Juneteenth von Ralph Ellison, 2001, AmmannJuneteenth.
Roman von Ralph Ellison (2001, Ammann - Übertragung Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).
Besprechung von Uwe Pralle in der Frankfurter Rundschau, 3.1.2002:

Die Fülle der niederen Frequenzen
Ungeheuerliche Wandlung der Affekte: Ralph Ellisons großartiges Romanfragment "Juneteenth"

Am 19. Juni 1865, zweieinhalb Jahre, nachdem in den USA die Sklavenbefreiung verkündet worden war, und zweieinhalb Monate, nachdem mit Lees Kapitulation bei Appomattox Courthouse der Bürgerkrieg endete, landeten Unionstruppen im texanischen Galveston und erklärten auch dort die Sklaven für frei. Dieser "Juneteenth" nimmt im Kalender der afroamerikanischen Geschichte eine ähnliche Stelle ein wie der 4. Juli in dem der USA. Ob Ralph Ellison, der mit The Invisible Man 1952 seinen einzigen abgeschlossenen Roman veröffentlicht hatte und damit sofort neben von ihm bewunderte Gestalten wie Twain, Melville und Faulkner in die ersten Ränge der amerikanischen Literatur gerückt war, den Mittelteil seines nachgelassenen Romangroßprojekts wirklich Juneteenth genannt hätte, wird nie eindeutig zu klären sein.

Klar ist aber, dass John F. Callahan, der Herausgeber dieses nicht ohne kritische Stimmen - unter anderem von Harold Bloom - im letzten Jahr in den USA publizierten Romanfragments, mit "Juneteenth" ein zentrales Motiv von Ellisons riesigem Nachlasskonvolut als Titel seines erst jetzt ins Deutsche übertragenen Mittelteils gewählt hat. Ebenso klar ist, dass Callahans Versuch, eine lesbare - und nicht etwa philologischen Ansprüchen genügende - Fassung herzustellen, eine beachtliche Leistung stupender Vertrautheit mit den Texturen und Fluchtlinien dieser great afro-american novel darstellt. Denn sie zeichnet sich offenbar auf rund zweitausend Seiten an Typoskripten, Computerausdrucken und Notizen ab, die teils auf Briefumschläge, Rechnungen und Reklamezettel gekritzelt sind: ein fragmentarisches Werk.

Als Ellison 1994 kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag starb, hatte er seit über vier Jahrzehnten an dem Roman geschrieben. Schon im Herbst 1967 soll er einmal gehofft haben, "kurz vor der Vollendung seines Romans" zu stehen; doch diese Hoffnung des damals als Literaturprofessor in New York wirkenden Ellison wurde zunichte, als im November 1967 sein Sommerhaus in Massachusetts abbrannte und mit diesem auch die dreihundertsechzig Seiten des Manuskripts, von denen es keine Kopie gab, so dass er sie aus dem Gedächtnis später wieder zusammensetzen musste.

Zwischen 1959 und 1977 waren ab und zu einzelne Auszüge in Zeitschriften erschienen, darunter auch einer, der schon den Titel Juneteenth trug und in dieser Ausgabe eine Schlüsselposition ziemlich genau in der Mitte einnimmt. Geschildert ist darin nicht nur der alljährlich gefeierte Juneteenth, so wie Ellison ihn in seiner Kindheit in Oklahoma wohl oft erlebt hatte, als ein Fest für Leib und Seele der überall aus dem Süden zusammenströmenden Schwarzen, mit reich gedeckten Tafeln und den Gospels und Predigten. Vielmehr zeichnen sich zwischen den beiden Hauptfiguren von Juneteenth auch schon die entscheidenden Bruchlinien ihres künftigen Lebens ab. Die beiden sind Alonzo "Daddy" Hickman, ein früherer Jazzposaunist und "Sünder", der sich aber zum ebenso stimm- wie swinggewaltigen Prediger gewandelt hat, und sein Ziehsohn, ein weißer Schwarzer, den Hickman Bliss (Seligkeit) genannt hat und bei seinen mit theatralischen Effekten zelebrierten Gottesdiensten als Kinderprediger mitwirken lässt.

Die Predigt von Hickman mit Bliss an jenem Tag einer nicht näher bestimmten Zeit etliche Jahre vor Beginn der Bürgerrechtsbewegung wird von einer verwirrten weißen Frau gestört, die Bliss als ihren angeblich verlorenen Sohn zu entführen versucht. So wird Bliss zwischen den Händen dieser Weißen und denen der Schwarzen buchstäblich fast zerrissen - und wird auf diese Weise sehr unsanft auf die Fragen nach der eigenen Herkunft und Identität gestoßen.

Allein Hickmans spätere Erzählung, durch die Bliss' Herkunft bis zu dem Punkt verfolgt ist, an dem die brutalen Verhältnisse der Rassentrennung ihre Spuren verwischen, lässt Ellisons meisterliche Fähigkeiten erkennen: Der sichtbare Teil dieser Herkunft beleuchtet, welche ungeheuren Affekte bei Hickmans Wandlung vom Sünder zum Prediger eine Rolle spielten, denn diese Herkunft führt ins aufgeladene Klima der Zeit zurück, als im Süden die Segregation noch ganz offen die Fratze von Schwarzenhatz und Lynchjustiz zeigte.

Der unsichtbare Teil von Bliss' Herkunft deutet dagegen auf die spätere Verwandlung von Bliss selbst. Ellison hat nämlich bewusst offen gelassen, ob sein Vater nun schwarz oder weiß war, was für den kleinen Prediger mit dem früh geübten rhetorischen Talent später zum Schwingboden für einen atemberaubenden Salto Mortale wird. Von Anfang an taucht Bliss in Juneteenth nämlich in seiner späteren Figuration als der weiße Senator Adam Sunraider auf, der radikalste Negerhasser im Senat, von dem gleich die grandiosen ersten Kapitel eine Kostprobe geben, wie er zur Ausgrenzung der Neger aus dem amerikanischen Traum aufzuhetzen pflegt.

