Biografie über Karl Valentin von Monika Dimpfl, dtv, 2007Karl Valentin.
Biografie über Karl Valentin (2007, dtv, hrsg. von Monika Dimpfl).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 12.05.2007:

Philosoph und Vorstadt-Stenz
Monika Dimpfl hat eine neue Biografie des Münchner Jahrhundert-Humoristen geschrieben

Er wurde nach einem fürchterlichen Fehlstart mit einem 30-Instrumente-Orchestrion zum absoluten Star-Komiker des deutschsprachigen Raums in der Zeit vor der Revolution 1918/19 bis in die 20er-Jahre hinein. Er war ab 1911/12 d e r „Blödsinnkönig”. Und er ist bis heute einer der grandiosesten, unerschöpflichsten und populärsten Philosoph-Humoristen des Landes: Karl Valentin.

Am 4. Juni 1882 wurde er als Valentin Ludwig Fey, Sohn eines Möbelspediteurs, in der Au geboren. Anlässlich des 125. Geburtstags des großen und leidenschaftlichen Münchners, der von einem Darmstädter und einer Miltenbergerin abstammte, erscheint eine neue Biografie. Monika Dimpfl, die sich seit Jahren mit Valentin und Liesl Karlstadt (bürgerlicher Name: Elisabeth Wellano) beschäftigt, stellt jetzt schon, am 15. Mai, im Münchner Literaturhaus das Lebensbild vor. Sie hat ein präzises, informationsreiches, vieles aufklärendes und berichtigendes Buch geschrieben.

Dimpfl unternimmt keinen poetischen Versuch, sondern will geradlinig berichten und unterhalten. Deswegen zitiert sie üppig Valentin - natürlich auch aus Couplets und Stücken - und all seine Weggefährten von Bertolt Brecht (der ihn 1922 sogar an die Münchner Kammerspiele brachte) bis Oskar Maria Graf, von Max Ophüls, Wilhelm Hausenstein bis Ernst Bloch, Hermann Hesse und natürlich Karlstadt. Die Autorin gibt Anekdoten, Legenden, Falschaussagen oder Fehlinterpretationen wieder, um zurecht zu rücken und um zugleich zu amüsieren.

So erleben wir nicht einfach das Künstler-Phänomen. Wir erleben außerdem den Vorstadt-Stenz, der mit Gisela Royes schon zwei Kinder hatte, bevor er sie 1911 heiratete; der neben der Ehefrau jahrelange mit der Karlstadt, „dem Fräulein”, liiert war. Wir erleben den weit blickenden Sammler von Münchner Stadtansichten, einen Mann, der - seiner Zeit weit voraus - den urbanen Wandel registrierte und durch Ausstellungen bewusst machen wollte.

Es gibt den Hypochonder - zumindest stilisierte er sich so - oder den Menschen, der sich mit moderner Psychologie beschäftigte. Man lernt außerdem den Großzügigen kennen, der z.B. in der Weltwirtschaftskrise viel für Armenspeisungen spendete. Oder den Unternehmer, der glasklar die „Marke” Valentin entwickelte und vermarktete.

Die Biografie wird auf diese Weise zur Fundgrube für Valentin-Kenner und -Ahnungslose. Zumal die Autorin alle bedeutenden Arbeiten vom „Aquarium”-Vortrag über die „Orchesterprobe” und den „Firmling” bis zu der von den Nazis verbotenen „Erbschaft”, inklusive Uraufführungen, verzeichnet und kurz referiert.

 Unglaublich beeindruckend sind die Kritiken und Essays der Berliner und Wiener Rezensenten. Wenn Karl Valentin und Liesl Karlstadt dort gastierten, dann lag ihnen nicht nur das Publikum zu Füßen, es wurden Hymnen geschrieben. Ob Alfred Kerr, Kurt Tucholsky oder Anton Kuh - der Enthusiasmus war enorm.

Dimpfls Buch ist darüber hinaus spannend, weil es Münchner Historie lebendig werden lässt. Dabei sind die damaligen heftigen politischen Verwerfungen die Folie. Auf ihr wird die höchst vielfältige Unterhaltungsbranche vom Varieté bis zum gerade geborenen Film dargestellt. Da gab es die Münchner Volkssänger, auf die sich Valentin stets bezog, Charakterkomiker, Instrumentalhumoristen, „richtige” Schauspieler, Soubretten und Zirkus-Clowns. All das packte Valentin zusammen - und wurde zum Genie. Auch und vor allem in der Zusammenarbeit mit Liesl Karlstadt. Zumal sich beide den neuen Medien wie Ton- und Filmaufnahmen nicht verschlossen, inklusive experimentierfreudiger, verrückter Multimedia-Aktionen.

Das Buch analysiert mit Hilfe all dessen - auch mit seiner politisch-unpolitischen Haltung („Versetzung von Grenzpfählen übernimmt Grossdeutschland”) ­, dass Valentin kein Künstler-Spinner war. Er war ein Profi, der sämtliche Mittel beherrschte und dann sehr bewusst Brechungen, Verfremdungen (vor Brecht!), jegliches Aus-dem-System-Fallen, diverse Meta-Ebenen einsetzte.

Mit der Nazi-Zeit und Karlstadts Ablösung von ihm bricht das Reich des „Blödsinnkönigs” zusammen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Karl Valentin es nicht mehr errichten. Bühnen gab es kaum, und der Rundfunk wollte ihn nicht mehr. Am 9. Februar 1948 starb der Künstler in seinem Planegger Haus an einer Lungenentzündung.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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