J R.
Roman von William
Gaddis (1975/1996/2010,
DVA - Übertragung Marcus Ingendaay und
Klaus Modick).).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ
vom 11.10.2010:
Vielleicht wäre JR der ungewaschene Dreikäsehoch geblieben, der sich am liebsten vor dem Sport drückt. Und vielleicht hat Mrs. Joubert ja doch das Bildungsziel ihrer Schule verstanden, wenn sie mit ihren Elfjährigen einen Ausflug an die Börse unternimmt.Und vielleicht wären Gehälter besser als Zensuren. Ganz sicher jedenfalls ist Edward Bast überall falsch. Der verkrachte Komponist kommt mit dem Erbe seines Vaters nicht klar. Dieser hatte mit Rachmaninow und Ravel verkehrt. Geblieben aber ist seine Erfindung eines mechanischen Klaviers, das den Pianisten überflüssig macht. Dies könnte als Leitmotiv des gigantischen Dialogromans herhalten, denn es geht um den Verlust von Individualität im dissonanten Orchester der Kommunikation.
JR, der Elfjährige, setzt alls, was er an der Börse erfahren hat, umgehend in die Tat um. Vom Schultelefon aus baut er sich ein Finanzimperium auf und jongliert mit Millionen. Mit rasendem Bleistiftstummel, Taschentuch vor der Sprechmuscheö und einem Packen Werbecoupons unterm Arm wird er zum Virtuosen der Steuergesetze und verwandelt pure Chancen in reinen Gewinn. Schließlich aber stürmen Börsenaufsicht, Finanzamt und Journaille JRs Hauptquartier. Aber es gibt Schlimmeres als Konkurs. Schließlich bleibt, und so endet der Roman, die Aussicht auf ein öffentliches Amt.
Eine solche Hatz durch das 1000-seitige Opus kann den Kern nicht treffen. Es ist schwer mit den dicken Wälzern der Moderne. Und in diese Linie gehört William Gaddis' fulminanter Roman. William Gaddis (1922-1998) thematisierte die Lebensnerven der modernen Gesellschaft: Gerichtswesen, Aktienmärkte, Informationsfülle, Werbung, Käuflichkeit von allem und die Außenseiterrollen von Bildung und Kunst. Er hatte die Form, die das Tempo dieser Gesellschaften einfängt. Er ist der Erfinder des Dialogromans der Moderne - und der Melodie ihres Palavers obendrein. Slapstick, Nonsens und Klamauk stehen neben schnellen Einblicken. Börsen-, Dis- und Konkurse überschlagen sich. Es gibt keinen Erzähler mehr, keine Wertungen und keine Kommentare. 20 Jahre lang galt der Roman als unübersetzbar, bis 1996 erstmals Marcus Ingendaays und Klaus Modicks beeindruckender Parforceritt erschien. Seine aktualisierte Neuedition ist ein Ereignis, das auf wundervolle Weise der Erklärung unserer hochstapelnden Gegenwart dient.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung