Kältere Schichten der Luft von Antje Rávic Strubel, 2007, S. FischerKältere Schichten der Luft.
Roman von Antje Rávic Strubel (2007, S. Fischer).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue Zürcher Zeitung vom 17.03.2007:

Sex im Kopf, im Wald und anderswo
Antje Rávic Strubels Roman «Kältere Schichten der Luft»

Dieser muskulöse kleine Roman lässt sich wahlweise als «Transgender-Romanze», als Comingout-Thrill (denn es gibt auch einen Toten) oder als Feenmärchen aus den schwedischen Wäldern lesen. Das kommt ganz auf den Interpreten an. In allen drei Fällen würde man aber die Autorin schwer unterschätzen. Antje Rávic Strubel hat ihrem fünften Buch darum zwei englische Zitate vorangestellt, das eine von Byron und das andere von D. H. Lawrence. Sie beziehen sich auf das Dreissigwerden als magische Grenze im Leben und auf die Schwachstellen zivilisierter Gesellschaften: Geld und Liebe. Solche Romanmottos sind gute alte Tradition. Sie dienen als Portiers, die uns gewissermassen mit höflicher Zurückhaltung auf den Eintritt in den Roman vorbereiten. Diesem scheint das besonders gutzutun, denn «Kältere Schichten der Luft» verbindet auf höchst raffinierte Art erotische und gedankliche Komplexität.
In der Wildnis

Ein deutsches Sommercamp für Jugendliche in den schwedischen Wäldern nahe der norwegischen Grenze. Impressionistische Lichteffekte, dunkle Seen, helle Nächte. Anja, eine junge Frau um die dreissig, die im Camp arbeitet, trifft sich draussen im Wald mit einem rätselhaften Wesen, etwas zwischen Girlie, Vamp und Troll. Sie verliebt sich und folgt ihm zu einem einsam gelegenen Haus. Im Camp wird Anja dafür geächtet. «No gays», steht eines Morgens auf einem Fussball geschrieben. Im Camp gelten feste Regeln. Das Zeltlager, das den Kids aus den Grossstädten ein oder zwei Wochen Wildnis pur bieten möchte, mit Kanufahrten, Lagerfeuer, Dosenbrot, ist selbst ein hochorganisiertes System von Zivilisationsentzugsangeboten, die allerdings mit Natur nur noch entfernt zu tun haben. Mit Outdoor-Romantik lässt sich vor allem viel Geld verdienen. Im gehorsamen Nachvollzug von Produktmarketing-Sonnenuntergängen und Werbung für wetterfeste Kleidung, das zeigt Rávic Strubel in wenigen, klar umrissenen Nebenfiguren und Arbeitsabläufen, werden latente Kulturschäden abgeschöpft und überdeckt, vor allem bei den Mitarbeitern, doch nicht repariert.

Mit energischen Strichen skizziert sie soziale Verwerfungen dieser Mikrogruppe, in der Anja nach der Begegnung mit dem Mädchen zum Aussenseiter wird, zum Störfall innerhalb der Normalität, denn sie durchbricht die Regeln des Systems. «Scheiss Anpassermentalität, muss ja heute alles irgendwie quer und gender sein», meint selbstironisch Anjas Kollege Ralf und versucht auch gleich, Anja mit Gewalt auf den rechten sexuellen Weg zurückzubringen.

Doch Vorsicht, Klischee! Grell leuchten beim Erscheinen des Mädchens aus dem Wald die Warnlampen auf: Die kurzen bunten Kleidchen, die hohen Hackenschuhe (mitten im Wald!), die tiefen Rückendécolletés, dieses geradezu devote Unterwerfungsgehabe, ihr kindliches Schmollen sind dick genug aufgetragen, um nicht mit einer realen Person verwechselt zu werden. Siri/Iris, wie Anja sie nennt, ist eine Kunstfigur, ein Produkt ihrer erotischen Phantasie, modelliert nach den Vorgaben männlicher Erotik. «Der Junge in ihr» ist es, der in Siri das unterwürfige, schutzbedürftige junge Ding sehen möchte, das geborene Opfer (von «Lebensborn» bis Vergewaltigung). Und so findet auch Anja für die merkwürdige Anziehungskraft des Mädchens keine Beschreibungsmuster jenseits der Zweigeschlechtlichkeit. Während sie, eine arbeitslose Theaterbeleuchterin aus Halberstadt, auf ihre ostdeutsche Biografie zurückblicken kann, ist «der Junge» in ihr «noch ganz ohne Vergangenheit». So stolpert Anja unsicher im schwedischen Unterholz durch die Identitätslabyrinthe lesbischer Liebe auf der Suche nach dem Anderen in ihr – irgendwo zwischen ihren pubertierenden Brüdern und den Strichjungen am Bahnhof Zoo.
Das alte Spiel

Die lesbische Poesie des weiblichen Körpers hat kaum literarische Vorbilder und Traditionen, sieht man einmal ab von dem erlesenen Kreis um Vita Sackville-West und Virginia Woolf und deren Briefwechsel vor fast hundert Jahren. Ihre Sprache ist noch nicht erfunden oder mittlerweile wieder vergessen. Wenn Anja schliesslich mit ihrer Waldfee schläft, spielt sie nur das alte Spiel von Mann und Frau nach. Sex entsteht vor allem im Kopf. Sprachhandlung und Sex laufen synchron ab. «Ich sagte, er umarme sie. Er streiche ihr das Haar aus dem Gesicht und ziehe sie an sich. Ich sagte, es überrasche ihn, wie nachgiebig sie sei. Es errege ihn» usw. Wenn Sie das für Kitsch halten, liebe Leser, liegen Sie vollkommen richtig. Es ist auch so gemeint. Antje Rávic Strubel ist, nach vier Büchern, eine viel zu kluge und gereifte Erzählerin, um nicht zu wissen, dass es keine wahre Sprache im falschen Körper gibt. Besser, man verlässt rechtzeitig die Kuschelzone der Gender-Spielchen und sucht sich seinen Blickpunkt in den «kälteren Schichten» der Vernunftregion. Von da oben ist dieser hochkomplexe Roman ein reines Lesevergnügen.

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