Katzenellenbogen von Konrad Kellen, 2003, edition selenKatzenellenbogen.
Erinnerungen an Deutschland von Konrad Kellen (2003, edition selene).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 2.9.2003:

Und alle anderen sind blöd
Konrad Kellens Erinnerungen an Deutschland, "Katzenellenbogen", erklären noch einmal die Geschichte

Wer ist Konrad Kellen? Er wurde 1913 in Berlin als Konrad Katzenellenbogen geboren und wuchs in ausnehmend begüterten Verhältnissen heran. Bald, nachdem er in München sein Jura-Studium aufgenommen hatte, kamen die Nazis an die Macht, und er musste emigrieren. Er arbeitete für kurze Zeit in Jugoslawien, 1935 floh er in die USA. Als amerikanischer Offizier nahm er am Zweiten Weltkrieg teil und war danach am Entnazifizierungs-Programm in Deutschland beteiligt. Zwischen 1941 und 1943 war Konrad Katzenellenbogen, der seinen Namen auf Konrad Kellen verkürzte, in Pacific Palisades als Privatsekretär Thomas Manns angestellt.

Aber was sagen die dürren Fakten schon über ein Leben. Nichts, gar nichts. Nie vermögen sie, ein Schicksal anschaulich zu machen. Mühen, Ängste, Leiden, sie alle verschwinden im großen Gleichmacher der Aufzählung. Deshalb bedarf es eines kreativen Zugriffs, der Literatur vorzugsweise, um für andere vorstellbar zu machen, was einen Menschen umgetrieben hat, wie ihm die Zeitläufte mitgespielt haben, was sein Wesen ausmacht.

Auf Kreativität darf sich Konrad Kellen, wenn er daran geht, sein Leben zu beschreiben, wahrlich etwas einbilden. Das ist eine der seltsamsten Biographien, die je geschrieben worden ist - und eine heillos missratene. Von Anfang an hat der Autor alle Sympathien auf seiner Seite, weil er eben nicht abgeklärt an die Sache der Erinnerung geht, sondern mit der Wut des Davongekommenen bei Strafe der Ungerechtigkeit Position bezieht, Täter nennt, Urteile fällt. Er steht mit Haut und Haaren für seine Bewertungen ein, er gibt sich gnadenlos und rücksichtslos. Dieser Ton der Härte lässt aufhorchen, weil er so ganz anders ist als Erinnerungsprosa sonst. Nichts da von verklärender Altersmilde, nirgends eine Reminiszenz an ein über die Jahre gut abgehangenes und dadurch bekömmlich gewordenes Früher.

Gewiss hat der Abstand, den der Exilant in den USA zur deutschen Sprache bekommen hat, die Tonlage verschärft, aber auch trivial gemacht. Es haben sich Standards eingeschlichen, wie der Autor über Menschen und Institutionen schreibt. Hitler wird nie beim Namen genannt, ist stets "der Schnurrbart", das wirkt aber nicht hochgradig rebellisch, sondern kindisch. Die Nationalsozialisten sind "Nazihorden" oder "Nazipest" und werden gerne mit einem Fluch belegt. Das sind heute aber leichte Gegner, die zu verteufeln jedermann locker von der Hand geht. Kellen schielt nach Zustimmung, und wer wagte ihm in der Sache zu widersprechen? Im Gegenzug wird in den späten Jahren Kellens Vater ausnahmslos als "mein armer Vater" auftreten. Kellen arbeitet mit rhetorischen Standards, die so simpel gebaut sind, dass sie niemandem helfen, weil sie rein aufs Gefühl abzielen.

Hier artikuliert sich ein Kraftlackel, der in plakativen Farben und Formen denkt. Gut, man ist geneigt, Kellen zugute zu halten, er schreibt aus der Perspektive des Opfers, und die muss, weil sie auf Selbstrettung aus ist, nicht klug differenziert eingestellt sein. Und trotzdem ist dieses Buch gescheitert!

Zweifellos hat Kellen, der heute in Los Angeles wohnt und auf ein ereignisreiches Leben zurückblickt, Erschreckendes und Erbauliches durchgemacht. Deshalb hat er etwas zu erzählen. Jetzt liegt der erste Band, Katzenellenbogen, seiner Autobiographie vor, und Kellen weigert sich beharrlich, von seinem Leben zu erzählen. Sein Leben soll gar nicht das Hauptthema des Buches ausmachen. Denn Kellen ist ein leidenschaftlicher Plauderer, der, wenn er einmal wo angefangen hat, sofort Feuer am Schwadronieren fängt und abschweift. "Meine Methode produziert also ein Eintopfgericht aus Personen, Geschichten, Gedanken, selbst Knittelversen (teils meinen eigenen) und Witzen." Diese Warnung sollte man ernst nehmen! Kellen tischt tatsächlich ein Eintopfgericht auf, in dem Bedeutendes und Belangloses durcheinander gemischt ist. Was gerade zur Hand ist, kommt ins Buch.

