Kall. Eifel.
Prosa von Norbert Scheuer (2005, Suhrkamp).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 30.11.2005:

Nachrichten aus der Provinz
Norbert Scheuers Prosaband «Kall, Eifel»

Das Örtchen Kall in der Eifel, einschliesslich Postleitzahl, Nationalpark und Kinder-Abenteuerland, existiert wirklich. Und doch zitiert Norbert Scheuer im Motto seines Buchs «Kall, Eifel» Hermann Melville, der über die Insel Rokovoko in «Moby-Dick» bemerkt: «True places never are.» Denn das reale Kall in der nördlichen Eifel hat mit dem fiktiven Schauplatz in Scheuers Band vermutlich wenig zu tun: Letzterer ist ein «wahrer Platz» – ein Nest, in dem sich Schicksale kreuzen. Menschen arbeiten und lieben, versorgen sich und andere, betrügen einander, betrinken sich und sterben. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Stichwortregister: «Glück», «Liebe», «Hochzeit» oder «Ameisen», «Hecht», «Kalbskopf» heissen lapidar die Kapitel, und dass Tiere darin eine fast so grosse Rolle spielen wie die Menschen, ist kein Zufall.

Eingefrorene Zeit

Am Ende bündeln sich die vielen Episoden zu einem Roman, obwohl das Buch diese Gattungsbezeichnung vermeidet: Die Figuren – rund zwei Dutzend – treten wiederholt auf, die Handlungselemente sind komplex miteinander vernetzt und verbinden sich zu einem Panorama über das Leben in der Provinz. Der Friseur Delamot, der Schuhhändler Lejeune, der Fischzüchter Malchold, der sich am Schluss erschiesst, weil ihm die Schatten der Vergangenheit keine Ruhe lassen: Helden sind sie gewiss nicht, auch der Begriff Protagonisten wäre eher unpassend für diese Leute aus Kall, die mit ihren nicht geringen Problemen kämpfen, ihren Geschäftsrisiken, ihren Amouren, ihren körperlichen und seelischen Beschädigungen. Und manchmal dabei unterliegen.

Die Zeit scheint bisweilen stehen geblieben, eingefroren: Sind wir in den fünfziger Jahren, im Mittelalter, in der Jetztzeit? Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, denn in der Provinz erhalten sich Relikte und Traditionen aus der Vergangenheit länger, scheinen den Menschen Halt zu geben und sie gleichzeitig zu knebeln. Gleich zu Anfang des Buchs erleben wir ein blutiges Hahnenköpfen, ein Ritual aus einer anderen Zeit. «Eigentlich war es seit Jahren verboten, auf einen lebenden Hahn zu schlagen; aber trotzdem wurde es gemacht, weil es seit der Franzosenzeit in der Gegend Brauch war.» Scheuers Sprache ist knapp und präzise, nah an den Dingen, an den Personen und dabei auf eine selten gewordene Art uneitel, unaufgeregt: Es ist die nüchterne Sprache eines Chronisten.

In einer Episode werden buchstäblich Pferde gestohlen, ohne jede romantische Verbrämung: Es ist ein unbarmherziges kriminelles Geschäft, das in einen Gewaltakt mündet. Der Besitzer der Pferde, der die Diebe überrascht, verliert dabei ein Ohr. «Liss bückte sich nach dem Ohr, es war ein künstliches Ohr aus Kautschuk. Sie machte es an ihrer Hose sauber. Der Mann rollte sich auf den Rücken, sah sie an und streckte die Hand aus.» Scheuer erzählt solche makabren Details lapidar, mit konsequentem Understatement. Kaltblütig, ist man versucht zu sagen – das Kapitel heisst «Kaltblüter» –, aber das trifft es nicht. Die empathische Wärme, die das Buch hat, betrifft die Wünsche der Personen, ihre Energien, auch ihre Fluchtbewegungen. «Geh weg, weit weg, es ist überall besser als hier», will die Wirtin, Frau Arimond, ihrem Sohn sagen; aber nur ein paar Sätze weiter heisst es: «Sie war plötzlich glücklich, ohne zu wissen, warum.» Und Leo, der Sohn, «zog sein Hemd aus, jauchzte und begann zu tanzen».

Kaleidoskop einer rustikalen Gesellschaft

Die Fixierung auf die Defizite des Lebens kann auch Scheuers Prosa nicht leugnen. Aber ginge es nur darum, zu zeigen, das Dasein in Kall sei trostlos und nicht lebenswert, hätte dieses Buch nicht geschrieben zu werden brauchen. Auch das beschädigte Leben der zähen kleinen Gewerbetreibenden, der Heranwachsenden, die ausziehen, das Fürchten zu lernen, der Hausfrauen, die es längst gelernt haben – es kommt nicht ohne Fluchtpunkte, Utopien, Glücksmomente aus; ob es die heimliche Liebe von Jutta und Sartoris nach einer Laienspiel-Probe ist oder Leos und Martins Hilfsaktion für einen verletzten Bussard, den sie einen ganzen Winter lang mit Hähnchenfleisch füttern und gesund pflegen, bis sie ihn eines Tages wieder fliegen lassen können und ihm zusehen, wie er zum Himmel aufsteigt und sich höher und höher schraubt.

Stück für Stück entsteht in diesem strengen, spröden und doch nicht humorlosen Prosabuch das Kaleidoskop einer rustikalen Gesellschaft; und der imaginäre Ort Kall verdichtet sich von Seite zu Seite zunehmend zu einem «wahren Platz». Man will die Luft, die dort weht, nicht unbedingt zu spüren bekommen, aber man kann sie förmlich riechen.

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