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Kein Gott in
Sicht.
Roman von Altaf Tyrewala (2006, Suhrkamp - Übertragung Karin
Rausch)
Besprechung von Martin Lüdke aus
"Die Zeit", 28.9.2006:
Gott müsste schreien
Der wundersame »Roman« des jungen Inders Altaf Tyrewala.
Im vierzehnten Stock des Ismat Tower von Bombay (Mumbai) bleibt plötzlich der Lift stehen. Moin, eine Art Geisterbeschwörer, steigt notgedrungen aus und sieht sich unversehens vor einem kleinen Menschenauflauf. Handelsvertreter, Hausbewohner, Verkäufer, Bettler und Boten. Er erinnert sich an die Warnung seines Lehrmeisters: »Wo Menschen sind, da ist immer etwas Schlechtes im Anmarsch.« Dabei hatte doch Nilhofer eben noch einmal Glück gehabt.
Der Bewohner von Apartment 1403, ein Berufsverbrecher, wagte wegen der vielen Menschen auf dem Flur nicht, sie in die Wohnung zu zerren und zu erschießen. Die junge Frau stammt aus dem Slum, der oben auf dem Dach des Hochhauses entstanden ist. Den Dachbewohnern bleibt selbstverständlich die Benutzung des Fahrstuhls versagt. Nilhofer muss die Treppen benutzen. Sie geht von Etage zu Etage und Tür zu Tür, um einen Job zu suchen, als Putzfrau oder Dienstmädchen. Sie kreuzt Lebenswege. Daraus entspringen Geschichten.
In Bombay? Oder Bamberg? Der Unterschied wird auf eine paradoxe Weise (fast) eingeebnet. Das Fremde erscheint trügerisch vertraut. Auch weil die Welt zusammengerückt ist. Wer in Nordengland die Telefonauskunft anruft, wird nach Südindien verbunden. Das Immergleiche hat sich ausgebreitet. Der Rest bleibt Kulisse. So gesehen könnte der »Roman« des jungen Inders Altaf Tyrewala (fast) überall spielen. Hier und da steigen zwar mal scharfe Gerüche auf. Hühner werden geschlachtet. Während sie mit durchschnittenem Hals ausbluten, haben sie, anders als bei uns, noch die Chance, »über den Tod nachzudenken« und so »zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen«. Doch das sind Ausnahmen.
Tyrewala führt uns nämlich menschliche Schicksale vor. Er erzeugt, erzählend, mit erstaunlich geringem Aufwand, einen gewaltigen Sog, in den nicht nur seine Figuren hineingerissen werden, sondern, bereits nach wenigen Abschnitten, auch die (europäischen) Leser seines ersten Romans. Dieses Debüt war in Indien ein beachtlicher Erfolg; gleichzeitig erscheint das Buch nun in den USA, England, Frankreich, Spanien und bei uns.
Der noch nicht einmal dreißigjährige Autor hat einen Blick für die Menschen. Er verzichtet weitgehend aufs Lokalkolorit. Er kommt ohne alle Exotik aus. Dafür präsentiert er uns, zuweilen extrem, verdichtetes Leben. (Einige seiner sentenzhaften Formulierungen erinnern an Botho Strauß, etwa wenn er einen Bettler »am Schmerz seiner eigenen Bedeutungslosigkeit« teilhaben lässt.) Das heißt: Er ruft seine Figuren auf und lässt sie, wie dereinst vielleicht einmal der Schöpfer seine sündigen Kinder vor dem Jüngsten Gericht, aus der unendlichen Reihe der Geschöpfe hervortreten, ihr Sprüchlein aufsagen, also ihr Leben ausbreiten. Dann treten sie wieder zurück und verschwinden, auf immer und ewig.
