Junges Licht von Ralf Rothmann, 2003, Suhrkamp

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Junges Licht.
Roman von Ralf Rothmann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 10.8.2004:

Das Leben an der Schwelle der Kindheit

Ralf Rothmann ist ein wunderbarer Erzähler. Er hat die Kraft, von Gefühlen zu berichten, ohne sentimental zu werden, er beherrscht die Kunst, Stimmungen in Worte zu fassen: Ängste, Sehnsüchte, Hoffnungen. In seinem neuen Roman "Junges Licht" ist er überzeugender als je zuvor.

Das Buch hat eine Vorgeschichte, und sie spielt im Ruhrgebiet, wie vieles bei diesem Autor. Bei der Ruhr Triennale 2002 wurde in Bochum "Sentimenti" uraufgeführt, ein Stück, das Elemente aus Rothmanns Roman "Milch und Kohle" mit Arien aus Verdi-Opern verband. Aus der Vermischung von Arbeiteralltag und dramatischer Musik entstand ein wunderbares Theatererlebnis voll Trauer und zarter Tröstung.

Rothmann war von der Inszenierung so inspiriert, dass er begann, einen weiteren Roman über seine Jugend in Oberhausen zu schreiben. Und er hat es verstanden, Leidenschaft und Verhängnis im Leben der kleinen Leute zum großen Drama zu bündeln. Daraus entsteht eine Faszination, der man sich nicht leicht entzieht.

Es ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, die er erzählt, von der Schwelle, an der die Kindheit endet. Der 12-jährige Julian muss in den Ferien zu Hause bei seinem Vater bleiben, während die Mutter mit der kleinen Schwester zur Oma fährt. Für alle reicht das Geld nicht. Julian, meist allein, erlebt die Katastrophen des Alltags, er wird aus seiner Bande verstoßen und wieder aufgenommen, er klaut Bier und Zigaretten. Mit schlechtem Gewissen trinkt er den kalten Tee aus, den sein Vater zur Schicht mitnehmen will, er lässt sich das Fahrrad stehlen und vom frühreifen Nachbarsmädchen die Hand streicheln. Das ist die ganze Geschichte, oder fast die ganze. Am Ende gibt es noch eine richtige Katastrophe; der Vater erliegt in einer Sommernacht dem Sex des Nachbarkindes. Und die Familie muss ausziehen.

Wer erzählt? Julian, aber es muss ein erwachsener Julian sein, der träumerisch hinab taucht in die Kindheit. Er erzählt die Episoden ohne festen Verbund, der Leser muss sie selbst zusammenfügen, und manchmal bemerkt er erst spät den Faden der Geschichte. Manches ist so bewegend wie sonst nur kalkulierte Trivialliteratur, doch die Geschichte ist gebrochen durch die Distanz der Zeit. Seit 30 Jahren lebt Ralf Rothmann in Berlin, das ist so weit weg wie die Pubertät. Er erzählt lapidar und gleichzeitig mit einem lächelnden Blick zurück.

So erklären sich auch Stilbrüche. "Na also", sagt der Vater, "geht doch", oder: "Das ist ein Flop". So hat in den 60er Jahren niemand gesprochen. Und wenn Julian zu seiner Schwester sagt: "Ich darf den Ofen nicht anzünden", dann wäre das unglaubwürdig, hörte man nicht den Erwachsenen, der seine Erinnerung mit prägt.

Dann gibt es da noch Einschübe, je zwei bis drei Seiten, auf denen in ruhiger Sprache von einem Mann berichtet wird, der unter Tage seiner Arbeit nachgeht. Das ist stimmungsvoll, mehr aber nicht. Dem Leser bleiben die Einzelheiten unverständlich. Vom Leben eines Hirten in den Alpen kann man erzählen, bei dem Mann unter Tage aber gibt es kein Wiedererkennen, und Arschleder und Gezähekiste bleiben Nebensache in einer Geschichte, die ohne solche Folklore auskommt.

Groß ist der Roman in den Kleinigkeiten. Der Junge, der das Radio lauter dreht, weil er weiß: Die Mutter wird ihn schlagen, und er wird schreien. Das Mädchen, das mit kindlich heller Stimme spricht, sobald es sich an Erwachsene wendet. Der Hausbesitzer, der Julian lüstern nachstellt: Das ist dicht und echt und so leise erzählt, als wäre es kaum bemerkt. Oder längst gewusst.

