Kaputt von Curzio Malaparte, 2005, Zsolnay1.) - 2.)

Kaputt.
Roman von Curzio Malaparte (2005, Zsolnay - Übertragung Hellmut Ludwig).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 6.4.2005:

Ein Misston im Grün der Bäume
Versteckte Rechtfertigung? Curzio Malapartes legendärer Roman "Kaputt" in einer Neuausgabe

Am 8. Mai jährt sich die Kapitulation des Dritten Reichs vor den Alliierten zum 60. Mal, und der nahende Jahrestag hat, zumindest in den Medien, ein neuerliches Interesse für die Kriegs- und Nazi-Zeit ausgelöst. Diese Jubiläumskonjunktur hat offenbar den Zsolnay-Verlag dazu verleitet, einen historischen Skandaltitel neu aufzulegen, dessen deutsche Erstausgabe nun auch schon 54 Jahre zurückliegt. Der Waschzettel preist den Roman Kaputt von Curzio Malaparte als "eines der großen Antikriegsbücher des 20.Jahrhunderts" und nennt den Autor "eine der schillerndsten Gestalten seiner Zeit": eine reichlich schmeichelhafte Umschreibung für eine der zwiespältigsten Figuren des italienischen Faschismus.

Kurt (Curzio) Erich Suckert wurde 1898 in Prato geboren, sein Vater war ein deutscher Textilingenieur, die Mutter stammte aus Mailand. Diese multinationale Herkunft hat er offenbar als Makel empfunden, jedenfalls versuchte er sie zeitlebens durch über-italienisches Gehabe zu kompensieren. Bereits 1914 zog er - noch vor dem offiziellen Kriegseintritt Italiens - mit gerade mal 16 Jahren als Freiwilliger auf Seiten der französischen Truppen in den Kampf gegen die Deutschen. Nach 1918 fand der mehrfach dekorierte junge Offizier (wie viele Angehörige der Frontgeneration) kein Gefallen mehr an bürgerlichen, gar demokratischen Verhältnissen. Noch vor Mussolinis "Marsch auf Rom" (im Oktober 1922) trat er dessen faschistischer Partei bei.

Das Pseudonym Curzio Malaparte legte er sich 1925 zu (nachdem er zuvor auch mit dem Künstlernamen Curzio Borgia geliebäugelt hatte). In den folgenden Jahren wurde er - als Gründer beziehungsweise Leiter verschiedener Zeitschriften und Verlage - einer der erfolgreichsten faschistischen Publizisten. Freilich gab es auch immer wieder Konflikte mit seinen Kampfgefährten und Auftraggebern, 1931 verließ er die Partei wieder. Malaparte waren die Faschisten nicht faschistisch genug, ihr Führungspersonal bestand nicht aus den von ihm erhofften Renaissance-Gestalten, sondern aus Kleinbürgern (wie ihm selbst), über die er sich gern spöttisch oder abfällig äußerte. 1933 wurde er deshalb verhaftet und für fünf Jahre auf die Liparischen Inseln verbannt - auf Fürsprache von Mussolinis Schwiegersohn und Außenminister Galeozzo Ciano begnadigte ihn jedoch der Diktator persönlich bereits nach anderthalb Jahren.

In den Zweiten Weltkrieg zog Malaparte als offizieller Kriegsberichterstatter. Seine im Corriere della Sera veröffentlichten Reportagen von der Ostfront missfielen den Nazis, die im September 1941 seine Abberufung erzwangen. Erst im Januar durfte er zurück, allerdings nur an die finnische Front, wo er der deutschen Befehlsgewalt nicht unterworfen war. Sofort nach dem Sturz Mussolinis im Juni 1943 kehrte er nach Italien zurück und machte sich umgehend an eine ausführliche Image-Korrektur: der (wenngleich manchmal gemaßregelte) Günstling stilisiert sich zum kritischen Widersacher, wo nicht gar Opfer des nun untergehenden Regimes. Kaputt ist nichts anderes als eine die eigene Rolle beschönigende Rechtfertigungsschrift eines Mitläufers, der es im Nachhinein schon immer anders und besser gewusst haben will.

