Keine große Geschichte von Jamal Tuschick, 2004, SuhrkampKeine große Geschichte.
Roman von Jamal Tuschick (2004, Suhrkamp)
Besprechung von Matthias Teiting aus dem titel-magazin, 20.02.2004:

Stolz und Verachtung
Wenn kein Sinn und kein Freund zu finden ist in der Welt, man weiterhin aber über die Mittel und die Konstitution verfügt, um wachen Auges hindurchzuschreiten, dann bleibt nichts, als das Gesehene in möglichst geschmackvollen Sätzen für sich niederzuschreiben. So geschehen in diesem herrausragenden Debüt.

Kassel, ausgerechnet Kassel, tiefste nordhessische Provinz, dann auch noch am Ende der siebziger Jahre, von Bierdunst umnebelt und dauerhaft beschallt von musikalischen Trostlosigkeiten á la “Jessica” oder “Stairway to Heaven”. Besucht man eine von zwei Diskotheken der Stadt, trifft man womöglich seine eigene Mutter auf der Tanzfläche. Veronika und Angie, Koller, Teichmann und der Erzähler mit dem stolzen Namen Selkirk Barrenboyne Borroughs tun sich zusammen. Sie ziehen durch die immer gleichen Kneipen und sie spielen in einer Band. Sie erreichen mühelos lokale Größe in der kleinen Stadt und feiern wildeste Partys. Sie fühlen sich jung und frei, gleichzeitig verzweifelt und alt. Was nutzt das schönste Rockstardasein, wenn das Leben sich aus der Perspektive des Überfliegers nur um so deutlicher in seiner Ödnis und Leere präsentiert, wenn sich die Schwächen der anderen, zumal der besten Freunde, um so mehr als lächerlich und vermeidbar erkennen lassen. Oder, im Fall des seelisch nervösen Schlagzeugers Teichmann, gar als tödlich.

Nachdem Teichmanns Labilität für die Band nicht mehr zu tragen ist, wird er kurzerhand gefeuert. Wenig später nimmt er sich das Leben. Selkirk Barrenboyne Borroughs notiert: “Ich sah aus dem Fenster und dachte über mein Leben nach, ein Hemd, das ich kaufen wollte; ob diese Landschaft für mich eine Bedeutung hatte”. Ein Satz aus Teichmanns Aufzeichnungen lautete: `Man kann mir nichts bieten, was mich für die Leistung entfremdeter Arbeiter und die zum Erfolg erforderliche Selbstaufgabe entschädigen könnte.´ Das galt für mich nicht”.

Herausragendes Debut

Selkirk Barrenboyne Borroughs ist das Erzähl-Ich in Jamal Tuschicks Debutroman “Keine große Geschichte” und lernt gemäß des vom Autor gewählten Genres, dem Bildungsroman, Seite um Seite fürs Leben. Seinen Marx hat er nach einem gescheiterten Referat im Gesellschaftskundeunterricht schon lange vor Teichmanns Ableben aus der Hand gelegt. Der Kollege Koller hielt damals den effektiveren Vortrag. “Er wusste, wie man aus einer Mark einsfünfzig machte."

Tuschick hat die Aufzeichnungen seines Helden, bestehend aus kurzen lakonischen bis teilnahmslosen Erinnerungs- und Beobachtungs-häppchen, wenig chronologisch, dafür sehr aufschlussreich aneinandergeschnitten. Die frühe Exzentrik der Sängerin Angie wird in einem Atemzug erzählt mit ihrer verzweifelten Etabliertheit zwanzig Jahre später. Die selbstbewusste Szenekönigin Veronika entpuppt sich sogleich als gescheiterte Existenz mit Kind und Tattooshop. Wo immer sich im Überschwang der Jugend ewige Freundschaft geschworen wird, ahnt der Leser schon, was den Figuren im späteren Leben droht: Einsamkeit und stolze Selbstbehauptung gegen all jene, die es nicht geschafft haben.

Den Erzähler verschlägt es nach durchstandener Provinzsozialisation ins kühle Frankfurt der achtziger Jahre, wo er ohne große Anpassungs-schwierigkeiten sein Geld an der Börse macht und, nach einigen ernüchternden Treffen mit den alten Gefährten, fortan allein durch die Straßen und Bars zieht. An diesem Punkt des Romans angekommen, stellt Tuschick nun den Erinnerungstext zurück und offeriert eine Flaneurs- und Cafédichterprosa, die in der Genauigkeit ihrer Wahrnehmung und in ihrer sprachlichen Schönheit eine helle Freude ist – auch, wenn es inhaltlich weiterhin wenig Positives zu vermelden gibt. Straße um Straße wird die Großstadt mit abschnittsweise unzensierter Detailfreude vermessen, die Innenstadt, immer wieder das verfallende Hafengebiet. Meisterhafte Portraits unscheinbarer Randfiguren des Alltags reihen sich aneinander. Die vielleicht einzige Figur im Buch, der eine tatsächlich uneigennützige Menschenfreundlichkeit zugestanden wird, ist ein türkischer Gemüsehändler, der an einer der Hauptverkehrsstraßen der Stadt jedem seiner Kunden mit der selben entwaffnenden Milde entgegentritt. Und natürlich muss diese Figur zugleich die einsamste sein. “Nur in den kältesten Wintertagen verliert er seine Gemütlichkeit. Dann fängt sich der Wind in dem unbeheizbaren Verschlag, und die durch den grauen Frost Eilenden nehmen aus den Augenwinkeln eine sich selbst umarmende Jammergestalt war”.

Auf keinen Fall aber lässt sich das Interesse des Erzählers an den Säufern und Prostituierten, den Emigranten und Kindern nun mit Solidarität für die Verlierer des Großstadtbetriebs verwechseln. Denn für den gelernten Siegertypen, als der sich dieser Silkirk Barrenboyne Burroughs schon zu Kassler Rockstarzeiten zu definieren begonnen hat, ist Solidarität gezwungenermaßen ein Fremdwort. Die Informationen, die er auf seinen Spaziergängen eingeholt hat, dienen lediglich dazu, sich der eigenen Identität zu vergewissern, und schließlich in der Jetztzeit, in den späten neunziger Jahren angekommen, ist der Erzähler endgültig zum kaltherzigen Überlebenskünstler herangewachsen. Für die anderen Gewinner dieser Welt bleibt wiederum nur wohlformulierter Hohn. Zu weit hat sich diese Persönlichkeit ihrer eigentlichen Bestimmung schon angenähert, um sich den Stolz der Schlipsmänner in den Bars an der Börse gefallen zu lassen oder die Verachtung der Sekretärinnen im Showgeschäft seines ehemaligen Freundes Koller: Die verkrampfte Abwehrhaltung, die sich all jene aus Angst vor dem Abstieg zugelegt haben.

Was einer solchen Figur einzig bleibt, Jamal Tuschick hat es messerscharf erkannt und die gesuchte Profession auf der vorletzten Seite seines Buchs beim Namen genannt, ist eine Existenz als Schriftsteller. Wenn kein Sinn und kein Freund zu finden ist in der Welt, man weiterhin aber über die Mittel und die Konstitution verfügt, um wachen Auges hindurchzuschreiten, dann bleibt nichts, als das Gesehene in möglichst geschmackvollen Sätzen für sich niederzuschreiben. So geschehen in diesem herrausragenden Debut. Heißen wir Jamal Tuschick willkommen im Kreise einer bemitleidenswerten Zunft.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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