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Junges Licht von Ralf Rothmann, 2003, Suhrkamp2.)

Junges Licht.
Roman von Ralf Rothmann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 12.9.2004:

Lolita zwischen Kohle und Kappes
Ruhrpott ohne Illusionen: In Ralf Rothmanns Roman "Junges Licht" sehen am Ende alle alt aus.

Stier", "Wäldernacht", "Milch und Kohle": Ralf Rothmann (51) hat eine ganze Romantrilogie über den Rückblick auf das alte Ruhrgebiet geschrieben. Aber "Junges Licht", gerade erschienen, ist sein erster Roman über das alte Ruhrgebiet, der nicht die Sucht nach der verlorenen Zeit aus der Ernüchterung der Gegenwart beschreibt. "Junges Licht" ist mittendrin in den 60er Jahren, im Revier und ganz nah dran an den Menschen - ohne Notausgang. Manchmal zieht man um, aber das ändert ja nichts an den Verhältnissen. Denn das Licht, das unter Tage fehlt, ist über Tage auch nur Illusion. Und "Junges Licht" ist eine Jungen-Geschichte, in der am Ende alle alt aussehen.

Bewerbungsschreiben für die "Gruppe 47"

Im Fernsehen gibts noch Bonanza oder Testbild, die Menschen wohnen im Ledigenheim oder an der Flöz-Röttgers-Straße und rauchen Gold Dollar oder Chester. Sie heißen Godtschewski, Tszimanek, Gorny und Schulz, manche - die jungen - heißen Julian und Marusha. Im ganzen Roman sind es eigentlich nur diese Namen, die über die erzählte Zeit hinausweisen ins Heute. Selbst das Erzählmuster - die Ich-Perspektive des Jungen im Wechsel mit dem einsamen Hauer vor Kohle - mutet wie ein Bewerbungsschreiben für die "Gruppe 47" an.

Als Vater und Sohn allein zu Hause bleiben, weil das Geld nur zu einem Urlaub für Mutter und Tochter reicht, bahnt sich eine Lolita-Geschichte mit Marusha an, die im Flair aus Kohle und Kappes mit grassierender Penetranz nach Vanille riecht.

Ungeschönt, illusionslos und geradezu antinostalgisch waren Rothmanns Revier-Reminszenzen immer. Meist waren es Künstlerfiguren, die noch einmal zurückkehrten an ihren Ort von gestern.

Augenblicke auffangen

Nun hat er es mit einer Art von Gegenbuch versucht, dessen Stärke in der Nähe, der Unmittelbarkeit und im Auffangen der kleinen Augenblicke zwischen den Ereignissen liegt, das macht er mit einer unromantischen Zartheit, die selten geworden ist unter unseren Romanschreibern. Auch der in Oberhausen aufgewachsene, längst in Berlin lebende Rothmann hat sich immer weiter zu ihr durchgearbeitet und in seinem vorhergehenden Roman "Hitze" eine neue Meisterschaft in dieser Tonlage entwickelt. Aber da hatte er eine vielschichtige Geschichte, die für einen Roman taugte. Das neue Buch ist eher eine psychologisch präzise, fast schnurrige Novelle, weit entfernt von einem Gesellschaftsporträt. (NRZ)

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Junges Licht von Ralf Rothmann, 2003, Suhrkamp3.)

Junges Licht.
Roman von Ralf Rothmann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 16.9.2004:

Jesus im Ruhrpott
»Junges Licht«: Ralf Rothmann hat wieder einen schönen und bedeutsamen, einen intelligenten und menschlichen Roman geschrieben

