James
Joyce.
Monographie von Friedhelm
Rathjen (2004, Rowohlt).
Besprechung von Doris Plöschberger, Universität Graz,
Österreich:
ReJoyce zum Anbeißen
James Joyces Finnegans Wake gilt „als das schwierigste Werk der Weltliteratur“. Überhaupt steht der Ire im Ruf, ein Autor für Spezialisten aller Art zu sein. Man sollte sich auskennen bei Joyce, immer schon und am besten noch vor der ersten Lektüre, deren Scheitern andernfalls kaum zu vermeiden ist. Derlei Einschätzungen schaffen vielleicht die besten Bedingungen für einen akribischen Expertendiskurs und nachhaltige Verehrung bis hin zum Sektierertum, aber bestimmt nicht die idealen Voraussetzungen, um simple Neugierde auf ein Werk zu wecken und die Zahl der Leser zu vermehren; und wahrscheinlich schaffen sie schwierige Bedingungen für ein Buch, das sich der grundlegenden und einführenden Darstellung von Leben und Werk eines Dichters widmet, um den die einen eben ehrfürchtig-desinteressiert einen Bogen schlagen, und dessen Texte die anderen, die Eingeweihten, notfalls zumindest passagenweise auswendig hersagen können und auf Erläuterungen der grundsätzlichen Art gerne verzichten.
Andererseits könnte in diesem Dilemma von Berührungsangst und Spezialistentum auch die Chance einer solchen Werkbeschreibung liegen: die einen wollen sich bestätigt sehen in ihrer Ahnung, dass Joyce ohnehin zu schwierig ist, als dass sich eine Lektüre seiner Bücher lohnen würde, und die anderen wollen Gewissheit über ihr eigenes Wissen, dem nichts Neues hinzugefügt werden kann. Also doch vielfältige und gute Gründe, zu einer Joyce-Monographie zu greifen? In jedem Fall lassen sich jetzt noch weitaus triftigere anführen, seit pünktlich zum Bloomsday-Jubiläums-Juni 2004 in Rowohlts Monographienreihe Friedhelm Rathjens Joyce-Darstellung erschienen ist, die jene von Jean Paris verfasste von 1960 ersetzt. Der Verlag hat gut an dieser Entrümpelung bei gleichzeitiger Auffrischung getan, denn Rathjens Buch überzeugt auf ganzer Linie und bis ins Detail. Großaufnahmen ausdrucksstarker Dichterhände samt üppig beringter Finger und vom Dichter an der Klampfe sowie mysterienschwangere Abbildungen des Labyrinths des Minotaurus verschwinden jetzt in der Mottenkiste. Dafür wartet Rathjen mit der Reproduktion eines Schreibens der Zürcher Fremdenpolizei vom November 1940 an den Schweizer Schriftstellerverband auf, in dem der Sorge Ausdruck verliehen wird, dass Joyce, sollte man ihm die Einreise in die Schweiz und den Aufenthalt dort gestatten, „die einheimischen Schriftsteller tangieren bzw. konkurrenzieren würde“. Überhaupt verbreitet Rathjens Darstellung einen wohltuend nüchternen Charme gerade dort, wo sich sein Vorgänger von einer offenbar gefühlten Erhabenheit des Gegenstands zu einer schwülstigen Erhabenheit des Tons hat hinreißen lassen: Irland – „Schwelle zum Sonnenuntergang“, „Insel der Heiligen“, „eines der tapfersten Länder, dies es gibt“, so und in ähnlich emphatischem Ton immer wieder bei Paris. Rathjen dagegen beschränkt sich auf eine, seinem Text implizite Skizze von Joyces Hassliebe zur Heimat, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit schmäht und verspottet, um sie im Werk zur Ikone zu erheben. So nimmt er sich im Ulysses vor, „ein so vollständiges Bild von Dublin [zu] vermitteln, daß die Stadt, wenn sie eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwände, nach meinem Buch wieder aufgebaut werden könnte“. Und Finnegans Wake, gedacht und angelegt als nichts Geringeres als eine Geschichte der Welt, ist vor allem anderen eine Geschichte Irlands.
Dem unbescheidenen, fallweise bis zur Anmaßung reichenden Überschwang in Joyces Leben und Schaffen korrespondiert Rathjens kühl-distanzierter Ton in geradezu idealer Weise; und er erweist sich als ebenso tragfähig für die atmosphärisch dichten Schilderungen einer nomadischen Existenz zwischen genialischer Attitude und fortwährender privater und familiärer Schwierigkeiten: siebzig Umzüge in nicht einmal 59 Jahren, Schreibblockaden und massive gesundheitliche Probleme, Ehekrisen und Suizidversuche der psychisch kranken Tochter, Zerwürfnisse mit Freunden und Förderern, Geldnöte als Folge einer aberwitzigen Verschwendungssucht – allein die Schenkungen der jahrzehntelangen Gönnerin Harriet Shaw Weaver beliefen sich nach heutiger Kaufkraft auf über eine Million Euro und reichten dennoch nie aus.
Rathjen versagt sich zu all dem und manch anderem irritierendem Detail jede Spekulation und jede Bewertung, konstatiert das in mancher Hinsicht Befremdliche als das, was es ist: die Kehrseite jener Medaille, deren Vorderansicht, das „Dicht werk“, den „schäbigen Rest“, den „Dichter mensch“ (Arno Schmidt), letztlich zur vernachlässigbaren Größe macht. Diesem „Dichtwerk“ und seiner Darstellung gilt deshalb auch Rathjens Hauptaugenmerk. Seine Erläuterungen verdeutlichen Struktur und Aufbau der einzelnen Texte, geben hellsichtige Orientierungen zu deren spezifischer Ästhetik, ohne sich im Expertenwissen zu verlieren, und überzeugen in der Klarheit ihrer Formulierungen und durch die Relevanz der Informationen. Die Diskussion der einzelnen Werke fokussiert die konsequente und stringente Entwicklung eines poetischen Programms von den ganz frühen Vorträgen und Aufsätzen noch aus Studentenzeiten am Dubliner University College, in denen sich Joyce bereits als vehementer Gegner aller nationaler Erstarrung in der Kunst erweist, über die Dubliner -Erzählungen und ihrer ästhetischen Umsetzung einer als typisch irisch empfundenen Paralyse, dem Ringen um neue Formen des poetischen Ausdrucks zur Gestaltung einer existentiellen Unrast in A Portrait of the Artist as a Young Man, bis zu Ulysses und Finnegans Wake, den Büchern der Verwandlungen und Veränderungen (Ulysses), der Auflösung aller, letztlich auch der sprachlichen Identitäten in Polyphonie und Simultaneität der Gegensätze (Finnegans Wake).
Dass ausgerechnet die Erläuterungen zum Ulysses, dem wahrscheinlich einflussreichsten Werk des 20. Jahrhunderts, besonders überzeugend ausfallen und das eigentliche Zentrum seiner Darstellung bilden, spricht für Rathjens Übersicht und seine fundierte Kenntnis von Joyces gesamtem Werk und seinem Kontext. Was an ihnen aber darüber hinaus anschaulich wird, sind die Defizite der klassischen Erzähltheorie, die blind ist ausgerechnet für jenes Medium, in dem sich die von ihr zu beschreibenden und analysierenden Texte realisieren – der Schrift. In Rathjens Ausführungen ist es die leider nur angerissene und nicht konsistent genug erörterte Frage, inwiefern Ulysses und Finnegans Wake noch einem mimetischen Darstellungsprinzip folgen und damit überhaupt noch als poetisch gelten können, die für die Analyse aller Werke Joyces eine Reflexion der Logik ihres Mediums nahe legt. Rathjen selbst zitiert im übrigen Samuel Beckett, der jedenfalls für das Verständnis von Finnegans Wake auf die Bedeutung der Schrift verweist: Joyce schreibe nicht über etwas, sondern „sein Schreiben ist dieses etwas selbst“. Das Schreiben, nicht das Erzählen.
Den eingangs erwähnten triftigen Gründen, zu dieser Monographie zu greifen, sei abschließend ein letzter, für ein Buch solcher Intention aber entscheidender hinzugefügt. Ohne die Komplexität des dargestellten Werkes und insbesondere von Ulysses und Finnegans Wake zu leugnen oder auch nur zu relativieren, macht Rathjens Darstellung von Joyce Lust aufs Lesen von Joyce. Seine Monographie baut Berührungsängste ab, räumt mit Gerüchten von prinzipiell nicht zu überwindenden Verstehensschwierigkeiten auf und ist ein Leserköder im besten Sinn. Friedhelm Rathjen – und damit James Joyce – ist zu wünschen, dass möglichst viele anbeißen.
Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt © Doris Plöschberger I Uni Graz