Kalte Herzen.
Roman von Elizabeth
Bowen (2005, Schöffling - Übertragung Sigrid Ruschmeier).
Besprechung von Thomas
David in Neue
Züricher Zeitung vom 21.06.2005:
Der Atem einer sterbenden Welt
Elizabeth Bowens Meisterwerk «Kalte
Herzen»
In einem der letzten Kapitel dieses hervorragenden Romans, nur wenige Viertelstunden bevor der stetig zunehmende Druck auf seine 16-jährige Heldin das Mass des gerade noch Erträglichen übersteigt, fahren Portia und ihr vermeintlicher Galan in einem Taxi durchs Herz von London. Die Arkaden von Covent Garden sind bereits geschlossen, kalte Schattenschleier wehen über die Fassaden, vor denen auch «das Trugbild der eigenen fiebrigen Existenz», so Elizabeth Bowen, die in ihren Romanen alle Trugbilder am Ende zerschlägt, «plötzlich zerfliesst». Der Wagen fährt die Henrietta Street entlang, und Eddie nimmt Portia traurig in die Arme; kurz vor der U-Bahn-Station am Leicester Square, wo das Taxi erneut abbiegt, sucht er voller Selbstmitleid einen Fluchtweg aus der Verantwortung für ihre verletzten Gefühle, für seinen Verrat an Portias Liebe. «Für dich und mich sollte es eine neue Welt geben», klagt der junge Mann, der als opportunistischer Parvenü auch die Frau von Portias älterem Halbbruder Thomas spielerisch hofiert: «Da stehen wir am Beginn unseres Lebens, und alles um uns herum verliert seine Unschuld! Wie können wir erwachsen werden, wenn es nichts mehr zu erben gibt, wenn das, von dem wir leben, schal und korrupt ist?»
Der prekäre gesellschaftliche Aggregatzustand, den Bowen hier unerhört hellsichtig beklagen lässt, beschreibt das frostige Klima des ganzen Romans; Eddies Utopie einer «neuen Welt», einer unschuldigen und letzten Endes kindlichen Welt – ohne Treuebruch, ohne Verrat – wird sich schon bald auf brutale Weise zerschlagen. «Kalte Herzen» spielt an den eisigen Rändern eines Zeitalters, das in diesem sechsten Roman der 1899 in Dublin geborenen Schriftstellerin mit der Abendsonne beinahe unbemerkt untergeht. Als das von einer schweren und allzu trügerischen Stille durchdrungene Pendant von «The Heat of the Day», Bowens 1949 erschienenem Roman über das im Krieg zerstörte London, gleicht «Kalte Herzen» dem Atem einer sterbenden Welt; die schicksalhafte Dramatik des Romans ist heute noch deutlicher wahrzunehmen als bei der ersten Veröffentlichung im Jahr 1938. Das Wissen um die Wut der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, welche die Unschuld von Eddies und Portias Leben schonungslos zerstören wird, zündet in der Stille des Romans eine beachtliche Schallwirkung und trägt zum Erlebnis der Lektüre massgeblich bei.
Das Gesetz der Abstossung
Portia hat verständnislose dunkle Augen, Portia lebte meistens in Hotels: Als sie nach dem Tod ihrer Mutter in London eintrifft, um in der Windsor Terrace das «normale Leben» zu führen, das ihr bereits zuvor verstorbener Vater für sie vorgesehen hatte, trägt sie Trauerkleidung, die wie dichter Nebel auf dem Haus von Thomas und Anna Quayne niedergeht. Portia, «das Kind einer Verirrung», trug in Thomas' Augen bereits vor ihrer Geburt Schuld an der Zersplitterung seiner Familie, an der Entfremdung von seinem Vater, der mit Portias Mutter schliesslich im Ausland lebte, in der Verbannung, im Exil. In London nimmt sich Thomas seiner Halbschwester daher vor allem aus Pflichtbewusstsein an; in Windsor Terrace – «diesem luftigen, attraktiven Haus mit den vielen Spiegeln und Hochglanz allenthalben» – gibt es keinen Raum für grosse Gefühle: «Die Zimmer», so Matchett, die kluge Haushälterin der Quaynes, «waren eingerichtet für die Vertrautheit von Fremden oder für einsamen, erschöpften Rückzug.»
Einsamkeit und Erschöpfung verleihen denn auch den meisten Figuren des Romans ihr Profil; der Rückzug in jene tiefe Isolation, die jedes echte Leben lähmt, gehört zu den vorherrschenden Regungen im winterlichen Milieu dieser kalten Herzen, die Elizabeth Bowen auf mehr als vierhundert Seiten so haltlos und spröde treiben lässt wie in den ersten Zeilen ihres Romans die gebrochenen Eisstücke auf dem See des Regent's Park. Ohne einander zu begegnen, spazieren Portia und Anna im Park; Thomas sitzt in seinem Arbeitszimmer und schaut ins Nichts. Portia und Anna hören dieselbe Stille, dieselbe Drossel, sie sehen die Tauben auf den Ästen der Bäume, sie kreuzen die Wege und stossen sich dennoch unbemerkt in gegenläufige Richtungen ab; Thomas ist «beherrscht von Langeweile und Erschöpfung» und will am Abend eines Tages im Büro nichts anderes, «als sein Gesicht in leere Züge zerfallen lassen»: Es sind starke Bilder wie diese, in denen Bowen dem Schicksal ihrer Figuren – der Verlassenheit, der Beziehungslosigkeit – das Format eines tragischen Augenblicks schenkt....Fortsetzung
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