1.)
- 3.)
Kaltenburg.
Roman von Marcel
Beyer (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Erhard Schütz in Freitag
10, 7.3.2008:
Pimp my nazi
ANGST. Jonathan
Littells "Die Wohlgesinnten" und Marcel Beyers
"Kaltenburg" - zwei Geschichtsromane im Vergleich
Sieh niemals einem SS-Mann direkt
ins Gesicht." - Das bekommt als kleiner Junge der Ich-Erzähler von Marcel
Beyers Roman Kaltenburg von seinen Eltern eingetrichtert. Der Ich-Erzähler in
Jonathan Littells Die Wohlgesinnten hingegen ist selbst SS-Mann, am Ende
Obersturmbannführer, dekoriert mit vielen Orden. Er begegnet Figuren wie
Himmler, Heydrich, Bohrmann auf Augenhöhe. Wenn er sich im Spiegel betrachtet,
dann geschieht ihm, dass er beinahe ohnmächtig wird, weil er seine
Zwillingsschwester Una zu sehen glaubt. Er erkennt sich auch sonst nicht,
wiewohl er nahezu 1.400 Seiten nichts tut als von sich zu schreiben.
Um so mehr sollen wir, die Leser, das möchte der Autor, der in Frankreich
aufgewachsene Sohn eines amerikanischen Thriller-Autors jüdischer Herkunft, in
Dr. jur. Maximilian Aue des exemplarischen Täters ansichtig werden. Und das ist
oder kann sein, so die Botschaft, ein jeder von uns. Denn wenn wir uns nur recht
in diesem "Feingeist" und Schlächter spiegeln, dann sollen wir durch
das Gesicht des Elite-Nazis hindurch die Physiognomie überhaupt der
Schlächtereien erkennen, seien es die stalinistischen Auslöschungen, die
Grausamkeiten der russischen Soldateska oder der terrorbombenden
Angloamerikaner. Ja, die Ununterscheidbarkeit von Krieg und Genozid.
Schließlich sollen wir gar die Menschenfratze seit mythischen Zeiten darin
sehen, die condition (in)humaine. Aber was sehen wir tatsächlich?
Frankenstein erklärt sich
Wir sehen - das vorab - keinen Täter, der uns tatsächlich in der
Auseinandersetzung mit den Tätern von damals weiterhelfen könnte. Wir sehen
vielmehr das Konstrukt aus jener sachlichen Kälte der bürokratisch
"Unbedingten", als die die Täterforschung all die Schreibtisch- und
Waffen-Täter, die Werner Bests, Franz Alfred Six´, Wilfrid Bades etcetera,
ausgemacht hat. Und zwar zusammengefügt mit den Wandersagen über die musischen
Monster, inhumanen Bildungsbürger und homosexuellen Sadomasochisten. Dieser
Frankenstein erklärt sich uns: "Und so entschloss ich mich, den Arsch noch
voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten." Das knallt. Aber das
ist schon hundert Seiten hin, denn so zu beginnen wäre zu thriller- und
vaternahe gewesen. Kunstambitioniert beginnt das Unternehmen Aue daher so:
"Ihr Menschenbrüder laßt mich euch erzählen, wie es gewesen ist."
Hyperiontisch-zarathustrisch raunt es uns zu Beginn der Geschichte an. "Und
ihr werdet schon sehen, wie sehr sie euch betrifft."
Der Aue, der uns Menschenbrüdern erzählt, ist ungefähr 80 Jahre alt und war
nach der Zeit, von der er berichten will, französischer Fabrikant von Spitzen,
ein Familienmensch. Was er erzählt, beginnt - nach einem allgemeinen
Schwadronement über Opferzahlen - 1941 in der Ukraine, mit einer
Judenerschießung als "Antwort" auf russische Massenexekutionen. Aue
geht von nun an durch den Weltkrieg wie Woody Allens Zelig oder Forrest Gump
durch ihre Zeit. Überall ist er dabei. Anders als diese aber will er dabei sein
und alles sehen. Babi Jar, Stalingrad, Paris, die KZ, das bombardierte Berlin,
Mittelwerk Dora, Flüchtlingstreck und schließlich den "Untergang" -
alles kommt vor und geht durch seinen gewollt kalten Blick.
