Kali von Peter Handke, 2007, Suhrkamp1.) - 5.)

Kali.
Roman von Peter Handke (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 8.2.2007:

Eine, die auszog, die anderen zu finden
Peter Handkes »Kali« ist ein atemberaubendes Epos über Aufbruch, Verlust, Suche und Heimkehr.


Eine Erzählung, die zum einen von einer vollständig versammelten Familie ausgeht, deren Mitglieder sich zum anderen nicht vom Fleck bewegen - diese Erzählung wäre nicht von Peter Handke. Seine Bücher berücksichtigen, egal in welcher Variation, egal welcher Gattung sie angehören und in welcher Arbeitsphase er sie verfasste, das zyklische Urmuster des abendländischen Epos: also Aufbruch und Reise, Fahrt und Wanderung, wenn es gut geht, Rück- oder Heimkehr, die auf das Motiv der Versöhnung, der Identitätsbildung oder zumindest der Erkenntnis hinauslaufen. Die Reise wiederum stellt sich mit Vorliebe als Suche dar. Ein guter Schwung von Handkes Büchern bewegt sich um die Leerstelle einer abhandengekommenen, verschollenen Person - Vater, Bruder, Geliebte -, die, wenn es gut geht, am Ende wieder auftaucht oder endgültig verabschiedet werden kann.

Peter Handkes neues Buch, Kali. Eine Vorwintergeschichte, macht von dieser Tradition des Werks keine Ausnahme. Man könnte sagen: Im Gegenteil, Handke erzählt das vertraute Gleichnis von Abmarsch, Abenteuer, Ankunft regelrecht forciert aufs Prinzipielle des epischen Musters hin. Als strukturstarkes, szenisches Konzentrat, auf der Tagtraumbühne einer irrealisierten, mythisierten Topografie (deren reales Vorbild an Salzburg, das Salzkammergut, den Mondsee denken lässt). Folgendes spielt sich, äußerlich berichtet, hier nun ab: Eine Sängerin verlässt am Ende einer Tournee die Bühne, fährt zum Hotel, verlässt am nächsten Tag die Stadt, benutzt Zug und Bus, um durch vorstädtische Peripherie immer weiter in die Landschaft bis zum Heimatort ihrer Kindheit zu gelangen. Nach einer kurzen Station bei der Mutter, ebenfalls eine ehemalige Bühnenberühmtheit, überquert die Reisende per Schiff einen See und erreicht das räumliche Ziel der Reise: Ein »Toter Winkel« genanntes Gebiet, das vom salzweißen Rücken eines Berges überragt wird, unter dem sich ein Salzbergwerk befindet. Dieses Gebiet nun ist eine Art Enklave »mitten im Vereinten Europa«, in die sich Auswanderer verschiedenster Sprache und Herkunft, Versprengte und Gestrandete, Außenseiter und Heimatlose geflüchtet haben. Ein aus der Gesellschaft gelöster Trupp Menschen, die eine kleine Gegengesellschaft bilden. Auch dieses Motiv gibt es bei Handke spätestens seit Falsche Bewegung, also seit gut drei Jahrzehnten.

Aus der Mitte der Auswanderer aber ist, was Suchplakate der vagabundierenden Sängerin auf ihrem Weg schon ankündigen, ein Kind verschwunden. Es wiederzufinden ist der Orientierungspunkt der Erzählung. Dass die Sängerin die richtige Person für diese Aufgabe ist, hat sich ebenfalls schon zu Beginn der Geschichte angekündigt. Sie findet - und rettet - allerlei zu Boden gefallene Kleinigkeiten; den Knopf eines Bühnenarbeiters, den schmalen Ring einer Mitreisenden am Busbahnhof, die Kontaktlinse ihrer Mutter. Zuletzt ein kleines verschwundenes Wesen namens Andrea.

