1.)
- 2.)
Karte und Gebiet.
Roman von
Michel Houellebecq,
(2011, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 13.3.2011:
"Karte und Gebiet" handelt - schiebt man die Satire auf
französische Zustände und Kunstmarkt ein wenig zur Seite - hauptsächlich vom
Sterben (inkl. Maden). Und vom Konservieren der Erinnerungen. Houellebecq, zur
Romanfigur geworden, bringt sich am Ende sozusagen selbst um... als möchte er
seinen Kritikern zurufen, dass sie ihn endlich los sind. Für einen Rassisten
haben die ihn gehalten, für einen Frauenfeind, ein rechtes A...
Sein Kopf ruht allein auf einem Sessel vor dem Kamin. Das große Zimmer ist
voller Fleischbrocken und Hautfetzen. Blut rinnt auseinander. Ein rot-schwarzes
Puzzle wie ein Gemälde des abstrakten Expressionisten Jackson Pollock. Sagt ein
Polizist zum anderen: "Er ist Schriftsteller. Ich meine, er war Schriftsteller.
Er war sehr bekannt."
Und einsam.Strukturiert
Er soll uns ja nicht mehr sagen, dass er nichts plant beim
Schreiben! Dass er nie weiß, was auf der nächsten Seite passiert. Sein
provokationsfreier Künstlerroman ist genau strukturiert (drei Teile, Prolog,
Epilog), gestattet sich Durchhänger, aber keine Tricks - in Frankreich wurden
eine Million Exemplare verkauft.
Hauptperson ist nicht er, sondern ein Maler, mit dem man schwer über seine
Arbeit ins Reden kommt, weil er bei dem Satz hängen bleibt: "Ich will die Welt
darstellen. Ich will ganz einfach die Welt darstellen." Jed Martin wurde bekannt
und reich, indem er alte Michelin-Landkarten digital umfärbte. Auch er hat's
nicht so mit Gesellschaft. Die Mutter beging Selbstmord, da war er sieben. Bei
seinem Vater sitzt er zumindest an jedem 24. Dezember. Aber der ist alt, der ist
am Ende und fährt, ohne dass der Sohn es weiß, nach Zürich, um sich in den Tod
befördern zu lassen. Danach hat Jed Martin seinen stärksten Auftritt: Im Büro
der Sterbehelfer verteilt er Fußtritte in die Magengegend. Und hat nur noch
seinen Heizkessel, den niemand repariert. Mit ihm redet er.
Den Schriftsteller Houellebecq lernte er vorher kennen. Er hatte ihn um ein
Vorwort für einen Ausstellungskatalog gebeten. Man traf einander, hatte
Sympathie für einander. Als Revanche malte er ihn. Die Kunst bäumt sich gegen
die Vergänglichkeit auf. Wenn sich der Roman im dritten Teil dreht und zum Krimi
wird, ist das millionenteure Bild verschwunden; von Michel Houellebecq ist ja
auch nicht viel geblieben.
Dass bei einem Interview mit dem - einst - radikalen französischen Schriftsteller nicht er selbst, sondern der Journalist einschläft, das ist noch nie passiert. Weil Houellebecq zweifelsohne etwas hat. Zwar kein langes Haar, das er nach hinten wirft wie sein jüngerer Freund und Kollege Beigbeder (der stirbt übrigens auch im Buch). Er leidet wie ein Hund an der leeren Welt. Er ist echt. Er widert durchaus auch an. Er ist - hat er selbst einmal gesagt - pervers aufrichtig.
Fast jedes seiner Bücher war von einem Skandal begleitet.
Nehmen wir "Plattform" (2001), da gab es gleich zwei Skandale. Zum einen machte
er aus dem Sextourismus ein ideales Tauschgeschäft. Gleichberechtigte Partner
gewissermaßen. Reiche bringen den Armen Geld und bekommen dafür sexuelle
Befriedigung. Dass Prostitution mit Gewalt zu tun hat, darüber hat Michel
Houellebecq auch in Interviews kein Wort verloren.