Es ist, als ob die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte mit den reißerischen
Bestsellern von Paul Carrell und der Großväter Gräuelanekdoten gemixt würden
- alles, soweit zu sehen, stimmt den Namen, Orten und Details nach, bis dahin,
dass damals in Berlin die U-Bahn-Linie C fuhr. Leser könnten ihre einschlägige
Bibliothek entsorgen. Wo es anachronistisch wird, da sind es Alltagsreden, wenn
von "Cops" gesprochen und "Pasta" oder Schwarzwaldwild
"an" einer Zwetschgensoße serviert wird. Nicht nur Namen und Fakten
jedoch erinnert der alte Herr akribisch, sondern auch Dialoge und Zitate. Und
damit wären wir beim "Feingeist".
Lichtsucher im Feuchtbiotop
Geboren am 10. Oktober 1913, um wenige Tage vor Klaus Barbie, dem Schlächter
von Lyon, damit ein Jahrzehnt jünger als Werner Best und gewissermaßen aus der
78er Generation der Nazis, kommt Aue aus gutem Elternhaus, ist in Frankreich ins
Internat gegangen, kann jederzeit mit jedermann altgriechisch parlieren, zitiert
von Plato bis Kant, was gerade so passt, liest Stendhal und Flaubert wie er
Tschechow und Lermontow kennt. Vor allem liebt er Musik, Monteverdi wie Mozart.
Am meisten aber Bach. Dessen luzide Klarheit muss nicht nur Aue durchrieseln,
sondern sein Name führt zugleich in das Feuchtbiotop dieses selbsterklärten
Lichtsuchers. Aue watet nämlich buchstäblich in Blut und Gedärm, hinterlässt
aber auch sonst eine einzige Spur aus Sperma, Kotze und Kacke. Der Autor will
offenbar, dass dort, wo der Blick kalt bleibt, der Körper rebelliert.
So scheißt und spuckt sich Aue von Russland bis Berlin, ejakuliert von Berlin
bis Russland und zurück. Ist kein schwuler Tiergarten-Schwanz da, der ihn
rammt, dann tut es auch ein Fahrer oder ein Ast im Walde. Mit seiner
Zwillingsschwester hat er ein inzestuöses Verhältnis von Kindestagen an.
Unklar, ob er ihr nicht sogar Zwillinge gemacht hat. Klar jedenfalls, dass er
Mutter und Stiefvater ermordet. Wir sollen es ja mit einer neuen Orestie zu tun
haben! Zum Schluss muss auch noch ein Liebhaber dran glauben und dann erschlägt
er selbst seinen Freund Thomas, der ihm immer wieder aus der Patsche half und
ihn gerade eben noch vor der Strafe eines der rachegöttischen Eumeniden, der
titelspendenden Wohlgesinnten bewahrte. Gleichwohl beharrt dieser Aue seiner
Schwester gegenüber, noch Jungfrau zu sein, wie er von sich kategorisch sagt:
"Ich töte nicht gern." Dass er zum Schluss Hitler in die Nase beißt,
hat denn auch eher ästhetische Gründe.
Es ist das alles ein Graus. Nicht der endlosen Gräuel und des Bildungsbösen
wegen, sondern weil das alles so aufgedonnert und aufgedunsen daherkommt. Pimp
my Nazi. Das ist so durch und durch kalkuliert und synthetisch. Plastikblumen
des Bösen an Körpersaft-Surrogaten in Kunstnebel-Bildung. Wer im Feuilleton
vor so etwas kniet, der hat wohl ein Verhältnis zur Bildung wie Aues
Vermieterin Gutknecht. Solch Kunstgefrickel mit Bildung zu verwechseln ist wie
Grace Jones für Catherine Deneuve zu halten. Nicht darin ist das Buch eine
Provokation, dass es das Experiment darauf unternimmt, was wir an Gräuel und
Bösem ertragen wollen und können, sondern als derartige Collage aus
Geschichtswissen mit saurem Kitsch, Second-Hand-Räsonnement, Pawlowschen
Metaphern und Bildungsversatzstücken. Da faucht es in Aues Kopf "wie im
Ofen eines Krematoriums", und er bleibt unbewegt wie "die stummen
Fassaden ausgebombter Städte", da schlägt die Vergangenheit ihre Zähne
ins Fleisch - und so fort.
Als Kern dieses Experiments bleibt nurmehr, dass es gefährlich ist, sich in
Mamas Uterus zurückzusehnen, wenn man die Mars-Erzählungen von Edgar Rice
Burroughs in seiner Jugend gelesen hat - in denen nämlich ständig
Vergewaltigungen drohen und als Heilmittel strenge Zucht im doppelten Sinne
empfohlen wird. So werden die Untaten des 20. Jahrhunderts in einen phylo- wie
ontogenetischen Ursumpf gezogen, verschwimmen schließlich alle Differenzen in
einer vagen Anthropologie. Was da als Rollenprosa eines "Meisters aus
Deutschland" daherkommt, ist tatsächlich bloß bübische
Überbietungsbastelei.
Plastikblumen des Bösen
Als Antidot gegen dieses in seiner grellen Mixtur aus Beobachtungskälte und
deliranter Brünstigkeit so aufdringliche Buch lese man Marcel Beyers neuen
Roman, tausend Seiten kürzer und doch umfassender als noch weitere tausend
Seiten Littell sein könnten.
In gewisser Weise wiederholt diese Konstellation, was zu Beginn der sechziger
Jahre stattfand, als durch den Auschwitz-Prozess auch die literarische
Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit in eine neue Phase trat.
Damals standen sich auf der Bühne zwei Modelle gegenüber. Rolf
Hochhuths Ideendrama Der Stellvertreter, dem Adorno die Personalisierung
anonymer Zustände vorwarf, und Die Ermittlung von Peter
Weiss, die als gerichtliche Investigation angelegt war, um so Strukturelles
zu betonen und vor allem die Unangemessenheit mimetischer Darstellung deutlich
machen, wie überhaupt die Frage nach der Ermittelbarkeit vorbringen zu können:
Jonathan Littell extremisiert die mimetische Aktualisierung, indem er einen
Täter umstandslos und in monströser Detailliertheit sich erinnern lässt, als
ob alles gerade eben jetzt geschähe. Dagegen setzt Marcel Beyers Kaltenburg
durch und durch auf skrupulöse Vermitteltheit und tastende Reflexion. Hier
herrscht nicht Kalkül, sondern Durchdachtheit.
Zwar ist darin das gesamte Repertoire der Gedächtnisforschung vorfindbar -
3-Generationen-Modell, "reenactment", "false memory",
Vergessen, Fehlerinnern und soziale Erinnerungsfabrikation etcetera -, aber man
bekommt es nicht lehrbuchhaft serviert, sondern das geht fugenlos -
"organisch", hätte man früher gesagt - in die Konstruktion ein. Wie
überhaupt, was der Roman an Wissensbeständen benutzt und aktualisiert, ihm
nicht als Bordüren und Schleifen appliziert, sondern konstruktiv eingesenkt
ist. Und das ist nicht wenig, von Theorien der Angst, Verhaltensforschung über
Ornithologie und Tierpräparationen bis hin zur Geschichte Dresdens seit seinem
Untergang im Februar 1945, eingebettet in Flucht aus dem Osten nach dort und
Flucht in den Westen von dort.