Eine komplizierte Mischung aus Kindheitsutopie und Erlösungsglaube

Und jetzt: wird es atemberaubend. Wir sehen Peter Handke in seiner ganzen Fähigkeit zur sentimentalen Aufladung ontologischer Kindlichkeitsutopien samt ihren christlichen Erlösungsszenerien. Und wir sehen Peter Handkes grandioses ästhetisches Temperament, dessen Experimente den schlichten Wahrheitsanspruch solcher Erlösung, gleichsam aus den Kulissen der Erzählung heraus, infrage stellen. Anders gesagt: Kali folgt dem Prinzip des Epos in lehrbuchhafter Einfachheit und ist dabei komplex bis über beide Ohren. Deutungs- und positionsverunsichernd wie Spiegelsäle - die es in der Geschichte auch wirklich gibt. Ihre abschließende Szene vollzieht sich in der Kirche von »Toter Winkel«. Am Altar steht eine Pastorin und bringt der Gemeinde eine sehr Handkesche, sehr biblisch-expressive Erweckungspredigt zu Ohren. Am Eingang der Kirche aber steht, im Gegenlicht als Silhouette sichtbar, »das wiedergefundene Kind«. Zwei Sätze zuvor waren es noch »zwei Silhouetten, die einer Frau und die eines Kindes«. Unter der Hand ist folglich die Finderin nun selbst - aus dem Bild - verschwunden. Sei es, dass ihre Figur mit der des Kindes an ihrer Seite oder mit der Figur der Pastorin ihr gegenüber verschmolzen ist oder sich aus dem Dreieck Sängerin -Kind - Pastorin eine synthetische Gestalt mit predigender Stimme ergeben hat.

Dies ist beileibe nicht das einzige Cross-over-Manöver in diesem Buch. Seine ganze Erzählwelt entfaltet sich, genau genommen, aus Kontrast- und Widerspruchsverhältnissen. Angefangen vom weißen, hell leuchtenden Salzpalast des unterweltlichen Bergwerks. Über die Sängerin, von der womöglich auch deshalb eine Angst einjagende Wirkung ausgeht, weil sie in ihrer beständigen »Verwandlung«, ihrem beständigen Rollenwechsel zwischen Herrscherin und Dienerin, Todesbotin und Heilsbringerin, zwischen indischer Göttin Kali, Kill Bill-Kämpferin und weiblichem Orpheus, deren Blick für den Bergwerksleiter tödlich wäre, nicht eben berechenbar ist. Bis zum rätselhaften Erzähler selbst.

Der Erzähler ist wahrlich eine Erscheinung vieldeutiger Erzählordnung. Er dirigiert, kontrolliert, treibt die Handlung wie aus dem Regiestuhl mit dem Drehbuch in der Hand: »In der Limousine. Nacht.« - »Aber weiter in der Geschichte.« - »Immer noch Nacht.« Und verliert bisweilen seine Figuren, als wären sie vom Bildschirm verschwunden, regelrecht aus den Augen: »Nur, wo ist sie, die eingangs Musikantin Genannte?«
Wie bei Handke üblich, ist der Abstand zwischen Autor und Erzähler recht klein. Auf beider Rechnung geht die Tonmischung aus deklamierendem Pathos und kurz fassendem Bericht, der betonte Textrhythmus erinnert
an Bühnensprache und die Bühnensituation der Erzählung.

Dem Autor geht das künstlerische Feuer nicht aus

Die Summe aus all diesem verlangt gehörige poetische Konzentration und - so merkwürdig es klingt - Spaß an der Sache, künstlerisches Feuer. Peter Handke hat als öffentliche Person anstrengende Zeiten hinter sich. Und wir mit ihm. Aber das Feuer geht ihm nicht aus. Auf der kurzen Prosastrecke von 160 großräumig bedruckten Seiten hat er die meisten seiner Lieblingsmotive, die zur Lieblingsidee der Heimkehrreise gehören, konsequent untergebracht. Und dabei die klassischen Erzählbewegungen des Epos, den Zyklus (die Kirchenszene am Ende bindet sich zurück an die Bühnenszene vom Anfang) und die Vertikale des Abstiegs (von der Bühne steigt die Sängerin Schritt für Schritt hinunter in die Salzgrube), im turbulenten Hin und Her der Zeichen aufgemischt. Eine Spur vom guten alten Pop, vom Sinn für Trivialkultur und der Passion für die Formen des Films ist auch dabei. Kurzum: Zu bezweifeln, dass Peter Handke zum Trüppchen der anhaltend interessantesten Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört ist einfach Unsinn. Auch wenn man selbst dem Zweifel bisweilen anhängt.

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Kali von Peter Handke, 2007, Suhrkamp2.)

