Kain von José M. Saragamo, 2011, HoCaKain.
Roman von José Saramago (2011, Hoffman & Campe -
Übertragung Karin von Schweder-Schreiner).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ, 22.08.2011:

Ketzerisches Gedankenspiel
„Kain“: José Saramagos letzter Roman fragt nach dem Sinn von Leid, das dem Alten Testament zufolge von Gott veranlasst wurde

Ob es einen Gott gibt? Blaise Pascal, Theologe und Mathematiker, wollte Zweifler mit einer Wette gewinnen, die bis heute seinen Namen trägt. Demnach muss man allemal darauf setzen, dass es Gott gibt. Denn: Gibt es ihn, kommt man in den Himmel – gibt es ihn nicht, passiert nichts; wer indes glaubt, dass es keinen Gott gibt, dem passiert entweder nichts – oder er kommt in die Hölle, weil Gott ihm beim Unglauben erwischt hat.

José Saramago aber, Portugals Literaturnobelpreisträger, hat sich von derlei pragmatischen Argumenten in seinen Gotteszweifeln nie beeindrucken lassen, nicht einmal im Angesicht des nahen Todes, der ihn vor einem Jahr ereilte. Noch sein letzter Roman „Kain“, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, erzählt das Alte Testament neu, aus Sicht derjenigen, die Gottes Zorn zu spüren bekamen.

Das fängt bei Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies an und setzt sich fort mit Kain, der seien Bruder Abel erschlägt, weil er Gott auf die Probe stellen und sehen will, wie viel Leid der Herr denn zulassen wird. Da ist Abraham, der seinen Sohn opfern will. Da ist Lots Frau, die zur Salzsäule wird, bloß weil sie auf der Flucht einem natürlichen Impuls folgt und sich umdreht. Da sind die Unschuldigen von Sodom, Gomorrha und Jericho, die von Gottes Zorn ebenso dahingerafft werden wie die Angehörigen von Hiob – alles nur, weil der Allmächtige in seiner Allmacht auch das Böse zulässt.

Es ist die alte Frage der Theodizee, die sich ja nicht erst seit Auschwitz, sondern seit dem Lissaboner Erdbeben von 1759 stellt, und Saramago spielt sie mit einer neuen Konstellation durch.

Die Bibel hatte Saramago schon in seinem Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus“ umgeschrieben, mit einem selbstkritischen Gottessohn. In „Kain“ ist aus dem Ernst von einst Spielerei geworden, erzählt mit der heiter zwinkernden Gelassenheit eines gläubigen Ungläubigen. Ein ketzerisches Gedankenspiel. Mehr nicht.

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