Landschaften, Interieurs

Dass Malaparte die aus seinen Kriegserlebnissen und -reportagen kompilierten Aufzeichnungen als "Roman" deklariert, verfolgt lediglich den Zweck, den Autor von der Pflicht zu dokumentarischer Genauigkeit zu befreien. Er inszeniert seinen Stoff auf Effekte hin, erfindet Szenen, in denen er posieren kann. All seine imponierenden Auftritte, all die brillanten und provokativen Äußerungen, mit denen er faschistische und Nazi-Größen schockiert haben will, sind nachträglich und zu einem Zeitpunkt beschrieben, an dem die Niederlage der Achsenmächte unübersehbar näher rückte und es galt, sich auf die Seite der Sieger zu schlagen.

Besonders ausführlich rechnet Malaparte mit seinem Gönner Ciano ab, der ihn so oft und erfolgreich verteidigt und gefördert hatte - freilich: "ohne dass ich ihn darum gebeten hatte". Statt seiner wird nun der Kronprinz Umberto gepriesen: ein Herrscherlob, das sich spätestens 1946 als Fehlspekulation erwies, als der inzwischen tatsächlich auf den Thron Gelangte nach dem Referendum über die Abschaffung der Monarchie ins Exil gehen musste.

Stilistisch krankt Kaputt an den literarischen Ambitionen seines Verfassers, der die gewünschte epische Breite vergeblich durch ermüdend ausführliche Beschreibungen von Landschaften und Interieurs zu erzielen versucht sowie durch die exzessive Verwendung von Adjektiven. Unfähig, wirklich treffende Bilder und Wendungen zu finden, stopft Malaparte seine Sätze mit schmückenden Beiwörtern aus, bis sie den von Nippes überquellenden Salons des späten 19. Jahrhunderts gleichen. Gern reichert er seine Schilderungen auch mit Belegen seiner künstlerischen Bildung an, so wenn er etwa "Frau von Blüchers violettes Hütchen, das zum Grün der Bäume einen Misston bildete wie ein Blaurot von Renoir in einem Landschaftsgrün Manets" beschreibt.

Die etwas groß geratenen Ohren eines kroatischen Ustascha-Führers wirken auf ihn "wie zwei surrealistische Muscheln von Salvador Dali, wie zwei metaphysische Gegenstände, und hinterließen mir denselben Eindruck von Gestaltlosigkeit, den man beim Anhören gewisser Kompositionen von Darius Milhaud und Eric Satie erhält".

Dieser Imponier-Ästhetizismus verlässt den Autor auch bei einem Besuch des Warschauer Ghettos nicht. Die dort im Schnee auf der Straßen liegenden Leichen "glichen den toten Juden von Chagall. Die Bärte schienen blau in den fleischlosen, von Kälte und Todesstarre violett gewordenen Gesichtern. Es war ein so reines Blau, dass es an die Farbe gewisser Meeresalgen erinnerte. Ein so geheimnisvolles Blau, dass es an das Meer denken ließ, an das geheimnisvolle Blau des Meeres zu bestimmten geheimnisvollen Stunden des Tages." Das ist die alte faschistische Technik, gesellschaftliche Verbrechen in Naturvorgänge umzufälschen, aber Malaparte geht noch weiter. Die noch lebenden Ghetto-Insassen starren nämlich den ihn begleitenden SS-Mann an, der ein "sehr schönes Gesicht, eine hohe, reine Stirn" hat und "durch die Juden wie ein Engel des Gottes Israel" schreitet, mit dem "Gesicht des Engels, der den Zorn Gottes verkündete". Damit wird der nationalsozialistische Massenmord sozusagen zum innerjüdischen Problem erklärt - schließlich ist es der Zorn des Gottes Israel, der sich da in einem SS-Schergen manifestiert.

Kaputt ist ein eitles, geschwätziges Buch, das den Rassismus und Zynismus seines Verfassers nur unvollkommen mit Klatsch, Anekdoten und detailliert ausgemalten Kriegsgräueln kaschiert. Dass der Verlag es im Jahr 2005 auch noch mit einem weitgehend apologetischen Nachwort erneut auf den Markt bringt, ist schon seltsam.

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Kaputt von Curzio Malaparte, 2005, Zsolnay2.)