Kali.
Roman von Peter Handke (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 14.02.2007:

Der Salzherr und die Sängerin
Zwischen Predigt und Kammeroper: Peter Handkes Vorwintergeschichte "Kali" träumt von Erlösung in der Fremde des neuen Europa

Über Picasso wird gesagt, er habe immer weiter gemalt; das Fertigstellen eines Bildes sei weniger wichtig gewesen, als ein neues anzufangen. Vieles entsteht auf diese Weise nebenher, zwischendurch, als Unterbrechung, Durchatmen oder Besinnung. Stillstand ist nicht vorgesehen. Ein ähnlich rastloses Weitermachen kann für den Schriftsteller Peter Handke angenommen werden. Dabei gehört seine neue "Vorwintergeschichte" Kali gewiss eher zu den Neben- als zu den Hauptwerken Handkes. Aber vielleicht signalisiert sie auch einen Übergang - ganz wie die Jahreszeit im Untertitel der Geschichte.

Die stilistische und thematische Freiheit, die Handke sich nimmt, ist wie fast immer bei diesem Autor atemberaubend. So viele schwere Zeichen werden in die Waagschale geworfen, dass sich der Interpretationslust viele - zu viele? - Wege öffnen.

Ort des Geschehens ist ein Salzbergwerk und die Siedlung dazu - womöglich, aber nur womöglich, in der Nähe Salzburgs; ein Ort, an dem lauter "Ausgewanderte" leben, Arbeiter des Kaliwerks, die von überall kommen, deren Akzentgemisch einen neuen - und zwar durchaus verführerischen - Sound ergeben. Es ist das Murmeln des "anders aktuellen" Vereinten Europa, eines Europa nicht der Kriegsherren, sondern der gewöhnlichen, friedfertigen Leute, die sich einrichten zwischen ihrem Auswandererschicksal und den hinübergeretteten Gewohnheiten aus der verlorenen Heimat. Diese Menschen sind "Überlebende und haben in ihrem Überlebenskampf jede Lebenskraft verloren", formuliert der wie über allem schwebende Erzähler apodiktisch. Manchmal erscheinen sie ihm sogar wie "Überlebende des Dritten Weltkriegs, der rund um uns schon seit langem wütet, unerklärt, wenig sichtbar, aber umso böser".

Vom Knistern der Salze

Seit zehn Jahren ist kein Kind mehr in jenem Bergwerksort geboren worden. Anstatt dass die Bevölkerung sich vermehrt, verschwinden die Kinder spurlos, "Gesucht"-Plakate zeugen davon. Das letzte Kind, das verloren ging, heißt Andrea respektive Andreja, ob Junge oder Mädchen, bleibt offen. Eine bittere Klage ob dieses Kind-Verlusts liegt in der Luft. Überhaupt ist viel von Geräuschen die Rede in Kali, von betörender Musik, entnervendem Krach und sprechendem Wind; vom Knistern der Kalisalze in der riesigen ausgeleuchteten Salzkathedrale in den Tiefen des Bergwerks. Oder von den Flugzeugen am Himmel, von denen wir offenbar annehmen sollen, sie seien Abgesandte ferner (oder gar nicht so ferner) Kriege.

Dieses Kaliwerk, wo immer in Europa es liegen mag, ist definitiv ein Symbolort: "Toter Winkel" heißt vielsagend die Siedlung um das Salzwerk. Positiv gewendet repräsentiert der Tote Winkel eine neue Heimat aus der Heimatlosigkeit heraus, eine Bastelheimat, die profitiert vom Geschick des Improvisierens. Negativ gewendet ist es jedoch die "Hölle auf Erden", "die Erde als Hölle". So formuliert es die Pastorin, die Ortsgeistliche, in ihrem Zweifel ob der entleerten Rituale, ob des Glaubensverlustes ihrer Gemeinde, ob des verlorenen Kindes.

Zum Ende hin jedoch wird ihr Glaubenszweifel besiegt, weil - ja, das ist der Grund - das verlorene Kind zurückkehrt. Es wird wiedergefunden - vom wem, dazu gleich mehr. "Das Leben ist neu erschienen", jubiliert die Pastorin, und fährt im Handke-Pathos fort. "Die Träume sind zurückgekommen: Schaut, schaut - hört, hört. Nach all dem Schrecken, dem Grauen; wie sehe ich klarer, wie höre ich besser. Unsere Geschichte: aufzugeben? Ausgeträumt? Nein, ich gebe die Geschichte nicht auf."