Schnellkurs in Vogelnamen
Allein wie er mit seinen Bezügen auf Literatur umgeht, das unterscheidet sich
in seiner Dezenz - Stendhal - wie Virtuosität - Proust - ums Ganze von den
prätentiösen Draperien Littells. Dabei bewegt der Roman sich in einem
ähnlichen Problemhorizont von Täter-, Mittäterschaft und den Folgen
rationaler Sachlichkeit und Beobachterkälte. Nur hier nicht
juristisch-bürokratisch, sondern natur- und lebenswissenschaftlich. Sein
historischer und gedanklicher Horizont greift viel weiter aus als der Littells.
Nicht Anthropologie als wohlfeile Fatalitätsannahme und Extremisierungslizenz
steht da im Zentrum, sondern das ebenso komplexe wie subtile Zusammen- und
Gegenspiel von Natur- und Zeitgeschichte - kein Aufgeilen am möglichst
Inhumanen, sondern Ausloten des möglichen Humanen.
Um was geht es? Im Dresden der Gegenwart versucht sich der Zoologe und
Tierpräparator Hermann Funke seiner frühesten Kindheitserinnerungen, deren
Korrektheit und deren Wirkungen zu versichern. Ausgelöst werden sie durch einen
Schnellkurs in Vogelnamen, den er der jungen Dolmetscherin Katharina Fischer
gibt, weil die einem vogelkundlichen Royal - sagen wir ruhig: Charles - beim
Staatsbesuch zur Seite stehen soll. Zentrum ist der 1989 verstorbene, 1903
geborene, große Zoologe Ludwig Kaltenburg, weltbekannter Ornithologe und
Verhaltensforscher, aus Wien stammend, in Königsberg und Posen tätig gewesen
vor 1945, nach 1945 mit einem eigenen Institut in Loschwitz und an der
Universität Leipzig, schließlich verbittert zurück nach Wien gegangen.
Man darf dabei an Konrad Lorenz denken, ergänzt vielleicht um wissenschaftliche
Aspekte von Rudolf Bilz und Günter Tembrock, wenn es um Kaltenburgs Hauptwerk,
die "Urformen der Angst" geht. Hinzu kommen zwei weitere signifikante
Figuren, der berühmte Tierfilmer Knut Sieverding, Heinz Sielmann nicht
unähnlich, und der ebenfalls berühmte Künstler Martin Spengler, bei dem man
an Joseph Beuys denken darf, der Bordfunker bei Sielmann war. Eine dichte und
brisante Konstellation. Kern dessen bilden zwei traumatische Kindheitserlebnisse
Funkes, Momente namenloser Angst, zum einen das wilde, geängstigte Flattern
eines Mauerseglers im heimischen Wohnzimmer in Posen, zum anderen die
Verlorenheit unter den Überlebenden des Feuersturms von Dresden, in dem seine
Eltern umkamen.
Im Schatten der Alten
Kaltenburg, der schon in Posen - wo er psychiatrische Experimente durchführte -
bei der Familie ein und ausging, nimmt sich des Waisen in Dresden an wie eines
aus dem Nest gefallenen Vogels. Im wissenschaftlichen Handaufzug wird der
Kaltenburgs Schüler, der nun die Entwicklungen der DDR miterlebt, enttäuschte
Hoffnungen, Repressionen und kleine Freiheiten, bis nach deren Ende und einem
Neubeginn nun ohne die Alten, aber in deren Schatten und vor allem den Schatten
der Vergangenheit vor 1945. Die hellen sich im bohrenden Erinnern langsam auf
und trüben zugleich das Bild der großen Figuren, bis Funke dann doch noch
einem SS-Mann ins Gesicht sieht. In seinen Themen - nicht zuletzt darunter
Formen von Gefangenschaft und Lager - ist der Roman ebenso vielschichtig wie in
seiner Form komplex aufgebaut, mit Vorgriffen und Rückwendungen, grüblerischen
Selbstbefragungen und hin und her gewendeten Mutmaßungen - in alledem aber
durch und durch transparent wie luzide.
