Karl May.Grundriss eines gebrochenen Lebens von Hans Wollschläger, 2004, WallsteinKarl May. Grundriss eines gebrochenen Lebens.
Biografie über Karl May von Hans Wollschläger (2004, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Daniel Jütte in Neue Zürcher Zeitung vom 27.07.2004:

Ein gebrochenes Leben
Hans Wollschläger über Karl May

Nach langen Jahren in den ewigen Jagdgründen des Antiquariats liegt Hans Wollschlägers Karl-May-Biografie wieder vor. Im unscheinbar pfützengraublauen Einband präsentiert sich ein Buch, dessen Autor bei seinem ersten Erscheinen im Jahre 1965 manches Kriegsbeil auszugraben sich anschickte. Wollschläger ging es damals nicht nur darum, den oft als «Jugendschriftsteller» belächelten Karl May aus der literaturgeschichtlichen Schmuddelecke zu holen und die naserümpfenden Hohepriester einer «bürgerlichen Literaturwissenschaft» eines Besseren zu belehren. Vielmehr galt es auch, Karl May - um das in anderem Zusammenhang geprägte Wort Adornos zu variieren - «gegen seine Liebhaber zu verteidigen». Wollschläger trug ein wacklig-verschachteltes Lebensgebäude (dessen sinnfälligste Steinwerdung gewiss die Villa Shatterhand in Radebeul bei Dresden ist) Stein für Stein ab, um schliesslich auf den «Grundriss eines gebrochenen Lebens» zu stossen. Arno Schmidt, zu dessen Schülerschaft sich Wollschläger damals zählte und heute (mit kritischer Distanz) noch zählt, lobte das Werk mit verspieltem Unterton und in der ihm eigenen Schreibweise als «eine der ganz raren Grund-Schriften über das Fänomen May».

Viele Karl-May-Jünger dürfte Wollschlägers kritische Würdigung ihres Idols nicht weniger vor den Kopf gestossen haben als die kunstvolle Sprache des Biografen. In der Tat wäre Letztere allein ein Grund zur (erneuten) Lektüre: Die traumwandlerische Sicherheit, mit welcher der damals knapp dreissigjährige Wollschläger in seinem Erstling den Drahtseilakt zwischen Materialschlacht (es wurde wahrlich viel Material «geschlachtet») und ästhetischer Autonomie bewältigt, hat an Reiz nichts verloren.

Das Buch war ursprünglich einmal für einige Groschen in der «rororo»-Reihe erhältlich. Die erstmalig durchgehende Bebilderung dürfte den Preissprung auf stattliche 56 Franken beim geneigten Leser vielleicht rechtfertigen. Die abgebildeten Reisepostkarten Mays tragen lesenswerte Spuren der Selbstinszenierung eines Schriftstellers, der seine Figuren in Steppen und Wüsten hausen liess und selber bei seiner ersten Orientreise am liebsten im Hotel Bavaria wohnte.

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