Die Pastorin erhält in diesem schmalen Buch die meiste Redezeit, vielleicht weil sie das Alter ego des Autors ist? Es wäre nicht das erste Mal, dass Peter Handke den Frauen eine kraftvolle Stimme gibt. Selbst Don Juan (erzählt von ihm selbst) - sein meisterhaftes Prosawerk von 2004 - ließ sich begreifen als Hommage an die eigenständige, unkonventionelle, selbstbewusste Frau. Einmal heißt es nun in Kali aus dem Mund eines Gitarristen: "Was ein Mann ist, wusste ich nicht mehr, habe es im übrigen nie gewusst, aber was eine Frau ist: ja!" Und die Sängerin, zu der er spricht, erwidert: "Die Liebe der Frauen ist schrecklich."

Könnte die Sängerin ebenfalls das Alter ego des Erzählers sein, eines Erzählers, der niemals leibhaftig in Erscheinung tritt, der nicht mittut, sondern arrangiert, inszeniert, von einem anderen Ort aus, den wir - die Leser - nicht kennenlernen? Nein, die Sängerin ist nicht sein Alter ego, sie ist vielmehr die Prophetin des Buchs und somit Gegenpart, aber auch Mitspielerin der Pastorin. Über die Sängerin verrät der Erzähler gleich am Anfang: "Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen."

Eine zwielichtige, schillernde Gestalt also, diese Sängerin. Ihre Schönheit und Herzlichkeit wird auch im Toten Winkel für einige Verwirrung sorgen, oder besser: für Verwandlung. Gerade hat die Sängerin eine Konzert-Tournee beendet, als sie sich - wie kann es bei Handke anders sein? - auf Wanderschaft begibt, im Bus, auf dem Schiff und mit kräftigen Schritten. Sie ist auf der Suche nach EINEM Mann (und insofern sehr wohl Gegenentwurf und Fortsetzung zum Don Juan, der ALLE Frauen haben wollte). Die Männer, denen sie begegnet - Chauffeur, Gitarrist, Busfahrer - reagieren stark auf sie, begehren sie vielleicht. Sie aber warnt: Sie bringe den Tod. Ob sie den Tod auch jenem EINEN bringt, den sie im Toten Winkel dann finden wird?

Vorher wird sie noch ihre Mutter besuchen, die im Wald wohnt, ein verblühter Filmstar ohne Kontakt zur Bevölkerung, isoliert und stolz. Aus deren Mund vernehmen wir eine psychische Grausamkeit, die nicht schuldhaft und doch unauslöschlich wirksam ist: Sie, die Sängerin, sei zwar "ein Kind der Liebe", sagt ihr die Mutter. "Aber seltsam: Ich habe dich nicht gewollt. Ich habe dich nicht zur Welt bringen wollen. Ich habe dich nicht gebären wollen. Ich habe dich sogar weghaben wollen. ... Ein Waisenkind bist du, eine Vollwaise. Armes Kind." Ist die wandernde Sängerin also in gewisser Weise selbst das Kind, das verloren ging - Andrea, Andreja - und das sie am Ende wiederfindet, wie diese Sängerin überhaupt eine große "Finderin" ist?

Soviel steht fest: Ein ins Weibliche transponiertes Mythengeflecht ist diese Sängerin, teils Orpheus (Gesang, tödlicher Blick), teils Odysseus (Weltreisender auf dem Heimweg), teils Jesus (der Erlöser). Und da Kali zudem der Name einer indischen Göttin ist, wäre auch hier ein wüstes Weiterspinnen erlaubt... Doch darauf kommt es womöglich gar nicht an. Denn Peter Handke erzählt auch eine überwältigend einfache Liebesgeschichte, er erzählt von der Überwindung des Dunklen, Drohenden, Grausamen, von der Überwindung des Verlassenseins, des Kriegs zwischen Ländern und Menschen, er erzählt seine ganz persönliche Illusion: "Ja: Es ist eine Zeit, in der so viel möglich war wie vielleicht noch nie, im Bösen und im Guten, und vor allem im Unerhörten".

