Juan de Mairena. von Antonio Machado, 2005, AmmannJuan de Mairena. Sprüche, Scherze, Randbemerkungen und Erinnerungen eines zweifelhaften Schulmeisters.
Prosabuch von Antonio Machado (2005, Ammann - herausgegeben und übertragen von Fritz Vogelgsang).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:

Träge Seelen, wacht auf
Antonio Machado erfindet einen Turnlehrer, der nicht turnt, sondern denkt

Einige Bücher sperren sich so anregend wie beharrlich dagegen, in einem Zug von vorn nach hinten durchgelesen zu werden. Nach ein paar Absätzen oder einigen Seiten verspürt der Leser das unabweisliche Bedürfnis, die Lektüre zu unterbrechen, um dem eben Gelesenen nachzusinnen. Die beste Form des Umgangs mit solchen Werken besteht vermutlich darin, sie von Zeit zu Zeit an einer beliebigen Stelle aufzuschlagen, dem jeweiligen Autor kurz zu folgen, um dann auf eigene Gedankengänge abzubiegen - von denen man irgendwann später wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Diese Methode empfiehlt sich auch beim Umgang mit einem apokryphen Turnlehrer namens Juan de Mairena.

Das einzige Prosabuch eines in seiner Heimat berühmten Lyrikers

Mairena ist das Geschöpf - nach einer anderen Lesart: das alter ego - des spanischen Dichters Antonio Machado (1875 bis 1939), der in Deutschland leider noch immer weitgehend unbekannt, in seiner Heimat jedoch als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Generation berühmt ist. Juan de Mairena / Sprüche, Scherze, Randbemerkungen und Erinnerungen eines zweifelhaften Schulmeisters ist sein einziges Prosabuch, dessen erste Anfänge in das Jahr 1912 zurückreichen, in dem Machado begann, in einer alten Kladde allerlei Zitate, Einfälle, Entwürfe und Konzepte zu notieren, aus denen sich später eine Zeitungskolumne in zwei Madrider Blättern speiste, deren Folgen vom November 1934 bis zum Mai 1936 erschienen. Wenig später kam die erste Buchausgabe heraus.

Machado, der seinen Lebensunterhalt fünfundzwanzig Jahre lang als Französischlehrer in der Provinz verdiente (ehe er 1931 nach Madrid übersiedelte), erfand sich als Sprachrohr seiner philosophischen und poetischen Überlegungen einen Leibesübungen völlig abholden Turnlehrer, der seinen Schülern außerhalb des regulären Unterrichts Rhetorikstunden erteilt, deren Besuch freiwillig und gratis ist. Dabei geht es Mairena nicht darum, Schönredner auszubilden, vielmehr versucht er, Menschen so zu schulen, dass sie in der Lage sind, sich gut auszudrücken, wann immer sie etwas Gutes zu sagen haben. "Keineswegs", erklärt er seinen Schülern, "habe ich euch beizubringen, wie ihr die Hohlheit eures Denkens dekorieren könnt." Drei Kriterien für eine gelungene Rede benennt das Buch gleich auf der ersten Seite: "lebhaft, logisch und reizvoll" - womit die Ausdrucksweise Mairenas (und seines Autors) zutreffend beschrieben ist.

Zur Logik, die für Mairena neben Poesie und Moral zu "den fundamentalsten Prinzipien" zählt, hat er gleichwohl ein gebrochenes Verhältnis, er trainiert sie, ohne ihr gänzlich zu verfallen. Die Gefahren unausweichlicher Schlussfolgerungen demonstriert er etwa an dem lakonischen Leitsatz "Es gibt keine Wahrheit außer dem Tod", den er wie folgt kommentiert: "Was soviel heißt wie: Die Wahrheit existiert nicht, und das ist die Wahrheit. Ihr werdet mühelos verstehen, dass wir, wenn dieser Fall eingetreten ist, bereits nicht mehr wissen, was aus der Wahrheit wird; ganz offenkundig ist es jedoch, dass die Logik hier den Gehirndeckel in die Luft gejagt hat."

De Mairena wollte keine Schönredner ausbilden

Mairena versichert seinen Zuhörern, "dass ich nicht die Absicht habe, euch irgend etwas zu lehren, und dass es mir nur darauf ankommt, eure trägen Seelen wachzurütteln, das steinige Brachland eures Denkens umzupflügen, allerlei Unruhe zu säen". Das klingt wie ein pädagogisches Programm, es wird aber fernab aller lehrhaften Trockenheit ausgeführt. Mairena liebt das Paradoxon und die Ironie, er misstraut dem "dogmatischen Ton", der lediglich "die Schwachheit unserer Überzeugungen zu verbergen" pflegt. Die Denkaufgaben und -übungen, die er seinen Schülern empfiehlt, sollen deren Wahrnehmung schärfen - auch und gerade für das Nicht-Offensichtliche: "Man muss die Augen offen halten, um die Dinge so zu sehen, wie sie sind; noch weiter offen, um sie anders zu sehen, als sie sind; und noch viel weiter offen, um sie besser zu sehen: besser, als sie sind."

Dem so geweiteten Blick des Lesers öffnen sich amüsante und ungeahnte Perspektiven auf vielen Feldern. Ein Lieblingsthema Mairenas ist die Dichtung, sorgfältig unterschieden von der Poetik als der "Kunst, die Poesie zu streifen ohne Ansteckungsgefahr". Dichter sind ihm "Artisten der Einbildungskraft", auch "Lehrlinge der Nachtigall" werden sie genannt.

Eines der anmutigsten Gedankenspiele des Bandes ist Shakespeare gewidmet, genauer: den Sonetten, die jede seiner Figuren in einem Zwischenakt hätte schreiben können, und die zweifellos ebenso unterschiedlich ausgefallen wären, wie ihre Verfasser es sind, etwa Macbeth oder Romeo, Shylock oder Hamlet. "Aber Shakespeare wäre immer der Autor dieser Gedichte und der Autor der Autoren dieser Gedichte."

Der Lyriker Machado hat die Maximen und Reflexionen seines Juan de Mairena selbst wie einen Gedichtband komponiert und arrangiert, zum Vergnügen des Lesers, der eingeladen ist, in einem Irrgarten zu flanieren, der phantasie- und liebevoll auf dem Grundriss eines spielerischen Erkenntnisinteresses angelegt ist. Dem Herausgeber und Übersetzer Fritz Vogelgsang ist zu danken, dass diese Fibel für die von Mairena projektierte "Volksschule für Höhere Weisheit" nun erstmals komplett auf Deutsch vorliegt.

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