Kammermusik.
Novelle von Klaus
Funke (2001, Ferber-Verlag).
Besprechung von Undine
Materni in Sächsische Zeitung, 12.05.2004:
Wenn Beethoven zu Feuerholz
zersägt wird
Der Dresdner Autor Klaus Funke rechnet
gnadenlos ab mit Kunst und falschen Künstlern
Auf einer harten Pritsche liegend resümiert ein Mann mittleren Alters die Umstände, die ihn an jenen nicht näher bezeichneten Ort gebracht haben. Da war ein Kammermusikabend mit Schuberts Klavier-Trio opus 99 und opus 100, mit dem das Unheil seinen Lauf nahm.
Denn am Klavier sitzt kein Geringerer als der berühmte Stefan Bosel, ehemals Freund des Protagonisten und Kurzzeitgeliebter der Schwester, ein begnadeter, leidenschaftlicher, unerbittlicher Musiker, der es zu Weltruhm brachte, nachdem er Dresden verlassen hatte. "Die Dresdner sind von allen Großstadtbewohnern Deutschlands, sagte Bosel (…), wahrscheinlich die ungebildetsten und am wenigsten kunstinteressiertesten. In der Musik kennen sie nur Wagner, Weber und seinen Freischütz, den sie sich jedes Jahr in der Felsenbühne anhören, (…) und dass Rachmaninoff in Dresden zwei seiner Klavierkonzerte komponiert hat, weiß niemand, nicht einmal der Rektor der hiesigen Kunsthochschule." Dass sie sich Reproduktionen von Bellottos Stadtansichten aufs Klo hängen, ist wohl noch eine der eher freundlichen Bemerkungen über die Bewohner jener "untergehenden Stadt, die auf Schwemmsand gebaut ist". Der Ich-Erzähler selbst scheiterte als Pianist an Bach.
Auch die Konzertbesucher bleiben nicht ungeschoren
Der Autor Klaus Funke (Jahrgang 1947) entwickelt in seiner Novelle "Kammermusik" einen gnadenlosen, wortgewaltigen, großen Monolog, der zum Schreien komisch ist und den man nicht anders als in einem gierigen Zug lesen kann. In seinem Sarkasmus bringt er brillante Wortschöpfungen hervor. Es ist mehr als die grandiose Abrechnung eines gescheiterten Musikers an der Kunst. Es ist die scharfe, zuweilen stark überhöhte Differenzierung zwischen wahrer künstlerischer Leidenschaft und den "Musikkern", wie er sie nennt, die "nur noch sägen, umsägen und niedermachen, sie haben die Klassiker vernichtet, die deutsche Eiche Beethoven umgehauen und zu Feuerholz zersägt". Aber auch die Konzertbesucher bleiben bei Klaus Funke nicht ungeschoren, "besonders diejenigen aus Dresden, die den ekelhaftesten Konzertblick überhaupt haben, diesen Kapellenblick".
Mit beißender Ironie am Lack der Stadt gekratzt
Funke kratzt am Lack der Kunststadt, aber mit welchem Charme er das macht! Seine beißende Ironie entspringt einer leidenschaftlichen Liebe zur Musik, der gesamte Text wirkt einem musikalischen Muster folgend, komponiert und rhythmisch, das Hintergrundwissen ist fundiert und wohltuend beiläufig eingeflochten.
Klaus Funke machte 1965 an der Dresdner Kreuzschule Abitur. Nach einer Berufsausbildung zum Landwirt studierte er Agrarwissenschaften. Im vorigen Jahr erschien im Dresdner Verlag "Die Scheune" Funkes Debüt "Der große Verdruss".
Michael Hametner vom MDR fasste bei der Buchpremiere die Lektüremöglichkeiten zusammen: Der Leser könne entweder lachen oder aufstöhnen. Und er kündigte an, dass von diesem Autor noch allerhand zu erwarten sei, lägen doch mehr als ein Dutzend Manuskripte in seiner Schublade.
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