Kaputt.
Roman von Curzio Malaparte (2005, Zsolnay - Übertragung Hellmut Ludwig).
Besprechung von Maike Albath aus der Neue Züricher Zeitung vom 13.4.2005:

Italienisches Stahlgewitter
Curzio Malapartes Roman «Kaputt» in einer Neuausgabe

Er war eine janusköpfige Gestalt. Der offizielle Kriegsberichterstatter des «Corriere della Sera» Curzio Malaparte, als Kurt Erich Suckert 1898 in Prato geboren, hatte Anfang der vierziger Jahre bereits einige Verpuppungen hinter sich. Noch minderjährig nahm er am Ersten Weltkrieg auf französischer Seite teil, lieferte in theoretischen Schriften eine sozialrevolutionäre Deutung seiner Fronterfahrung und begeisterte sich für den Futurismus. Als Anhänger des Faschismus und Mitglied der faschistischen Partei, aus der er 1931 wieder austrat, stieg er zum Lieblingsjournalisten der Nation auf. Malaparte bekannte sich zu einem kämpferischen Regionalismus der italienischen Blut-und-Boden-Variante strapaese, um gleichzeitig die urbane, avantgardistische Ästhetik der Gegenbewegung stracittà zu vertreten. Mit seinem dandyhaften Lebensstil verkörperte er jene narzisstische Dekadenz, die er journalistisch fortwährend anprangerte.

Das Parkett der aristokratischen Salons war ihm bestens vertraut, und er hatte in Graf Ciano, dem Schwiegersohn Mussolinis und Aussenminister Italiens, einen einflussreichen Beschützer. Als Malaparte wegen seiner politischen Studie «Technique du coup d'Etat» (Paris 1931), die ein entlarvendes Hitler-Porträt enthielt, 1933 in Haft und Verbannung kam, konnte Ciano eine Minderung auf fünf Jahre erreichen. Eine Gleichschaltung der Medien gab es in Italien nicht; nach seiner Verbannung nahm Malaparte seine publizistischen Aktivitäten problemlos wieder auf.

Zwischen 1940 und 1942 bereiste der Schriftsteller verschiedene Frontabschnitte in Jugoslawien, Finnland, Ungarn, Rumänien, Polen und Russland und versorgte den «Corriere» mit überraschend kritischen Reportagen. Als berühmter italienischer Intellektueller war er ein gern gesehener Gast in den Häusern der führenden Nationalsozialisten und genoss eine gewisse Narrenfreiheit. Vielleicht verliehen ihm sein schillerndes Wesen und seine Empfänglichkeit für radikale Strömungen überhaupt erst das Gespür für die Abgründe der deutschen Seele.

«Kaputt», im Oktober 1944 in Neapel erschienen und der erste internationale italienische Bestseller, ist ein schrilles Kriegsgemälde. Seine Ungeheuerlichkeit bezieht der Roman aus dem Gegensatz der Wirklichkeitsausschnitte. Ein stilvolles Diner in den Gemächern des Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, wird durch die Schilderung eines Pogroms in Jassy, die der Held und Ich-Erzähler beim Gänsebraten zum Besten gibt, in ein gleissendes Licht getaucht und wirkt wie eine Höllenfahrt. Auf drastische Beschreibungen des Soldatenalltags oder der Todesqualen rumänischer Juden in Viehwaggons folgen elegische Landschaftsbilder. Das Grauen verdichtet sich in einzelnen Bildern: wie der Ustascha-Führer Ante Pavelic stolz einen Korb voller Menschenaugen vorzeigt, den er neben seinem Schreibtisch aufbewahrt; wie sich der nackte Himmler in der finnischen Sauna mit Birkenzweigen auspeitschen lässt; wie russische Soldaten unter den Augen ihrer lachenden Bewacher die Leiche eines Kameraden verzehren. Malapartes Montagetechnik, seine Neigung zur Kolportage, der kalte Realismus und seine Schockästhetik mögen effekthascherisch sein. Aber sie bringen das Ausmass der Verheerungen und die monströse Psyche der deutschen Machthaber zum Ausdruck: Die feucht-weiche Physiognomie des Generalgouverneurs Frank vergisst man nicht mehr.

Warum eine Neuausgabe, wenn der Roman doch schon 1952 in deutscher Sprache erschienen ist? «Kaputt» war lange Zeit vergriffen. Der Zsolnay-Verlag macht das Buch in der altbekannten, guten Übersetzung von Hellmut Ludwig endlich wieder zugänglich, ergänzt durch ein kluges und sehr informatives Nachwort von Lothar Müller und eine Zeittafel von Ralph Jentsch. Misslich sind nur etliche Druckfehler. Ausserdem kollidieren einige Daten (trat Malaparte nun 1921 oder 1922 Mussolinis Partei bei?). Ein Anmerkungsapparat mit Erläuterungen zu den einzelnen Akteuren wäre willkommen gewesen. Dennoch: Die Wiederentdeckung lohnt sich.

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