Die Textfragmente von Juneteenth setzen nach und nach zusammen, wie Bliss zu Senator Sunraider wurde. Hickmans Welt hat er verlassen, nachdem jene weiße Frau in ihm die Sehnsüchte nach einer Mutter entfachte, mit deren Wunschbildern ihn dann das Kino versorgt. Danach hat er zuerst das Predigen zu seinem Showgeschäft gemacht und später - als Mr. Movieman - den Film, bis diese Karriere ihn als Senator ins Showgeschäft der Politik führte, wo er "das obszöne Spiel des Leugnens und der Heuchelei auf Kosten der Armen und Unterdrückten" auch mit Mitteln betreibt, die diese ihn gelehrt hatten.

Durch die atemberaubende Konstellation dieser beiden Hauptfiguren kann Ellison in Juneteenth von den weit über das Jahrhundert zurückreichenden Erfahrungen der Afroamerikaner erzählen (die Widmung des Romans stand schon fest: "Für jenes verschwundene Volk, in das ich geboren wurde: Die amerikanischen Neger") - und gleichzeitig an Hand von Bliss / Sunraider das seit dem Bürgerkriegsende sich wiederholende Scheitern ihres Traumes erzählen, an der amerikanischen Demokratie teilzuhaben. Oder vielmehr: Ellison kann alles das die beiden Figuren selbst erzählen lassen in der Fülle ihrer sich aus den Slangs, Rhythmen und Sprachformen vor allem des Südens speisenden Stimmen, auf jenen "niederen Frequenzen" also, die Ellison in The Invisible Man als entscheidendes Medium wirklicher Demokratie im Auge gehabt hatte.

Der Wechselgesang ihrer Stimmen ist zu Beginn des Romans durch einen wahren kompositorischen Paukenschlag ermöglicht. Der alte Hickman ist mit einer Gruppe von Freunden nach Washington gereist, um Sunraider vor einer Gefahr für ihn zu warnen, informiert durch ein Netz schwarzer Chauffeure und Dienstboten, die Bliss' Wege weiter überwacht haben. Sie werden mehrmals abgewiesen und sitzen schließlich während Sunraiders Rede auf der Besuchergalerie im Senat, als er plötzlich von einem Attentäter - seinem verleugneten Sohn mit einer Schwarzen - niedergeschossen wird. Als er schwer verletzt niedersinkt, erkennt er Hickman noch auf der Galerie und verfällt bei dem Ausruf "Herr, warum hast Du . . . ?" unwillkürlich in den altvertrauten schwarzen Tonfall.

Sunraider besteht darauf, Hickman im Krankenhaus neben sich zu haben, wo er mit dem Tod ringt - als sei mit den Schüssen auf ihn auch seine Maske des weißen Politikers zersplittert. So hat Ellison in dem Krankenzimmer eine ungeheuer dynamische Konstellation erzeugt, um im Wechselspiel ihrer Stimmen - oft wie im Traum oder in dahinmurmelnden Monologen des Schwerverletzten und des ständig an dem Bett wachenden "Daddy" - dieses Epos in den zerklüfteten Landschaften des alten Südens, der Rassenkonflikte und scheiternden Utopien heraufzubeschwören.

Doch selbst wenn sie im Schatten des Todes ihre durchs allgegenwärtige Vergangene streifenden Zwiegespräche führen - eine Versöhnung zwischen ihnen gibt es nicht, zumal ja auch Hickman unter anderem den Trug seiner geradezu mystischen Hoffnung erkennen muss, mit Bliss sei ein Politiker ins Zentrum der Macht gerückt, in dem eines Tages doch noch das einst von ihm gepflanzte Samenkorn aufgehen werde, weder Politik noch Identität allein auf die Hautfarbe zu gründen. "Es ist unwahrscheinlich, dass diese Gesellschaft sich vom Rassismus befreien kann, also müssen die Neger sich selbst befreien, indem sie ihr eigenes Ideal vom freien Menschen verwirklichen", resümiert eine von Ellisons Notizen.

Selbst in dieser fragmentarischen Form ist Juneteenth einer der ganz wichtigen Romane aus den afroamerikanischen Erfahrungswelten, nachdem die "reconstruction" des Südens in der Folge des Bürgerkriegs gescheitert war und bevor ein Jahrhundert später mit der Bürgerrechtsbewegung eine neue Welle offener Konflikte begann. Juneteenth ist wie ein großes literarisches Atemholen vor dem "Chaos, das kommen sollte", und es lässt sich spekulieren, ob die Unabgeschlossenheit von Ellisons Gesamtprojekt nicht auch auf die Schubkräfte dieser neuen Rassenkonflikte zurückgeht, die es immer wieder neu herausforderten.

Das ändert aber wenig daran, dass sich in der Sprache, den Motivschichten und der Erzählkomposition von Juneteenth Ellisons zweiter große Wurf deutlich abzeichnet. Zu verdanken ist das auch dem kritisierten Herausgeber Callahan, der schreibt, er sei sich bei dieser Arbeit "wie Prokrustes" vorgekommen.

Aber dadurch lässt sich dieser Roman jetzt wenigstens lesen, ohne allzusehr über die sich natürlich hindurchziehenden Bruchkanten zu stolpern. Nur eines ist Callahan kaum abzunehmen: dass Ellison den jetzigen Schluss tatsächlich als solchen vorgesehen haben sollte.

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