Kaddish I-X von Paulus Böhmer, 2002, SchöfflingKaddish I-X.
Gedichte von Paulus Böhmer (2002, Schöffling&Co.).
Besprechung von Sascha Michel in der Frankfurter Rundschau, 27.9.2002:

Gegen die Namen der Dinge
Paulus Böhmer stellte seinen Gedichtband "Kaddish I-X" vor

Jetzt steht man wieder blätternd in Buchhandlungen oder hockt achselzuckend in Lesungen und denkt mit Karl Kraus: Wo nehm ich nur die Zeit her, so viele Bücher nicht zu lesen. Und doch gibt es, ganz selten, diese plötzlichen Begegnungen mit Büchern, denen man sich nicht entziehen kann. Eines dieser zwei, drei Bücher in diesem Herbst ist Paulus Böhmers Poem Kaddish I-X, das jetzt bei Schöffling & Co. erschienen ist und von dem der Autor zusammen mit Peter Heusch eine erste Kostprobe im Mousonturm gab.

Wie so oft bei Lyrik-Lesungen war man eher unter sich. Diese Intimität passte einerseits zu all den Eigennamen und persönlichen Erinnerungen des an die Tradition des jüdischen Totengebets anknüpfenden Kaddish-Gedichts. Andererseits ging es in dieser Lesung aus Böhmers blau eingebundenem Buch, das Eva Demski in ihrer liebevollen Einleitung den "blauen Planeten" nannte, alles andere als intim zu. Im Gegenteil: Die ganze Welt schien plötzlich anwesend.

Was Böhmers Lyrik auszeichnet, sind ihre abenteuerlichen und souveränen Reisen ins enzyklopädische Universum: Vom Vokabular aus Botanik, Anatomie, Psychologie, Kosmologie und Mythologie bis hin zum Alltag zwischen "Hertie und Hauptbahnhof" ziehen die Texte, getrieben von dem Zwang, "gegen die Namen der Dinge" sagen zu müssen, "was die Dinge sind", alle sprachlichen Register. Die Welt, die Böhmer dabei entstehen lässt, gleicht dem, was Deleuze und Guattari einst "Chaosmos" nannten: Man erkennt Strukturen, Wörter und Bilder, die sich wiederholen, parataktische Satzmuster und Rhythmen, sogar vereinzelt Reime, die aber nie selbstverständlich wirken, und zugleich scheint dieses gesamte System in permanenter Bewegung, jede Wiederholung auch eine Verschiebung, jedes Bild assoziativ weiterwuchernd, kein Rhythmus, der nicht auch arhythmisch gebrochen wäre. In diesem Chaosmos wird eine Welt des Verlusts, des körperlichen Verfalls und der Grausamkeit sichtbar. Litaneiartig, bisweilen geradezu apokalyptisch und ohne Scheu vor Pathos umkreisen Böhmers Verse immer wieder Schmerz, Krankheit, Tod.

Eva Demski verglich die Lektüre von Kaddish I-X mit einer Wanderung durch eine eisige Schnee- und Flusslandschaft, unter deren Oberfläche vor allem Gräber verborgen seien, neben den Gräbern aber auch künftige Sommer. Denn wie jeder Totengesang ist Böhmers Lyrik auch ein Lobgesang auf das Leben. Mehr kann man von einem Buch wohl nicht erwarten.

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