Kassandra von Robert Schindel, 2004, HaymonKassandra.
Roman von Robert Schindel (2004, Haymon).
Besprechung von Lra aus Rheinischer Merkur, 10.06.2004:

Schattenseite der Befreiung

Karl Marx' „Kommunistisches Manifest“, der alltägliche Beziehungsfrust, Lust und Last der Konsumgesellschaft – zwischen all diesen diesen Antipoden dümpelt die Jugend der Studentenrevolte um Rudi Dutschke und Co. hin und her. Der Österreicher Robert Schindel ist mit seinem Roman ein Chronist dieser Generation ohne Orientierung. Anlässlich seines 60. Geburtstages erscheint sein Debüt von 1968 nun in einer Neuauflage mit einem Vorwort von Robert Menasse. Die Schattenseite der politischen und sexuellen Befreiung, der schon zwanghafte Revolutionierungsdruck sämtlicher Lebensbereiche – schonungslos legt Schindel in seiner Montage von autobiografischen Gesprächsfetzen, literarischen Zitaten und avantgardistischen Motiven das Paradoxe der 68er bloß. Die Radikalität seiner Sprache ist Zeugnis der Verzweiflung und des Pessimismus ob der Wirkung der Literatur. Wie Kassandra, die allwissende Seherin der griechischen Mythologie, sah sich auch Schindel damals vor eine Frage gestellt: Gibt es eine Wahrheit, wenn keiner sie glaubt?

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