Katias
Mutter.
Biografie von Walter
Jens (2005, Rowohlt, in Zusammenarbeit mit Inge Jens).
Besprechung von Teresa
Grenzmann im Münchner
Merkur, 26.7.2005:
Auf der
Bühne der Gesellschaft
"Katias Mutter" - Eine
Biografie
Am Ende war ein SS-Sturmführer ihr Retter, und herzlich nannte Hedwig ihn ihren "gottgesandten Lohengrin". Und so lag sogar in ihrer Flucht aus Deutschland, zur letzten möglichen Stunde im Juni 1940, noch etwas von dem Musischen, das ihr Leben geprägt hatte. Obwohl da vom Kunstreichtum der Pringsheims nur wenig übrig war.
"Katias Mutter": Wie schon bei
"Frau Thomas Mann" birgt auch der Titel der neuen Biografie von Inge
und Walter Jens einen engen Blickwinkel auf seine Protagonistin. Doch genauso
wie Katia Mann nicht nur die Frau Thomas Manns gewesen ist, so war auch Hedwig
Pringsheim mehr als Katias Mutter. Die Titel fordern heraus zur Lektüre von
Lebensgeschichten, die mehr verraten: über zwei starke Frauen aus der
"Jahrhundertfamilie" der Manns.
Hedwig Pringsheim, 1855 im Berliner Hause Dohm geboren, war eine Frau, die mit
Stolz, Courage, Humor und Mut ihre Lebensvorstellungen durchsetzte, eine
Pionierin unter den Emanzipierten. Eine gebildete Kunstliebhaberin, die schon
von Kindesbeinen an Größen wie Franz Liszt, Hans von Bülow oder Spielhagen
traf, und eine begabte Feuilletonistin, die, so ihre Chronisten, nicht selten
"die Schreibkünste ihres ,Schwiegertommy’ in den Schatten" stellte.
In jungen Jahren ist sie Schauspielerin mit mäßigem Talent, spielt als
"kleine Naive" im Meininger Theater von Herzog Georg II. Dann betritt
sie eine Bühne, die ihr besser liegt: Durch ihre Heirat mit dem
Mathematikdozenten und großen Wagnerliebhaber Alfred Pringsheim empfängt sie
das gehobene gesellschaftliche Leben in München.
In vertraulichem Ton erzählen Inge und Walter Jens von diesem
"außerordentlichen Leben", das ihnen offensichtlich am Herzen liegt.
So oft wie möglich lassen sie ihre Protagonisten selbst zu Wort kommen,
zitieren aus einer Fülle von Tagebuch- und Zeitungstexten sowie aus den vielen
offenherzigen Briefen, die Hedwig zeitlebens an den Schriftsteller Maximilian
Harden schrieb.
"Über uns schwebt ein Damoklesschwert", hält diese ein halbes Jahr
nach der NS-Machtergreifung fest, "und unter Damoklesschwertern ist nicht
gut sein". Trotzdem verlassen die Pringsheims München nicht, folgen bis
fast zuletzt weder Tochter Katia nach Princeton noch Enkel Golo in die Schweiz.
"Ach du Dummerl", schreibt Hedwig an Katia, "du kannst doch nicht
im Ernste wähnen, dass wir Uralten mit fast 88 und 83 Jahren uns noch auf die
Auswanderbeine machen. Lieber in Deutschland ehrlich sterben, als in Kalifornien
jämmerlich verderben. Dixi." Selbst die Nationalsozialisten hätten Hedwig
Pringsheim nichts von ihrer Würde nehmen können, so die Autoren. "Aber
sie konnten sie demütigen und schikanieren."
Es ist ausgerechnet das Maxvorstädter Pringsheim-Palais, welches Hitlers
Parteibauten weichen muss; seine jüdischen Bewohner werden enteignet. Hedwig
bleibt erstaunlich unverdrossen, doch mit Schwermut erinnert sie sich an das
Reisen, an die vergnügliche Zeit ihrer ausgedehnten europäischen
Familienradtouren. Noch einmal packt sie ihre Sachen - doch ihre letzte Reise
führt sie ins Zürcher Exil.
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