Kühnes, gottgefälliges Paar

Der leitende Ingenieur des Kaliwerks, "Salzherr" genannt, ist der Erwählte; Mann aus dem Osten, Vater eines traurigen, verblüffend selbstständigen Sohnes - ein Witwer. Er spricht ergreifend von seiner verstorbenen Frau, und es fällt ihm sichtlich schwer, sich auf die erschienene Sängerin "einzulassen", wie diese drohend-erwartungsvoll hofft. Das Böse wird diesmal nicht vergessen, im Gegenteil, es ist da - im Missverständnis zwischen Mutter und Tochter, zwischen Vater und Sohn, und am Himmel, wo die Kriegsflugzeuge kreisen, sowieso. Aber das unerhört Gute soll offenbar siegen. Der Sohn vertraut der Sängerin an, dass er den Vater nur störe, während der Vater der Fremden versichert, sein Sohn sei sein Ein und Alles. Dieses traumatisch belastete, restfamiliäre Doppelgemüt zu erobern, ist keine Kleinigkeit für die Sängerin - aber es gelingt ihr!

Der Salzherr und die Fremde fallen einander in die Arme, und von nun an scheint ein Singen anzuheben: "Verwandlung". Ein wunderbares Fest wird gefeiert, ein Gottesdienst abgehalten. Es ist die große Versöhnung unter all den Fremden, die, ihrer Vaterländer und Muttersprachen, ihrer Zwiebeltürme und Besitztümer beraubt, im Toten Winkel zusammenleben. Mit der Sängerin kommt nicht nur das verlorene Kind, es kommen die Träume überhaupt zurück, das ganze lebenswerte Leben, und die Pastorin predigt: "Nichts Schöneres, nichts Gottgefälligeres als ein kühnes Paar."

Eine rücksichtslos überladene Etüde, ein Traumspiel, eine gezielte poetische Überhöhung ist diese "Vorwintergeschichte"; als Einstieg ins Handke-Universum denkbar ungeeignet. Wer den hohen Ton Handkes nicht mag, und diesmal ist er besonders ausgeprägt, wird die Finger ohnehin von dem Büchlein lassen. Wer aber einen unserer bedeutenden poetischen Illusionisten bei der Arbeit beobachten möchte, lese Kali. Je mehr man sich hineindenkt, desto traumwandlerisch-sicherer entfaltet sich diese Kammeroper der Erlösung. Und doch ist man erleichtert, aus dem Mund der Pastorin endlich zu hören, sie habe nun "genug gepredigt". "Zurück zur Prosa", kündigt sie an. Möge ihr rastloser Erfinder ihr folgen!

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Kali von Peter Handke, 2007, Suhrkamp3.)

Kali.
Roman von Peter Handke (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 22.2.2007:

Wehe Weltsicht
Peter Handkes neues Buch "Kali. Eine Vorwintergeschichte" erzählt eine wüste Geschichte von einer Sängerin, die reist, um zu sterben. Oder um zu leben. Ein gefühlvolles Buch, für das der Leser Kraft braucht

Wenn Peter Handke nicht gerade markige Worte am Grab von Kriegsverbrechern findet, ist er ein melodischer Dichter. Einer, der in Rätseln schwelgt und tiefe Wahrheiten meint, der dunkel raunt und Ewigkeit im Sinn hat; oder mindestens das derzeit ziemlich schäbige Leben mit all seinen Zwängen.

So auch in seinem jüngsten Buch, "Kali", einem Kurzroman oder einer Erzählung; jedenfalls voll weher Weltsicht und dennoch heiterer Zuversicht. Also absolut ungenießbar. Ein träumerischer Klumpatsch, erzählt mit riesigen Augen und klaftertiefer Seele.

Also Buch zu und weg damit? Immerhin sprechen wir vom Autor der "Publikumsbeschimpfung", einem Stück, dessen Titel zum geflügelten Wort wurde ebenso wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Die Inhalte sind allerdings nicht weiter bekannt. Dass der "Torwart" ein Mörder ist, der mit der Scheinhaftigkeit des Daseins ringt; dass das Publikum weniger beschimpft als thematisiert wird und dass Handke, der wegen seiner Sympathien für Slobodan Milosevic den Heine-Preis nicht bekam, vor allem um Ästhetik ringt - wer weiß das schon. Und wer will es wissen?