Mehr als den Leser an seinem verschlungenen Leben teilhaben zu lassen soll dieser an der Lebensweisheit partizipieren. Deshalb fallen vollmundige Sätze zu Hauf und purzeln markige Sprüche kunterbunt durch den Text. Es kommt Kellen nicht so sehr darauf an, was in seinem Leben vorgefallen ist, als welche Vorstellungen sich auf Grund dieser Erfahrungen in ihm herausgebildet und verfestigt haben. So nimmt das Buch das eigene Erleben zum Anlass, weit auszuholen, um Lebensansichten auszustellen. Keine subtilen, aus Reflexion und Analyse entstandenen Erkenntnisse werden - wir bleiben beim Eintopf - aufgetischt, sondern brachiale Abrechnungen, grobschlächtig hingeklotzt.

Kellen hat immer Recht. Er hört auf niemanden, beachtet nicht, was neben ihm vorgeht, er hat sich seine Meinung gebildet, und alle anderen sind blöd. "Wichtig ist, dass ich wohl Zeit meines Lebens erheblich sensibler war als der Durchschnittskerl." Das Überlegenheitsgefühl des Konrad Kellen verbietet es ihm, mit anderen in Diskussion zu treten. Er erhebt den Anspruch auf die letzte Wahrheit, alle anderen, die über das Dritte Reich geforscht haben, liegen falsch: "Da gibt es nun heute, auf Universitäten oder in Kneipen und auch sonstwo Leute, die darüber streiten, ob der Schnurrbart als ,Führer' oder ,die Deutschen' als seine Untertanen an dem Aufschäumen der Nazi-Ekstase den Löwenanteil hätten. Alles Unsinn!" Geschichte wird bei ihm zu einer Beziehungsgeschichte. "In dem Schnurrbart und den Deutschen, da hatten sich zwei gesucht und gefunden, und der eine war da so entscheidend wie die anderen." So einfach ist das, und alle Gelehrten stehen mit einem Schlag entlarvt und gedemütigt da. Mit den Attentätern des 20. Juli 1944 ist Kellen rasch fertig. Er zollt ihnen keinerlei Achtung, er diffamiert ihren Anschlag als "kümmerlich(s) Unterfangen, den Schnurrbart in die Luft zu sprengen". Er ist auf Claus Graf Schenk von Stauffenberg und die anderen nicht gut zu sprechen, weil sie "früher tüchtig mitgemacht hatten, dann aber schließlich ihren Herrn verleugneten und ihn loswerden wollten". Das ist dann doch etwas grobschlächtig.

Das ist das Fatale an diesem als Biographie verkleideten Buch der Weisheiten, dass es Kellen gar nicht darum geht, im Schreiben angewandte Forschungsarbeit in eigener Sache zu betreiben. Alles, was hier zu lesen ist, hat er schon längst gewusst, es geht ihm nur noch darum, es den Lesern beizubringen. Vom Individuellen der eigenen Biographie flüchtet sich Kellen in das große Pauschale, über das er kühn verfügt. Dieser Text ist eine einzige große Fluchtbewegung aus der Anstrengung, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Kellen rechnet ab mit Menschen, die ihm nahe standen und vermeidet es, von sich selber zu reden, indem er um sein Ich Figuren aufstellt, die er wie Blechbüchsen umschießt. Er bleibt ungerührt im Zentrum des Geschehens als Richter.

Unangenehm wirkt dieses eitle Buch, weil der Autor sich selber kraft seiner Geschichte als Verfolgter unangreifbar macht. Er war Opfer, das beglaubigt den ganzen Text, der blindwütig eifernd niedergeschrieben ist. "Mit Leisetreterei, deren sich die Intellektuellen der ganzen Welt befleißigen, um als objektiv und über den Dingen stehend zu gelten, ist der Nazisache nicht beizukommen." Leider gelingt es Kellen, der ordentlich auf den Putz haut, auch nicht. Er nimmt für sich allein in Anspruch, die Hintergründe über die Nazijahre verstanden zu haben: "anderswo werden Sie es nicht zu hören bekommen."
Dabei sind die literarischen Mittel, die Kellen anwendet, bescheiden. Er verfügt über ein kleines Arsenal von Hassvokabular. Er wertet Binsenweisheiten zu Erkenntnissen auf und trägt ständig dick auf. "Denn es ist ein ehernes Gesetz: Wer sich in abwegiger Leidenschaft einem zutiefst Minderwertigen verschreibt, der bleibt ihm noch leidenschaftlicher hörig, wenn die ersten Fußtritte kommen und die ersten Opfer verlangt werden." So schreibt Kellen von Hitler und den ihm verfallenen Deutschen. Kellen vereinfacht Geschichte auf Biegen und Brechen bis sie als triviales Schurkenstück aufgeht. Die Geschichte des Dritten Reiches geht bei ihm glatt als ein Drama von Verrat und Niedertracht durch. Dieses Buch beweist, dass wir mit unserer Vergangenheit noch lange nicht an ein Ende gekommen sind.

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