Es ist dies ein Meisterstück, Geschichte indirekt präsent werden zu lassen,
deutsche Geschichte wie die der Stadt Dresden und einiger bedeutender
Persönlichkeiten, in wahrhafter Empathie, nämlich skrupulös im Spektrum der
Möglichkeiten von Erinnerung und Vergegenwärtigen, Verdrängen und Vergessen,
Durcharbeiten und Abarbeiten. Am Ende entspricht das vielleicht den kunstvoll
präparierten Bälgen, die von den Vögeln blieben, selbst sie noch - wie die
Adler des Kronprinzen oder der Dresdner Riesenalk - Zeugen von Zeitgeschichte.
Was den Roman darüber hinaus aber zu einem großen Wurf macht: Jene
"Urformen der Angst" und deren unheimliche Macht, über die Kaltenburg
im Roman fiktiv ein Sachbuch schrieb, werden hier fiktional Realität, als
Kunstwerk.
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2.)
Kaltenburg.
Roman von Marcel
Beyer (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Rainer Schmitz aus dem
FOCUS,
13/2008:
Dohlen über Dresden
Marcel Beyer verzahnt in seinem
Schlüsselroman „Kaltenburg“ Lebensgeschichten mit Zeitläuften.
Ein seltsamer Kauz, dieser Ludwig Kaltenburg: Seine Villa in
Dresden-Loschwitz ist angefüllt mit ausgestopften und lebenden Vögeln. Vor allem
Dohlen stehen im Zentrum seiner Forschungen. „Kaltenburg“, der neue,
überraschende Roman von Marcel Beyer (Suhrkamp, 397 Seiten, 19,80 Euro) dreht
sich fast ausschließlich um Ornithologie und die berühmte ornithologische
Sammlung in Dresden – und um ein seltsames Buch mit dem Titel „Urformen der
Angst“.
Hermann Funk, der in der Bombennacht von Dresden seine Eltern verlor und von
Kaltenburg zum Vogelpräparator ausgebildet wurde, erzählt die ungewöhnliche
Geschichte des Vogelnarren. Wie der Österreicher 1938 nach dem Anschluss nach
Deutschland ging und in Posen Funks Eltern kennen lernte, dann schon früh in
rus-sische Kriegsgefangenschaft geriet, nach 1945 in die Sowjetische
Besatzungszone ging und in Dresden Karriere machte, bis er nach dem Mauerbau
nach Wien zurückkehrte.
Unübersehbar sind Parallelen im Leben Kaltenburgs und dem des Verhaltensforschers Konrad Lorenz, der mit seiner Ethologie das Verbindungsglied zwischen Tier und Menschen suchte. In Knut Sieverking erkennt man zudem den bekannten Tierfilmer Heinz Sielmann. In weiten Teilen aber lässt „Kaltenburg“ sich auch als ein Schlüsselroman über Manfred von Ardenne und sein Institut in Dresden lesen. Vor allem in der lokalen Verortung trifft vieles auf ihn zu. Beyer hat lediglich dessen Forschungsfeld – die Physik – mit der Avifauna ausgetauscht.
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3.)
Kaltenburg.
Roman von Marcel
Beyer (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Carsten Schwedes aus dem titel-magazin,
Mai 2008:
Ein Waldkauz, der mit panischen Bewegungen die Flammen zu
löschen versucht, die an seinen Schwingen fressen; Ringeltauben, die sich
aufgrund der ungeheuren Temperaturen im Flug entzünden; wie mumifiziert
wirkende Flamingos, denen auf einen Schlag sämtliche Körperflüssigkeit
entzogen wurde: solche apokalyptischen Bilder von den bei der Bombardierung
Dresdens im Februar 1945 zugrunde gehenden Vögel haben sich unauslöschlich
in das Gedächtnis von Hermann Funk eingebrannt.
Das Leben Hermann Funks, Ornithologe und Erzähler in Marcel Beyers neuem
Roman Kaltenburg, ist unabänderlich geprägt durch die zentralen
Ereignisse der deutschen Geschichte vom Dritten Reich bis zum Ende des 20.