"Kali" ist ein entnervendes Buch, man kann es in die Ecke schmettern oder darüber einschlafen, wenn man nicht aufpasst. Man sollte aber aufpassen, denn "Kali" ist ein Epos gegen den Krieg. Das ist nichts Falsches. Es ist leider schwelgerisch und bis zur Verzückung verliebt in die eigene Sprache, aber es ist ein Buch über Vereinsamung, Entfremdung, Angst vor dem Tod, und über die irrationale Hoffnung auf ein allseits gutes Ende. Das wird prompt geliefert, ein mystisches Fest wird gefeiert, von dem es heißt: "Solange es in Gang war, konnte keinem im Umkreis etwas geschehen", und ein verloren gegangenes Kind kehrt auch zurück. Das ist ein bisschen viel Symbolik, aber der Traum vom Frieden steht tapfer und rührend gegen alle beinharte Kritik.

So fängt es an: "Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen." Um Himmels willen, was soll so ein Satz, wenn nicht verwirren?

Empfindsam geht es weiter. Die Frau, die der erste Satz beschreibt, ist vieldeutig. Eine Sängerin, die mit ihrer Kunst begeistert, und nach einem geheimnisvollen Grundsatz lebt. Was sie ausgesprochen hat, muss sie ausführen. Nebenbei ist sie eine Todbringerin; der Mann, den sie sich wählt, dessen (o Gott!) Körper sie wird, muss mit ihr sterben. Warum? Da sind wir mitten im Deuteln. Handke erspart uns nichts.

Die Frau geht durch die Straßen. Fährt mit dem Zug, mit dem Bus und beobachtet die Menschen. Erreicht mit dem Schiff, dem Boot die Gegend, in der sie geboren wurde oder vielmehr die Gegend dahinter; ein fremdes Land, in dem ein Kaliberg aufragt. Trifft ihre Mutter, die auf sie gewartet hat oder nicht, trifft einen Mann und fährt mit ihm ins Bergwerk ein, und ganz unten, da, wo es geruchlos, stockfinster und totenstill ist, geschieht - was? "Dann nur noch die Stille", sagt der sonst so beredte Erzähler. Danach wird er umso mitteilsamer, wenn Mann und Frau zum Sterben gehen, und gerade, als sie sich in den Abgrund stürzen wollen, weht ihnen der Schneewind persönlich die Worte herüber, die das mystische Spiel beenden: "Allein, dass du es gesagt hast, heißt nicht, dass du es tun musst."

Man muss das nicht mögen. Aber es hat seinen Reiz. Dieses Buch ist ein Irrgarten und ein Gedicht; doch warum sollten ersehnter Friede und realer Unfriede nicht poetisch beschrieben werden?

Handke treibt es allerdings ein bisschen weit. Das Kali-Bergwerk ist ein tödlicher Ort, doch gerade hier entsteht eine starke Gemeinschaft. Und Kali ist eine indische Göttin. Eine furchtbare; sie trägt Totenschädel und Waffen an einer Kette um den Hals. Da irisiert das große Ziel doch gewaltig.

Handke ist Handke. Er betrachtet die Menschen als ein Gott von oben, schildert Ereignisse wie Filmsequenzen und erliegt dem Charme der Emotionen. Doch mitten hinein in Sätze hart am Kitsch kann märchenhaft ein Rabe fliegen mit einem gelben Tischtennisball im Schnabel - "oder ist es ein Stück Kuchen?"

Mythen und Wahrheit. Man muss sehr wach sein, um dem zu folgen. Wenn es aber gelingt, den Text zu überschauen, kann ein Zipfel Verständnis für den Freund Milosevics entstehen. Übermäßige Emotion, ein selbst gesetzter Zwang müssen zur Parteinahme geführt haben. Ist das Buch ein Eingeständnis? Ich habe es gesagt, also muss ich es tun - "Kali" nimmt die krude Regel zurück. Die Sängerin lebt.

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Kali von Peter Handke, 2007, Suhrkamp4.)

Kali.
Roman von Peter Handke (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Christoph Pollmann aus dem titel-magazin vom 25.2.2007:

Die Angst des Kritikers vorm Handke-Peter
"Ich habe im vergangenen Sommer eine Geschichte geschrieben, die von einem vermissten Kind handelt. Es heißt Andrea, so dass man nicht genau weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich habe eine Meisterin im Wiederfinden erfunden, so eine, die geholt wird, wenn einem die Kontaktlinse in den Kies fällt."