Der Schweizer Schriftsteller Gerold Späth hatte vor knapp dreißig Jahren in seiner Commedia ein ähnliches Verfahren gewählt. Lebensläufe, scheinbar zusammenhanglos, aneinander gereiht, von den Protagonisten selbst erzählt. Mal an einer Episode aufgehängt, gerafft, mit wenigen Worten einen großen Bogen schlagend, mal scheinbar abschweifend, doch immer prägnant – noch im unscheinbarsten Fragment das Ganze spiegelnd. Späths Epos ließ sich lesen als ein letzter, naturgemäß scheiternder Versuch, die gottlose Welt ästhetisch zu retten. Altaf Tyrewala, der junge Inder, um drei Jahrzehnte weiter und um einige Hoffnungen ärmer, geht entsprechend radikaler vor. Bei Späth waren es die Bewohner eines Ortes, deren Biografien zumindest geografisch und auf diese Weise manchmal auch kausal miteinander verknüpft waren. Bei Tyrewala sind die Protagonisten Inder, größtenteils Einwohner von Bombay, die meist nichts anderes miteinander verbindet als der blanke Zufall, nämlich die Tatsache, dass sie irgendwo und irgendwie, in einer bestimmten Situation ihres Lebens, in aller Regel eben zufällig aufeinander getroffen sind. Auf einem Hochhausflur, in einem Schuhgeschäft, an einem Marktstand, in einer Abtreibungspraxis.
Menschen aus den unterschiedlichsten Klassen, Schichten, Kasten. Sie gehen den unterschiedlichsten Tätigkeiten nach, sind sanftmütig oder gewalttätig, jung oder alt, arm oder, wenn schon nicht reich, zumindest wohlhabend. Sie sind verzweifelt oder voller Hoffnung, Opfer und Täter. Kurz gesagt, es sind Menschen auf ihrem Weg durchs Leben. Das verbindet sie. Und die Tatsache, dass auf verschiedene Weise Religion in ihr Leben hineinspielt.
Da flüchtet ein Junge vor dem Elend seiner innerlich zersprengten Familie ins Internet. Seine Schwester, ungewollt schwanger geworden, macht sich auf den Weg zu einer Abtreibung. So fängt alles an. Nach gerade drei Seiten, wenigen Zeilen, sind wir schon mittendrin in einem Roman, der natürlich nicht dem herkömmlichen Regelkanon folgt, sondern, kühn konstruiert, in oft ganz kurzen, einigen Zeilen langen Abschnitten, meist wenige Seiten umfassenden Kapiteln viele Geschichten erzählt.
Eine Art Staffellauf: Die Verbindung zwischen den Protagonisten scheint lose, äußerlich, zuweilen genügt ein Blick, und der Angeblickte erzählt weiter, von sich, seinem Leben. Oder, wie am Anfang des Buches: Die Tochter unterzieht sich der Abtreibung. Der Arzt spricht kein Wort, aber er übernimmt den Stab. Die nächste Stafette folgt. Ein anderer Schicksalszusammenhang: Der »Engelmacher«, ein gescheiterter Medizinstudent, wird mit seiner Familie vorgestellt. Die Mutter, die seinetwegen nach Mekka pilgerte und dort ums Leben kam. Der Vater, ein Schuhverkäufer, der an dem Unglück zerbricht. Hinter all diesen Geschichten lässt sich eine uns fremde Kraft erahnen.
Tyrewala, 1977 in Bombay geboren, hat in New York studiert und ist nach seinem Studium wieder nach Bombay zurückgekehrt. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie die Unterschiede zwischen den Gesellschaften und den Kulturen fortschreitend und in immer höherem Tempo eingeebnet werden – an der Oberfläche. Tyrewala hat sich davon nicht täuschen lassen. Deshalb interessiert er sich auch weniger für das Augenscheinliche. Drangvoll überfüllte Züge, der Lärm auf einem Marktplatz, die seltsamen Gebräuche in einem Nachtklub, das alles kommt wie nebenbei vor. Über Indien, über Bombay erfahren wir nur sehr wenig.
