Der Kapellekensweg von L.P.Boon, 2004, Luchterhand

Kapellekensweg.
Roman von L. P. Boon (2004, Luchterhand).
Besprechung von Andreas Daams aus der NRZ, Ausgabe Kleve vom 3.10.2004:

Die ganze Welt beschreiben
Der Übersetzer Gregor Seferens las in Kalkar auch Louis Paul Boons Roman "Der Kapellekensweg".

Es gibt Orte, die gibt es gar nicht. Zum Beispiel ein Dominikanerkloster in Kalkar. Just auf dem Gelände dieses Klosters fand aber nun im Rahmen der Reihe "Die Welt übersetzen" eine Lesung des Übersetzers Gregor Seferens statt. Des Ortes unkundig, mag man durch Kalkar irren und eingeborene Kalkarer nach Dominikanern befragen, man wird doch nur stummes Kopfschütteln zu sehen bekommen. Denn das Kloster ist längst abgetragen, das Gelände eine Wiese mit eingeschlossenem Tümpel, und nur ein weißes Zelt, eigens für die Veranstaltung aufgebaut, kündigt an, dass es hier etwas gibt. Einen Ort für zwei Stunden Literatur nämlich. Literatur aus Ostflandern. Ach, endlich: das Buch, in dem alles steht.

"Der Kapellekensweg" heißt ein monströser Schmöker von Louis Paul Boon, einem Klassiker der Moderne, erschienen im Jahr 1953. Ein Bücherbuch, an dessen Entstehung die Figuren des Buches höchstselbst mitwirken. Es geht (neben vielem anderen) um ein Mädchen des 19. Jahrhunderts, einen Zeitungskolumnisten, die Unabhängigkeit des Kongo und das Abbilden der ganzen Welt in einem Buch.

Niederländische Dialekte werden eingedeutscht

"Wenn ich höre, dass fliegende Untertassen über dem UNO-Gebäude schweben, muss ich meinen Roman ändern", schreibt Boon. Vielmehr schreibt er dies auf flämisch. Dazu noch allerlei hübsche Schimpfkanonaden, mit Vorliebe Genitalzentriertes. Ein flandrischer Flann O'Brien, dieser Boon, der als Anstreicher sein Auskommen fand, weil ihm das Romaneschreiben keiner bezahlte.

Und über all diesem sitzt nun der Übersetzer. Er sitzt gebückt, denn auf ihm thront der Autor. Seferens vermittelte den etwa 40 anwesenden Zuhörern einen tieferen Einblick in die Tätigkeit des Übersetzens. "Ich habe zwar sehr viel Gelegenheit, etwas Neues dazu zu lernen", erzählte er, "nur ist das alles nicht bezahlte Arbeit." Da müssen niederländische Dialekte eingedeutscht und unverständliche Beschreibungen verstehbar gemacht werden. Mehr als ein Jahr hat Seferens für 700 Seiten Boon gebraucht, und ein wenig ist er nun doch enttäuscht. Hat doch dieses wieder entdeckte, neu übersetzte Buch nicht die Beachtung in Deutschland gefunden, die es haben sollte. Aber immerhin gibt es diesen wunderbaren Roman nun wieder - und man kann, darf und sollte ihn lesen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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