Hand aus der Hose, ist das nicht saukomisch? Also, wer hier nicht lacht, der ist (betriebs-)blind. Helge Schneider de luxe, mit toller Poetentolle und rotweinroter Zunge! Aber es gibt tatsächlich noch ein paar Kathedergrößen der Kritik, die karnickelgleich vor dieser österreichischen Schlange erstarren und – egal was sie zischelt – wie aus Reflex ihre altbewährten Sprüchlein aufsagen.

Ursula März beispielsweise ist eine echte Sich-nicht-mehr-Einkriegerin! Peter Handke, so verlautbart sie in der ZEIT, gehört zu einem einsamen „Trüppchen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, „ein rätselhafter Erzähler“, der mit seiner "vieldeutigen Erzählordnung" das Feuer wahren Leseglücks in ihr zu entfachen vermag. Kali sei ein "strukturstarkes, szenisches Konzentrat", eine sentimentale Aufladung o­ntologischer Kindlichkeitsutopien“ samt ihrer "christlichen Erlösungsszenarien". Oh Ursula von Berlin, du Mystikerin der Neuerscheinungen, da hast du dir aber einen eitlen Götzen ausersehen! Siehst du deinen St. Peter, den großen Märtyrer des Literaturbetriebs, denn gar nicht feixen? Aber vermutlich geht das schlecht, wenn man auf Knien, gesenkten Hauptes...

Dichtkunst – das Starterset

Oh ja, es wird in Kali ordentlich poetisch, wenn auch zumeist auf Kartoffeldruck-Niveau, denn schon im Titel beginnen die quälenden Komposita, die Kalliope (Handkes Lieblingsmuse) so schamlos anzuheulen trachten. Und Komposita sind ganz empfindliche Gewächse - sie blühen selten auf. Wenn, dann ist es ein Ereignis, das eine ganze Lektüre zu überduften vermag. Wenn nicht, dann wird’s ganz schön muffig im Kartoffelkeller...

Besehen wir uns in Kali mal eine Reihe handkescher Schöpfungen: der Salzherr, der Grubenherr, die große Finderin, das Salzdomknistern, die Hügelkuppenwiese (sic!), die Beinahmenschenleere, die Schneenacht, der Schneewind, die Windnacht, der Nachtmahltisch, (das Zubettgehbett?), der Speisenaufträger, die Kaufdinge (P. H. ein  romantischer Sozialist?). Das Bild, das sich hier abzeichnet ist deutlich: Die Gebrüder Grimm schreiben Drehbücher für Fassbinder... – unappetitlich.

Die Handlung der „Vorwintergeschichte“: Nach Abschluss ihrer Tournee reist eine Sängerin "in die Gegend gleich nebenan, hinter dem Kindheitsfluss. Dort ist der Winter noch Winter.“ Ein Kind ging vor zehn Jahren verloren und die Sängerin wird mit der Suche beauftragt.

Garantiert ohne Zusatzstoffe

Das alles kennen wir schon von Prinz Kräuselbart. Das ist kein „Alterswerk“, wie der SZ-Rezensent Willi Winkler verlautbart, das ist schon lange Vorgekautes. Das ästhetische Verfahren: Vermengen der Gattungen, der Genre, der modernen Mythen mit den herkömmlichen – 100% Handke! Mit ätzender Kritik überzieht Hubert Spiegel dann auch diese Geschichte und das darin ersonnene "Auenland". Er vergleicht diesen Ort mit Tolkiens grundheiler Hobbit-Welt, in der er "umkommen möchte vor Langeweile". Die Geschichte laufe ab wie ein "schlechter Hollywoodfilm der fünfziger Jahre". Alles sei nicht nur vorhersehbar, sondern derart "abgedroschen", dass man nur noch staunen kann, mit welcher "nachlässig aufgesetzten Einfachheit" Handke mittlerweile produziert.

Also langweilig, Herr Spiegel, ist Handkes Neuling auf keinen Fall! Kali ist zum Einen zu kurz, als dass Langeweile überhaupt aufkommen könnte, zum Anderen ist es ein poetelndes Amüsement ohnegleichen, bei dem man immer hofft, dass es der österreichische Künstler auch so gemeint hat, wie man es liest. Wenn nicht, dann „bäh“ - aber keinesfalls „gähn“.