Weil sich der Autor für die Menschen interessiert, die in solchen Verhältnissen leben (müssen). Und, vor allem, für die Energie, die sie antreibt. Er erzählt ohne jede theoretische Vorgabe. Vielleicht wird aber gerade deshalb, trotz aller scheinbaren Modernität, etwas von den archaischen Gesetzen sichtbar, denen die indische Gesellschaft noch immer gehorcht. Diese Gesellschaft wird noch immer von der Religion beherrscht. Das heißt auch: von den Auseinandersetzungen zwischen den Religionen. Tyrewala zeigt, wie die Dialektik der Aufklärung greift. Denn es geht nicht mehr um den Glauben, gleich ob an einen Gott, die Götter oder den Propheten. In der Hölle, die uns hier vorgeführt wird, »müsste Gott sehr laut schreien, um sich bemerkbar zu machen«. Er tut es nicht. Genau dieser Umstand verschärft die Konflikte.
Was sich in Rushdies erstem großem Roman Mitternachtskinder bereits angedeutet hatte, wird hier entfaltet. Die Menschen, mit ihrem sinnlosen Schicksal allein gelassen, suchen den Schuldigen – im Anderen. Oft finden sie ihn. Das sind die Opfer, die wir kennen lernen. Der Titel dieses »Romans«, im englischen Original wie auf Deutsch, lautet: Kein Gott in Sicht. In dem Maß schwindender Geltungskraft der Religionen steigt die Unerbittlichkeit ihrer Anhänger. Die Moderne hat Gott abgeschafft. Hier wie dort. Wir haben uns an den Verlust gewöhnt (ohne einen Ersatz gefunden zu haben). Die Inder sind auf dem Weg dahin. Diese Einsicht vermittelt uns ein junger Schriftsteller, der von Menschen erzählt, die nur ihr Leben leben wollen.
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Leseprobe I Buchbestellung I home 1206 LYRIKwelt © Die Zeit/M.L.
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2.)
Kein Gott in
Sicht.
Roman von Altaf Tyrewala (2006, Suhrkamp - Übertragung Karin
Rausch)
Besprechung von Brigitte Voykowitsch aus den Nürnberger
Nachrichten vom 24.11.2006:
Liebe, Betrug und andere Geheimnisse
Drei aktuelle Romane aus dem modernen Indien
Das Wirtschaftswunderland Indien war in diesem Jahr das
Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Aus der Fülle von Neuerscheinungen
stellen wir drei wichtige Indien-Romane vor.
Manche Lieder aus dem Kathakali, einer der ältesten Formen des indischen
Tanzdramas, hatte die Schriftstellerin Anita Nair sehr oft gehört. „Als ich
noch in einer Werbeagentur arbeitete, sah ich eines Morgens einen Kathakali-Tänzer
voll kostümiert und geschminkt am Empfang stehen. Ich war neugierig, was er da
machte. Für meine Kollegen aber war er nur ein Objekt des Spotts. Dann erfuhr
ich, dass er für eine Zeitungswerbung geholt worden war“, schildert Anita
Nair jene Begegnung, die den Anstoß zu ihrem jüngsten Roman „Kathakali“
gab. Nach „Ein besserer Mann“ und „Das Salz der drei Meere“ ist es der
dritte Roman der Autorin, der nun auf Deutsch vorliegt.
„Für mich war das ein Schlüsselerlebnis. Was geht da ab, wenn jemand, der
sein Herz und seine Seele und sein ganzes Leben dieser Kunstform widmet, sich
als Werbegag benutzen lässt. Ich beschloss also, mich ernsthaft mit Kathakali
zu beschäftigen“, sagt Anita Nair. Von Bangalore, wo sie heute mit ihrer
Familie lebt, fuhr sie nach Kerala, und tauchte für einige Monate ganz in die
Welt jener Kunstform ein, deren Dramen zumeist auf den großen indischen Epen
beruhen. Danach arbeitete sie mehrere Jahre an ihrem bislang aufwändigsten
Roman.
