Kalteis von Andrea Maria Schenkel, 2007, Edition NautilusKalteis.
Roman von Andrea Maria Schenkel (2007, Edition Nautilus).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus der WAZ vom 8.8.2007:

Schenkels zweiter Erfolg

Leser-Erwartungen lassen sich in Zahlen ausdrücken: Allein die Ankündigung eines weiteren Romans von Andrea Maria Schenkel genügte der kleinen Hamburger Edition Nautilus, um per Vorbestellung 50 000 Exemplare, die komplette Erstauflage, abzusetzen. Ausgelöst hatte diesen Ansturm der Eindruck eines einzigen Buches, das zudem nicht einmal leichte Kost ist.

Schenkels Bestseller-Debüt "Tannöd" - die einen historischen Fall aufgreifende Geschichte des Mordes an einer Bauernfamilie auf einem bayerischen Einödhof - gehört zu den literarischen Sensationen der letzten Jahre. Der Kritik wie Publikum begeisternde, mehrfach ausgezeichnete Kriminalroman hat bisher eine verkaufte Auflage von über 250 000 Exemplaren erreicht.

Der Verlag, der in der Vor-Schenkel-Ära mit Auflagen um die Dreitausend lebte, verkauft Übersetzungsrechte rund um den Globus. Theaterfassungen werden vorbereitet und auch ein Filmdrehbuch ist, wie man hört, bereits fertig.

Lässt sich, ohne Kalkül, ein solcher Erfolg wiederholen? Alle Voraussetzungen dafür sind erfüllt. Bei Schenkels "Kalteis" handelt es sich um einen jener seltenen Fälle, in denen der heikle zweite Roman die durch den ersten geweckten Hoffnungen nicht nur erfüllt, sondern neue, womöglich noch höhere Erwartungen für die Zukunft weckt.

Die 45-jährige spätberufene Erzählerin - die man endlich von dem wenig schmeichelhaften Etikett der schreibenden Hausfrau erlösen sollte - greift, wie in "Tannöd", wieder auf einen authentischen Kriminalfall zurück. Doch der liefert, anders als im Debüt-Roman, diesmal kaum mehr als den Initialfunken.

Im Oktober 1939 wurde der Vergewaltiger und mehrfache Frauenmörder Johann Eichhorn in München hingerichtet. Im Roman heißt der bereits verurteilte Täter Josef Kalteis, und über den erfährt der Leser zunächst herzlich wenig und später kaum mehr. "Dauer der Hinrichtung vom Betreten des Gefängnishofes bis zur Exekution durch die Fallschwertmaschine: 17 Sekunden."

Immer dann, wenn es um Kalteis/Eichhorn geht, zitiert die Autorin alte Akten und Vernehmungsprotokolle, die zwar einen psychopathischen Triebtäter zeigen, die auch für sich sprechen, die aber letztlich nichts erklären, weil Schenkel bewusst nichts erklärt, nichts zu erklären versucht. Die Taten, die Ermittlungsarbeit, die Seelenwelt des Kalteis, die Frage, wie das Böse in die Welt kommt - das interessiert sie nicht oder höchstens am Rande. Das will aber auch der Leser gar nicht wissen. Hier unter anderem zeigt sich die Qualität des grandiosen Romans, der in kein Krimi-Subgenre passt und einfach nur große Literatur ist: Denn den Leser hat Schenkels karge, unbarmherzige Sprache längst in eine andere, ungewohnte Welt entführt: in die der jungen Frauen, der Opfer. Kathy, ein junges Mädchen vom Lande, das in München sein großes Glück sucht, wird zur zentralen Figur. Und die entscheidende Frage, die Schenkel klug nicht stellt, lautet: Warum scheint so mancher Mensch geradezu prädestiniert, Opfer zu werden?

Kathy, die in München nur tageweise bei Bekannten unterkommen kann, keine Anstellung hat, kein Geld, die zweifelhafte Freunde in einem anrüchigen Gasthof findet, Männerbekanntschaften schließt. Die davon träumt, wie ihre Freundin Mitzi einen "Verlobten aus Gelsenkirchen" zu finden, der die Wohnung zahlt, oder ersatzweise jemanden, der auf sie aufpasst. Kathy, deren Erinnerung an glückliche Kindertage mit einer Rolle roter Nähseide verbunden ist - diese Kathy in ihrem grausam banalen, verschatteten Loser-Leben könnte eine Schwester von Irmgard Keuns "kunstseidenem Mädchen" sein oder die Figur aus einem Drama von Arthur Schnitzler. Kathys Tod, ihre Ermordung: die zwangsläufige Endstation ihres Unglücks-Reigens.

Der großartig komponierte Roman, der im Wechsel der Erzählperspektive am Beispiel einer jungen Frau blitzlichthaft das Gesellschaftspanorama einer Epoche beleuchtet, ist von einer unwiderstehlichen Sogwirkung. Allerdings muss man sich - und das ist der einzige Einwand gegen "Kalteis" - erst in den Rhythmus von Schenkels reduzierter Sprache einlesen, in einen Rhythmus, der vom Hang der Autorin zu ungewöhnlicher Syntax bestimmt ist. Dass die knappen, präzisen Sätze bevorzugt mit Adverbien und Adjektiven, mit Dativ- oder Akkusativ-Objekt beginnen (Nicht gern gab sie den Kragen her. Nicht böse ist ihr Kathy deshalb), wirkt nicht immer kunstvoll, sondern oft artifiziell. Solche Manierismen hat Andrea Maria Schenkel einfach nicht nötig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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