Und jetzt mal ehrlich: Der Salzdom ist schon ein dankbares Symbol, nicht? Eine Kirche unter der Erde, ein weißes, umgestülptes Babel, ein Elfenbeinturm ausgerichtet auf den Erdmittelpunkt, das Salz der Erde, in dem man wohnt... – man könnte ewig weiterassoziieren. Und dann ist Kali nicht nur der Kurzname für Kaliumsalze, sondern praktischerweise auch der Name der indischen Göttin der Vernichtung, die gleichzeitig auch Mutter der Erneuerung ist. Wie passend. Solche poetischen Komplexe schnüffelt sich ein Dichter aus, das riecht der sofort, dass da literarisch was geht, es ist schließlich sein Handwerk. Und Handke wäre nicht Handke, würde er diese Riesenmetapher nicht nach allen Regeln der Kunst vor unser aller Leseraugen tranchieren. Und keine Angst, es kriegt wirklich jeder sein Stückchen Poesie. Doch ob man davon satt wird?

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Kali von Peter Handke, 2007, Suhrkamp4.)

Kali.
Roman von Peter Handke (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ, vom 27.2.2007:

Scheitern in Schönheit
"Kali": Der neue Peter Handke erzählt ein Märchen aus der Gegenwart, ganz wie der alte.

Weiß der Himmel, warum man dann doch wieder zum neuen Handke greift. Weil man wissen will, ob der unsägliche Streit um den Heine-Preis irgendwelche Spuren hinterlassen hat? Oder die Trennung von Katja Flint? Ob er wieder Serbienverteidigen spielt, wie ein Kind, das noch zu klein ist für Opportunismus oder kluge Taktik? 
Ach was. Aber nach dem letzten Roman, dem "Don Juan (erzählt von ihm selbst)", der so eigenwillig wie halbgelungen war, ein wenig zu kitschig, ein wenig zu aufgesetzt gedichtet und viel zu schwurbelig - danach hatte ich mir geschworen: Den nächsten liest du einfach mal nicht!

Und dann habe ich "Kali" doch gelesen, diese "Vorwintergeschichte", die so gar nicht passen will zum Nachwinter draußen. Es beginnt mit einem Wortschneegestöber, aus dem Sätze herausragen, die gute Szenenanweisungen wären oder für ein Filmskript taugen. An ihnen aber muss man sich zur Geschichte erst durchhangeln. Sie beschwören eine Gegenwart herauf, die man nur zu gern verlässt, weil in ihr der dritte Weltkrieg "schon seit langem wütet, unerklärt, wenig sichtbar aber umso böser": Frauen in Abendkleidern verschwinden beim Wühlen halb in Mülltonnen, mancher hat auf seinem Hintern einen Polizistenstiefel, während "ein Bettelsmann gerade eine Champagnerflasche entkorkt" und manche sich schämen, Äpfel unterm Baum aufzuheben, obwohl die doch viel besser schmecken als die gekauften.

Das ist der Wortbrei, hinter dem die Geschichte wartet: Eine Sängerin reist nach dem Ende ihrer Vorwinter-Tournee in die Gegend hinter der Gegend ihrer Kindheit, in den "Toten Winkel". Da liegt ein weißer Berg aus Kali, hinter einem Salzbergwerk. Dessen Direktor und die Sängerin fallen übereinander, beim Tanzen. Später auch woandershin, und das Märchen geht gut aus, obwohl doch eigentlich jeder sterben muss, der sich der Sängerin hingibt. Am Ende taucht sogar ein lang vermisstes Kind wieder auf, und selbst die strenge Pastorin, die sich so aufs Donnerwettern versteht, lädt alle zum Feiern ein. "Oder? Man weiß nie", heißt es auf der letzten Seite.

Klischees gestreift und gefremdelt wie Kafka

Was man allerdings weiß: Es war wieder ein Versuch, den Nebel zwischen dem Inferno der Gegenwart und einer menschlichen Utopie ein wenig zu lichten, mithin das Schwierigste, was sich ein Autor zumuten kann. Dass Handke dabei einmal mehr und mehr als einmal das Klischee streift? Sieht man ihm nach, weil er dafür ja auch wieder gekonnt fremdeln kann wie der große Kafka. Und weil man nie weiß, welchen Abweg er nun wieder geht.

Er schreibt partout nicht geradeaus, und am Ende ist es das, weshalb man doch wieder zu Handke greift: Er ist nicht auszurechnen, er riskiert das Scheitern. Diesmal ist es ihm gelungen. (NRZ)

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