K. von Roberto Calasso, 2006, HanserK.
Roman von Roberto Calasso (2006, Hanser - Übertragung Reimar Klein) .
Besprechung von
Jan Bürger in Die Zeit, 7.12.2006:

Nebel und Leere
Roberto Calasso wagt eine Expedition in Kafkas imaginäre Landschaften.

Kafkas Handschrift ist schön, ja kalligrafisch, ohne dabei gekünstelt zu wirken. Betrachtet man die von ihm offenbar im Zustand tiefster Konzentration beschrifteten Blätter, stechen besonders die Großbuchstaben ins Auge, die weit nach oben und unten ausschwingen und sich zuweilen strecken wie Taktstriche. Wer Kafkas Bücher kennt, achtet natürlich schon bald auf das K. Aber besonders auffällig ist es im Vergleich zu seinem B, dem G oder dem R eigentlich nicht. Der Autor selbst sah das anders. »Ich finde die K häßlich«, vertraute er seinem Tagebuch an, »sie widern mich fast an und ich schreibe sie doch, sie müssen für mich sehr charakteristisch sein.«

Es liegt auf der Hand, dass Roberto Calasso, der Mailänder Essayist und Verleger, diesen Satz in seinem Kafka-Buch mit dem hinreißend schlichten Titel K. zitiert. Vor dem Hintergrund dieser Aussage ist es mehr als erstaunlich, dass Kafka, indem er die Hauptpersonen des Schlosses und des Processes K. nannte, sich selbst dazu zwang, einen ihm fast widerlichen Buchstaben wieder und wieder zu schreiben. Calasso hat dafür eine Erklärung, die durch ihre Einfachheit nicht an Überzeugungskraft verliert: Der Schriftzug K. stehe einerseits dem Ich sehr nahe, andererseits markiere er beim Erzählen eine deutliche Grenze zum Autobiografischen. Mit dem Buchstaben K wird die schützende Zone der dritten Person betreten, in der fast alles schonungsloser ausgesprochen werden kann als im Zwangssystem der vermeintlich authentischen Ichs: »Hätte er Das Schloß in der ersten Person erzählt, wie er es zunächst versucht hatte, dann hätte sich die Geschichte weniger tief in seine Physiologie eingesenkt, in Zonen, die der Herrschaft des Willens entzogen sind.«

Erlebt die Kafka-Biografik seit einigen Jahren eine Hochblüte – man denke nur an die lesenswerten Bücher von Peter-André Alt, Reiner Stach und Klaus Wagenbach –, so liefert Calasso mit seinem umfangreichen Essay das Gegengift zu der Manie, eines der größten Werke der modernen Literatur aus dem kurzen Leben seines Verfassers heraus verstehen zu wollen. Als hätte er George Steiners Plädoyer gegen die Vorherrschaft des Parasitären und Sekundären beherzigt, kehrt Calasso den vielen Regalmetern mit Kafka-Auslegungen den Rücken, um dessen schmale Hinterlassenschaft wie ein Stück Gegenwartsliteratur zu entziffern.

Calassos Absichten sind paradox: Zum einen möchte er das Geheimnis von Kafkas Literatur umkreisen und sich darüber austauschen – zum anderen schreckt er vor wenig so sehr zurück wie vor dem Versuch, es zu lüften. Er nimmt Elias Canetti sehr ernst, der behauptete, Kafka sei eine jener raren Begabungen, »die so ganz sie selbst sind, daß einem jede Äußerung über sie, die man sich herausnimmt, als Barbarei vorkommen möchte«. Vor allem geht es Calasso darum, die Unergründlichkeit dieses Rätselwerks zu betonen. Aber wie und warum schreibt er dann überhaupt ein umfangreiches Buch über Kafka?

