1.)
- 2.)
Karlmann.
Roman von Michael
Kleeberg (2007, DVA).
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger
Nachrichten vom 22.08.2007:
Erlanger Poetenfest: Der Mitschwimmer
Michael Kleeberg liest in Erlangen aus «Karlmann»
Aus seinem gerade erschienenen
Roman «Karlmann» liest der Schriftsteller Michael Kleeberg am Sonntag, 26.
August, um 15.30 Uhr beim Poetenfest in Erlangen. Der 48-Jährige, der auch Übersetzer
(Marcel Proust, John Dos
Passos) ist, lebt in Berlin und wurde u. a. mit dem Anna-Seghers- und dem
Lion-Feuchtwanger-Preis ausgezeichnet.
Alles beginnt mit Boris Becker: Es ist der 7. Juli 1985 und das deutsche
Tennis-Wunderkind holt seinen ersten Wimbledon-Sieg. Deutschland ist im Rausch -
und Charly ist es auch. Am Vormittag hat er seine Christine geheiratet - jung,
blond, braungebrannt, knabenhafte Figur - und sein Studium steht kurz vor dem
Abschluss. Eigentlich könnte alles perfekt sein. Doch leider kommt Charly Renn
der Alltag gehörig in die Quere.
Autor Michael Kleeberg hat seinen Roman «Karlmann» in eine spannende Form
gepackt. Fünf Kapitel auf 470 Seiten verteilt - und dennoch bekommt der Leser
nur fünf Tage in fünf aufeinander folgenden Jahren im Leben des Charly Renn
serviert. Sie widmen sich allem, was dem Protagonisten wichtig ist oder
zumindest scheint: Sport, Arbeit, Sex, Politik und Liebe.
Und trotzdem: es passiert fast nichts. Genau das war sein Ziel, sagt Kleeberg über
seinen neuen Roman: Das Nichts zu beschreiben. Oder vielmehr das, was zwischen
den großen Momenten in der Geschichte oder im Leben eines Einzelnen passiert.
Kleeberg zeigt seinen Helden in unspektakulären Situationen, im Alltag, und
seziert ihn dort so lange, bis es weh tut. Gerade weil Charly so furchtbar
normal ist, erkennen wir uns in ihm wieder. Was nicht immer schön ist.
Denn Charly ist ein eher wenig sympathischer Mittelstands-Typ, klug und hübsch,
aber in seiner postmodernen Hilflosigkeit zum ewigen Zuschauer beim großen
Spiel des Lebens verdammt. Er schwimmt mit, hat aber keine Ahnung, wer er ist
und wo er hin will. Vom Vater übernimmt er das Autohaus und wird dadurch auch für
seine Frau unglaubwürdig. Das gemachte Nest, in dem er sich voller Unbehagen
einrichtet, bietet zwar Schutz. Aber warm ist es nicht. Zerstreuung und Trost
findet Charly beim Extrem-Sex mit einer alten Schulfreundin.
Die vollständige Rezension von Susanne Helmer finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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Leseprobe I Buchbestellung 0807 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten
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2.)
Karlmann.
Roman von Michael
Kleeberg (2007, DVA).
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT,
4.10.2007:
Das klassische Herrenprogramm
Michael Kleebergs höchst ambitionierter
Großroman »Karlmann« stolpert über seine eigene Brillanz.
Der Vergleich mit Boris Becker ist schon ganz gut. Als junger Wilder brachte der bekanntlich Bälle übers Netz, bei denen einem das Herz stehen blieb. Und er machte Patzer, bei denen es auch stehen blieb. Im Fall von Becker einigte man sich darauf, dass Genie und Dilettantismus sich gegenseitig bedingen. Zwillingssymptome eines unberechenbaren Naturells sozusagen. Aber gilt die Logik: Ohne Pfusch kein Meisterstück, etwa auch in der Literatur? Michael Kleeberg, der seinen Roman Karlmann nicht zufällig mit Beckers berühmtestem Sieg 1985 in Wimbledon beginnen lässt, scheint es insgeheim zu glauben. Er kann Romanszenen ausfalten, die ohne Zweifel zum Besten der deutschen Gegenwartsliteratur gehören. Und er kann sich in einen fahrlässigen stilistischen Maximierungswahn verrennen, der seinen künstlerischen Verstand in Zweifel zieht.
Höchst ambitioniert, das ist der 1959 in Stuttgart geborene Schriftsteller, der Proust und Dos Passos übersetzt hat, ganz offensichtlich. Seinem neuen Romanwerk mit dem Titel Karlmann steht gleichsam auf der Stirn geschrieben, was es sein will, nämlich ein Sippenmitglied in der Herde der Romanelefanten der Moderne. Ein Proust-Joyce-Musil-Thomas-Mann-Projekt des Jahres 2007.
Mit Proust teilt Karlmann die schier unendliche Dehnung der Erzählzeit. Mit dem Joyceschen Ulysses Aspekte der Erzählkonstruktion. Mit dem Hauptwerk Musils die Eigenschaftsarmut des Helden. Mit Thomas Mann die Herkunft dieses Helden aus einer hanseatischen Kaufmannsfamilie. Mit seinem Erfinder Kleeberg indes teilt dieser Charly Renn, der zwölf Semester VWL studiert hat, ohne zu wissen, wohin es mit dieser Ausbildung, mit ihm, mit seinem Leben eigentlich gehen soll, das Alter, folglich die kulturgeschichtliche Szenerie der späten achtziger Jahre, in denen der Roman spielt. Sonst aber nichts. Denn Charly Renn ist eine ziemlich trübe Tasse, die Unambitioniertheit in Person.
