Josefine und
ich.
Eine Erzählung von Hans
Magnus Enzensberger (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger
Nachrichten vom 29.06.2006:
Sottisen gegen den geschmacklosen Zeitgeist
Hans Magnus Enzensberger hat nach langer Zeit wieder eine Erzählung veröffentlicht:
„Josefine und ich“
Kurz hintereinander legt Hans
Magnus Enzensberger (76) zwei Neuveröffentlichungen in Buchform vor, die schon
als Vorabdrucke für Diskussionsstoff sorgten. Nach dem politischen Essay
„Schreckens Männer“ zum Thema Terrorismus und Selbstmordattentäter folgt
nun der Prosaband „Josefine und ich“, den wir im
Folgenden besprechen.
Irgend jemand musste Josefine K. verleumdet haben. Anders ist kaum zu
erklären, wie die schrullige Alte dazu verurteilt werden konnte, die Hauptfigur
in dieser Geschichte von Hans Magnus Enzensberger zu werden. Denn auch wenn
unser Vorzeige-Intellektueller als Essayist weltberühmt und vor allem einer der
größten Lyriker der Epoche ist - Erzählungen sind seine Sache nicht. Ein paar
Kafka-Anspielungen („Josefine, die Sängerin“) machen nämlich noch keine
gute Prosa.
„Josefine und ich“ heißt das Bändchen, in dem ein junger Wissenschaftler
mit Beziehungsproblemen Josefine K. kennenlernt, als er sie gegen einen
Handtaschenräuber verteidigt. Daraufhin wird der Held von der „ältlichen
Sirene“ zum Fünf-Uhr-Tee (Noblesse oblige) eingeladen. Dem folgen regelmäßige
Besuche bei der alten Dame, die mit einer nicht minder schrulligen Haushälterin
in einer bröckelnden Villa lebt. Dieses Setting wie die ganzen ziemlich
gestelzt geschriebenen Erzählpassagen, die dem Buch einen Stich ins Tantenhafte
geben, dienen allerdings nur dazu, dass Enzensberger seiner altmodischen Heldin
(und einstigen Femme fatale) wunderbar boshafte Sottisen gegen einen
geschmacklosen Zeitgeist in den Mund legen kann: Die ehemals berühmte Sängerin
mokiert sich etwa über „Perversionen“ wie Fitness, Jogging und Sport, während
sie gesundheitspolitisch unkorrekt Zigaretten pafft, manchmal wie Nietzsche persönlich
redet - und doch heimlich Fußballspiele im Fernsehen anschaut. Außerdem
lernen wir von ihr: „Faulheit ist ein kostbares Talent (...) Wenn es nach mir
ginge, wäre der Gebrauch des Weckers verboten. Ein barbarisches Instrument!
Solange es nach Belieben in Ihrem Schlafzimmer lärmen darf, kann es mit den
Menschenrechten nicht weit her sein.“
Aber so wohltuend zustimmungswürdig oder erfrischend ärgerlich all diese
Statements sind, die man endlos zitieren möchte - zur wirklichen Erzählung gehört
eben doch mehr als eine Botschaft: In großer Prosa findet sich die eigentliche
„Mitteilung“ nicht auf der Ebene des Plots, sondern erwächst vielmehr erst
aus dem zwingenden Sprachgestus selbst, den man hier vermisst. So bleibt
Enzensbergers Buch ein getarnter Essay - den man allerdings mit dem größten
Vergnügen liest und sich nicht entgehen lassen sollte.
Ansonsten gilt, was Josefine vielleicht so ausdrücken würde: Nächstes Mal überlassen
Sie das Prosaschreiben wieder anderen, junger Mann.
[...diese und weitere
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