Keine
Kunst.
Roman von Péter Esterházy
(2009, Berlin-Verlag - Übertragung Terézia Mora).
Besprechung von Thomas Schaefer aus dem titel-magazin,
28.9.2009:
Die Schönheit der
Möglichkeiten
Péter Esterházys Fußball- und Mutterbuch Keine Kunst ist große
Kunst.
Seit der traumatischen Niederlage der Wunderelf um Ferenc Puskás im Berner
WM-Finale 1954 gegen Deutschland hat der ungarische Fußball den Anschluss an die
internationale Spitze verloren. Im Gegensatz zur ungarischen Fußball-Literatur,
die ein Niveau bespielt, das – um beim Fußballvergleich zu bleiben – als
geradezu brasilianisch bezeichnet werden muss. Man denke an László Darvasis
Miniaturensammlung Wenn ein Mittelstürmer träumt (2006) oder an Péter Esterházys
Deutschlandreise im Strafraum (2006). Wobei in beiden Büchern dem Fußball der
Stellenwert eingeräumt wird, der ihm gebührt: als Lebensgleichnis.
Für Péter Esterházys Mutter wäre eine solche Aussage purer Unfug. Zum einen,
weil sie es als sinnlos ablehnt, über Fußball zu reden oder gar zu schreiben,
zum anderen, weil Fußball nie eine Metapher für das Leben sein kann, bedeutet er
ihr doch das Leben selbst. Der „Reichtum, der Überfluss, die Pracht der Welt
vereinigte sich für sie im Viereck des Fußballplatzes“, denn sie erkennt und
liebt die dem Fußball eigene „Schönheit der Möglichkeiten“. Zumindest lässt der
1950 in Budapest geborene Péter Esterházy in seinem neuen Buch Keine Kunst seine
Mutter Lilike derartige Positionen vertreten und inszeniert sie als höchst
eigenwilligen Menschen: Sie wird in der Fabrik, in der sie arbeiten muss, „zum
Mann ehrenhalber erklärt“, wütet auf der Tribüne gegen den Schiedsrichter und
staucht den Trainer zusammen, weil der ihren Sohn nicht in der Startelf
aufstellt. Auch dem Sohn gegenüber verhält sie sich burschikos. Dass er als
Schriftsteller Karriere gemacht hat, imponiert ihr nicht im Geringsten,
schließlich sollte er Fußballer werden, und dass er an seinem 15. Geburtstag
„das Leder an den Nagel hängte“, kann sie ihm nie verzeihen. Auch nach ihrem Tod
mischt sie sich in die literarische Arbeit des Sohnes ein, weist ihn zurecht,
korrigiert ihn, bringt ihn zum Schweigen und weiß ihn an sich zu binden: „Eine
Mutter ist für immer und ewig eine Mutter. Und ihr Kind ist für immer und ewig
ihr Kind. Das ist das Schicksal der Mutter und des Sohnes.“
“Romanheld namens Meinemutter“
Diese wunderbare Person ist eine Variation jener Mutterfigur, mit deren Tod sich
Esterházy 1985 in Hilfsverben des Herzens auseinandergesetzt hat. Und sie ist
Fiktion. Aber was für eine! Und was für einen Genuss bedeutet es, dem vertrauten
Stil Esterházys wieder zu begegnen – der eigentlich eine Zumutung ist.
Stringentes Erzählen einer allwissenden Instanz ist Esterházy fremd. Sein
Verfahren wird gern als postmodern bezeichnet und ist doch vor allem ein großer
Spaß: ein Erzähler, der sich selbst ständig ins Wort fällt, seine Formulierungen
und Erinnerungsfähigkeit kritisiert, der abschweift, sich in Widersprüche
verwickelt, den Faden verliert und nicht immer wieder aufnimmt. Ein Füllhorn an
Anekdoten, ein Kaleidoskop an Figuren und aphoristischen Aperçus. Nur mittels
eines solchen Verfahrens vermag man den „unverständlichen und unannehmbaren
Fakten der Wirklichkeit“ gerecht zu werden – zumal, wenn die so kompliziert ist
wie im Fall jener aus altem Adel stammenden, in Esterházys großem Roman Harmonia
Cælestis dargestellten Familie des Autors. Allein die Rolle des Vaters ist ja
nicht zu fassen: ein Mann, der in den Zeiten der kommunistischen Rákosi-Diktatur
verfolgt, später aber der Kooperation mit dem Geheimdienst überführt wurde. Wie
die Familie sich durch die Diktatur lavierte, ist eines der vielen Motive des
Buches, zum Beispiel, indem die Mutter ihre Freundschaft zum Fußballgott und
Major Puskás nutzte, um die Deportation aufs Land zu verhindern und im
Budapester Haus zu bleiben.
Dort sitzt Esterházy in seinem „turmgleichen“ Arbeitszimmer, lässt die Blicke
und Erinnerungen schweifen und Gestalten der Vergangenheit wieder auferstehen:
Trainer, Mannschaftsbetreuer, ehemalige Mitspieler und immer wieder, Abschied
nehmend und liebevoll, den „in der Tiefe des Raumes nunmehr für immer
verschwindenden Romanheld namens Meinemutter“.
Keine Kunst – das Understatement des Titels mag sich auf den Fußball beziehen,
auf die Literatur oder auf das neue Buch. Aber natürlich weiß Esterházy um seine
Könnerschaft und demonstriert seine außergewöhnlichen Zauberstücke mit der
Gelassenheit eines alten Meisters. Ein Puskás der Literatur.
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