Dabei fängt der Roman für Charly bestens, ja im Hochgefühl der Euphorie an. Charly sitzt an einem Julinachmittag im Jahr 1985 mit ein paar Kumpeln vor dem Fernseher, die Krawatten sind gelockert, die Männersprüche auch. Boris Becker gewinnt in Wimbledon, und Charly hat am Vormittag seine Idealfrau Christine auf dem Standesamt geheiratet. Am Abend wird die Hochzeitsfeier stattfinden. Mehr versammelter Triumph geht gar nicht und wird sich auch nicht wiederholen. Denn nach dem furiosen Erzählbeginn geht es mit Charly abwärts ins Banale und in die Komik der Kolportage, auf die Kleeberg sich meisterhaft versteht. Denn kolportagehaft muss man es ja wohl nennen, was Charly sich am Abend bei seiner eigenen Hochzeitsfeier leistet: einen Quickie mit der Brautjungfer. Sie heißt Ines, ist nicht so engelhaft, nicht so erhaben, nicht so blond wie Christine; aber besser anfassbar. Liebe und Sex sind eben zwei verschiedene Sachen. Kleeberg treibt das Muffige, Abgestandene dieses Männerkonflikts satirisch auf die Spitze. Im dritten Kapitel, zwei Jahre später, vergnügt sich der untreue Gatte Charly mit der Kleinbürgerin Meret, die ihm erst selbst gebackenen Apfelkuchen serviert und dann ein gepflegtes Sadomaso-Stündchen; das Ganze zwischen und auf Ikea-Möbeln. Eigentlich ist Charly, immerhin ein klassischer Nach-68er, historisch etwas zu alt für dieses bürgerliche Herrenprogramm. Ehefrau Christine verlässt ihn am Ende des Romans und wird, ganz auf der Höhe der Zeit, lesbisch. Aber Charly wird aus eigenem Antrieb gar nichts. Er übernimmt. Er ist vom Typ her nichts als Erbe. Er übernimmt, das ist schon logisch, Konflikte aus der Mottenkiste. Und er übernimmt, obwohl er keine Lust dazu hat, die Geschäftsleitung einer Autohandelsfiliale, die ihm der Vater zur Hochzeit geschenkt, das heißt aufgedrängt hat. Beim Versuch, den Chef zu spielen, ist Charly im zweiten Kapitel zu sehen. Er müht sich zu handeln, steht aber im Grunde nur herum oder daneben.
Als Typ des matten, unauffällig scheiternden Nachgeborenen und als Prototyp der Achtziger, jenes Jahrzehnts, das als »Wartezeit« in die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik einging (der Roman spielt zwischen 1985 und 1989), ist Charly Renn plausibel porträtiert. Karlmann hat Züge des Entwicklungsromans. Im vierten Kapitel läuft Kleebergs Prosakunst zur großen Form des Gesellschaftsromans auf. Die feine und allerfeinste Hamburger Gesellschaft trifft sich zum Firmenjubiläum der Juweliersdynastie Renn. Es kommt zu einem politisch etwas absurden Streit zwischen dem Vater Charlys, der die Hausbesetzer der Hamburger Hafenstraße verteidigt, und dem Rest der Sippe. Charly bringt, wie nicht anders zu erwarten, den Mund nicht auf. Er ist mal wieder nichts als Zaungast dieses literarisch hochklassigen Showdowns.
Was Charly, diesem Helden der Indifferenz, an Charakter, Profil und Kühnheit abgeht, hat der Roman selbst in ausgeprägter Form. Michael Kleeberg macht es sich alles andere als einfach. Er klappert keineswegs, wie es in der Gegenwart so üblich ist, eine realistisch abgesicherte Chronologie herunter. Er konzentriert den Roman auf fünf Szenen, auf fünf Episoden aus je einem Jahr. Jede ein Meisterstück erzählerischer und sprachlicher Hochauflösung. Das ist ein wuchtiges, riskantes und explosives Konzept. Ein literarischer Wimbledon-Sieg. Eines aber kann Michael Kleeberg nicht besonders: sich gegen den eigenen Siegesrausch wappnen. Wo ihm eine Metapher brillant gelingt, beschädigt er sie im nächsten Halbsatz mit einer schief überzogenen, manirierten. Seine Reihungen gehorchen mitunter dem kunstfeindlichen Prinzip des Möglichstviel und Möglichstlang. Seinen hypotaktischen Satzkaskaden ist der Eifer anzumerken, kaskadenhafter zu sein als alles, was der Buchmarkt derzeit hergibt. Bisweilen fahren sie in grammatikalischen Sackgassen ganz einfach an die Wand. Wer Karlmann liest, schreit in einer Minute vor Begeisterung auf und fasst sich in der nächsten fassungslos an die Stirn. Es ist wirklich wie beim jungen Boris Becker. Aber Michael Kleeberg ist keine 17 mehr. Sein Rang, sein Können sind unbestritten. Er hat es doch nicht nötig, auf jeder Buchseite zweimal zu beweisen, dass sein Roman was anderes ist als eine brave 162-Seiten-Erzählung, die sich Roman nennt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1207 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März