K. ist das Dokument einer äußerst genauen Lektüre. Über Kafka zu sprechen bedeutet für Calasso in erster Linie, die Eindrücke zu ordnen, die sich beim wiederholten Lesen einstellen. Seine Wege durch Kafkas Gesamtwerk gleichen Expeditionen in imaginäre Landschaften. Immer wieder setzt er sich Ziele, thematische Haltepunkte, um seine besten Beobachtungen und Fundstücke dann doch en passant zu präsentieren: »Man kann Kafka nicht verstehen, wenn man ihn nicht wörtlich nimmt. Das Wort aber muß dann in all seiner Macht und mit seinen weitreichenden Implikationen verstanden werden.« – »Das Komische ist das Minutiöse: so lautet die Regel. Kafka hat sie formuliert, aber den entsprechenden Passus sogleich gestrichen …« – »Wenn die Tatsache, daß Josef K. nicht die Kraft findet, sich das Fleischermesser in die Brust zu stoßen, ein ›letzter Fehler‹ ist, dann heißt das, daß der Prozeß in seiner reinen, fehlerlosen Form von Anfang an nur auf K.s Selbstmord hinauslaufen sollte …«

Calasso ist sich seines Talents für das Aphoristische bewusst. Er nutzt es als ausgleichendes Element zu seiner Neigung, seitenweise und ohne Rücksicht auf seine Leser in jenem Nebel zu stochern, der den »Schlossberg« so häufig verhüllt. Wie K. zu Beginn von Kafkas umfangreichstem Fragment scheint er auf einer Holzbrücke zu stehen und in eine »scheinbare Leere empor« zu blicken. Er durchstreift die Aufzeichnungen des Prager Dichter-Juristen und konturiert dabei dessen Motive und Figuren so gekonnt, dass man von Zeit zu Zeit versucht ist, sein Buch zur Seite zu legen, um den Process und das Schloss noch einmal zu lesen. Es liegt auf der Hand, dass eine derart mäandernde Schreibweise nicht nur Vorzüge, sondern auch Nachteile hat. Etliche Gedankensprünge, spontane Assoziationen und Leerformeln wären verzichtbar gewesen. Zu den Tiefpunkten des Essays gehören die unvermittelten Vergleiche von Kafkas Figuren mit Gestalten aus der hinduistischen Mythologie.

Doch so merkwürdig es klingen mag: Calasso kann sich solche Ausflüge ins Beliebige leisten. Sie sind kaum mehr als Abfall am Rande der Straße zu einem höheren Ziel. Im letzten Kapitel schwingt er sich zu einer metaphysischen Spekulation auf, mit der unmissverständlich klar wird, dass seine Erkenntnisinteressen weit über das Literarische hinausweisen: Kafka, so Calasso, habe mit all seinen Schriften ein und derselben Vision Ausdruck verleihen wollen. Das werde besonders durch sechs der Zürauer Aphorismen deutlich, in denen vom Paradies die Rede ist. Kafkas Romane und Erzählungen sind für Calasso Variationen über ein Thema – das des Irrglaubens. Sie handeln »von den enormen, unerschöpflichen, verschlungenen Entwicklungen dieses falschen Glaubens. Was hatte ihn hervorgebracht? Ein fatales Mißverständnis über die beiden Bäume inmitten des Paradieses. Die Menschen sind überzeugt, daß sie von jenem Ort vertrieben wurden, weil sie vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen hatten. Doch das ist eine Täuschung. Nicht darin bestand ihre Schuld. Ihre Schuld bestand darin, daß sie nicht vom Baum des Lebens gegessen haben.«

Das letzte Wort über Kafka ist auch damit selbstverständlich noch nicht gesprochen. Aber Calasso bahnt den Weg zu einem neuen Verständnis seines Gesamtwerks, indem er die zentrale Bedeutung der Zürauer Aphorismen erkennt. Dass ihm das im Windschatten einer unüberschaubaren Spezialphilologie gelungen ist, kann man ihm nicht hoch genug anrechnen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0107 LYRIKwelt © J.B./Die Zeit