Johann Holtrop von Rainald Goetz, 2012, SuhrkampJohann Holtrop.
Roman von Rainald Goetz (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 03.09.2012:

Streng vertraulich: der neue Goetz
Der „Abriss der Gesellschaft“ am Beispiel eines Topmanagers: Rainald Goetz erzählt von Aufstieg und Fall, von Intrigen und Vertrauensverlusten im Großkonzern

Es geht um Ehre, vor allem aber um Vertrauen. Im August hatte Rainald Goetz eingeladen in die Räume seines Berliner Verlags Suhrkamp. Hatte den Journalisten das Lese-Exemplar seines neuen Romans „Johann Holtrop“ überreicht und sie gebeten, sich kollektiv an die Sperrfrist zu halten: 8. September. Hat er wirklich geglaubt, das klappt? „Ich lasse mich immer wieder neu enttäuschen und finde es dann betrüblich und habe eine Wut und ärgere mich über einzelne Leute“, so Goetz: „Das sind auch strukturell die Idioten.“

Eigentlich war es klar: Am Wochenende brach der Bann. Die vorpreschende Rezension in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ nennt den Roman „ein kaltes, schreckliches Buch“ – „Giftzwergprosa, jämmerlich“: Jetzt steht’s Idioten gegen Giftzwerge, eine neue Stufe im schwelenden Streit um das Wettrennen, wer als erster über ein neues Buch berichtet.

Räderwerk der Macht

Es geht um Ehre, vor allem um Vertrauen – auch im Roman. Johann Holtrop ist Topmanager eines Medienkonzerns, er pflegt das Selbstbild „vom hyperaktiven Mensch und Macher“ und liebt Superlative aller Art, hat allerdings keine Ahnung, wie sein Lieblingswein eigentlich schmeckt — „er wusste nur den Namen“. Sein Tempo reißt den Konzern in den Nullerjahren erst mit, dann reißt er sich selbst in den Abgrund. (Parallelen zu Bertelsmann und Thomas Middelhoff sind gut sichtbar eingestreut.)

Grandios zeigt Goetz das Räderwerk der Macht, die Gesten, Sätze, die Hülsen – und zeigt auch, wie die Menschmaschine Holtrop letztlich ins Leere läuft. Dieser „Abriss der Gesellschaft“, so der doppeldeutige Untertitel, holt schweres Gerät in die Trümmer eines Systems, in dem jeder seine eigenen Strippen zieht. Die öden Büroflure, die leeren Gespräche, die heuchlerischen Empfänge, die Goetz uns großartig böse entgegenschleudert, sind nur die Folie für eine tiefgreifende Gesellschaftskritik. Dass dem Leser dieser Holtrop merkwürdig fremd bleibt, bedeutet nicht, dass sein Niedergang kalt lässt. Die Tragik seiner eigenen Erkenntnislosigkeit, sein tumbes Immerweiterso ist kein erhobener, sondern ein uns sanft anstupsender Zeigefinger: Sind wir nicht alle ein bisschen Holtrop? Und wäre es nicht schön, könnten wir alle einander wieder Vertrauen schenken?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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