Kalender ohne Anfang und Ende.
Notate von Erwin Strittmatter (2004, Aufbau).
Besprechung von Joachim Hildebrandt in Rheinischer Merkur, 15.07.2004:

Erwin Strittmatters nachgelassene Notate aus Piest'any
Aufzeichnungen eines Kurgastes

Nur eines wollte der alte Mann nicht, wie Erwin Strittmatter sich bei seinem letzten Kurbad-Aufenthalt in Piest'any bezeichnete, Denkwerke schaffen, ausgeklügelte Texte, in denen der Verstand Vorrang vor der Intuition hatte. Damals war er 72 Jahre alt. Sein Rat in diesem Lebensjahr an den Leser war: Leb einfach! Sei! Lass dir geschehen, beobachte und warte.

Als er vor seinem Appartement einen Kastanienbaum beobachtete und Jungen darin sitzen sah, die den Baum schüttelten, warf der Wind ihm, ohne dass er's wollte, braune Kastanien vor die Füße. Darin fand er ein Symbol und meinte, dass dem Menschen wird, was ihm werden soll, ohne dass er in die Naturvorgänge eingreifen muss, und schließlich frei bleibt, „wer nur braucht oder besitzen will, was ihm, ohne dass er's begehrte, zufiel“.

Das Thermalbad in der Slowakei hat Strittmatter von 1975 bis 1984 elfmal aufgesucht. Im Schlamm fühlte er sich in derselben Quelle liegen, in der einst die Mammute sich gesuhlt hatten und auch er „sich wohlig wälzte und vor Wohlbehagen stöhnte“. In Piest'any traf er eine bunte Gesellschaft aus aller Welt. In den Gesichtern und Gesprächen der Kurgäste spürte er menschliche Eigenarten auf, die ihm Stoff wurden für seine Porträts, Kurzgeschichten und Erinnerungen.

Er schreibt von eigenen Fehlern und Schwächen, spricht von Eifersucht, wenn ein fremder Kurgast im Bad sich seiner Frau nähert. Doch zum Schreiben regen ihn Naturbeobachtungen an und wenn er in den kleinen Dingen das Spiegelbild großer Zusammenhänge entdeckt. So fiel ihm auf, dass die Pappeln, sobald sie entlaubt waren, ohne Wehmut und Klagen dahingingen und deshalb ihm zu wissen schienen, dass sie wiederkommen würden, wenn „die Devisensucht durch die Menschen hindurch und vorübergerauscht sein wird“, und er dachte an das Rilke-Zitat: Alles wird wieder groß sein und gewaltig.

In seinen Reflexionen ist eine gewisse Intimität enthalten: Wir riechen klare Luft am Morgen, hören Froschgequake und sehen Nebelduft auf den Feldern. In Piest'any konnte er sich lösen von Schwierigkeiten, die er zum Beispiel mit der Publikation des dritten Bandes vom „Wuntertäter“ in der DDR hatte. Im Jahre 1998 erlangte er gesamtdeutsche Bekanntheit durch den TV-Mehrteiler „Der Laden“. In der Bundesrepublik erschienen 1976 die Romane „Ochsenkutscher“ und „Ole Bienkopp“. Auf dem täglichen Weg zum Schlammbad wurde er an den Tod erinnert, der für ihn eine Verwandlung bedeutete. Er sah aus dem blaugrünen Wasserbassin 32 Fontänen „schießen“ und jede von ihnen hochsteigen und dann als „zerzausten kraftlosen Wasserstrahl“ zurückfallen. In diesem Moment fragte er sich: „Steigen nicht auch wir so und springen und rauschen und fallen zerzaust in die Erde zurück?“ Wenn man diesen Anblick ganz in sich hineinnähme, wie Geformtes aus dem großen Wasserreservoir aufsteige und wieder in das große Wasserreservoir zurückfalle, meinte er, würde einem der Anfang und das Ende des Lebens kein Rätsel mehr sein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

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