Jahrhunderts. Doch nicht nur die Zeitgeschichte übt ihre Wirkung aus, drei
Menschen kreuzen immer wieder seinen Lebensweg und bestimmen seine Ansichten
und Entscheidungen mindestens ebenso stark. Dominierend ist der Einfluss von
Ludwig Kaltenburg, eines charismatischen, aber undurchschaubar wirkenden
Zoologen. Funk lernt ihn schon Anfang der vierziger Jahre in Posen kennen,
als er ein Gespräch Kaltenburgs mit seinem Vater belauscht, wovon dem Jungen
vor allem das Wort „Todesatmosphäre“ in Erinnerung bleibt. Nach dem Zweiten
Weltkrieg begegnen sich die beiden erneut; Funk wird Kaltenburgs Assistent
an dessen berühmtem Dresdner Forschungsinstitut und hat Teil an den
wissenschaftlichen Untersuchungen wie am Privatleben des eigenwilligen
Gelehrten. Kaltenburg setzt sich schließlich 1961 in den Westen ab, ohne
Funk in seine Pläne eingeweiht zu haben, der in Dresden zurückbleibt, sich
aber geistig und emotional nie gänzlich von Kaltenburg lösen kann.
Ebenfalls schon in Funks Kindheit kommen die Kontakte zu dem Künstler Martin
Spengler und dem Tierfilmer Knut Sieverding zustande, die weniger als
Leitstern wie Kaltenburg, sondern als Gegenpol oder Ergänzung zu diesem
auftreten. Geschickt gestaltet Beyer das Trio Kaltenburg/Spengler/Sieverding
dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, Joseph Beuys und Heinz Sielmann nach,
deren Lebenswege sich auch in der Realität auf manchmal überraschende Weise
miteinander verbanden. Dadurch zieht Beyer eine weitere Ebene in diesen
Roman ein, auf der im Changieren zwischen Faktenorientierung und
dichterischer Fiktion auch unbekannte Facetten des Lebens dieser
Persönlichkeiten beleuchtet werden, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass
sie sich, wenn auch auf unterschiedliche Weise, für das Verhältnis von
Mensch und Tier interessierten. Vermittelt über die Tierwelt entstehen in
Kaltenburg unverbrauchte Bilder historischer Ereignisse, deren
einprägsamstes die oben erwähnte Schilderung der brennend vom Dresdner
Himmel fallenden Vögel sein dürfte.
Erinnern ist Händewaschen
Diese indirekte Darstellungsweise ist nicht der einzige gelungene
erzählerische Schachzug von Marcel Beyer. So schildert er in Kaltenburg
nicht einfach chronologisch den Ablauf der Ereignisse, sondern folgt in
Sprüngen zwischen zwei Zeitebenen den Erinnerungen des alten Hermann Funk,
die ihm eine mäeutisch begabte Dolmetscherin allerdings erst abverlangen
muss. Bedingt durch die Sprunghaftigkeit der Rückschau reißen immer wieder
Lücken auf im Lebenslauf der Protagonisten, bleiben Ereignisse im Dunkeln
oder werden nur angedeutet. So entsteht, trotz Beyers klarer, gelegentlich
mit zoologischem Fachvokabular durchsetzter Sprache, ein Bild mit den für
die meisten Rückblicke charakteristischen verschwommenen Konturen.
Die Skepsis gegenüber dem menschlichen Erinnerungsvermögen findet ihren
markantesten Ausdruck in der Frau des Erzählers. Sie, eine begeisterte
Proust-Leserin, flicht an Abenden, an
denen Bekannte über alte Zeiten reden, wiederholt Episoden aus der
Recherche du temps perdu ein, in denen sich eine der Figuren Prousts die
Hände säubert. Anschaulicher lässt sich kaum ausdrücken, was von den
menschlichen Fähigkeiten zur Retrospektive zu halten ist. Und was die
Verlässlichkeit der Verweise auf Proust betrifft: nach all diesen Episoden
des Händewaschens wird man in der Recherche vergeblich suchen. Die
verlorene Zeit lässt sich nun einmal nicht zurückholen.
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