Der allererste Satz sei für ihn, äußerte Ralf Rothmann schon häufig, ausschlaggebend. Manchmal sind es auch die ersten zwei oder drei Sätze, aus deren Essenz sich alles Weitere ergibt; Schauplatz und Architektur, Thema und Gedanke der Rothmannschen Romane und der starken, eigenwilligen Poetologie. »Unter Tage ist es still um diese Zeit, in der sich noch niemand im Schacht oder auf der letzten Sohle befindet, und der Mann schob das Gitter zu und legte den Riegel um, trat einen Schritt zurück. Stiller als über den Wolken.« Selbst wer das Werk des inzwischen 51-jährigen Schriftstellers nur aus Klappentexten kennt, kann aus diesen Anfangssätzen schließen, dass Rothmann in seinem neuen Roman Junges Licht erzählerisch noch einmal in seine biografische Heimat zurückgekehrt ist, die zugleich die literarische Heimat seiner Ruhrpott-Trilogie (Stier, Wäldernacht, Milch und Kohle) darstellt: in die Welt des Bergbaus, in das proletarische Milieu der Bergbauarbeiter. Aber es ist nicht nur vom Unterirdischen die Rede, von der Sphäre vollkommener Lichtlosigkeit, sondern auch vom Überirdischen, von der Sphäre, auf die sich unter den Vorraussetzungen der Gläubigkeit die Hoffnung richtet, sie führe ins vollkommene Licht. Wer von Rothmann ein wenig mehr gelesen hat, fühlt sich an die Rubrizierungen erinnert, die die Kritik seit geraumer Zeit und zu Recht auf diesen Schriftsteller anwendet: »Metaphysischer Realismus«, »Transzendenz«, »Spiritualität«, »Christlichkeit« oder präziser »Christologie«.

Wenne den Kuckuck auf’n Kühlschrank klebst, bring mich’n Bierchen mit!

In der Tat: Von einer wahrhaft christologischen Leidens- und Pubertätsgeschichte wird in Junges Licht erzählt. Von einem Zwölfjährigen namens Julian, Sohn einer in jeder Hinsicht beengt lebenden Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet, der ein paar altersgemäße Dummheiten anstellt, die das Wort Sünde nicht wert sind, aber von den Sünden, Gemeinheiten, Anfechtungen seiner Umgebung durchbohrt wird wie die Zielscheibe von den Geschossen. Er muss den Lehrer erdulden, der ihn schlägt, die Mutter, die ihn prügelt, die Jungsbande, die sein Kaninchen tötet. Er erduldet den Hausbesitzer, der ihm sexuell nachstellt, die lolitahafte Untermieterin Marusha, die sein schamhaft erwachendes Triebleben provoziert und kränkt. Er muss das Blödeste erdulden, was einem Jungen in den Sommerferien widerfahren kann, nämlich ganz allein in der Wohnung sitzen. Julians Mutter fährt mit der Schwester zu den Großeltern. Der Vater arbeitet, schläft oder schweigt. Der Sohn richtet ihm, wenn er im Kühlschrank etwas findet, Esspaket und Trinkflasche für die Arbeit unter Tage.

Rothmanns Romane lassen sich als Entwicklungsromane lesen. Buch um Buch durchdringt der Autor adoleszente Lebensphasen, in denen sich entscheidet, wie leicht oder wie schwer sich die Last des Lebens auf die Seele legt. Junges Licht ist da keine Ausnahme. Nur läuft die Entwicklung hier auf das Sinnzentrum der christologischen Erzählung hinaus: die altruistische Buße. Julian, der leidet und duldet, dem die unschuldigen Tiere so oft näher sind als die Menschen, ist bereit, als Stellvertreter für Sünden zu büßen, die nicht auf sein Konto gehen. In einer Hauptszene des Romans geht Julian in die Kirche, um im Beichtstuhl anstelle seines Vaters dessen Verfehlung zu beichten, die zur Familienkatastrophe führt: Unzucht mit der minderjährigen Marusha. Der Pfarrer will von dieser Seltsamkeit, dass Söhne nun für ihre Väter beichten, allerdings nichts wissen.

Die Beichtszene ist ein Beispiel für Rothmanns Vermögen, religiöse, auch mystische Motive dem Milieurealismus so natürlich anzuverwandeln, als handele es sich dabei um die selbstverständlichsten Dinge der Welt. Die Erhöhung vollzieht sich ohne literarischen Kraftakt, ohne die Attitüde des Erhabenen, ohne rhetorischen Voralarm. Ein Satz wie: »Manchmal klang es, als käme er sich entgegen«, ist zunächst nichts anderes als der Ausdruck einer konkreten, akustischen Sinneswahrnehmung. Bedenkt man aber den Kontext, erkennt man, dass hier wie nebenbei von einem mystischen Erlebnis die Rede ist, von der Begegnung eines Lebenden mit seiner eigenen Jenseitserscheinung. Der Bergbauarbeiter, der sich entgegenkommen hört, irrt sterbensallein durch die Unterwelt der Schächte.

Die Transzendenzstimmung in Ralf Rothmanns jüngeren Romanen legt sich nicht als Heiligenschein über den Ruhrpott. Sie geht, als gleichsam natürliches Element, aus der realistischen Darstellung hervor; wie das Aroma von Schnaps und der Geruch von Schweiß. Wer liest, wie Julian mit Marusha und seinem Vater dessen altem Kumpel Lippek einen Überraschungsbesuch abstattet, der sich im Handumdrehen in ein Wohnzimmerbesäufnis verwandelt, der fühlt im Kopf das Anrollen einer fürchterlichen migräneartigen Nachwirkung. Und wer hört, wie Lippek redet, der ahnt, dass ein Autor, der seine literarische Welt dem Überirdischen öffnet, gut daran tut, mit dem Irdischen gut befreundet zu sein: »Na bitte! Und in meiner Wohnung, verstehst du, da wird sich nicht GESIEZT. Da könnte der Gerichtsvollzieher kommen, dem würd ich sagen: Hömma, wenne den Kuckuck auf’n Kühlschrank klebst, bring mich’n Bierchen mit!«

Die Beichtszene ist nicht nur motivisch aufschlussreich. Sie ist es auch strukturell. Der Sinn des Beichtrituals ist Seelenentlastung, Reinigung. Und verfolgt man den Weg von Rothmanns literarischer Produktion, lässt sich ein kontinuierliches Streben erkennen; das Streben nach jener Verknappung, jener strukturellen Reinheit, ja Askese, die dem Zeichenhaften innewohnt. Man kann die Bewegung vom Bild zum Zeichen ja durchaus als Entledigungs- und Reinigungsprozess auffassen. Im Vergleich zu Junges Licht wirken frühere Romane wie Flieh, mein Freund geradezu ausgeschmückt und plaudernd. Rothmann ist zwar der Romancier der Wirklichkeitsnähe, dennoch sind der eingesargte Tote im Heck des Bestattungswagens, der Rasierklingenschnitt im Arm, die Tierwelt des Romans mit Hund, Hase, Pferd und Vögeln Elemente eines Zeichensystems, das auf einen alles umfassenden Kosmos zielt. Es reicht vom Himmel über die Küche, das Haus, die Straße bis tief unter die Erde. Die Architektur des Romans ist bestimmt von der Senkrechten, die Himmel und Unterwelt verbindet, und der Horizontalen, die sich durch das Stück Ruhrpott zieht, in dem die Geschichte spielt. Beide Linien bilden eines der Urzeichen unseres Denkens, das Kreuz.

Aber all das (und darin besteht vielleicht das Geheimnis dieses Schriftstellers) vollzieht sich in aller Stille, unauffällig und dezent. Diese Unauffälligkeit hat einen Grund. Rothmanns Erzählen geht zwar von Bildbeschreibungen aus, aber er lädt sie nicht rhetorisch auf, schmückt sie nicht aus. Er reduziert sie vielmehr mit kamerahaften Ausschnitten, unvermittelten Sprüngen, mit Ellipsen. Dem verdankt sein Stil den Zug zur Askese, die Tendenz ins Abstrakte. Suchte man in der Kunstgeschichte einen Geistesverwandten Ralf Rothmanns, fände man ihn vielleicht in einem Filmregisseur, in dem französischen Katholiken Robert Bresson.

So schaut man bei Ralf Rothmann tief in Lippeks Schnapsglas und tief in die abendländische Auseinandersetzung zwischen bildlicher Gestaltung und zeichenhafter Abstraktion. Sprechen wir nicht zu oft und nicht zu viel von Rothmanns Meisterschaft. Denn was sagen wir in zwanzig Jahren, wenn wir von ihm noch weitere Romane haben, die so schön und bedeutsam, so menschlich und intelligent sind wie dieser?

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Junges Licht von Ralf Rothmann, 2003, Suhrkamp4.)

Junges Licht.
Roman von Ralf Rothmann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 13.10.2004:

Jede Menge Verlierer im Land der Zechen
Sittengemälde und Epochenroman: Ralf Rothmann versteht die prollige Dekadenz einer Kindheit im Kohlenpott der sechziger Jahre

Es hat hierzulande bereits auffallend viele Versuche gegeben, den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts literarisch gerecht zu werden. Doch sichten die Autoren, die damals Kinder oder allenfalls Pubertierende waren, diese Epoche weniger im Fokus politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen und Umbrüche, als vielmehr im Bereich sozialer, psychologischer und vor allem innerfamiliärer Konflikte. Der private Betroffenheitsblickwinkel ist augenfällig, er lässt aber auch überaus lockere, witzige Momente zu, gestützt durch die Reminiszenzen an heute komisch wirkende Heile-Welt-TV-Serien oder Fernsehreklame.

Zwischen Flipper, Stanley Beamish, Vico Torriani und HB-Männchen wird die allgemein verhandelte Bedeutungsschwere konterkariert oder gleich ganz ausgehebelt. Doch das Thema hat wohl auch deswegen Konjunktur, weil es interessante Untiefen verspricht. Das zeigt sich an Ralf Rothmanns neuem Roman Junges Licht, einem bemerkenswerten Sittengemälde. Das Buch ist allein deshalb eine wichtige Ergänzung zu den bisherigen Zeugnissen dieser Art, weil Rothmann es nicht bei der bloßen Heraufbeschwörung dieser Epoche und der Aneinanderreihung einzelner, sie betreffender Phänomene belässt (wie es beispielsweise Gerhard Henschel unlängst in seinem Kindheitsroman tat). Vielmehr unternimmt Rothmann einen ebenso feinfühligen wie realistischen und facettenreichen Gesamtentwurf, der bis in die Nebenschauplätze und -figuren hinein zwingend bleibt.

Wieder bildet, wie etwa vor Jahren schon in seinem Roman Milch und Kohle, das Revier, der "Kohlenpott", den Hintergrund des Geschehens. Man ist konfrontiert mit all der Tristesse im Schatten der Grausiedlungen am Rande der Stadt, den uniformen Häuserreihen mit ihren winzigen Alibivorgärten. Hier lebt auch die Familie Collien: ein eher melancholischer Vater, der in Spätschichten auf der Zeche arbeitet, dazu eine Mutter, die schwer gallenkrank ist und zur Kur muss - außerdem zwei Kinder: die kleine Sophie und der etwas orientierungslos wirkende Ich-Erzähler Julian. So entsteht rasch das Bild einer bescheidenen Arbeiterfamilie mit kleinem Einkommen, die auf jeden Pfennig achten muss.

Einsatz der Kochlöffel

Die prekäre finanzielle Lage bildet einen unüberhörbaren Basso continuo dieses Romans, der soziale Ernst rankt hinein bis in die harmlosen Spielereien der Kinder. Dabei schildert Rothmann die Ängste, Unsicherheiten und Rückzugsmanöver des jungen Julian akribisch, lässt aber auch die Unwahrhaftigkeiten der Erwachsenen nicht außer acht, die dem äußeren Druck häufig nicht gewachsen sind. Die Mutter neigt dazu, dem jungen Julian immer aufs Neue eine Tracht Prügel zu verabreichen, wobei reihenweise die Kochlöffel zu Bruch gehen. Hier zeigt sich gebündelte Hilflosigkeit, das eklatante Unvermögen, den Kindern und ihren Nöten auch nur das geringste Verständnis entgegen zu bringen.

Zeit und Ambiente aber reflektieren bei Rothmann das Bild einer Bundesrepublik, die mit ihrer Freiheit noch nichts Rechtes anzufangen weiß. Selbstverständlich probt hier niemand den Aufstand, man fügt sich, man konsumiert, was im Angebot ist. Noch immer, in Nebensätzen wird das klar, ist der Krieg nicht ganz vergessen. Die Phantasie ist hier eindeutig nicht an der Macht. Blickt man sich um im Hause Collien, dann fallen einem die paar Enid-Blyton-Geheimnis-Bücher im Regal auf, die Jerry-Cotton-Hefte vom Vater oder auch der Graham-Boney-Starschnitt im Kinderzimmer, an dem unabsehbar noch ein Bein fehlt; nicht zu vergessen die Schallplatten von Billy Mo, Rita Pavone und Chris Howland. Pop-Helden der B-Klasse also. Der Duft der großen weiten Welt hat sich in dieser Enge nicht breit machen können. Rothmann versteht es dabei, in knappen Beschreibungen ganze Geschichten zu komprimieren: "(...) In einem gesprungenen Glas steckten drei Plastiknelken, vom Dicken während der letzten Kirmes geschossen." All die Jämmerlichkeit ist da in einem einzigen Satz benannt, gleichsam zur grauen Soße reduziert.

Sexuelles Geraune

Das also ist Julians Umgebung, aus seiner Sicht gestaltet sich die Welt. Als Zwölfjähriger erlebt er die Veränderungen zuhauf, um sich und bei sich. Die fünfzehnjährige Marusha, Adoptivtochter von Herrn Gorny, einem Nachbarn und Arbeitskollegen des Vaters, ist (oder tut) frühreif, träumt von den Beatles und den Lords, hat sogar bereits einen älteren Lover und verwirrt den harmlos agierenden Julian mit ihrem vorwitzigen, sexuell insinuierten Gerede.

Viel schlimmer aber ist dieser Herr Gorny selbst, der Zechenkumpel des Vaters und Hausvermieter, weil er versteckte Perversionen erkennen lässt. Trifft er auf Julian und ist dieser allein, quatscht er ihn an, und alles gerinnt zu einem sexuellen Geraune, ein diffus päderastischer Zug liegt in seinem schwülstigen Auftritt: ",Dein Vater ist ein kräftiger Mann... Hast du ihn schon mal nackt gesehen?' - ,Ich? Nein.' - ,Aber ich. Wir sehen uns alle wie am ersten Tag. (...) Man wäscht sich gegenseitig den Rücken, weißt du. (. . .) Es gibt Kleine und Große. Krumme und Gerade. Manche sind sogar beschnitten. Würdest du das gern mal sehen?'"

Als die Mutter mit einer Gallenkolik zur Kur muss und die kleine Sophie mitnimmt, ist Julian auf sich gestellt, allein für den Haushalt und für den Vater zuständig. Stückweise werden Kindheitsteile aufgegeben, und doch deutet sich bereits an, dass sie zugunsten einer späteren Emanzipation geopfert sind. Die Erwachsenen, alle auf ihre Art vereinsamt, bleiben bei Rothmann jedenfalls als Verlierer zurück.

In einer großartigen Szene suchen der Vater, Julian und Marusha einen gewissen Lippek auf, der allein in seiner Bude haust und Landserhefte sowie Fotos von Kriegsschiffen sammelt. Reihenweise tischt er dem Besuch Schnaps und Bier auf. Er tut das weniger aus Gastfreundschaft, als aus dem Kalkül, die kleine Marusha gefügig zu machen - "Ich komme gleich mal rüber, und dann machen wir das mit dem Küsschen klar..." Er legt "Weiße Rosen aus Athen" auf und füßelt mit ihr unterm Tisch; sie wiederum, geschmeichelt durch das "Interesse" eines Erwachsenen an ihr, lässt es sich gefallen. Peinlicher Kumpelcharme, gepaart mit frustrierter Geilheit, ergibt Szenen prolligster Dekadenz. Am Ende, beim Aufbruch, heißt es: "Rasch goß Lippek die Pinnchen voll. ‚Früchte sind gesund.' Auch Marusha war aufgestanden, und er reichte den beiden die randvollen Gläser, wobei ihm der Schnaps über die Finger lief und auf den Teppich tropfte. Schwankend legte er mir eine Hand auf die Schulter, und ich machte mich steif, um ihn zu stützen. ‚Also Freunde: Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack, zack!'" Man könnte Rothmann endlos weiterlesen, allein wegen dieser herausragenden Epochen- und Milieuschilderung. Bleibt zu hoffen, dass der mittlerweile in Berlin lebende Autor dem Kohlenpott und der Biografie des heranwachsenden Julian verbunden bleibt. Ganz zweifellos gehört Rothmann zu den bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren. Junges Licht ist sein bisheriges Meisterstück.

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Junges Licht von Ralf Rothmann, 2003, Suhrkamp5.)

Junges Licht.
Roman von Ralf Rothmann (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Droschke aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.01.2005:

Der lange Abschied von der Kindheit
Eine Familientragödie: Ralf Rothmanns grandioser Roman „Junges Licht“

Der Abschied von der Kindheit und das Erwachen der Sexualität ist eines der Paradethemen der Literatur. Mehrere Meter Regal lassen sich jährlich mit Neuerscheinungen füllen, die sich auf gänzlich unterschiedliche Weise mit der mal schönen, mal unerträglichen Jugendzeit auseinander setzen. Es fällt auf, dass fast alle Romane, die zu Klassikern avanciert sind, von Außenseitern erzählen, für die Pubertät seelische Qual und Krankheit bedeutet und die ernsthaft Gefahr laufen, die Basis für ein von vorneherein verkorkstes Erwachsenenleben zu legen. „Junges Licht“ von Ralf Rothmann hat das Zeug zu einem solchen Klassiker. Ein psychologisch messerscharfer Blick und der Mut, die Komplexität des Inneren eines Heranwachsenden nicht populistisch zu glätten, paaren sich mit einer grandiosen Dramaturgie und einer plastischen Sprache, die den Leser unmittelbar in die Emotionalität eines 12-Jährigen hineinzieht.

Julian, der Protagonist und IchErzähler, den Rothmann durch die Sommerferien begleitet, ist ein Junge, dem seine Mutter das Selbstbewusstsein mit dem Kochlöffel ausgetrieben hat. Er hat nicht den Mumm seiner Altersgenossen, sich über die strengen Gesetze der Eltern hinwegzusetzen. Entsprechend gering ist seine Weltläufigkeit und entsprechend groß seine Naivität.

Im Vakuum der Freiheit

Wir befinden uns in einer Welt, die kein anderer so detailliert rekonstruieren kann wie der 1953 geborene, im Ruhrpott aufgewachsene Rothmann. Es ist seine eigene: das beengte, von Entbehrung und deutscher Kleinkariertheit geprägte Bergarbeitermilieu der Ära Adenauer, in der die Mütter hospitalisierte Gefangene der drei Hausfrauen-K’s sind und die Väter von der Schicht unter Tage so müde, dass sie als gar nicht anwesend gelten. Die Mutter und die Schwester verreisen und lassen Julian in einem gefährlichen Vakuum der Freiheit zurück.

Wer an der kurzen Leine geführt zu werden gewohnt war, ist der Anforderung nicht gewachsen, plötzlich auf eigenen Wegen zu gehen. Den Bösartigkeiten seiner Altersgenossen ist Julian nicht gewachsen. Er zieht sich nach zu Hause zurück. Dort zwingt ihn die 15-jährige Tochter des Hausbesitzers in die Rolle eines Komplizen ihrer sexuellen Spiele. Erwachende Lust und schlechtes Gewissen sind bereits zu einer Einheit verschmolzen, als Julians Familie die billige Wohnung gekündigt wird. Kurz zuvor hat sich der Junge der unzweideutigen Annäherung des pädophilen Hausbesitzers entzogen. War es falsch, sich zu wehren? Hätte er sich dem Willen des Erwachsenen gefügt, wie es sich für einen braven Jungen gehört, so Julians Logik, wäre die Katastrophe des Umzugs nicht eingetreten.

Die Wirklichkeit ist komplizierter als das Klischee vom immer gleichen Verbrechen der Kinderschändung — und „Junges Licht“ bekommt sie zu fassen. Wie Rothmann das schafft? Indem er genau hinsieht, statt zu moralisieren.

Die Perversion hat einen doppelten Boden. Nicht der Pädophile, sondern die eingebildete Schuld setzt an jenem Tag, an dem der Roman endet, eine Psychose in Gang. Julian hat ein Problem damit, dass kein Missbrauch passiert ist.

Rothmann erzählt aus der Perspektive des Kindes; und er tut dies mit Konsequenz. Den eigentlichen Grund für die Kündigung der Wohnung, an dem die Familie emotional zerbricht, können Weltgewandte, nicht aber naive Jungen verstehen. Wie niemand mit Julian offen darüber spricht, was passiert war, soll auch niemand an dieser Stelle das entscheidende Ereignis jener Sommertage erfahren. Diese Rezension soll kein Ersatz sein für die Lektüre eines künftigen Klassikers, sondern eine mit Vehemenz vorgetragene Empfehlung. Denn der Roman erzählt am Beispiel von etwas ganz Allgemeinem: welche große Macht der Irrtum besitzt, wie vernichtend Unwissenheit und Missverstehen in ein Leben eingreifen können.

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