Zum anderen bezeichnete er im Buch den Islam als Religion, die sich "nur (von
der Zensur gestrichen; Red.) ausdenken" konnten. In Gesprächen provozierte der
Schriftsteller weiter: "Das ist wirklich die beknackteste Religion, die ich
kenne."
"Plattform" war sein dritter Roman.
Begonnen hatte der Welterfolg - nach Gedichtbänden in den 1980er-Jahren und
einem Essay über den Kultautor des Fantastischen H. P. Lovecraft - mit
"Ausweitung der Kampfzone", übersetzt im Jahr 2000.
Da ruft der Icherzähler zum Sexualmord auf, weil man - so
schreibt der Franzose - das Herz und den Körper einer Frau niemals besitzen
könne, durch einen Mord aber immerhin die Seele. In der TV-Sendung
"Literarisches Quartett" erregte Marcel
Reich-Ranicki seine Kollegin Sigrid Löffler sehr, indem er den Roman in
höchsten Tönen lobte und ihm eine ungewöhnliche Zartheit nachsagte.
Schon ein paar Monate später folgte "Elementarteilchen": die Biografie zweier
verhaltensgestörter Brüder. Der eine ist vom Sex besessen, der andere nahezu gar
nicht daran interessiert. Leer sind beide. Und wer ist schuld daran? Die Mutter
(obwohl die Burschen, getrennt, von ihren Großmüttern aufgezogen wurden). Die
egomanische Mutter im Buch hat angeblich mit Houellebecqs eigener starke
Ähnlichkeiten.
Oskar Roehler verfilmte "Elementarteilchen" 2005. Die Handlung wurde nach Berlin
verlegt. Der Skandalroman verlor die Gesellschaftskritik und die Pornografie, er
wurde ... nett. Moritz Bleibtreu als sexsüchtiger Teil gewann den silbernen
Bären.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]
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2.)
Karte und Gebiet.
Roman von
Michel Houellebecq,
(2011, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 14.3.2011:
Michel Houellebecq hat it seinem jüngsten Roman um den Künstler Jed Martin die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs errungen, den Prix Goncourt. Der einstige Skandalautor der "Elementarteilchen" findet darin zum ruhigen Tonfall tiefer Gelassenheit; er beschreibt die Kunstszene und die Gesellschaft, die eine solche Szene gebiert. Leises Bedauern über den Verfall von Sitten und Moral schwingt in diesem so konventionell erzählten Roman mit, in dem die Außenseiter, die "Künstler" einer Gesellschaft die einzigen sind, die bevorstehende Umbrüche zu erkennen vermögen.
Für einen Ausstellungskatalog bittet Martin im Roman Michel Houellebecq um ein Vorwort. Houellebecq, der Echte, zeigt seine ganze Kunst in jenen satirischen Szenen, die sein literarisches Alter Ego betreffen. Er stellt sich als verkommenden Einsiedler dar.
Jed Martin verfesrtigt zum Dank für das Vorwort ein Porträt "Michael Houellebecq, Schriftsteller". Der Autor hängt es in seinem Landhaus auf. Kurz darauf wird er ermordet, und hier erlaubt sich Houellebecq, der Echte, eine Splatter-Sauerei: Der Mörder zerlegte den Körper offenbar mit einem Laserschneider, den Raum voller Fleischbröckchen lässt Polizisten die Haltung verlieren und Jed Martin an einen schlecht nachgeahmten Jackson Pollock denken. Später stellt sich heraus, dass der Mord einen Kunstraub vertuschen sollte. Ein echter Jed Martin ist längst mehrere Millionen Euro wert.
Martin zieht sich in das Haus seiner verstorbenen Großmutter zurück, kauft das halbe Dorf auf und lässt einen gigantischen Zaun bauen. Jahrzehnte später, wir befinden uns in ferner Zukunft, hatt Frankreich seine Industrie und Dienstleistungen weitgehend ausgelagert nach Taiwan oder Brasilien. Die Franzosen leben wieder auf dem Land. Die Metropolen von gestern verfallen. "Die Vegetation", so der letzte Satz, "trägt den endgültigen Sieg davon."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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