Johanna
oder Die Erfindung der Nation.
Theaterstück von Felix
Mitterer (2002, Haymon).
Besprechung Franz Holztrattner aus Rezensionen-online
*bn*:
Ist die Gestalt der Jungfrau von Orléans heute noch zeitgemäß?
Diese Frage wurde mehr oder weniger laut gestellt, als in dieser Saison Friedrich Schillers "Jungfrau von Orléans" im Burgtheater neu inszeniert wurde, und häufig mit Nein beantwortet. Was soll uns das Bauernmädchen aus Domrémy, das auf der Seite des französischen Thronfolgers in den Hundertjährigen Krieg eingriff, diesen auf den Thron brachte, letztlich aber zwischen den Kriegsparteien zerrieben wurde und starb, heute noch sagen? Insofern ist es erstaunlich, dass Felix Mitterer als Thema eines Auftragswerkes für das Salzburger Landestheater ausgerechnet diese Gestalt vorschlug. Was also ist das Aktuelle an Johanna? Mitterers Antwort lautet: Durch sie kam die positive Besetzung des Begriffs "Nation" in die Politik; seither geschehen die Untaten des Krieges in diesem Namen.
Die Geschichte der Johanna und somit der Inhalt des Stücks kann als bekannt vorausgesetzt werden. Mitterer setzt ihre Zeit (um 1430) und die Gegenwart parallel; sie bekommt etwa die Aufforderung, nach Chinon zum Thronfolger zu gehen, durch den auf einem Bildschirm erscheinenden Erzengel Michael; sie stirbt auf dem Scheiterhaufen oder aber auch in der Psychiatrie. Genau zeigt der Autor, wie die politischen Opportunisten um Johanna sie für ihre Zwecke benutzen und dann, als sie ihren Irrweg, die Entfernung von einer humanen Verhaltensweise im Namen der "Nation", ahnt, fallen lassen. So gesehen, ist die Gestalt der Jungfrau von Orléans sehr wohl zeitgemäß. Übrigens bringt Mitterer daneben auch die politische Gegenwart (nicht nur) Österreichs ins Spiel: Umvolkung, Gesindel von der Ostküste ... diese Schlagworte kommen einem nur allzu bekannt vor. - Ein lesens- und sehenswertes Stück, eine würdige Fortsetzung der Reihe der bedeutenden Dramen Felix Mitterers.
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