1.) - 2.)

Kathedrale.
Erzählungen von Raymond Carver (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Helmut Frielinghaus).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Gestern abend hat es geregnet
Geheimnisvoll banal: Raymond Carvers Erzählungsband "Kathedrale"

Wenn man für einen Augenblick jene These ernst nimmt, die behauptet, es gebe nur eine begrenzte Zahl Geschichten in der Welt, und die Illusion der Unendlichkeit entstehe nur durch die künstlerische Variation des Erzählens, dann stößt man bei Raymond Carver auf eine Art Zellkern und gelangt dorthin, wo all diese Geschichten ihren Anfang nehmen. Carver macht das Unscheinbare zum Ganzen, indem er immer dann, wenn die Fragen größer werden als die Erklärungen, abbricht und sich etwas ganz anderem zuwendet. Es ist die Kunst der Auslassung, die Art, sich den Dingen zu verschreiben, ohne sie zu offenbaren, die diesen Geschichten ihre Kraft gibt und sie weiterleben lässt hinter dem letzten absichtsvoll banalen Wort.

Nur selten ist es die ungeheure Begebenheit, die das Besondere über das Alltägliche hinauswachsen lässt, und selbst wenn, dann wird diese in Carvers Worten zu einer unumstürzlichen Tatsächlichkeit im unerklärlichen Lauf der Dinge.

In "Eine kleine, gute Sache" verliert ein Paar sein einziges Kind. Diese größte aller möglichen persönlichen Tragödien wird bei Carver zu einer Vergegenwärtigung des Elementaren, reduziert das Leben auf die Folge von Momenten, auf ein paar warme Brötchen, die einzig in der Lage sind, Trost zu spenden. Die Katastrophe, die über das alltägliche Glück hereinbricht, interessiert Carver nicht in ihrer vernichtenden Kraft, sondern in ihrer unmittelbaren Konsequenz. Seiner Prosa der Wirkungen ist es nicht an Psychologie gelegen, sondern an Epiphanien, wie jenen Brötchen, der kleinen guten Sache. Seine Welt ist gegenwärtig, ehrlich und dennoch voller Geheimnisse. Indem er in der Normalität nach den bedeutenden Momenten sucht, stößt er in eine Sphäre der Nähe vor, die kaum ein Erzähler so unmittelbar erreichen kann.

Es ist erstaunlich, auf welche Weise seine Geschichten ihren ungeheuren Sog entwickeln. Es gibt keine nacherzählbare Handlung, die Sätze sind kurz, das Vokabular alltäglich und die Figuren fast stereotyp einfach. Es ereignet sich nichts, scheinbar. Man erhält einen Einblick in das Leben von Menschen, die selbst nicht wissen, wohin es sie führen wird, nimmt an Ereignissen teil, die kaum eine Bedeutung haben und verlässt sie dann wieder. Was aber bleibt, ist der Wunsch, mehr zu erfahren über diese Normalität des Raymond Carver. Denn es ist der Schein des Banalen, der Aufmerksamkeit erregt, dieses nicht wissen warum, das sich zu einer umfassenden Fragwürdigkeit erhebt und schließlich dort mündet, wo alles Erzählen seine Basis hat, beim Stil. Immer dann, wenn scheinbar nichts passiert, machen sich Faszination und Verunsicherung gleichermaßen breit.

Carvers hypnotische Kraft liegt in seiner Lakonie. Jedes Wort wirkt unumstößlich wie in Stein gemeißelt, unambivalent in der Bedeutung und fest in seiner schnörkellosen Prosa verankert. All das Vage, Unsichere, Tastende bleibt auf der Seite des Lesers, der auch in der wiederholten Lektüre nicht hinter das Geheimnis kommen wird, das jede dieser Geschichten trägt. Es sind Bilder, Einblicke, karge Feststellungen des Lebens, wie sie Robert Altman in seinem Film Short Cuts meisterhaft umgesetzt hat. Doch nicht nur die Bilder zu den Worten verdankt Carver Robert Altman, sondern auch die internationale Aufmerksamkeit, die schließlich zu einer Neuübersetzung seiner Geschichten führte. Und es ist Helmut Frielinghaus nicht hoch genug anzurechnen, mit welcher Umsicht er sich diesen Worten nähert, um die einmalige Stimmung der Prosa aus "Carver Country" zu erhalten.

