Karte und Gebiet von Michel Houellebecq, 2011, DuMont1.) - 2.)

Karte und Gebiet.
Roman von Michel Houellebecq, (2011, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 13.3.2011:

Michel Houellebecqs neuer Roman
Kein Sex, keine Skandale, aber ein neuer Roman ("Karte und Gebiet"), der sich schon eine Million Mal verkaufte.

Bei mindestens einem Interview nach dem "Prix Goncourt"-Gewinn 2010 ist er vor einer Flasche Champagner eingeschlafen. Tief. Nachher hat der Franzose gesagt: "Alkohol ist etwas, das in meine Jugend gehört. Ich trinke nicht mehr so wie früher. Ich bin jetzt alt, und ich glaube, ich habe nicht mehr lange." (Waren das noch Zeiten, als er bei Interviews soff, um die Gegenwart von "Saftsäcken", also Journalisten, besser ertragen zu können!) 53 ist Michel Houellebecq vor wenigen Tagen geworden. Oder 55? Da gibt es widersprüchliche Aussagen.

Alkohol ist im preisgekrönten Roman "Karte und Gebiet", der gestern auf Deutsch erschienen ist und zum Buch dieses Frühlings gehypt wird, kaum Thema. Nur ein paar Flaschen Chablis werden geöffnet. Sex ist überhaupt keines.

Konserviert

"Karte und Gebiet" handelt - schiebt man die Satire auf französische Zustände und Kunstmarkt ein wenig zur Seite - hauptsächlich vom Sterben (inkl. Maden). Und vom Konservieren der Erinnerungen. Houellebecq, zur Romanfigur geworden, bringt sich am Ende sozusagen selbst um... als möchte er seinen Kritikern zurufen, dass sie ihn endlich los sind. Für einen Rassisten haben die ihn gehalten, für einen Frauenfeind, ein rechtes A...

Sein Kopf ruht allein auf einem Sessel vor dem Kamin. Das große Zimmer ist voller Fleischbrocken und Hautfetzen. Blut rinnt auseinander. Ein rot-schwarzes Puzzle wie ein Gemälde des abstrakten Expressionisten Jackson Pollock. Sagt ein Polizist zum anderen: "Er ist Schriftsteller. Ich meine, er war Schriftsteller. Er war sehr bekannt."
Und einsam.Strukturiert

Er soll uns ja nicht mehr sagen, dass er nichts plant beim Schreiben! Dass er nie weiß, was auf der nächsten Seite passiert. Sein provokationsfreier Künstlerroman ist genau strukturiert (drei Teile, Prolog, Epilog), gestattet sich Durchhänger, aber keine Tricks - in Frankreich wurden eine Million Exemplare verkauft.

Hauptperson ist nicht er, sondern ein Maler, mit dem man schwer über seine Arbeit ins Reden kommt, weil er bei dem Satz hängen bleibt: "Ich will die Welt darstellen. Ich will ganz einfach die Welt darstellen." Jed Martin wurde bekannt und reich, indem er alte Michelin-Landkarten digital umfärbte. Auch er hat's nicht so mit Gesellschaft. Die Mutter beging Selbstmord, da war er sieben. Bei seinem Vater sitzt er zumindest an jedem 24. Dezember. Aber der ist alt, der ist am Ende und fährt, ohne dass der Sohn es weiß, nach Zürich, um sich in den Tod befördern zu lassen. Danach hat Jed Martin seinen stärksten Auftritt: Im Büro der Sterbehelfer verteilt er Fußtritte in die Magengegend. Und hat nur noch seinen Heizkessel, den niemand repariert. Mit ihm redet er.

Den Schriftsteller Houellebecq lernte er vorher kennen. Er hatte ihn um ein Vorwort für einen Ausstellungskatalog gebeten. Man traf einander, hatte Sympathie für einander. Als Revanche malte er ihn. Die Kunst bäumt sich gegen die Vergänglichkeit auf. Wenn sich der Roman im dritten Teil dreht und zum Krimi wird, ist das millionenteure Bild verschwunden; von Michel Houellebecq ist ja auch nicht viel geblieben.

Aufrichtig

Dass bei einem Interview mit dem - einst - radikalen französischen Schriftsteller nicht er selbst, sondern der Journalist einschläft, das ist noch nie passiert. Weil Houellebecq zweifelsohne etwas hat. Zwar kein langes Haar, das er nach hinten wirft wie sein jüngerer Freund und Kollege Beigbeder (der stirbt übrigens auch im Buch). Er leidet wie ein Hund an der leeren Welt. Er ist echt. Er widert durchaus auch an. Er ist - hat er selbst einmal gesagt - pervers aufrichtig.

