallen lassen. Niemand ahnte in diesem Moment, dass der Debütant Kempowski wenig später - mit «Tadellöser & Wolff» - zum Bestsellerautor avancieren würde, der die Kaufmannsherzen in jedem Verlag höher schlagen lassen würde. Rowohlt erlebte diese Freuden nicht mehr, denn nachdem Raddatz das Reinbeker Haus verlassen hatte, war Kempowski dort ohne Fürsprecher. «Tadellöser & Wolff», dieser «bürgerliche Roman» über ein Familienleben in der Nazizeit, erschien bei Hanser und brachte nicht nur ökonomischen Gewinn.

Nüchterne Schnitttechnik

Viele bedeutende Bücher hat Kempowski seitdem vorgelegt. Aus seinem überschaubaren Roman einer Reedersfamilie wurde eine vielbändige «Deutsche Chronik», und Anfang der neunziger Jahren überzeugte der unermüdliche Sammler Kempowski die Verantwortlichen des Albrecht-Knaus-Verlages, «Das Echolot» zu verlegen, eine zwei Monate umfassende vierbändige Dokumentation, die Erinnerungsstücke unterschiedlichster Herkunft collagiert und vielleicht als die ungewöhnlichste, ja kühnste schriftstellerische Tat des 20. Jahrhunderts gelten darf.

Kempowskis Début «Im Block» entstand in jahrelanger Arbeit. Immer wieder startete er Neuanläufe, bis er seinen an Kubin und Kafka ausgerichteten Stil aufgab und zu einer eigenen Form der nüchternen Schnitttechnik fand. «Keine Kommentare. Nichts über sich selbst», so lautet die Maxime dieses Ansatzes, der «Short Cuts» aneinander reiht, sie kunstvoll montiert und danach strebt, die Leser nicht mit vorschnellen Wertungen zu behelligen.

«Im Block» resümiert Kempowskis Häftlingsjahre in Bautzen. Im September 1948 verurteilte ein sowjetisches Militärgericht den 19-Jährigen wegen angeblicher Spionagetätigkeit zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager. Bis in den März 1956 dauerte es, ehe ihn eine Amnestie auf freien Fuss setzte. Die Bilanz dieser Jahre fällt schonungslos aus: «An die Wand ritzte ich einen Gesamt-Kalender für acht Jahre. Acht Weihnachtsgänse. Achtmal Ferien an der See. Zwei Berufe hätte ich lernen können oder sechzehn Semester studieren.»

Wenn dieses Buch, das von heute aus betrachtet wie ein Fremdling in der Literatur dieser Zeit wirkt, zu Kempowskis 75. Geburtstag wieder aufgelegt wird, so ist dies mehr als verlegerische Freundlichkeit. «Im Block» ist die Keimzelle eines Œuvres, dessen wahre Grösse noch nicht erschlossen ist. Versammelt sind bereits hier zentrale Erzählprinzipien Kempowskis, und das Thema - die Inhaftierung in Bautzen und die damit verbundenen Schuldgefühle gegenüber seiner Familie - erweist sich als Angelpunkt für alle folgenden Anstrengungen, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen.

Bautzen - das war für den jungen Kempowski nicht nur ein Ort des Schreckens, der Einschränkung («Natur fand bei uns nicht statt»), nicht nur ein ständiges Kreisen um Hunger, Krankheit und Notdurft und nicht nur das sehnsüchtige Warten auf die früh erhoffte Entlassung. Nein, Bautzen war auch «Segen», denn Kempowski nutzte diese stillstehende Zeit zu intensiver Lektüre, hörte Vorträge der Mitgefangenen, gleichgültig, ob sie sich mit Kriechtieren oder Segelflug befassten, und organisierte Chorgesang, der mit hoher Professionalität betrieben wurde. Alle diese Wahrnehmungen werden im Rückblick ohne anklagenden Ton vorgetragen; hin und wieder drängt bitterer Spott an die Oberfläche, doch die ordnende Hand des Erzählers achtet darauf, dass allein die Montagetechnik - und nicht die Kommentierung - Anleitungen zur Deutung des Erzählten gibt.

Gleichzeitig mit der Neuauflage von «Im Block» legt der Literaturwissenschafter Dirk Hempel, lange Zeit Mitarbeiter Kempowskis, eine schnörkellose Biografie des Aussenseiters vor. Hempels Darstellung ist keine kritische Analyse des Werkes. Im Mittelpunkt steht der schriftstellerische Weg: die früh geäusserte Absicht, die Bautzen-Erfahrungen zu verarbeiten, die parallele Existenz als unkonventioneller Dorfschullehrer und als Erfolgsschriftsteller, die Bewunderung für Arno Schmidt, die Freundschaft mit Uwe Johnson, der Ausbau des Hauses zum vielbesuchten literarischen «Kloster».

Hempels Darstellung, die viele unveröffentlichte Zeugnisse einbezieht, ist mehr als ein biografischer Abriss. Sie macht vor allem deutlich, nach welchen merkwürdigen Mechanismen der Literaturbetrieb funktioniert. Kempowski sass in Haft, als die Meinungsführer der deutschen Nachkriegsliteratur ihr ideologisch wasserfestes Bollwerk absicherten. Die Publikation von «Im Block» kam 1969 zur Unzeit, stellte seinen Autor als vermeintlichen Gegner der «Entspannungsliteraten» dar. Und auch die anfänglich wohlwollende Aufnahme von «Tadellöser & Wolff» hielt nicht vor: Verstärkt durch Eberhard Fechners erfolgreiche Fernsehverfilmung (mit Karl Lieffen und Edda Seippel in den Hauptrollen), wurde Kempowskis Literatur als konservativ oder gar reaktionär denunziert, als betont humorige Verharmlosung des Alltags im Dritten Reich. Die Scheuklappen sassen fest in jener Zeit.

Beharrungsvermögen

Der eigensinnige Kempowski bewies Beharrungsvermögen. Obschon er auf den Georg-Büchner-Preis bis heute warten muss, begann sich der literarische Wind spätestens mit «Das Echolot» zu drehen. Wie Dirk Hempel zeigt, zählt Kempowski zu den ganz wenigen Vertretern seiner Generation, die Einfluss auf die heute 30- und 40-jährigen Autoren ausüben. Benjamin von Stuckrad-Barre, Karen Duve, Tanja Dückers, Malin Schwertfeger, Gerhard Henschel - sie alle erwiesen Kempowski inzwischen ihre Reverenz und greifen seine plötzlich modern (oder postmodern) wirkenden Erzähltechniken des Semidokumentarischen produktiv auf. Und vielleicht gelingt es Kempowski bis zu seinem 80. Geburtstag sogar, auch jene verstockten Zeitgenossen zu überzeugen, die sein Kollege Peter Kurzeck beschrieb: «Sogar jetzt noch, wenn ich mit Buchhändlern spreche oder Rezensenten von meiner begeisterten Kempowski-Lektüre berichte, treffe ich auf Vorurteile. Sie zucken mit den Schultern und wenden sich ab. Dabei haben sie Kempowski nie wirklich gelesen. Sie glauben nur, ihn zu kennen.» - Es ist nie zu spät, Missständen abzuhelfen.

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