Im Zentrum steht die Lebensgeschichte des Kathakali-Tänzers Koman. Der
englische Originaltitel des Werkes — „Mistress“ — deutet allerdings viel
besser als die deutsche Übersetzung an, dass es auch um Liebe und Betrug,
Masken und Geheimnisse geht.
Der Reiseschriftsteller Christopher Stewart kommt nach Kerala, um, wie er
angibt, die Biografie des Tänzers Koman zu erforschen. Koman, seine Nichte
Radha und deren Mann holen Chris vom Bahnhof ab. Ausgehend von dieser ersten
Begegnung, bei der Chris und Radha sich sofort unwiderstehlich zu einander
hingezogen fühlen, entführt Anita Nair die Leser in eine Welt der Kunst, der
Träume, der Enttäuschungen und zwischenmenschlichen Beziehungen. In komplex
verwobenen Erzählsträngen und wechselnden Perspektiven entfalten sich die
Lebensgeschichten der Protagonisten.
Mehrere hundert Kilometer nördlich von Kerala, in der Wirtschafts- und
Finanzmetropole Bombay, ist der Erstlingsroman von Altaf Tyrewala, „Kein Gott
in Sicht“, angesiedelt. Der selbst aus Bombay stammende Muslim beschäftigte
sich während seines Wirtschaftsstudium in New York erstmals eingehend mit
indischer Literatur - „aus Heimweh“, wie er zugibt.
Aus der Begeisterung für die Literatur erwuchs dann der Wunsch, auch selbst zu
schreiben. „Und das konnte ich nur über eine Welt, die mir vertraut war“,
erzählt Altaf Tyrewala - also jene vorwiegend muslimischen Viertel von Bombay -
oder Mumbai, wie es seit 1995 offiziell heißt —, in denen er selbst
aufgewachsen war.
Ungewöhnlich ist der Stil des Romans, der aus einem Kaleidoskop kurzer
Geschichten, Vignetten, Beobachtungen und wechselnder Perspektiven besteht. Der
Titel legt fest, worum es im Leben seiner Protagonisten die meiste Zeit nicht
geht - um Gott oder Götter. Der Betreiber einer Abtreibungsklinik, der
Schuhverkäufer, der Geflügelhändler und die vielen anderen Charaktere sind
mit dem Überleben und mit ihren Alltagssorgen beschäftigt. Allerdings klingen
immer wieder auch die religiösen Spannungen und Vorurteile an, die Altaf
Tyrewala aus seinem eigenen Leben kennt.
Die gemeinsame Geschichte von Hindus und Muslimen ist gekennzeichnet von
wechselseitigen Beeinflussungen, aber ebenso von Vorurteilen und Konflikten, die
schließlich zur blutigen Teilung des Subkontinents in das mehrheitlich
hinduistische Indien und das muslimische Pakistan im Jahr 1947 führten. Mit
dieser Teilung haben sich Hindu-Nationalisten nie abfinden können.
Auch Alka Saraogi hat ihren Roman „Umweg nach Kalkutta“ in ihrer Heimatstadt
und in dem ihr vertrauten kulturellen Umfeld angesiedelt. Verfasst hat sie das
Werk auf Hindi, der Sprache der Marwaris, jener Händlerkaste aus Rajasthan, der
sie selbst angehört. So wie ihre eigenen Vorfahren, zog auch die Familie ihres
Protagonisten, des 72-jährigen Geschäftsmanns Kishor Babu, während der
britischen Kolonialherrschaft nach Kalkutta - Kolkata, wie es heute heißt.
Die Geschichte von Kishor Babu, der nach einer Bypass-Operation auf den Spuren
lange verdrängter Erinnerungen durch die Stadt wandert, verknüpft Alka Saraogi
mit der kolonialen wie postkolonialen Geschichte Indiens. Unverhohlen übt sie
dabei Kritik am Verlust des einstigen Ideals einer gerechten Gesellschaft und
des Traum von einer positiv gelebten Einheit in der Vielheit.
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