Kathedrale, 1983 in Amerika erschienen, trug Carver eine Nominierung für den Pulitzer Preis ein. Man verglich ihn mit Tschechow und war sich einig, dass hier ein einmaliges Talent der amerikanischen Kurzgeschichte seine Sprache gefunden hatte. Als wären die Tage des Wanderns und Trinkens vorüber, die zu kurzen poetischen Standbildern seines großen Lebensfilms führten, nimmt er sich hier mehr Zeit. Er verweilt, bevor er weiter muss, um bei aller Unruhe den Punkt zu finden, auf dem die Erzählung ruht. "Von wo ich anrufe" ist eine dieser Geschichten, die aus dem Inneren einer Klinik für Alkoholkranke den Blick auf die veränderte Welt lenkt. Hier sind Sätze wie "Gestern Abend hat es geregnet" in ihrer absichtsvollen Vordergründigkeit wie Pausen zwischen den Bildern, Momente des Luftholens, bevor die Empfindungen weitergetrieben werden. Oder "Chefs Haus", der Geschichte eines Entzugs, die als verkehrte Urlaubsidylle in einem malerischen Haus am Meer nichts weiter belegt, als dass mit den letzten Worten, dann nämlich, als das Haus von einem anderen bezogen werden soll, alles zu Ende ist. "Heute Abend räumen wir auf", schreibt Carver, "und das ist dann das Ende". Nur selten war die absolute Negation so vielversprechend.

Immer wieder hat man das Gefühl, erst durch Carvers Geschichten wie "Konservierung", "Federn" oder "Kathedrale" erfahren die Figuren, wer sie wirklich sind. Manche werden beschrieben, andere nur benannt, und wiederum andere nicht einmal das. Die Begegnungen in diesem Buch sind alle mit einem hohen Maß an Unsicherheit behaftet und doch entsteht etwas zwischen den Menschen, was sie einander bis zur gegenseitigen Unerträglichkeit nahe bringt.

Es ist diese besondere Intimität, die Carvers Geschichten auszeichnet, deren Geheimnisse schon deshalb ein Geheimnis bleiben müssen, weil, wie Judith Hermann im Vorwort schreibt, der Versuch sie zu erklären, "hieße, auszusprechen, was sie verschweigen". Carvers Realismus ist insofern absolut, als er auch die Erzählung spröde, banal, tragisch, komisch und unverwechselbar zugleich gestaltet. Und wenn es wirklich nur wenige Geschichten in der Welt gibt, findet er seine in der geheimnisvollen Banalität.

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Leseprobe I Buchbestellung 0301 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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2.)

Kathedrale.
Erzählungen von Raymond Carver (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Helmut Frielinghaus).
Besprechung von Wolfgang Paterno aus der Profil, Wien:

Everyday life

Im Carver-Land: verzankte Paare, Arbeitslose, Alkoholiker; ein Alltag, der vor Banalitäten strotzt und durch den die Figuren willenlos taumeln und dabei lakonisch feststellen: „Das ist hier das Ende der Welt.“ Jahrelang war das Werk von Raymond Carver (1938–1988) nur schwer zugänglich. Mit „Kathedrale“, dem letzten Band der dreiteiligen Neuedition, ist endlich Abhilfe in Sicht. Bei Carver, längst ein moderner Klassiker der US-amerikanischen Literatur, ist keinerlei Exotismus zu finden, keine aufgesetzte Sozialkritik, von vorgestanzten Erzählschablonen und anderem Blendwerk hält Carver sich in den zwölf Kurzgeschichten tunlichst fern; er erzählt einfach vom „everyday life“ und entdeckt, indem er beredt schweigt, eine Fülle an längst verschüttet geglaubten Absonderlichkeiten.

Der Autor Sándor Márai, erst jüngst wiederentdeckt, merkte einmal an: „Punkt, Komma, Doppelpunkt, Frage- und Ausrufzeichen, Strichpunkt, Gedankenstrich und die drei Pünktchen: welch erbärmliche Zeichen, um Gewicht, Gefühlsgehalt, Rhythmus und Stellenwert eines Gedankens auszudrücken.“ Carver hat mit einigen wenigen erbärmlichen Zeichen bestechende Gedanken und exzeptionelle Geschichten formuliert, die immer wieder den Griff ins Bücherregal lohnen.

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