Keine Zeit wie diese.
Roman von Nadine Gordimer (2012, Berlin-Verlag - Übertragung
Barbara Schaden)
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 7.12.2012:

Die Revolution entlässt ihre Kinder
Bittere Bilanz in Südafrika: Nadine Gordimers Roman „Keine Zeit wie diese“

In ihrem neuen Roman „Keine Zeit wie diese“ nimmt sich Nadine Gordimer nach jahrelanger Abstinenz wiederum die politische Entwicklung im heutigen Südafrika vor – und zwar überaus konkret.

Der Schriftsteller, so hat Nadine Gordimer einmal gesagt, stehe unter dem Druck der Erwartung jener, deren Ziele und Ideale er teile: „Seine Integrität als Mensch verlangt von ihm, dass er jedes Opfer bringt, das dem Kampf um Freiheit nützt.“ Es ist aber exakt diese Haltung des Selbstzweifels und der Selbstkritik, das Empfinden vom eigenen Opfer, das sich die heute 89-jährige Schriftstellerin zum Thema ihrer Romane und Erzählungen gemacht hat, ein Werk, für das sie 1991 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

In den letzten Jahren war es ruhiger um sie geworden. Ihre große Aufgabe, die Unterdrückung der Schwarzen im Land am Kap in Worte zu fassen und anzuprangern, schien erfüllt zu sein. Die neue südafrikanische Politik spielte für sie nicht mehr eine so wichtige Rolle. Die unblutige Überwindung der Apartheid in Südafrika hatte der Essenz und der Triebfeder ihres Schreibens eine neue Richtung gegeben. Auf der inhaltlichen Ebene ging es dann immer wieder um Lieben und Sterben.

Der neue Mittelstand

All die großen Kämpfe und Schlachten um die Apartheid gehören längst der Vergangenheit an. Aber dennoch ist in Südafrika unter der Dominanz des „African National Congress“ keine heile neue Welt entstanden. Die einstigen Revolutionäre müssen erst einmal lernen, dass ihre ruhmreiche Vergangenheit im neuen Südafrika nicht mehr viel zählt. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein junges Paar aus dem erfolgreichen Mittelstands-Milieu. Steve ist weißer Südafrikaner, Sohn eines Christen und einer Jüdin. Jabulile, seine Frau, ist schwarz. Die beiden haben sich im gemeinsamen Kampf gegen die rassistische Unterdrückung durch die Buren kennen gelernt. Sie haben eine Tochter, bewohnen ein hübsches Haus. Nadine Gordimer bleibt dem Paar auf den Fersen und bildet dabei eine Chronik der Jahre seit der Unabhängigkeit heraus.

In ihrem bislang radikalsten Roman – „July’s Leute“ von 1981 – hatte die Autorin eine Welt der Schwarzen gezeigt, in der die Weißen keine beherrschende Rolle mehr spielen. Diese Vision ist am Kap Wirklichkeit geworden. Aber diese Wirklichkeit offenbart eine nachrevolutionäre Desillusionierung, die den Kampf von einst als bloßes Mittel zum Zweck der jetzt herrschenden neuen Klasse unter dem ANC erkennen lässt. Da greift Nadine Gordimer vor allem den derzeitigen südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma an. Ihm wird vorgeworfen, in Waffengeschäfte verwickelt gewesen zu sein. Er sei korrupt, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Und ausgerechnet dieser bekennende Polygamist verteidigt sich nach dem Beischlaf mit einer HIV-infizierten Frau mit dem haarsträubenden Argument, er habe sich doch anschließend unter die Dusche gestellt und abgebraust.

Netz von Lügen

Gordimer ist aber nicht nur Chronistin der Widersprüche am Kap. Auch nach dem Ende der Apartheid rückt sie nicht ab von ihrem Gestus intensiver Selbstbefragung. Erzählfiguren wie Steve und Jabulile stehen im Zeichen der Ambivalenz von Schuld und Absicht. Nadine Gordimer interessiert sich für die Substanz ihrer Charaktere, nicht für die Hautfarbe. Dass Steve und Jabulile am Ende mit dem Gedanken spielen, nach Australien auszuwandern, lässt die politische Bilanz pessimistisch ausfallen. Die Revolution entlässt ihre Kinder – und die machen sich enttäuscht davon.

Doch gerade die eindimensionale Position der Schwarzweiß-Malerei ist die Sache dieser Schriftstellerin nie gewesen. Nadine Gordimer versucht, sich in die Köpfe ihrer Figuren hineinzudenken. Sie stellt Fragen über Fragen und stößt dabei immer wieder auf Heuchelei und Doppelmoral. Dass die Regierung von Jacob Zuma mit ihrem autokratischen Gehabe das Land mit einem Netz von Lügen über die wahren Verhältnisse überzieht, ist für Nadine Gordimer ausgemacht. Ihr Roman ist über weite Strecken eine politische Abrechnung mit dem ANC. Da ist sich die mit unverminderter Wachheit beobachtende Autorin treu geblieben.

Die komplette Besprechung mit Abb. von Wolf Scheller finden Sie in den Nürnberger Nachrichten

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