Skandale: Frauen ärgern und auf den Islam schimpfen

Fast jedes seiner Bücher war von einem Skandal begleitet. Nehmen wir "Plattform" (2001), da gab es gleich zwei Skandale. Zum einen machte er aus dem Sextourismus ein ideales Tauschgeschäft. Gleichberechtigte Partner gewissermaßen. Reiche bringen den Armen Geld und bekommen dafür sexuelle Befriedigung. Dass Prostitution mit Gewalt zu tun hat, darüber hat Michel Houellebecq auch in Interviews kein Wort verloren.

Zum anderen bezeichnete er im Buch den Islam als Religion, die sich "nur (von der Zensur gestrichen; Red.) ausdenken" konnten. In Gesprächen provozierte der Schriftsteller weiter: "Das ist wirklich die beknackteste Religion, die ich kenne."
"Plattform" war sein dritter Roman.

Begonnen hatte der Welterfolg - nach Gedichtbänden in den 1980er-Jahren und einem Essay über den Kultautor des Fantastischen H. P. Lovecraft - mit "Ausweitung der Kampfzone", übersetzt im Jahr 2000.

Die Seele besitzen

Da ruft der Icherzähler zum Sexualmord auf, weil man - so schreibt der Franzose - das Herz und den Körper einer Frau niemals besitzen könne, durch einen Mord aber immerhin die Seele. In der TV-Sendung "Literarisches Quartett" erregte Marcel Reich-Ranicki seine Kollegin Sigrid Löffler sehr, indem er den Roman in höchsten Tönen lobte und ihm eine ungewöhnliche Zartheit nachsagte.

Schon ein paar Monate später folgte "Elementarteilchen": die Biografie zweier verhaltensgestörter Brüder. Der eine ist vom Sex besessen, der andere nahezu gar nicht daran interessiert. Leer sind beide. Und wer ist schuld daran? Die Mutter (obwohl die Burschen, getrennt, von ihren Großmüttern aufgezogen wurden). Die egomanische Mutter im Buch hat angeblich mit Houellebecqs eigener starke Ähnlichkeiten.

Oskar Roehler verfilmte "Elementarteilchen" 2005. Die Handlung wurde nach Berlin verlegt. Der Skandalroman verlor die Gesellschaftskritik und die Pornografie, er wurde ... nett. Moritz Bleibtreu als sexsüchtiger Teil gewann den silbernen Bären.

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Karte und Gebiet von Michel Houellebecq, 2011, DuMont2.)

Karte und Gebiet.
Roman von Michel Houellebecq, (2011, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 14.3.2011:

Michel Houellebecqs inspiriert vom Ruhrgebiet
Industrieverfall als futuristisches Idealbild

Über das Spätwerk des Künstlers Jed Martin ist viel gerätselt worden: Zeitraffenbilder, in denen die Natur technisches Gerät zu verschlingen scheint. In einem Interview kurz vor seinem Tod offenbart er seine Inspiration: Eine Reise ins Ruhrgebiet zeigte ihm die Schönheit des Verfalls.

Michel Houellebecq hat it seinem jüngsten Roman um den Künstler Jed Martin die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs errungen, den Prix Goncourt. Der einstige Skandalautor der "Elementarteilchen" findet darin zum ruhigen Tonfall tiefer Gelassenheit; er beschreibt die Kunstszene und die Gesellschaft, die eine solche Szene gebiert. Leises Bedauern über den Verfall von Sitten und Moral schwingt in diesem so konventionell erzählten Roman mit, in dem die Außenseiter, die "Künstler" einer Gesellschaft die einzigen sind, die bevorstehende Umbrüche zu erkennen vermögen.

Für einen Ausstellungskatalog bittet Martin im Roman Michel Houellebecq um ein Vorwort. Houellebecq, der Echte, zeigt seine ganze Kunst in jenen satirischen Szenen, die sein literarisches Alter Ego betreffen. Er stellt sich als verkommenden Einsiedler dar.

Jed Martin verfesrtigt zum Dank für das Vorwort ein Porträt "Michael Houellebecq, Schriftsteller". Der Autor hängt es in seinem Landhaus auf. Kurz darauf wird er ermordet, und hier erlaubt sich Houellebecq, der Echte, eine Splatter-Sauerei: Der Mörder zerlegte den Körper offenbar mit einem Laserschneider, den Raum voller Fleischbröckchen lässt Polizisten die Haltung verlieren und Jed Martin an einen schlecht nachgeahmten Jackson Pollock denken. Später stellt sich heraus, dass der Mord einen Kunstraub vertuschen sollte. Ein echter Jed Martin ist längst mehrere Millionen Euro wert.

Martin zieht sich in das Haus seiner verstorbenen Großmutter zurück, kauft das halbe Dorf auf und lässt einen gigantischen Zaun bauen. Jahrzehnte später, wir befinden uns in ferner Zukunft, hatt Frankreich seine Industrie und Dienstleistungen weitgehend ausgelagert nach Taiwan oder Brasilien. Die Franzosen leben wieder auf dem Land. Die Metropolen von gestern verfallen. "Die Vegetation", so der letzte Satz, "trägt den endgültigen Sieg davon."

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