Juliet,
Naked.
Roman von Nick Hornby (2009,
Kiepenheuer & Witsch -
Clara Drechsler und Harald Hellmann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der
NRZ vom
2.09.2009:
Duncans intellektuelle Kapazität könnte ins Überdurchschnittliche spielen. Er ist Lehrer, kennt sich aus mit Independent-Filmen, dem Romancier Nathaniel West und TV-Serien. Lauter liebenswerte Tändeleien. Seine Partnerin seit 15 Jahren, die durchaus liebenswerte Annie, jobbt im örtlichen Museum. Gooleness heißt das britische Küstenkaff, wo sie einfach aufeinander stürzen mussten. Hier liegt der Hund begraben. Falls es sie überhaupt einmal gab, sind die guten Zeiten vorbei.
Duncan, der ab morgen in den deutschen Buchhandlungen auf Leser wartet, ist so ein Typ, wie sie Nick Hornby keiner nachmacht. Seine Gemeinde liebt ihn für diese Jungs aus der Mittelklasse, die längst Männer sein müssten, sich auf dem Weg dorthin aber irgendwie verstiegen haben. Nun finden Sie von da nicht mehr zurück ins wirkliche Leben. Sie stellen sich fanatisch den Alltag zu, verlieren darüber ihren Optimismus und den Kontakt zum Rest der Welt.
Duncan hat eine Leidenschaft für den amerikanischen Songwriter Tucker Crowe. Der hatte 1976 ein Album eingespielt, das noch ein paar außer Duncan unter den Top 10 aller Zeiten ansiedeln. Dann war der Sänger aus nicht geklärten Gründen vor 22 Jahren von der Szene verschwunden, und der Fan-Kult, der sich entspinnt, schafft Leiden durchLeidenschaft. Da braucht man keine Kinder und auch nicht mehr unbedingt eine Frau, zumal auch da das Netz Alternativen bietet. Als dann ausgerechnet Duncan als Erster von der Plattenfirma mit einer neuen Tucker Crowe-CD bemustert wird, brechen alle Dämme. Das ist wie Weihnachten mit ihm als Weihnachtsmann.
Bis hierhin lesen wir Hornby in Höchstform, weil er der große Kenner von Obsessionen ist, weil er die Details von innen heraus ins Absurde steigern kann, weil er die Frauen nicht vergisst und es versteht, wenn sie die Lust verlieren vor soviel fehlgeleiteter manischer, maskuliner Aktivität. So aber geht das leider nur bis Seite 66 etwa. Dann ist Schluss mit lustig, weil die Dramaturgie eine Wendung nimmt, von der sie sich nicht mehr erholen kann: Tucker Crowe höchstselbst erscheint und fängt etwas mit Annie an.
Das läuft auf gnadenlos vorhersehbares Vorabendniveau hinaus. Immer wieder ein infantiler Dreh zuviel, so sehr dass dieses Buch nicht einmal als unterhaltsames Lesefutter durchgehen kann. Leider gilt für Nick Hornbys Romane, die man doch so gerne mögen möchte, was diesen im Speziellen ausmacht: ganz stark angefangen und ganz stark nachgelassen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1009 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung